
E.T.A. Hoffmann - Schauerlich romantisch und unheimlich modern
SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Einfluss auf Film und Serien
Bunzel erläutert das Modell paralleler Welten und den Einfluss auf Werke wie Harry Potter oder Stranger Things.
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Episode notes
Was fasziniert heute an E.T.A. Hoffmann?
Kristine Harthauer: Herr Bunzel, wir feiern jetzt dieses Jahr den 250. Geburtstag von E.T.A. Hoffmann. Was fasziniert Sie heute an E.T.A. Hoffmann? Wolfgang Bunzel: E.T.A. Hoffmann war sowas wie ein Seismograf, der hat ganz viele Entwicklungen in der Zeit um 1800 vorweggenommen, die für uns heute sehr aktuell geworden sind. Ihn hat zum Beispiel das Fantastische unglaublich fasziniert und er hat dann fantastische Welten erfunden, die im Grunde erst die modernen Medien, also sprich eben Film, Video etc. tatsächlich optisch und auch akustisch entsprechend umsetzen konnten.Fantastische Parallelwelten
Kristine Harthauer: Können Sie an einem Beispiel beschreiben, wie E.T.A Hoffmann bis heute moderne Filmemacher*innen, Künstler*innen und auch Geschichten prägt? Sie hatten einmal in einem Interview gesagt, dass Harry Potter ohne E.T.A. Hoffmann gar nicht denkbar wäre. Vielleicht auch eine Serie wie Stranger Things. Warum ist E.T.A. Hoffmann bis heute prägend? Wolfgang Bunzel: Bei E.T.A Hoffmann gibt es ein Vorstellungsmodell, das durchzieht eigentlich seine sämtlichen Texte. Und das ist das Vorstellungswelt, dass es zwei Welten gibt, dass es neben unserer alltäglichen Welt eigentlich eine Sphäre des Wunderbaren, aber auch des Fantastischen, des Unheimlichen gibt. Beide Welten scheinen voneinander klar getrennt zu sein. Es gibt aber Berührungspunkte und Übergangszonen. Das hat er ganz virtuos geschildert. Daran orientieren sich, glaube ich, heute viele Filme und Serien, die sowas dann optisch umsetzen und gewissermaßen zeigen, dass Realität und das Unheimliche und Fantastische immer nur einen ganz schmalen Grat voneinander entfernt sind. Kristine Harthauer: Was glauben Sie, warum hat sich E.T.A Hoffmann nicht nur mit der Wirklichkeit begnügt? Warum hat er so gerne diese Türen ins Unheimliche geöffnet? Wolfgang Bunzel: Da zeigt sich, glaube ich, sehr deutlich sein romantisches Erbe. E.T.A. Hoffmann ist eben einer der wichtigsten Vertreter der literarischen Romantik und die Romantik hat gewissermaßen das Wunderbare, das Fantastische, das Poetische natürlich zu ihrem Kerngebiet erkoren. E.T.A. Hoffmann versucht das auch. Er sieht aber, dass in der modernen Welt die Zugänge zum Wunderbaren schwierig geworden sind. Die gelingen zum Beispiel Kindern noch, weil die einfach aufgeschlossen sind für das Ungewöhnliche. Den Alltagsmenschen gelingt das schon sehr viel schwerer. Es bedarf immer auch einer inneren Gestimmtheit, um ein Sensorium zu entwickeln für dieses Besondere, für das Wunderbare, für das, was ständig präsent ist, was wir mit unseren stumpfen Sinnen aber gemeinhin übersehen.Gefährliche Liebe für eine Automaten-Frau
Kristine Harthauer: Es gibt ja diese tolle Geschichte von ihm, „Der Sandmann“, in der verliebt sich Nathanael unsterblich in die Automatenfrau Olimpia. Die ist als Figur nicht so komplex, denn sie sagt immer nur „ach“, aber dennoch verfällt Nathanael ihr. Jetzt haben wir heutzutage künstliche Intelligenzen wie ChatGPT. Es gibt auch Menschen, die bereits eine KI geheiratet haben. Was hat E.T.A. Hoffmann vielleicht auch vorausgesehen? Oder geht es ihm gar nicht um die Technik, sondern eher um das Unbewusste? Wolfgang Bunzel: Für ihn sind besonders Grenzzonen immer sehr interessant, unter anderem die Grenzzone zwischen Mensch und mechanischem Wesen oder Maschine können wir heute sagen. Olimpia ist tatsächlich ein solcher Roboter, damals zu E.T.A. Hoffmanns Zeiten nannte man das eine Automate, gewissermaßen ein mechanisch konstruiertes Wesen, das aber eigentlich so täuschend ähnlich aussieht, dass man sie für einen Menschen, eben für eine junge Frau und sie ist eine sehr schöne junge Frau, halten könnte. Dann bedarf es eines besonderen Imaginationsvermögens, also es spielt auch eine große Rolle, wer da drauf schaut und in dieser Interaktion gewinnt das eigentlich tote mechanische Gegenüber dann auch erst an Leben. Es ist eben hier ein sehr fantasiebegabter junger Mensch, der mit den Augen der Liebe draufblickt und dann in der Maschine, in der Automate das perfektere Wesen sieht als eine konkrete junge Frau, die auch in der Geschichte vorkommt, die findet er viel uninteressanter. Das ist, glaube ich, so eine Verführbarkeit, die wir heute auch sehr stark merken, also die Bereitschaft gewissermaßen ein simuliertes Wesen als perfekter anzunehmen als ein reales Wesen und da sehe ich auch ein Gefährdungspotenzial und genau solche Gefahren hat E.TA. Hoffmann schon ausgelotet.Der Psychoanalyse voraus
Kristine Harthauer: Der echte Mensch in Nathanaels Leben ist seine Verlobte Clara. Sie stellt seine Fantasien in Frage, er hingegen beschimpft sie als „lebloses verdammtes Automat“. Nathanael verliert zunehmend den Blick für die Realität. Ich muss da an Menschen denken, die sich auch von alternativen Fakten verführen lassen, die sich in Parallelwelten im Internet verlieren können, wie etwa Verschwörungstheoretiker. Ist das ein Problemfeld, das E.T.A. Hoffmann vielleicht schon vor langer Zeit erkannt hat? Wolfgang Bunzel: Ja und nein. Also ich würde da einen großen Unterschied machen. Alternative Fakten geben eben doch auch vor, Fakten zu sein. Dagegen spielt bei E.T.A. Hoffmann tatsächlich die Vorstellungskraft das Entscheidende. Die Imagination, das, was das Innenleben an Bildern, Wünschen, Hoffnungen erst mal produziert, und dann aber auch auf die Umwelt, etwa auf ein Gegenüber projiziert. Also das ist schon ein komplexes Kommunikationsunterfangen, das wir hier sehen. Nathanael würde sich in dem Fall auch nicht auf Fakten stützen, sondern der ist einfach davon überzeugt, was seine Sinne wahrnehmen, das würde ihm gewissermaßen die wirkliche Welt spiegeln und da ist jetzt nun tatsächlich der Berührungspunkt zu den alternativen Fakten. Er schottet sich gegenüber anderen Argumenten ab. Also er hört überhaupt nicht mehr zu und er verkapselt sich damit in seiner Innenwelt. Da sehe ich sehr wohl die Parallele zu diesem Verhalten. Im Grunde alles das, was der eigenen Sicht oder Annahme widersprechen könnte auszublenden und dann hat man natürlich immer recht. Dann ist man nicht mehr widerlegbar.Das Unheimliche und der Wahnsinn
Sigmund Freud war nicht zufällig begeistert von E.T.A. Hoffmann-TextenKristine Harthauer: Wenn wir über das Unheimliche bei E.T.A. Hoffmann sprechen, sprechen wir auch über den Wahnsinn. Wie sehr hat er lange Zeit vor der Psychoanalyse mit dem Unbewussten beschäftigt? Wolfgang Bunzel: Ganz zentral. Überhaupt entdecken ja die Vertreter und Vertreterinnen der Romantik diesen Bereich des Unbewussten. Der romantische Dichter Novalis hat dafür eigentlich die Devise ausgegeben. Der sagte nämlich einmal “Ins Innere geht der geheimnisvolle Weg“. Das markiert die Vorstellung, dass sich im Inneren, in der Psyche, in der Vorstellungskraft des Menschen ein eigener Kontinent befindet, der noch gar nicht ausgelotet ist. Und das deutet schon ganz klar an, dass hier die Innenwelt des Menschen neu und anders als bisher erforscht werden muss. Die Psychoanalyse wird das aufgreifen. Sigmund Freud war nicht zufällig begeistert von E.T.A. Hoffmann-Texten und hat mehrfach auch auf ihn in Bezug genommen.Quelle: Wolfgang Bunzel
Neue Forschungsbereiche
Kristine Harthauer: Was interessiert Sie als E.T.A Hoffmann-Experte, als Romantikforscher an ihm? Was sind Forschungsbereiche, die neu aufkommen? Wolfgang Bunzel: Was mich sehr fasziniert, sind die Örtlichkeiten bei E.T.A. Hoffmann. E.T.A. Hoffmann lässt sehr viele seiner Texte an konkreten Orten und in konkreten benennbaren realen Städten spielen. „Der Ritter Gluck“ zum Beispiel spielt in Berlin, „Der Goldene Topf“ spielt in Dresden, „Meister Floh“ spielt in Frankfurt und in diese Texte baut er gezielte topografische Details ein. Da gibt es einzelne Stadtviertel, einzelne Gebäude, sogar einzelne benennbare Weinhäuser, die sich an diesem Ort finden lassen. Das ist unglaublich faszinierend, weil dadurch erzeugt er eine Atmosphäre des realistisch Glaubwürdigen, um dann, und das ist die Pointe, diese Übergänge zum Wunderbaren umso eindrucksvoller zu gestalten. Die besondere, die poetische, die wunderbare Welt, die ist eigentlich immer da und das ist wie bei einer Tapetentür. Die kann ich dann öffnen und bin in einem fantastischen Raum. Vorher habe ich das aber überhaupt nicht mitgekriegt, dass dort eine Tapetentür ist. Und diese Engführung von konkreter Topografie auf der einen Seite und der fantastischen Welt auf der anderen finde ich faszinierend.Gefährdungspotenzial von Medien
Kristine Harthauer: Das ist ein sehr schönes Bild mit der Tapetentür. Ich frage mich, ob eine Tapetentür heutzutage das Smartphone sein kann, das vielleicht einige von uns öfters in der Hand haben, als sie gerne würden. Glauben Sie, E.T.A. Hoffmann wäre begeistert gewesen von diesen technischen Entwicklungen, wie zum Beispiel der KI? Wolfgang Bunzel: Ich glaube, er wäre fasziniert davon gewesen, begeistert, da wäre ich ein bisschen vorsichtig, weil er sieht natürlich die ungeheuren Möglichkeiten, die solche, in dem Fall medialen Erfindungen bieten. Er sieht aber immer auch die Abgründe, also wo kippen diese neuen Möglichkeiten in Abhängigkeiten, aber auch in Realitätsverkennungen. Ich glaube, er wäre, das entspricht auch seiner diagnostischen Natur, er wäre heute jemand, der in jedem Fall das vehement gestaltet hätte, um aber dann auch zu zeigen, wie schnell das abkippen kann. Und insofern sieht er immer dieses Gefährdungspotenzial von allen Medien oder auch einfacher gesagt, Wahrnehmungsmitteln. Zu seiner Zeit gab es natürlich noch keine elektronischen und digitalen Medien, aber es gab optische Werkzeuge. Deswegen spielen etwa Brillen oder Ferngläser, Mikroskope für E.T.A. Hoffmann eine ganz zentrale Rolle, weil sie etwa das ganz Kleine, ganz groß zu machen vermögen. Das sind solche Eingriffe in die Realität, Veränderungen der Wahrnehmung, die ihn faszinieren und deren Möglichkeiten, aber eben auch Gefährdungen er aufzeigt.The AI-powered Podcast Player
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