
SWR Kultur lesenswert - Literatur E.T.A. Hoffmann - Schauerlich romantisch und unheimlich modern
Jan 23, 2026
Wolfgang Bunzel, Professor für Literatur und Experte für E.T.A. Hoffmann, spricht über den faszinierenden Einfluss des Autors auf moderne Medien. Hoffmann als Seismograf seiner Zeit ergründet das Fantastische und zeigt, wie parallele Welten unsere Realität beeinflussen. Bunzel weist darauf hin, dass ohne Hoffmann Werke wie Harry Potter oder Stranger Things unvorstellbar wären. Er beleuchtet auch die beunruhigende Verführbarkeit durch simulierte Wesen und die psychologischen Aspekte in Hoffmanns Schaffen, die bis zu Freud reichen.
13:47
Zwei Welten Modell
- E.T.A. Hoffmann entwirft ein Modell mit zwei Welten: der alltäglichen und einer wunderbaren, unheimlichen Sphäre.
- Die Übergänge sind schmal und prägen moderne Filme und Serien, die Realität und Fantastik verbinden.
Romantik Als Sinn Für Wunder
- Hoffmanns romantisches Erbe macht das Wunderbare zum Kern seiner Literatur.
- Er beobachtet zugleich, dass moderne Menschen das Sensorium für das Wunderbare oft verlieren.
Olimpia: Die Verführte Automatenfrau
- In „Der Sandmann“ beschreibt Hoffmann die Automatenfrau Olimpia als täuschend echte Maschine.
- Nathanael verleiht der Automatenfrau durch seine Imagination Leben und verfällt ihr blind.
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Intro
00:00 • 52sec
Hoffmann als Seismograf seiner Zeit
00:52 • 45sec
Einfluss auf Film und Serien
01:37 • 1min
Romantik und das Öffnen unheimlicher Türen
02:58 • 1min
Der Sandmann und Automatenliebe
04:06 • 3min
Verführbarkeit durch simulierte Wesen
06:36 • 2min
Das Unbewusste bei Hoffmann
08:37 • 1min
Forschungsschwerpunkte: Topografie der Geschichten
09:43 • 2min
Technik, Medien und Wahrnehmung
11:34 • 2min
Outro
13:25 • 22sec
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Ritter Gluck


E. T. A. Hoffmann
Ritter Gluck ist eine Erzählung von E.T. A.
Hoffmann, die die Geschichte eines exzentrischen Musikers erzählt, der behauptet, der wiedergeborene Komponist Christoph Willibald Gluck zu sein.

#15609
• Mentioned in 3 episodes
Der Sandmann


E.T.A. Hoffmann
This novella tells the story of Nathanael, a young man deeply marked by chilling childhood experiences involving the sinister figure of Coppelius and the myth of the Sandman, who steals children’s eyes.
The story explores themes of mental illness, love, obsession, and the blurring of reality and illusion.
Nathanael’s encounters with the Sandman and other characters, such as the automaton Olimpia, lead to a catastrophic collapse of his grasp on reality.
The novella is a profound reflection on human fears, identity, and the psychological horrors that can result from unresolved childhood traumas.

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Der goldene Topf

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann
Das Märchen beginnt an einem Himmelfahrtstag in Dresden und folgt dem jungen Studenten Anselmus, der nach einem unglücklichen Vorfall mit einer alten Apfelhändlerin in eine Welt der Phantasie gerät.
Dort begegnet er einer Schlange namens Serpentina, in die er sich verliebt, und wird in die Dienste des geheimnisvollen Archivarius Lindhorst gerufen.
Die Geschichte ist in zwölf Vigilien unterteilt und spiegelt die typische Zweiteilung der Welt in die rationale Alltagsrealität und das Reich der Phantasie wider, die für die Romantik charakteristisch ist.

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Die Elixiere des Teufels


E. T. A. Hoffmann
The novel follows Medardus, a young and ambitious Capuchin friar, who discovers a mystical bottle containing the Devil's elixir in his monastery.
After drinking from the bottle, Medardus's life is filled with visions, insanity, murder, sin, and lust.
He encounters his doppelgänger and becomes involved in a complex web of family secrets, incest, and Vatican intrigue.
The story is characterized by its dark and overwrought themes, including guilt, repentance, and the blurring of reality and hallucination.
Hoffmann's work is notable for its influence on later authors and its exploration of psychological themes.
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Meister Floh


E. T. A. Hoffmann
Was fasziniert heute an E.T.A. Hoffmann?
Kristine Harthauer: Herr Bunzel, wir feiern jetzt dieses Jahr den 250. Geburtstag von E.T.A. Hoffmann. Was fasziniert Sie heute an E.T.A. Hoffmann? Wolfgang Bunzel: E.T.A. Hoffmann war sowas wie ein Seismograf, der hat ganz viele Entwicklungen in der Zeit um 1800 vorweggenommen, die für uns heute sehr aktuell geworden sind. Ihn hat zum Beispiel das Fantastische unglaublich fasziniert und er hat dann fantastische Welten erfunden, die im Grunde erst die modernen Medien, also sprich eben Film, Video etc. tatsächlich optisch und auch akustisch entsprechend umsetzen konnten.Fantastische Parallelwelten
Kristine Harthauer: Können Sie an einem Beispiel beschreiben, wie E.T.A Hoffmann bis heute moderne Filmemacher*innen, Künstler*innen und auch Geschichten prägt? Sie hatten einmal in einem Interview gesagt, dass Harry Potter ohne E.T.A. Hoffmann gar nicht denkbar wäre. Vielleicht auch eine Serie wie Stranger Things. Warum ist E.T.A. Hoffmann bis heute prägend? Wolfgang Bunzel: Bei E.T.A Hoffmann gibt es ein Vorstellungsmodell, das durchzieht eigentlich seine sämtlichen Texte. Und das ist das Vorstellungswelt, dass es zwei Welten gibt, dass es neben unserer alltäglichen Welt eigentlich eine Sphäre des Wunderbaren, aber auch des Fantastischen, des Unheimlichen gibt. Beide Welten scheinen voneinander klar getrennt zu sein. Es gibt aber Berührungspunkte und Übergangszonen. Das hat er ganz virtuos geschildert. Daran orientieren sich, glaube ich, heute viele Filme und Serien, die sowas dann optisch umsetzen und gewissermaßen zeigen, dass Realität und das Unheimliche und Fantastische immer nur einen ganz schmalen Grat voneinander entfernt sind. Kristine Harthauer: Was glauben Sie, warum hat sich E.T.A Hoffmann nicht nur mit der Wirklichkeit begnügt? Warum hat er so gerne diese Türen ins Unheimliche geöffnet? Wolfgang Bunzel: Da zeigt sich, glaube ich, sehr deutlich sein romantisches Erbe. E.T.A. Hoffmann ist eben einer der wichtigsten Vertreter der literarischen Romantik und die Romantik hat gewissermaßen das Wunderbare, das Fantastische, das Poetische natürlich zu ihrem Kerngebiet erkoren. E.T.A. Hoffmann versucht das auch. Er sieht aber, dass in der modernen Welt die Zugänge zum Wunderbaren schwierig geworden sind. Die gelingen zum Beispiel Kindern noch, weil die einfach aufgeschlossen sind für das Ungewöhnliche. Den Alltagsmenschen gelingt das schon sehr viel schwerer. Es bedarf immer auch einer inneren Gestimmtheit, um ein Sensorium zu entwickeln für dieses Besondere, für das Wunderbare, für das, was ständig präsent ist, was wir mit unseren stumpfen Sinnen aber gemeinhin übersehen.Gefährliche Liebe für eine Automaten-Frau
Kristine Harthauer: Es gibt ja diese tolle Geschichte von ihm, „Der Sandmann“, in der verliebt sich Nathanael unsterblich in die Automatenfrau Olimpia. Die ist als Figur nicht so komplex, denn sie sagt immer nur „ach“, aber dennoch verfällt Nathanael ihr. Jetzt haben wir heutzutage künstliche Intelligenzen wie ChatGPT. Es gibt auch Menschen, die bereits eine KI geheiratet haben. Was hat E.T.A. Hoffmann vielleicht auch vorausgesehen? Oder geht es ihm gar nicht um die Technik, sondern eher um das Unbewusste? Wolfgang Bunzel: Für ihn sind besonders Grenzzonen immer sehr interessant, unter anderem die Grenzzone zwischen Mensch und mechanischem Wesen oder Maschine können wir heute sagen. Olimpia ist tatsächlich ein solcher Roboter, damals zu E.T.A. Hoffmanns Zeiten nannte man das eine Automate, gewissermaßen ein mechanisch konstruiertes Wesen, das aber eigentlich so täuschend ähnlich aussieht, dass man sie für einen Menschen, eben für eine junge Frau und sie ist eine sehr schöne junge Frau, halten könnte. Dann bedarf es eines besonderen Imaginationsvermögens, also es spielt auch eine große Rolle, wer da drauf schaut und in dieser Interaktion gewinnt das eigentlich tote mechanische Gegenüber dann auch erst an Leben. Es ist eben hier ein sehr fantasiebegabter junger Mensch, der mit den Augen der Liebe draufblickt und dann in der Maschine, in der Automate das perfektere Wesen sieht als eine konkrete junge Frau, die auch in der Geschichte vorkommt, die findet er viel uninteressanter. Das ist, glaube ich, so eine Verführbarkeit, die wir heute auch sehr stark merken, also die Bereitschaft gewissermaßen ein simuliertes Wesen als perfekter anzunehmen als ein reales Wesen und da sehe ich auch ein Gefährdungspotenzial und genau solche Gefahren hat E.TA. Hoffmann schon ausgelotet.Der Psychoanalyse voraus
Kristine Harthauer: Der echte Mensch in Nathanaels Leben ist seine Verlobte Clara. Sie stellt seine Fantasien in Frage, er hingegen beschimpft sie als „lebloses verdammtes Automat“. Nathanael verliert zunehmend den Blick für die Realität. Ich muss da an Menschen denken, die sich auch von alternativen Fakten verführen lassen, die sich in Parallelwelten im Internet verlieren können, wie etwa Verschwörungstheoretiker. Ist das ein Problemfeld, das E.T.A. Hoffmann vielleicht schon vor langer Zeit erkannt hat? Wolfgang Bunzel: Ja und nein. Also ich würde da einen großen Unterschied machen. Alternative Fakten geben eben doch auch vor, Fakten zu sein. Dagegen spielt bei E.T.A. Hoffmann tatsächlich die Vorstellungskraft das Entscheidende. Die Imagination, das, was das Innenleben an Bildern, Wünschen, Hoffnungen erst mal produziert, und dann aber auch auf die Umwelt, etwa auf ein Gegenüber projiziert. Also das ist schon ein komplexes Kommunikationsunterfangen, das wir hier sehen. Nathanael würde sich in dem Fall auch nicht auf Fakten stützen, sondern der ist einfach davon überzeugt, was seine Sinne wahrnehmen, das würde ihm gewissermaßen die wirkliche Welt spiegeln und da ist jetzt nun tatsächlich der Berührungspunkt zu den alternativen Fakten. Er schottet sich gegenüber anderen Argumenten ab. Also er hört überhaupt nicht mehr zu und er verkapselt sich damit in seiner Innenwelt. Da sehe ich sehr wohl die Parallele zu diesem Verhalten. Im Grunde alles das, was der eigenen Sicht oder Annahme widersprechen könnte auszublenden und dann hat man natürlich immer recht. Dann ist man nicht mehr widerlegbar.Das Unheimliche und der Wahnsinn
Sigmund Freud war nicht zufällig begeistert von E.T.A. Hoffmann-TextenKristine Harthauer: Wenn wir über das Unheimliche bei E.T.A. Hoffmann sprechen, sprechen wir auch über den Wahnsinn. Wie sehr hat er lange Zeit vor der Psychoanalyse mit dem Unbewussten beschäftigt? Wolfgang Bunzel: Ganz zentral. Überhaupt entdecken ja die Vertreter und Vertreterinnen der Romantik diesen Bereich des Unbewussten. Der romantische Dichter Novalis hat dafür eigentlich die Devise ausgegeben. Der sagte nämlich einmal “Ins Innere geht der geheimnisvolle Weg“. Das markiert die Vorstellung, dass sich im Inneren, in der Psyche, in der Vorstellungskraft des Menschen ein eigener Kontinent befindet, der noch gar nicht ausgelotet ist. Und das deutet schon ganz klar an, dass hier die Innenwelt des Menschen neu und anders als bisher erforscht werden muss. Die Psychoanalyse wird das aufgreifen. Sigmund Freud war nicht zufällig begeistert von E.T.A. Hoffmann-Texten und hat mehrfach auch auf ihn in Bezug genommen.Quelle: Wolfgang Bunzel
