SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Feb 26, 2025 • 4min

Wang Xiaobo – Das goldene Zeitalter | Buchkritik

Der Horror des „Großen Sprungs nach vorn“ – eine verheerende Hungersnot mit Millionen Toten – war erst einige Jahre her, da setzte Mao den nächsten Schrecken in Gang: die Kulturrevolution. Mit fortgesetztem Klassenkampf, Personenkult und Roten Garden gegen die selbstverschuldete Krise.  Der Schriftsteller Wang Xiaobo, geboren 1952, wurde damals als Achtzehnjähriger zur Landarbeit in die chinesische Provinz verschickt. Das geschieht auch seinem Alter Ego, dem Studenten Wang Er, der bitter feststellt:  Ich bin einundzwanzig. Das Goldene Zeitalter meines Lebens. Ich hatte eine Menge extravaganter Träume, ich wollte lieben, ich wollte essen (…). Erst später wurde mir klar: Leben heißt, dass man in einem langen, qualvollen Prozess die Eier zertrümmert kriegt. Quelle: Wang Xiaobo – Das goldene Zeitalter Der Roman „Das goldene Zeitalter“ ist ein Aufbegehren gegen diese Kastrationsdrohung. Wenn Wang Er von der Zeit in der Produktionsbrigade berichtet, ist deshalb weniger von der Sklavenarbeit die Rede als von renitenten und drastisch erzählten Liebesfreuden. Seine Partnerin dafür ist die hübsche junge Ärztin Chen Qingyang.   Ein „ausgelatschter Schuh“  Zur Strafe für die Abweisung der Avancen eines Militärkaders hat man sie ebenfalls aufs Land geschickt und ihr den Ruf angeheftet, ein „ausgelatschter Schuh“ zu sein – eine Frau mit lockerer Sexualmoral. Wang Er, der Chen wegen seiner vom Reispflanzen verursachten Rückenschmerzen aufsucht, rät ihr ab, nun demütig in Sack und Asche zu gehen. Sie solle den schlechten Ruf stattdessen als Privileg nutzen. Empört gibt ihm Chen eine Ohrfeige, taucht aber bald wieder bei Wang auf, um gemeinsam den Schuh auszulatschen.   Daraufhin hat das Paar bald die Rituale von öffentlicher Anprangerung und Beschimpfung, Selbstkritik und Umerziehung auszustehen. Wang wird verhaftet, er kann sich aber wieder freischreiben durch Schuldbekenntnisse – möglichst detaillierte Schilderungen der unehelichen sexuellen Aktivitäten, die die Parteibürokraten lesen wie einen erotischen Fortsetzungsroman.   Eigentlich hätten wir für unsere furchtbaren Verbrechen standrechtlich erschossen werden müssen, und es war allein der großen Gnade der Kader zu verdanken, dass wir nur Geständnisse schreiben mussten. (…) Die Kader behaupteten immer, meine Geständnisse seien nicht gründlich genug, ich müsse noch mehr gestehen.    Quelle: Wang Xiaobo – Das goldene Zeitalter Trotzkopf im Kollektiv  Gegen den Kollektivismus lässt Wang Xiaobo einen individualistischen Trotzkopf antreten, der weniger vom großen Mao als vom „kleinen Mönch“ in seiner Hose angetrieben wird, wie das Kosewort für seinen unermüdlichen Freudenspender lautet. Die phallische Protzerei wird mit viel Charme, halb naiv und halb schlitzohrig, vorgetragen.   Wie jeder gute Schelmenroman ist „Das goldene Zeitalter“ in der Ich-Form erzählt, als handelte es sich um eine höchst authentische Autobiographie. In drei Teilen und in zeitlich verschachtelter Erzählweise werden die wichtigen Episoden und Erlebnisse aus Wang Ers Leben geschildert. Von Kind auf stellt er sich quer, eckt an in der Schule. „Der Bengel ist wie ein böser Erdgeist“, jammert sein Vater, schon als Frühgeburt in den Hungerjahren habe er ausgesehen wie eine „Abwasserratte“.   Ein nicht ganz freiwilliger Selbstmord  Trotzdem ist Wang Er später clever genug, eine Stelle als Biologiedozent zu ergattern. Von den merkwürdigen Zuständen an seinem Institut handelt der zweite Teil, der dritte dann unter anderem vom degradierten Herrn He, der eines Tages – wohl nicht ganz freiwillig – aus dem Fenster springt, einer der zahllosen „Selbstmorde“ zur Zeit der Kulturrevolution.    Auch wenn der Roman erst jetzt (und sehr gut) von Karin Betz ins Deutsche übersetzt worden ist – in China ist er seit langem ein Kultbuch, das zunächst nur in Taiwan veröffentlicht werden konnte. Dass er heute in China geduldet wird, hat damit zu tun, dass die Epoche der Kulturrevolution inzwischen auch parteioffiziell als schwere Verirrung beurteilt wird. Wie auch immer – „Das goldene Zeitalter“ ist gelungene und gewitzte Literatur.
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Feb 25, 2025 • 4min

Andreas Beyer – Cellini. Ein Leben im Furor

Auf den Komponisten Arnold Schönberg geht das Bonmot zurück, dass Kunst nicht von ‚Können‘, sondern von ‚Müssen‘ komme – womit er vor allem die Vorstellung dekonstruierte, ein souverän agierender und in sich ruhender Mensch handle frei von materiellen Sorgen und körperlichen Beschwerden im Dienste des Guten, Wahren, Schönen. Dass große Kunst jedoch immer auch mit Schmerzen, Versagensängsten und unbeherrschten Gefühlsausbrüchen zu tun hat, dafür steht wie kaum ein anderer der Florentiner Benvenuto Cellini, von dessen Autobiographie Goethe nicht zuletzt deshalb begeistert war – und sie ins Deutsche übersetzte –, weil Cellini sein Leben selbst zum Kunstwerk stilisierte. Und dies ist auch der Ansatz, unter dem der Kunsthistoriker Andreas Beyer dem Goldschmied und Bildhauer Cellini ein Buch widmet, das den Untertitel ‚Ein Leben im Furor‘ trägt. Nicht nur die Werke des Florentiners stehen hier im Mittelpunkt, sondern vor allem die Umstände, die sie entstehen ließen. Und zu diesen gehört ein überaus widersprüchlicher und aufbrausender Charakter, den Giuseppe Baretti, der Wiederentdecker der Autobiographie des Künstlers, wie folgt beschrieb: „Kühn wie ein französischer Artillerist, rachsüchtig wie eine Viper, überaus abergläubisch, voller bizarrer Einfälle und Launen.“  Dem Herrscher ebenbürtig   Und gewalttätig war er: Andreas Beyer schildert die Umstände der drei Morde, die Cellini im Laufe seines Lebens beging und die immer im Zusammenhang mit der Entstehung eines seiner Werke standen. Es sind diese Werke – ob das berühmte ‚goldene Salzfass‘ für den französischen König François I oder der die Medusa tötende Perseus für den Medici-Herzog Cosimo I. –, welche dem Künstler in der frühen Neuzeit eine dem souveränen Herrscher ebenbürtige Stellung verschafften, nämlich über dem Gesetz; mit den Worten Andreas Beyers:   Die plenitudo potestatis des Künstlers, seine nur Fürsten vergleichbare Souveränität, findet in Cellini einen ihrer selbstbewusstesten Träger. Quelle: Andreas Beyer – Cellini. Ein Leben im Furor Der Künstler als Verbrecher  Andreas Beyers Berliner Kollege Horst Bredekamp hat vor einigen Jahren den bezeichnenden Titel „Der Künstler als Verbrecher“ für einen Vortrag gefunden, in dem er die Ästhetik vieler Künstler der frühen Neuzeit – wie Veit Stoß, Michelangelo oder Bernini – als Garantin ihrer Rechtsenthobenheit analysierte. Und Beyer zeigt, wie radikal diese Kunst-Souveränität von Cellini beansprucht und gelebt wurde. Gleichzeitig macht er deutlich, dass diese Sonderstellung Ausdruck eines überaus modernen Künstler-Selbstbewusstseins ist – modern im Sinne der berühmten Pariser Querelle des 17. Jahrhunderts, in der die Überlegenheit des französischen Klassizismus über die Antike gepriesen wurde. Mehr als ein Jahrhundert früher preist der französische König Cellinis Jupiter-Darstellung dafür, dass dieses Werk jedem Vergleich mit antiken Vorbildern nicht nur standhalte, sondern diese sogar überträfen.  Daneben betont Beyer einen anderen, nicht weniger wichtigen Aspekt dieses exemplarischen Künstlerlebens, wenn er von der „künstlerischen Übertragungsleistung“ Cellinis spricht; mit dieser habe er offenbar kompensiert, was er weder öffentlich leben noch verbal zum Ausdruck bringen konnte. So manifestiert sich laut Beyer im ‚Perseus‘, der bis heute eine der Attraktionen der Loggia dei Lanzi im Herzen von Florenz ist, die Einlagerung der erotischen Energie des Künstlers als symbolischer Schöpfungsakt:   Cellini hat das Primat der unmittelbaren Herleitung der Kunst aus der Natur betont und so die zeitgenössische Doktrin von der nur geistigen Hervorbringung der Kunst konterkariert.   Quelle: Andreas Beyer – Cellini. Ein Leben im Furor Einzelgänger und Außenseiter  À propos erotische Energie: Wie frauenverachtend, ja gewalttätig der bis in sein 62. Lebensjahr ewige Junggeselle Cellini war, erläutert Beyer an verstörenden Erzählungen aus diesem Leben, als dessen Konstante Uwe Neumahr in seiner 2021 zum 450. Todestag erschienen Cellini-Biographie den ewigen Kampf ausmachte. Ein Kampf, den er womöglich kämpfen musste, weil er ihm die Energie zu seiner außergewöhnlichen Kunst gab – die er schaffen musste. Als einen notorischen Einzelgänger und ewigen Außenseiter beschreibt ihn Andreas Beyer im letzten Satz seines Buches – und als einen, „der in seiner Vereinzelung zur Essenz modernen Künstlertuns geworden war.“
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Feb 24, 2025 • 4min

Etel Adnan – Hochbranden

Regen. Salzwasser. Wellen. Schon die ersten Bilder – oder sollte man sagen Elemente? – in Etel Adnans Band „Hochbranden“ ziehen einen hinein in das evokative Universum dieser Dichterin und Denkerin. Es sind sinnstiftende, da programmatische Bilder. Denn wie Wellen und das Meer kräuseln sich in diesem Band auch die Gedanken und Überlegungen in einer unendlichen Bewegung.  Regen kehrt zum Klang seines Ursprungs zurück, wenn die Nacht sich ausbreitet; über dem Land ist die Nacht so lang wie die verlassenen Straßen einer Stadt ... oder der Weg zu fernen Galaxien.  Quelle: Etel Adnan – Hochbranden Erkundungen über das Sein  Tatsächlich ist „Hochbranden“ eine tiefgründige Erkundung von grundlegenden Fragen des Seins: Was ist Identität? Was ist Realität? Wo sind die Grenzen unserer Wahrnehmung und unseres Selbst? Der Band ist zusammengesetzt aus einem längeren Prosa-Gedicht und einem dreiteiligen Zyklus mit dem Titel „Gespräche mit meiner Seele“. Was die Texte eint, ist die fragmentarische Form des philosophischen Aphorismus.  Niemand weiß, woraus das Leben entspringt, aber es entspringt, wie die Realität aus einem Heidegger-Buch. Normalerweise sehe ich einen Teppich auf dem Boden, Stühle, wahrscheinlich einen Hund, ganz einfach. Und wahrscheinlich alles falsch.   Quelle: Etel Adnan – Hochbranden Immer wieder versinnbildlicht Adnan mit solch unerwarteten Wendungen: Es gibt keine eindeutigen Antworten auf die großen existentiellen Fragen. Im Gegenteil: Fast lustvoll bricht die Autorin mit der Illusion, es gäbe so etwas wie ein letztes Wissen.  Spirituelle Gelassenheit, kindliche Neugier  Spirituelle Gelassenheit ist deshalb in diesen Texten ebenso zu vernehmen wie Adnans lebenslang ungetrübte, fast kindlich anmutende Neugier auf alles, das sie umgibt: vom Nebel im geliebten San Francisco bis zum Mond am fernen Horizont. Zugleich ist nichts darin reine Abstraktion: Etel Adnan war bereits 93 Jahre alt bei Erscheinen des Bandes. Alles, worüber sie schreibt, ist durchtränkt von den Erfahrungen ihres langen Lebens. Dazu zählt auch das Nachdenken über den Tod:  Wir spüren nur zu gut dieses Hochbranden einer Angst in der Obskurität der Organe, diese Obskurität, diesen inzestuösen Schmerz.   Quelle: Etel Adnan – Hochbranden Das Grenzenlose denken. Denken ohne Grenzen  Adnan weiß um diesen Schmerz. Aber indem sie sich selbst in den endlosen Seins-Kreislauf von Vergehen und Werden einwebt, verweigert sie dem Tod die Macht über sich und ihr Denken. Dieses Denken ist grenzenlos – wie die Gezeiten. Überhaupt: Grenzen zu überwinden ist tief in die Poetik von Etel Adnan eingeschrieben.   Berge steigen in uns auf, wie es die Sprache tut, machen aus der Analogie einen wesenhaften Teil des Denkens (somit des Daseins). Daher sind Berge Sprachen und Sprachen sind Berge. Wir sprechen beides.   Quelle: Etel Adnan – Hochbranden Diese Grenzenlosigkeit erlaubt es Adnan auch, Poesie und politische Realitäten mühelos miteinander zu verbinden. So lässt sie mit nur wenigen Worten das Bild einer scheinbaren Idylle in die Versehrungen einer Welt münden, die von Krieg und Vertreibung heimgesucht ist.  Züge zu nehmen, ist beruhigend: Ihr gleichmäßiger Rhythmus durchdringt die Landschaften, die sie durchqueren, während viele Flüchtlinge, die am Rande von Kriegen leben, diesen Rhythmus in ihren Adern tragen. Aber in einer Stadt anzukommen, ist eine andere Geschichte: Es bedeutet, Kriegsherren in die Arme zu laufen, die ganze Ortschaften niedergemäht haben.  Quelle: Etel Adnan – Hochbranden Und doch: „Hochbranden“, von Klaudia Ruschkowski in ein glasklares Deutsch übertragen, spendet Trost: Denn auch Etel Adnans Liebe zu allem Seienden ist: grenzenlos. Wer sich mit ihr auf Reise begibt, ist gerüstet für eine ungekannte Zukunft.
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Feb 23, 2025 • 7min

Tine Høeg – Hunger | Buchkritik

Dieser Roman ist das Dokument einer neun Monate dauernden Tortur. Doch keine neun Monate, in denen im Körper der Ich-Erzählerin Mia ein Kind heranwächst, sondern neun Monate, in denen sie verzweifelt versucht, schwanger zu werden. Mia ist 35, lebt in Kopenhagen und ist eine bekannte Autorin und schillernde Persönlichkeit. Auf der Straße wird sie erkannt und auf ihre Romane angesprochen, die auch im Theater auf die Bühne kommen. Mia ist mit dem etwas älteren Emil zusammen und sie versuchen seit einem Jahr ein Kind zu bekommen – als das nicht klappt, unterzieht sich Mia einer Fertilitätsbehandlung mit anschließender künstlicher Befruchtung. Medizinische Prozeduren Der Roman hat die Form eines Tage- oder Notizbuchs, in dem Mia täglich die medizinisch komplizierten, schmerzhaften und immer wieder dramatisch enttäuschenden Prozeduren festhält, denen ihr Körper ausgesetzt ist. 2. Mai: Ich bin es die Hormone nehmen muss, zwei Tabletten oral in den ersten fünf Zyklustagen um meine Eizellen zur Reife zu bringen, vielleicht kann ich zwei oder sogar drei produzieren, wie eine Käfighenne der man Gift spritzt damit sie schneller wächst, ich bin es die zum Ultraschall muss, und wenn die Eibläschen groß genug sind bin ich es der man in den Bauch sticht um den Eisprung in Gang zu setzen, und sechsunddreißig Stunden später bin ich es die mit Emils Samen befruchtet wird, und ich bin es die sich anschließend morgens und abends Zäpfchen in die Scheide stecken muss um meine Schleimhaut so zu stärken dass sie das Ei festhält. Vielleicht wäre es ganz gut wenn du damit aufhörst die ganze Zeit daran zu denken sagte Emil neulich und ich hätte schreien oder lachen können. Wie sollte das möglich sein? Ich bin allein ich fühle einen Hunger von dem ich nicht weiß ob er je gestillt wird. Quelle: Tine Høeg – Hunger Dieser „Hunger“ nach einem Kind wird zur alles vereinnahmenden Obsession der Erzählerin Mia; ein Hunger, der alles andere verdrängt und ein Leben ohne Kind sinnlos erscheinen lässt. Literarische Sogwirkung Die Autorin Tine Høeg kreiert im für sie typischen notizhaften Stil von hingeworfenen Gedanken, schnell aufeinander folgenden Sätzen ohne Punkt und Komma das sprachliche Abbild eines inneren Sogs. Mit ihm wird man - rhythmisch, dicht und poetisch – hineingezogen in den alles beherrschenden Wunsch nach einer ersehnten Schwangerschaft. 3. Juni: Negativer Test 4. Juni: Ich will jetzt besser sein. Ich will fröhlicher sein, alles von der heiteren Seite betrachten. Meltdown gestern Abend. Lust zu sterben, ich will mich kneifen, mich blutig kratzen, ich will an einem dunklen Meer stehen und schreien. Eins werden mit meinem Schrei was ist los fragt Emil. Mia, was ist los? Ich glaube nicht, dass es klappt sage ich. Emil ist still. Dann sagt er verbissen: aber ich glaube es. Ich sehe ihn an und er weint Quelle: Tine Høeg – Hunger Der Roman „Hunger“ ist ein eindrucksvolles Protokoll davon, wie das gesellschaftliche Ideal einer eigenen biologischen Familie sich in sein dunkles Gegenteil verkehrt, sobald die Körper nicht entsprechend funktionieren. Denn obwohl es Emils Spermien sind, die zu großem Teil nicht zeugungsfähig sind, wird das Versagen einer ausbleibenden Schwangerschaft der Frau angelastet. In ihrem Körper wird der Kampf um ein Kind ausgetragen. Schwanger werden oder sterben Die vielen fehlgeschlagenen Versuche der künstlichen Befruchtung, die körperlichen Belastungen durch die Hormone, die wiederkehrenden Enttäuschungen der negativen Schwangerschaftstest – all das lässt die ungewollte Kinderlosigkeit für Mia zu einer allmählichen Nahtoderfahrung werden. „Ich will schwanger werden oder sterben“ ist ein wiederkehrender Satz aus „Hunger“, der ihr Erleben auf den Punkt bringt. Als ihre Emotionen immer extremer werden und für ihre Umwelt immer weniger nachvollziehbar, droht der Wunsch nach einem Kind auch die Beziehung zu zerstören: 24. November: Aber ich erlebe ja das alles weil ich mich so wahnsinnig danach sehne Mutter zu werden. Das ist das Brennglas durch das ich alles sehe, und ich empfinde tiefen Hass gegenüber allen bei denen dieses Bedürfnis gestillt ist. Ich denke an den Körper der Frau. Brutalität und Tod ob sie nun gebiert, abtreibt oder nicht schwanger werden kann, der Körper der Frau ist ein Ort der Gewalt. Du kultivierst deine schlechten Gefühle, sagt Emil. Gestern sagte er: manchmal habe ich das Gefühl ich bin nur Statist für deine Gefühle Quelle: Tine Høeg – Hunger Das einzige, an was Mia sich halten kann, ist ihr Schreiben, das schriftliche Festhalten ihrer Erlebnisse. 10. Juli: Meine Arbeit muss sein: diesen Text schreiben. Ich hatte das Schreiben als eine Fluchtmöglichkeit gesehen. Ich wollte eine andere Welt schaffen, aber ich muss hierbleiben. Mit meinem Blut schreiben. Kein Schluss, keine Erlösung, kein Plot nur endloser langwieriger Schrecken Quelle: Tine Høeg – Hunger Kinderlosigkeit als Strafe In diesem Raum des Schreibens entwickelt Tine Høeg auch ein gesellschaftliches kritisches Nachdenken über Fruchtbarkeit und den daran gebundenen Wert eines Frauenkörpers. Sie erkundet die bis heute einflussreiche Bedeutung von Schwangerschaft in der christlichen Tradition; in der Kinderlosigkeit die Strafe Gottes bedeutet was in der Entwicklung der Medizin wiederum dafür sorgte, dass Zeugungsunfähigkeit bei Männern bis heute wenig erforscht ist. Und sie beobachtet mit größer Härte gegen sich selbst, dass die ausbleibende Schwangerschaft in den weiblichen Selbsthass führen kann. 5. Juli: Ich habe Angst die Verbindung zu meinem Körper zu verlieren. Ich hasse ihn, sage ich zu Emil. Ich ertrage es nicht ihn länger anzusehen. Ich habe Lust ihn abzuschrauben und ihn den Ärzten zu geben und nur ein Kopf zu sein bis ich schwanger bin. Ich habe Lust darauf von mir selbst befreit zu werden. Von jetzt an will ich nicht mehr hoffen, das ist zu hart. Quelle: Tine Høeg – Hunger Ob Mia am Ende doch noch schwanger wird, lässt das Buch offen. Es endet nach neun Monaten Aufzeichnungen und entlässt ganz bewusst nicht in ein glückliches Ende. In jeder Zeile Schmerz „Hunger“ ist ein verstörend aufrichtiges und oft aufwühlendes Protokoll von der unbedingten Sehnsucht nach Mutterschaft. Tine Høeg hat ein eindrucksvolles autofiktionales Buch geschrieben, in dem aus jeder Zeile der Schmerz spricht. Darüber hinaus fragt es kritisch nach dem infrage gestellten Wert eines Frauenkörpers, wenn er nicht das leistet, was ihm kulturell und gesellschaftlich als Last auferlegt ist – nämlich: neues Leben in die Welt zu setzen.
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Feb 23, 2025 • 11min

Elisabeth Bronfen – Shakespeare und seine seriellen Motive | Gespräch

Kleidertausch und Geistererscheinungen „in Serie“ In seinen Theaterstücken wimmelt es von Ermordeten, die nicht zur Ruhe kommen und als Geister auftauchen, wie in Hamlet oder Macbeth. Junge Frauen wiederrum ziehen Männerkleider an, um fliehen zu können, wie in „Der Kaufmann von Venedig“ oder um sich zu verstecken, wie in „Was ihr wollt“. Und auch Briefe, Schmuckstücke oder Geheimnisse werden weitergegebenen und getauscht. Diese Motive finden sich nicht nur in einzelnen von Shakespeares Stücken, sondern wiederholen sich, tauchen immer in Variationen auf. Quasi in „Serie“ – so nennt es die Zürcher Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen. Sie folgt diesen Verbindungslinien zwischen Shakespeares Dramen in ihrem neuen Buch „Shakespeare und seine seriellen Motive“.
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Feb 23, 2025 • 25min

Dmitrij Kapitelman – Russische Spezialitäten

Ein wichtiger Schauplatz: Der „Magasin“, ein Laden für russische Spezialitäten in Leipzig. „Ich nehme mir in diesem Buch Freiheiten, die ich mir noch nie genommen habe", sagt der Autor und Journalist Dmitrij Kapitelman. Frische sprechende Fische im „Magasin“ In seinem Roman „Russische Spezialitäten“ finden sich allerlei surreale Momente: Menschen verwandeln sich in überdimensionierte Zigaretten, Fische und Maschinengewehre fangen an zu sprechen. Für Kapitelman sei das ein Weg gewesen, um „die Bizarrheit unserer Gegenwart einfangen zu können“. Um näher an die Realität rankommen zu können, habe er ins Fantastische ausweichen müssen. Parallelen zum Leben des Autors Die Realität, das ist der „Magasin“, der Laden für russische Spezialitäten in Leipzig, der den Eltern seiner Hauptfigur Dmitrij gehörte. Und diese Realität, das ist auch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, das Geburtsland des Erzählers. Dass sein Held genauso heißt wie er, sei kein Zufall, sagt Dmitrij Kapitelman. Auch er ist in Kyjiw geboren und es gab auch den Laden seiner Eltern in Leipzig: Aber es ist mir wichtig, dass es ein Roman ist, der viel mehr Perspektiven zeigt als die, die persönlich kenne. Und es ist ein Roman über autoritäre Gewalt und über Wahrheitsfälschung. Quelle: Dmitrij Kapitelman Wem gehört die russische Sprache? Diese Wahrheitsfälschung flimmert im Roman tagtäglich ins Wohnzimmer von Dmitrijs Mutter: Sie schaut russisches Staatsfernsehen und glaubt der Propaganda über die Ukraine und den Krieg. Für Dmitrij ist das schwer auszuhalten. Seine Mutter und seine Muttersprache fühlen sich für ihn fremd an, gleichzeitig aber möchte er diese Entfremdung nicht zulassen: „Die Liebe zur russischen Sprache wie zur russischen Mutter ist ein zentrales Motiv in diesem Buch. Das ist emotional wichtig und es ist eine politische Emanzipation, denn diesem Regime im Kreml gehört diese Sprache nicht. Es hat sie vor ihnen gegeben und es wird sie nach ihnen geben", so Kapitelman. Das schwerste Buch über eine schwierige Zeit Dmitrij Kapitelman ist vergangenes Jahr selbst nach Kyjiw gereist. Die Erfahrungen von dort verarbeitet er im zweiten Teil seines Romans: Luftalarm, Fahrten in die befreiten Orte Butscha und Borodjanka, schwierige Gespräche mit Freunden über die Angst, ins Militär eingezogen zu werden. Es sei das schwerste Buch gewesen, denn er schreibe über die schwerste Zeit, sagt Kapitelman: „Die Ereignisse, mit denen ich darin ringe, sind so viel blutiger, als ich gedacht hätte, dass sie es je werden"
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Feb 23, 2025 • 7min

Hannah Brinkmann, Nathalie Frank, Michael Jordan (Hg.) – Wie geht es dir? | Buchkritik

Der 7. Oktober als Zäsur „Wie geht es Dir?" Es ist erstaunlich, was eine so kleine Frage alles zum Vorschein bringen kann. „Von Tag zu Tag verschieden“, antwortet die Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt Mirjam Wenzel. Die Comicszene zeigt sie an ihrem Lieblingsplatz im Museum, auf der Terrasse. Ein Polizeiwagen steht vor dem Haus. So Mirjam Wenzel: „Wir haben massive Kontrollen von Seiten der Polizei – Taschenkontrollen, Körperkontrollen. Vor uns stehen Polizisten mit Maschinengewehren vor beiden unserer Häuser. Das ist sozusagen eine ganz andere Art des Arbeitens." Der 7. Oktober sei für alle im Haus eine Zäsur, erzählt Mirjam Wenzel im Comic. Ihre große Sorge: das Museum nicht als offenen Ort der Begegnung erhalten zu können. Auf 16 kleine Bilderkacheln, schwarz-weiß mit Bleistift gezeichnet, hat die Karlsruher Comic-Autorin Julia Kleinbeck ihr Gespräch mit der Museumsdirektorin verdichtet. Künstlerische Energie gegen die Verzweiflung Seit einem Jahr gehört sie zur Kurationsgruppe des Comic-Projekts „Wie geht es Dir?“. Nach dem brutalen Überfall der Hamas habe sie sich über die rasche Lagerbildung auch unter den eigenen Kolleg*innen pro Israel bzw. pro Palästina gewundert. Sie erzählt: „Oft war ich erstaunt, dass so schnelle Antworten und einfache Antworten gefunden sind auf was, was ich immens komplex gerade finde oder wo ich noch nicht die schnelle Antwort habe und eben zeichnend versuche, mit den Fragen umzugehen. Und ich das Gefühl hatte, man muss darauf achten, dass es eine Vielstimmigkeit bleibt. Dass verschiedene Antworten zugelassen werden, möglich sind und dass man die auch aussprechen darf in der Verschiedenheit." 60 ganz unterschiedliche Stimmen kommen daher in diesem Comic zu Wort: Menschen, die von ihrer Verbindung zu einem Ereignis erzählen, das zwar weit weg in Israel stattgefunden hat, das sie aber nun in Deutschland einholt – mit antisemitischer Hetze, mit rassistischen Übergriffen und antimuslimischen Protesten. Im Netz und auf der Straße. Diese aggressive Stimmung hat auch Nathalie Frank schockiert. Die Comic-Autorin kommt aus der Nähe von Paris, lebt aber schon seit 2011 in Berlin und ist eine der Initiator*innen des Projekts: „Mich hat die Situation nach dem 7. Oktober, den Anfang von Gaza-Krieg und die Stimmung hier sehr verunsichert. Deshalb habe ich schnell entschlossen: anstatt den ganzen Tag Nachrichten gucken und verzweifelt sitzen, ein brückenbauendes Projekt in die Welt setzen, erschien mich eine sinnvolle Nutzung von meiner verzweifelten Energie." Vielstimmigkeit als Gestaltungsprinzip Brücken bauen, zum Dialog einladen – die Idee hat sich in der gut vernetzten Comic-Szene schnell herumgesprochen. Es gab gleich viele Zusagen, erinnert sich Münchner Comic-Autorin Barbara Yelin, die zum Kernteam des Projekts gehört. Das Konzept habe überzeugt: journalistische Interviews zu führen und diese dann künstlerisch umzusetzen, also auf eine Seite zeichnerisch zu verdichten. Die eigene Meinung spiele bei diesem Projekt keine Rolle, betont Barbara Yelin. Es gehe ums Zuhören, ums Lernen, um Solidarität: „Ich sehe uns als Gesellschaft in der Verantwortung, dass wir gegen den ansteigenden Antisemitismus einstehen. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt. Dass wir gegen den ansteigenden Rassismus einstehen. Was wir mit unserem Projekt versuchen, ist wirklich, persönlich, individuell Empathie zu schaffen, hinzuhören. Diese Vielstimmigkeit, dieses Zuhören auf verschiedene Seiten ist wirklich eine Herzensbildung, eine Menschenbildung und ein Lernen und vor allem ein In-Kontakt-Bleiben." Vielstimmig und vielschichtig erweist sich dieses Comic-Projekt tatsächlich: es sind jüdische, yezidische, deutsch-türkische und deutsch-palästinensische Stimmen dabei, Jung und Alt, Professoren, Kulturwissenschaftlerinnen, Friedensaktivisten, Schriftstellerinnen, Künstlerinnen und Musiker und andere mehr. Und trotz der extremen Verdichtung eines in der Regel mehrstündigen Interviews auf wenige Comic-Bilder sind es sehr komplexe Episoden geworden, die ein genaues Hinsehen und Hinhören erfordern. Das habe sie auch gefordert, meint Comic-Autorin Julia Kleinbeck: „Manche Leute erzählen ja vermeintlich aus dergleichen Perspektive, haben aber – es sind ja individuelle Geschichten – einen ganz anderen Blick oder andere Schwerpunktsetzung. Und dass das alles Platz haben kann. Stärkend auch der Blick, sich selbst als Zeichnerin noch einmal zu hinterfragen. Wir wurden ja auch begleitet im Bereich des Sensitiv Reading selber noch einmal zu gucken, wie erzähle ich eigentlich, was habe ich eigentlich für Bilder – das war eine sehr dichte Erfahrung." Bilder erzählen komplexe Lebensgeschichten Bekannte Namen sind darunter, aber auch Menschen, die lieber anonym bleiben wollen, um sich nicht zu gefährden. Benji zum Beispiel, 1997 in Berlin geboren, ein „jüdischer Berliner“, die Eltern sind als jüdische Kontingentflüchtlinge in den 1990er Jahren nach Deutschland gekommen. Dass Benji nicht erkannt werden will, hat tiefe Wurzeln, wie Comic-Autorin Nathalie Frank bei ihrem Interview erfahren hat: „Was mir vorher nicht klar war: er hat erzählt, dass seine Eltern ihm verboten haben als Kind zu erzählen, dass er jüdisch ist in der Schule in Berlin in den 90er Jahren. Das ist ein Teil der Realität des jüdischen Lebens, die mir nicht bewusst war. Und ich dachte, dann ist es wahrscheinlich vielen nicht bewusst und sie sollten das wissen, dass das die Realität ist." Dabei hat die Journalistin Nathalie Frank selbst jüdische Wurzeln: die Geschichte ihrer Großmutter, die als junges Mädchen nach Frankreich fliehen musste, ist ebenso in das Projekt eingeflossen wie das Empfinden der Autorin und Übersetzerin Rasha Khayat. Eine Frau mit internationalem Hintergrund: in Deutschland geboren, Kindheit in Saudi-Arabien verbracht, um dann wieder in die alte „Heimat“ zurückzukehren. So Khayat: „Das ist ganz ganz schwer auszuhalten für jemanden wie mich. Wenn man von außen immer wieder diese Message bekommt: wer man zu sein hat oder wer man nicht zu sein hat. Also das hat mich in so eine Art Identitätskrise gestürzt. Vielleicht war es auch naiv, dass ich immer dachte: Ach, komm, irgendwie gehöre ich doch zu Deutschland dazu. Aber auf einmal hatte ich wieder das Gefühl: wie als ich mit 11 Jahren nach Deutschland gekommen bin – ich gehöre hier nicht dazu. Ich werde immer das Andere sein." Wut und Trauer mischen sich in dieser Erkenntnis. Comic-Autorin Barbara Yelin zeichnet ihre Interviewpartnerin Rasha Khayat beim Schwimmen. Ein Ort, um Kraft und neue Gedanken zu fassen. „Wie geht es Dir?“ – eine kleine Frage nur, die bei diesem wertvollen, sehr gelungenen Projekt ganze Horizonte öffnet. Und bei aller Unterschiedlichkeit auch Verbindendes entdeckt: „Diese Frage, wie geht es Dir, war wirklich auch ne überraschend wichtige Einstiegsfrage. Weil wir damit ja auch nicht nur individuelle Sichtweisen bekommen, sondern was auch immer wieder klar wurde, waren Gemeinsamkeiten. In so vielen dieser Comics war gemeinsam: der Wunsch nach Frieden.
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Feb 20, 2025 • 4min

Tone Schunnesson – Reality, Reality | Buchkritik

Tone Schunnesson gilt als die neue Stimme des „Schmutzigen Realismus“. „Reality, Reality“ erschien 2020 im Original und ist der zweite Roman der schwedischen Autorin. Er erzählt in rauer, ungeschminkter Sprache den Alltag der Protagonistin Bibbs. Bibbs ist Reality-Star in Stockholm – oder wohl eher Reality-Sternchen, denn der Erfolg ist nicht mehr auf ihrer Seite. Sie ist Ende 30 und bekommt nur noch wenige und schlecht bezahlte Aufträge.  Seit Bibbs kaum noch gebucht wird, kommt ihr Freund Baby für die Miete der gemeinsamen Wohnung auf. Die Beziehung der beiden: toxisch. Mehrfach trennen sie sich, raufen sich wieder zusammen und stellen fest, dass sie ohneeinander nicht können. Der Umgang miteinander eskaliert häufig. Auch kommt es zu sexueller Gewalt, was vor der Lektüre des Romans erwähnt sein sollte.   Sehnsucht nach dem „glücklichen Sommer“  Als Baby sich endgültig von Bibbs trennt, dreht sich ihr Leben nur noch darum, an Geld zu kommen. Sie will die Wohnung übernehmen, muss Baby aber 100.000 Kronen überweisen, um den Vertrag auf sie umzuschreiben. Und natürlich auch die monatliche Miete aufbringen. Geld, das Bibbs nicht hat. Das Ersparte, von dem sie etwas vorgaukelt, gibt es auch nicht. Sie gibt stattdessen lieber Geld für ein Medium, Rubbellose und Kältetherapien zum Abnehmen aus.   Während ihrer Streifzüge durch Stockholm, sehnt sich Bibbs in einen Sommer zurück, in dem sie für viel Geld wenig arbeiten musste, große Werbe-Aufträge an Land zog und haufenweise Kleidung von PR-Firmen zugeschickt bekommen hatte.  Verzweifelte Suche nach Geld überschattet Moral  In diesem Sommer ist die Verzweiflung, wieder an Geld zu kommen, so groß, dass sie Bibbs in unmoralisches Handeln treibt. Sie lügt Freunde an, behauptet, sie habe Baby verlassen und nicht umgekehrt. Sie tritt eine Welle der Unwahrheiten los und geht sogar so weit, öffentlich zu verbreiten, dass Baby sie vergewaltigt habe – was nicht stimmt.  Was sollte ich denn sagen: dass er mich verlassen hatte, obwohl er kein Recht dazu hatte? Oder dass ich so wahnsinnig brillant war und diese Brillanz sich abnutzte, weil Baby sie abnutzte? Quelle: Tone Schunnesson – Reality, Reality Obwohl Schunnesson die Geschichte aus Bibbs’ Perspektive erzählt und Einblick in ihre Gedanken gibt, fällt es schwer, sie als Person zu greifen und ihr Verhalten nachzuvollziehen. Sie denkt und handelt oft widersprüchlich. Auch ihre Einstellung Baby gegenüber ändert sich permanent. Diese Gefühlsschwankungen können beim Lesen durchaus Anstrengung abverlangen.   Nach Schönheit und Aufmerksamkeit strebende Protagonistin   Schunnesson ist es gelungen, eine äußerst unsympathische Protagonistin zu erschaffen, die selten ehrlich ist. Ihr Leben dreht sich um Schönheit, Sex und Oberflächliches. Dass an der Ich-Erzählerin wenig Echtes zu finden ist, erzeugt insgesamt eine bedrückende Stimmung. Und trotzdem ist es genau diese unangenehme Figur, die uns mit ihrem unmoralischen Handeln fesselt und durch den Roman trägt.  Kleine Lügen, dem Anschein nach unbedeutend, doch zusammengenommen legen sie sich zwischen den, der sie ausgesprochen hat, und die Welt. Man hat seine Ruhe, aber zu dem Preis, dass die Welt sich entfernt. Quelle: Tone Schunnesson – Reality, Reality Ganz selten lässt diese berechnende Protagonistin Momente der Einsamkeit und Verletzlichkeit hindurchschimmern. Die Frage, ob Bibbs im Laufe der Geschichte lernt, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und zu einem ehrlicheren Menschen wird, hält die Spannung bis zuletzt aufrecht.  Die Handlung des Romans mag zunächst platt klingen – größtenteils ist sie das auch, von der Autorin aber sicherlich gewollt. Manche Szenen und Formulierungen sind zudem vulgärer als sie sein müssten. Doch die Autorin lässt uns mit Spannung, Komik und Empörung am Alltag ihrer erfolglosen Protagonistin teilhaben. In ihrem Roman „Reality, Reality“ kreiert Tone Schunnesson eine eigene Realität voller Erfolgswahn, Oberflächlichkeit und Lügenkonstrukten und trifft so den Nerv der Zeit.
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Feb 19, 2025 • 4min

Volker Heise – 1945 | Buchkritik

Walter Kempowski hat vom „gurgelnden Chaos“ des Jahres 1945 gesprochen. Deutschland wird zum heftig umkämpften Kriegsschauplatz, auf den Straßen die Kolonnen der geschlagenen Soldaten, der Flüchtenden und der Displaced Persons. Während der Westen des Landes schon besetzt und in der Nachkriegszeit angekommen ist, wütet die SS andernorts noch gegen alle Regimegegner und Kapitulationswilligen. Auf den Todesmärschen sterben zahlreiche KZ-Häftlinge. Im Ort Gardelegen werden am 13. April noch Tausend dieser gestrandeten Elendsgestalten in eine Scheue gesperrt und bei lebendigem Leib verbrannt:  Volkssturmführer Debrodt diskutiert das Vorhaben mit anderen Verantwortlichen: ‚Alle waren der Meinung, dass es nicht gut, aber notwendig sei.‘   Quelle: Volker Heise – 1945 Vollendeter Irrsinn des Dritten Reichs – nur einen Tag später treffen die Amerikaner ein. Der Horror von Gardelegen ist eine der vielen erschütternden Szenen in Volker Heises Chronik des Jahres 1945.   Konträre Erfahrungen  Wie in Kempowskis Geschichtsmonument „Echolot“ geht es Heise darum, durch eine kontrapunktische Komposition aus Zeitzeugenberichten die konträren Erfahrungen der Menschen zu vermitteln. Anders als Kempowski reichert er die vielfältigen O-Töne aber mit kommentierenden Passagen an, die allerdings immer dicht an die Erlebnisperspektive der Zeitzeugen gebunden bleiben.   Großen Teilen der deutschen Bevölkerung liegt eine regimekritische Haltung bis zuletzt fern. Dann aber kippt die Stimmung. Viele überschlagen sich vor Eifer, den neuen Herren gefällig zu sein, da kann Goebbels noch so martialisch den Untergrundkampf des „Werwolfs“ beschwören. Ein hoher Mitarbeiter des Auswärtigen Amts notiert:  Der deutsche Nationalcharakter eignet sich nicht für den Partisanenkrieg.   Quelle: Volker Heise – 1945 So zerfiel das Dritte Reich wie ein Spuk. Erich Kästner, der sich selbst glücklich durch den Untergang laviert hat, stellt fest:   Die Unschuld grassiert wie die Pest. Sogar Hermann Göring hat sich angesteckt.   Quelle: Volker Heise – 1945 Und selbst der SS-Führer Heinrich Himmler geht am 6. Mai noch davon aus, dass er dank seiner organisatorischen Talente „eine wichtige Rolle in der Nachkriegsordnung einnehmen kann“.   Der Alltag läuft weiter  Reizvoll ist diese Jahreschronik, weil sie den Alltag über den Einschnitt des Kriegsendes weiterlaufen lässt. Ganz profan spiegelt sich das im Tagebuch einer Sekretärin, die vorher und nachher gleichermaßen Kino und Amüsement im Sinn hat – man könnte es als vitalen Trotz einer jungen Frau gegen die Verheerungen bezeichnen.   Die deutschen Frauen werden 1945 zu Hunderttausenden Opfer der Massenvergewaltigungen durch die Rotarmisten. Für viele beginnt ein paar Monate später die zweite Tortur, wenn es darum geht, die Genehmigung und einen Arzt für die Abtreibung zu bekommen.  Der Berliner Sommer 1945 riecht nach Schutt und Verwesung. Täglich ziehen die hoffnungslosen Trecks der Vertriebenen aus den Gebieten jenseits der Oder durch die Stadt. In Hitlers Neuer Reichskanzlei, vergleichsweise unbeschädigt, blüht die Prostitution im Tausch gegen Zigaretten.   Erster KZ-Prozess  Im September beginnt der erste KZ-Prozess in Lüneburg. Im Licht der Pressefotografen steht die junge KZ-Aufseherin Irma Grese, berüchtigt als „Hyäne von Ausschwitz“ und „Bestie von Belsen“. Die Verbrechen selbst aber werden schon zur Verhandlungsroutine. Der Korrespondent William Shirer schreibt:  All jene scheußlichen Grausamkeiten, denen gegenüber wir schon verhärtet scheinen, werden einzeln beschrieben und aufgezählt. Die Angeklagten langweilen sich, desgleichen alle anderen im Saal.   Quelle: Volker Heise – 1945 Angenehm ist der nüchterne Ton des Buches, das weder von oben herab doziert noch – im Florian-Illies-Stil – die Einfühlung forciert, sondern ganz auf die starken Zeitzeugen-Zitate vertraut. Volker Heise ist ein fesselndes, aspektereiches Geschichtspanorama über jenes Jahr gelungen, über das man gar nicht genug wissen kann. Denn 1945 ist das Fundament der Bundesrepublik.
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Feb 18, 2025 • 4min

Cristina Henríquez – Der große Riss

Ein Schiff, das von New Orleans nach San Francisco wollte, musste den südlichsten Zipfel Lateinamerikas umrunden. Das dauerte und war teuer. So hatte bereits der Erbauer des Suez-Kanals, der Franzose Ferdinand de Lesseps, 1881 begonnen, einen Kanal quer durch die damalige kolumbianische Provinz Panama zu treiben. Das ging schief – wobei ein Grund dafür Krankheiten wie Gelbfieber und Malaria waren. Kurz darauf marschierten die USA ins mittelamerikanische Panama ein, sorgten für dessen Unabhängigkeit von Kolumbien und nahmen den Kanalbau wieder auf. Hier setzt der Roman „Der große Riss“ der US-Amerikanerin Cristina Henríquez ein:  GESUCHT!  VON DER ISTHMISCHEN KANALKOMMISSION.  4000 tüchtige Arbeitskräfte für Panama.  2-Jahres-Vertrag.  Kostenlose Fahrt in die Kanalzone und zurück.  Kostenlose Unterkunft und medizinische Versorgung.  Arbeit im Paradies! Quelle: Cristina Henríquez – Der große Riss Der Panamakanal als Lebenschance  Diesem Aufruf folgt die sechzehnjährige Ada von der armen Karibikinsel Barbados. Ihre Mutter hat kein Geld für die Lungenpunktion von Adas älterer Schwester und das Mädchen hofft auf den guten Lohn in Panama, um den Eingriff zu bezahlen. Sie findet einen Job im Haus des Forschers John Oswald, der in die Kanalzone gekommen war, um die Malaria auszurotten. Ada wird für die Betreuung von Oswalds lungenkranker Frau Marian eingestellt. Für den jungen Panamaer Omar bietet die Arbeit auf der Kanalbaustelle die Chance, sich von seinem Vater zu lösen, der will, dass Omar Fischer wie er wird. Die Autorin folgt Adas und Omars Familie sowie den Oswalds, um zu zeigen, warum Tausende damals auf den Kanalbau setzten und welche Opfer er ihnen abverlangte. Marian Oswalds französischer Arzt Pierre beschreibt, womit er sich täglich rumschlägt:  Männer, die von den schwingenden Armen der Dampfbagger erschlagen wurden; Männer, deren Beine von vorbeirasenden Zügen abgetrennt wurden; Männer, die von Stromkabeln verbrannt wurden; Männer, die von Klippen gestürzt waren; Männer, die von Kränen gestürzt waren. Einmal war ein Mann auf die Station gekommen, dessen Knöchel auf die Größe einer Kokosnuss angeschwollen war, und hatte behauptet, dass eine dreizehn Fuß lange Schlange ihren Kiefer um ihn gelegt habe, als er durch das Dickicht gestapft sei. Quelle: Cristina Henríquez – Der große Riss Hitze und Malaria Die Autorin hat gut recherchiert, sodass sich die Leserschaft ein Bild davon machen kann, wie es damals zuging auf der Baustelle des 82 Kilometer langen Kanals. Sie beschreibt den keineswegs paradiesischen Umgang mit den Arbeitern seitens der US-amerikanischen Chefs und sie erzählt authentisch von Panama, von der Hitze, von den Lebensumständen, von der Malaria. Wenn sie in die Familiengeschichten eintaucht, drängen sich die Romane der Chilenin Isabel Allende auf. Wie sie, setzt auch Henríquez auf starke Heldinnen wie Ada oder ihre Mutter. Den Familiengeschichten fehlt allerdings das Blumige, Detailverliebte, das Allendes Erzählstil ausmacht. Wenn die Autorin von Omars Vater Francisco und seiner verstorbenen Mutter Esme erzählt, versucht sich Henríquez auch am Übersinnlichen, das Allende bestens beherrscht, kommt jedoch eher unbeholfen daher:   Sie hielt ihre dunklen Augen auf ihn geheftet, und er fühlte sich seltsam gebannt. Es lag eine Art Zauber in der Tiefe dieser Augen. Ihre Freundin kicherte. Da bemerkte Francisco, dass er seine Hand noch immer in der Luft hatte. Er versuchte vergeblich, sie zu senken. Seine Hand wollte sich einfach nicht bewegen. Es war, als hätte sie sich in Stein verwandelt. Quelle: Cristina Henríquez – Der große Riss „Der große Riss“ liest sich flüssig, auch wenn ihm das Süffige fehlt, das Isabel Allendes Romane über Ereignisse aus der lateinamerikanischen Geschichte ausmacht. Wer an tragische Familiengeschichten vor historischem Hintergrund keine allzu großen Ansprüche stellt, wird „Der große Riss“ von Cristina Henríquez dennoch mögen.

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