

ÄrzteTag
Ärzte Zeitung
ÄrzteTag - der Podcast der "Ärzte Zeitung". Wir blicken kommentierend und persönlich auf den Tag, wichtige Ereignisse und Meilensteine. Wir laden Gäste ein, mit denen wir über aktuelle Ereignisse aus Medizin, Gesundheitspolitik, Versorgungsforschung und dem ärztlichen Berufsalltag reden.
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Apr 15, 2025 • 45min
Wie hilft der Verein „Irrsinnig Menschlich“ jungen Menschen in seelischen Krisen, Dr. Richter-Werling?
Seit 25 Jahren im Einsatz gegen Stigmatisierung von jungen Menschen mit psychischen Problemen.
Bis zu 80 Prozent aller psychischen Krisen und Erkrankungen beginnen bereits in Kindheit, Jugend oder im jungen Erwachsenenalter. Wenn Betroffene früh genug Hilfe bekommen, lässt sich also viel Leid ersparen. Genau dafür setzt sich der in Leipzig gegründete Verein „Irrsinnig Menschlich e.V.“ seit nunmehr 25 Jahren ein.
Die jungen Menschen werden dort abgeholt, wo sie gerade sind: in Schule, Studium oder Ausbildung. Dabei setzt das Team um Gründerin Dr. Manuela Richter-Werling auf ein besonderes Konzept: Gearbeitet wird in sogenannten Tandems aus fachlichen und persönlichen Expertinnen und Experten.
Die fachlichen Experten kommen etwa aus der Medizin, so wie Dr. Michael Kroll, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Helios Park-Klinikum Leipzig. Die ehrenamtlichen, persönlichen Experten haben selbst seelische Krisen gemeistert und können somit aus erster Hand von ihren Erfahrungen berichten. Eine von ihnen ist Anna Feuerbach, die mittlerweile hauptamtlich für den Verein tätig ist.
„Die Erfahrung zeigt, dass diese Mischung aus Aufklärung, Information und Kennenlernen von Menschen, die selbst Krisen erlebt haben, sehr wirksam ist“, betont Richter-Werling.
Der Erfolg spricht für sich: Mittlerweile ist „Irrsinnig Menschlich“ an 139 Standorten in Deutschland sowie in Österreich, der Slowakei und Tschechien vertreten – und wächst weiter. Der Verein wurde schon vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem 1. Platz des Springer Charity Awards 2024.
Im „ÄrzteTag“-Podcast blicken Dr. Manuela Richter-Werling, Dr. Michael Kroll und Anna Feuerbach auf eine bewegte Geschichte zurück und wagen auch einen Blick in die Zukunft: Was muss gesellschaftlich und politisch passieren, um die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen zu beenden? Und wie schafft man es in Zeiten multipler Krisen, sich die psychische Gesundheit zu bewahren?

Apr 8, 2025 • 22min
Wann können Ärzte das E-Rezept für Hilfsmittel nutzen, Herr Rupp?
Klaus Rupp von der TK über den Stand der E-Verordnung für Hilfsmittel
Die Klagen von IT-affinen Ärztinnen und Ärzten werden lauter, dass nicht alle Verordnungen so wie das E-Rezept elektronisch ausgestellt werden können. Es sei lästig, immer überlegen zu müssen, wie eine Verordnung gerade umgesetzt werden kann, bei BtM mit Nadeldrucker für den Durchschlag, bei Arzneimitteln mit digitaler Signatur online und bei Hilfsmitteln auf normalem Papierrezept.
Ein Konsortium von sieben großen Krankenkassen mit 34 Millionen Versicherten ist nun im November angetreten, um zumindest für orthopädische Hilfsmittel die nächste Stufe zu testen. Bei der Gesundheits-IT-Messe DMEA wird der Fortschritt des Projekts vorgestellt.
Im „ÄrzteTag“-Podcast berichtet Klaus Rupp, Leiter Versorgungsmanagement bei der Techniker Krankenkasse, für das Konsortium über die Fortschritte des Projekts. Bislang sind zwei Softwarehäuser beteiligt, Medisoftware und CompuGroup Medical, deren Anwender sich am Projekt beteiligen können.
Erste Ärztinnen und Ärzte seien gewonnen, auch Hilfsmittelhersteller und Sanitätshäuser seien mittlerweile beteiligt.
Im Gespräch erläutert Rupp,
wie es gelungen ist, bei Hilfsmitteln eine hohe Abdeckung zu erreichen,
wie eine regionale Clusterung dazu beitragen soll, Praxen, eingeschriebene Patienten und Sanitätshäuser zusammenzubringen,
welche Besonderheiten bei der E-Verordnung von Hilfsmitteln zu beachten sind,
wie die E-Verordnungen technisch vor dem Zugriff von Hackern geschützt werden
und wie die Ergebnisse des Projekts für einen Roll-out durch die gematik genutzt werden könnten.

Apr 4, 2025 • 30min
Was macht den Reiz der Allgemeinmedizin für junge Forscher aus?
PJ-ler und Hausarzt-Stipendiat Paul Wiesheu gibt Antworten
Was gibt es Schöneres, als bereits im Studium die wissenschaftlichen Seiten des eigenen Faches kennen und lieben zu lernen? Cand. med. Paul Wiesheu, hatte das Glück, schon früh während seines Medizinstudiums in Witten-Herdecke in einem hilfswissenschaftlichen Job die Allgemeinmedizin von einer ganz eigenen Seite kennenzulernen. Diese „große Freude an der wissenschaftlichen Seite der Allgemeinmedizin“ hat ihm ein Hausarzt-Stipendium im Programm Medical Excellence eingebracht, das jährlich von MLP aufgelegt wird.
Im „ÄrzteTag“-Podcast hat erst vor kurzem Professor Antje Bergmann sehr lebendig beschrieben, wie Allgemeinmedizin in der Praxis und Forschung zusammenpassen. Wiesheu, der zurzeit im Praktischen Jahr in Mainz das chirurgische Tertial absolviert, beschreibt nun im Podcast-Gespräch, was die Faszination der wissenschaftlichen Arbeit in der Allgemeinmedizin für einen werdenden Mediziner ausmacht: Die direkte Übertragung von Grundlagenforschung in die medizinische Praxis, die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit ganz unterschiedlichen Fächern nicht nur der Medizin, sondern bis hin zu Sozialwissenschaften, Pflege und anderen.
Wiesheu beschreibt im Gespräch, wie er mit dem Projekt „Gesunde Stadt Witten“ seine ersten Sporen in der Forschung über eine Umfrage unter Schülern aus 10. Klassen verdient hat und in die Themen Prävention und Public Health eingetaucht ist. Warum seine Doktorarbeit sich dennoch nicht mit Versorgungsforschung beschäftigt, sondern eine Laborarbeit aus dem Bereich Stammzellen ist, wie er sich als „Labor-Maus“ in der Forschung sieht und welche Modelle in wissenschaftlicher Arbeit für junge Medizinerinnen und Mediziner – außerhalb von Wochenende und Nachtschichten – interessant ist, beschreibt Wiesheu im Gespräch.
Er beschreibt außerdem, warum er es als Privileg empfindet, in Witten-Herdecke von einem Modellstudiengang profitiert zu haben und so eher in interaktiven Kleingruppen die Lehre genießen konnte – statt im Frontalunterricht bei einer Vorlesung. Und er bricht eine Lanze dafür, dass ein größerer Anteil der Weiterbildung als bisher in der Praxis erfolgen sollte und nicht in der Klinik. Nicht zuletzt begründet er, warum er die Forderung von Antje Bergmann nach einer Weiterbildungsquote für die Allgemeinmedizin ablehnt. (Länge: 29:41 Minuten)

Mar 31, 2025 • 21min
Kommt bald die Abnehmspritze für Kinder, Professor Wabitsch?
Der Professor pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie über die Behandlung von Übergewicht bei Kindern
Der GLP-1-Rezeptoragonist Liraglutid ist effektiv und sicher bei übergewichtigen Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren. So lautet das Ergebnis der vom Unternehmen Novo Nordisk finanzierten SCALE-Kids-Studie, welche im September letzten Jahres im New England Journal of Medicine erschienen ist.
Das Thema Adipositas wird auch bei den Jüngeren zunehmend relevanter: Knapp 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind von Übergewicht oder Adipositas betroffen. Bei einer Zulassung von Liraglutid für diese Altersgruppe stellt sich die Frage, welchen Stellenwert die Abnehmspritze im therapeutischen Setting haben wird.
Im „ÄrzteTag“-Podcast schätzt Martin Wabitsch ein, für welche Kinder diese Arznei eine Therapieoption sein wird. Da die medikamentöse Therapie einer Ultima ratio entsprechen wird, betont Wabitsch, welche weiteren Maßnahmen trotzdem zuerst ergriffen werden sollten. Ein mögliches Problem von Liraglutid: Sobald es abgesetzt wird, könnten die Kilos wieder zurückkommen. Ob bereits im Kindesalter eine lebenslange Therapie eingeleitet werden muss oder auf die möglichen Vorteile des kindlichen Organismus gesetzt werden kann, ist ebenfalls Thema des Podcasts. (Dauer: 21:20 Minuten)

Mar 27, 2025 • 44min
Pickt Teleclinic sich die Rosinen aus der hausärztlichen Versorgung heraus?
Ein Mitarbeiter und ein Nutzer berichten
„Bis zu 50 Prozent mehr verdienen ohne zusätzliche Belastung in deinem Praxisalltag“ - mit Werbesprüchen im Internet wie diesem wirbt das Unternehmen Teleclinic für seine Plattform für Videosprechstunden bei Praxisärzten und MVZ-Ärzten. 4.000 Ärztinnen und Ärzte seien bei der Plattform mittlerweile registriert, berichtet Julian Simon aus der Geschäftsleitung des Unternehmens im „ÄrzteTag“-Podcast.
Die Ärzte betreuten „weit über 100.000 Fälle im Quartal“, die meist über die Teleclinic-App zu den Videosprechstunden kommen. Das Angebot richtet sich auch an Vertragsärzte, die die Behandlung von Patientinnen und Patienten am Monitor auch über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) nach EBM abrechnen können. Mit einzelnen Krankenkassen gebe es auch Selektivverträge, so Simon.
Vor allem wegen der Möglichkeit der Kassenabrechnung ist Teleclinic mit seiner Plattform unter Hausärztinnen und Hausärzten hoch umstritten. Unter anderem wird dem Unternehmen vorgeworfen, dass über die Plattform überwiegend Patienten mit Bagatellerkrankungen behandelt würden und dass Ärzte, die mit der Plattform arbeiten, damit die Rosinen aus der Versorgung herauspickten und den Praxen vor Ort vor allem der schwere, aufwändige Teil bleibe.
Und dies um so mehr, wenn ein Patient mehrmals im Quartal die Telemedizin-Plattform konsultiert, dabei aber dann von verschiedenen Ärzten betreut wird, die jeweils die Versichertenpauschale oder Grundpauschale abrechnen könnten. Damit werde dem System letztlich Geld entzogen, dass für eine umfassende hausärztliche Versorgung vor Ort benötigt wird.
Im „ÄrzteTag“-Podcast diskutieren Hausarzt und Plattform-Nutzer Stefan Spieren und Teleclinic-Vertreter Julian Simon das Geschäftsmodell des Unternehmens. Viele Patienten, die er über die Plattform behandle, hätten gar keinen Hausarzt, berichtet Spieren, sie wüssten zum Beispiel nach einem Umzug gar nicht, an welche Praxis sie sich richten könnten.
Thema im Podcast ist auch, über welche Behandlungspfade Patienten auf der Plattform zu den Ärzten unterschiedlicher Fachgruppen gelenkt werden, wie eine Ersteinschätzung online möglich werden kann, die nach der neuen Anlage 31c zum Bundesmantelvertrag Ärzte (BMV-Ä) obligatorisch ist, und wie Spieren eine gegebenenfalls erforderliche Folgebehandlung vor Ort per Videosprechstunde organisiert, wenn dies erforderlich ist. Auch wie die anderen Anforderungen der Anlage erfüllt werden können – zum Beispiel Priorisierung nach Behandlungsbedürftigkeit, Zuordnung nach räumlicher Nähe – wird von Spieren und Simon erläutert.
Spieren erklärt im Gespräch auch, warum er seine Bestandspatienten, die per Video behandelt werden wollen, in der Regel über eine andere Plattform betreut, welche Möglichkeiten es gibt, die ärztliche Arbeitskraft dennoch zu nutzen, wenn einmal in der Praxis Patienten nicht zum Termin erscheinen, und was über Homeoffice per Videosprechstunde möglich ist. (Dauer: 43:45 Minuten)

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Mar 24, 2025 • 33min
G-BA-Beschluss zu Lipidsenkern: Was ändert sich für die Praxis, Professorin Baum?
Professorin Erika Baum, ein führendes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und ehemalige Präsidentin, spricht über den neuen G-BA-Beschluss zu Lipidsenkern. Sie erläutert die gesenkte Verschreibungsschwelle von 20 auf 10 Prozent Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, die Millionen von Patienten betreffen wird. Außerdem diskutiert sie die Rolle von Risikokalkulatoren, die Notwendigkeit der Aufklärung der Patienten und potenzielle Anpassungen der Leitlinien zur kardiovaskulären Prävention. Die Diskussion beleuchtet auch die Herausforderungen in der Therapieeinleitung.

Mar 21, 2025 • 21min
Wer soll die Patienten steuern: Hausärzte oder auch Fachärzte, Dr. Heinrich?
Der SpiFa-Vorsitzende Dirk Heinrich über Strukturreformen im Gesundheitswesen
Noch vor dem Start der neuen Koalition haben die zukünftigen Koalitionspartner mit dem Beschluss über das Sondervermögen für Infrastrukturmaßnahmen Geld beschafft, um den Spielraum für den Bundeshaushalt zu vergrößern. Wie dieses Geld sinnvoll (auch) im Gesundheitswesen ausgegeben werden könnte und welche Strukturreformen nötig sind, damit die Lücken in der ambulanten Versorgung nicht zu groß werden: Dazu nimmt Dr. Dirk Heinrich, Vorsitzender des Spitzenverbands Fachärzte Deutschlands (SpiFa), im „ÄrzteTag“-Podcast Stellung.
Die Reformvorhaben, die für das Gesundheitswesen anstehen, sind auch Thema auf dem SpiFa-Fachärztetag Ende März, unter anderem die bessere Steuerung von Patientinnen und Patienten, eine stärkere Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten und die weitere Umsetzung der Digitalisierung.
Im Gespräch erläutert Heinrich, warum die Umsetzung der Krankenhausreform eigentlich erst wirklich sinnvoll ist, wenn klar ist, welche Operationen zukünftig ambulant gemacht werden sollen und wie die Strukturen nach einer dringend nötigen Notfallreform sich entwickeln werden.
Die jüngsten Beschlüsse, auf lange Sicht das Honorarniveau an den EBM anzupassen, hält Heinrich für nicht zu Ende gedacht: „Dann wird niemand diese Leistungen anbieten“, so seine Prognose. Die Krankenkassen seien immer auf den „billigen Jakob“ aus, aber „Sie können eine Polypen-Operation bei Kindern nicht für 100 Euro erbringen“, so der HNO-Arzt weiter. Die Konsequenz werde auf lange Sicht sein: „Wartelisten, Wartelisten, Wartelisten – das ist unmenschlich“, schimpft Heinrich.
Im Gespräch erläutert er auch, warum die aktuelle Politik „die Vertragsärzte in die Rente scheucht“, und was zu einer Verbesserung der Situation führen könne.

Mar 20, 2025 • 38min
Wird Deutschlands Sicherheit in den Arztpraxen verteidigt, Martin Degenhardt?
Und wie umgehen mit Ärzte-Bashing seitens der GKV
„Die deutschen Krankenkassen sind die größten Zechpreller der Republik!“ – Martin Degenhardt, Politikchef der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) nimmt kein Blatt vor den Mund. Und seine Antwort auf jüngste Äußerungen von Uwe Klemens aus dem Verwaltungsrat des GKV-Spitzenverbands fällt in dieser Episode vom „ÄrzteTag“-Podcast noch deutlicher aus. Wir sprechen mit Degenhardt, der auch Geschäftsführer der Freien Allianz der Länder-KVen (FALK) ist, über Sondervermögen und Schuldenberge, Kriegstüchtigkeit, Wertschätzung für die Arbeit in den Arztpraxen und den ewigen Clinch mit den Krankenkassen. Und um die Frage: Warum wird die ambulante Versorgung in Deutschland so stiefmütterlich behandelt?
Während Milliarden in Krankenhäuser und für Arzneiausgaben fließen, fühlt sich die ambulante Versorgung oft wie das fünfte Rad am Wagen, sagt Degenhardt. „Die Ausgaben pro Patient in einer Praxis liegen im Schnitt bei 716 €, in einer Klinik bei 9465 € – und trotzdem behandelt man uns wie ein Kostenproblem.“ Degenhardt wünscht sich eine „ehrliche Wertschätzung“ für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte und fordert: „Wir müssen mitreden, wenn es um die Zukunft des Gesundheitswesens geht – und nicht nur zuschauen.“
Die Frage, ob unser Gesundheitswesen nicht eigentlich auch zur Verteidigung gehört, beantwortet er mit Ja. Denn in einem Krisenfall müssen nicht nur Krankenhäuser, sondern auch die Praxen handlungsfähig sein. Dass dieser Aspekt in den aktuellen Investitionsdebatten kaum eine Rolle spielt, hält er für einen massiven Denkfehler.
Der große Wunsch: Vertrauen statt Bürokratie
Ein besonderes Anliegen ist ihm die Abkehr von der Überregulierung. „Ärztinnen und Ärzte werden von Krankenkassen mit Anfragen geflutet – und antworten oft aus Angst vor Regressen. Das ist Wahnsinn!“ Sein Rezept: Weniger Kontrolle, mehr Vertrauen. Denn die meisten Ärzte würden ihre Arbeit aus Überzeugung machen – und nicht, um das System auszunutzen.
Was ihn besonders auf die Palme bringt? Der Umgangston der Krankenkassen. „Ich habe von der GKV noch nie ein einfaches ‚Danke‘ gehört!“ Stattdessen gäbe es vor allem Vorwürfe, Misstrauen und Blockaden. Sein Appell: „Ohne eine neue Vertrauenskultur werden wir die Gesundheitsversorgung in Deutschland nicht auf Kurs halten.“
Martin Degenhardt spricht Klartext – und fordert eine Gesundheitsdebatte, die sich nicht nur um Krankenhäuser dreht. Sein Wunsch an Politik und Krankenkassen: Weniger Folter, mehr Anerkennung – und eine echte Partnerschaft statt Dauerkonflikt.

Mar 19, 2025 • 49min
Steuerung, Schulessen, Starkbier – was unser Gesundheitssystem wirklich braucht
4. Folge „Kindergarten Gesundheitspolitik“
In dieser neuen Episode vom „ÄrzteTag“-Podcast nehmen wir uns mit Dr. Michael Hubmann, dem Präsidenten des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ), endlich die drängende Frage im Gesundheitswesen vor: Wie gelingt eine bessere Steuerung im Gesundheitswesen, vor allem angesichts der Herausforderungen durch den Fachkräftemangel und das System lähmende Bürokratie?
„Wir diskutieren jetzt schon seit Jahren über das Babyboomer-Problem, aber jetzt wird es von Jahr zu Jahr in vielen Situationen einfach spürbarer“, sagt Hubmann in dieser vierten Folge der Reihe „Kindergarten Gesundheitspolitik“. Die Politik müsse jetzt handeln, um eine funktionierende Steuerung in der Versorgung sicherzustellen – freiwillige Lösungen reichten nicht aus. „Ich glaube, jeder weiß, dass es so, wie es jetzt ist, einfach nicht mehr bleiben kann.“
Hubmann sieht die Steuerung als Schlüssel, um unnötige Kontakte im System zu reduzieren. Ein Beispiel: Patienten, die ohne echte medizinische Notwendigkeit von Facharzt zu Facharzt wandern. „Ich brauche eine Steuerung, die nicht allein auf Freiwilligkeit setzt.“ Ein Blick ins Ausland zeige, dass es Alternativen gebe: In Dänemark oder den Niederlanden ruft man eine Nummer an, bekommt Rat und wird gesteuert. „Und bei uns sitzt der Bürger zu Hause, die Oma fällt um – und er weiß nicht, wen er anrufen soll.“
Auch der bürokratische Aufwand sei ein massives Problem. Besonders ärgert ihn die Flut an Attesten, die in manchen Schulen und Kitas verlangt werden: „Wenn es ein Infektionsschutzgesetz gibt und Zulassungskriterien des Robert Koch-Instituts, dann kann es eigentlich nicht sein, dass jede Schule und jede Kita für sich noch mal eine eigene Regel schafft.“
Eine echte Mengensteuerung könne nur gelingen, wenn auch die Nachfrage durch die Patienten gesteuert werde. Denn bislang, so Hubmann, werde versucht, die steigenden Patientenzahlen nur über Budgets zu regulieren – ein Fehler: „Ich habe eine Geldmenge und eine Menge an Leistung, die ich erbringen darf. Und wenn einfach 200 Patienten mehr kommen, dann sind die umsonst. Das ist doch ein Blödsinn.“
Er plädiert dafür, Steuerung realistisch anzugehen: „Es wird nicht immer so sein, dass man mit einer einzigen Lösung 100 Prozent der Fälle trifft. Vielleicht brauchen wir zwei, drei Systeme nebeneinander.“ Eine bessere Verzahnung zwischen Hausärzten, Gebietsärzten und Kliniken sei entscheidend. „Der Kardiologe will doch auch nicht die Oma Erna sehen, die gehört hat, dass Tante Frieda einen Herzinfarkt hatte und mal zur Sicherheit vorbeikommen will.“
Ein weiteres Thema, das Hubmann bewegt: die Gesundheitsförderung bei Kindern. Der BVKJ fordert, dass Schulen stärker als Orte der Gesundheitsförderung genutzt werden – mit kostenlosem Schulessen und mehr Bewegung im Alltag. Aber ist ein eigenes Schulfach Gesundheit der richtige Weg? Oder müsste Gesundheitskompetenz nicht als Querschnittsthema angelegt werden?
„Ja, aber die haben wir in der Istbilanz momentan nicht“, sagt Hubmann. „Wenn Sie sehen, wie leicht Menschen mit Influencern zu bewegen sind, Dinge zu tun, die einfach konsequent unsinnig sind, dann müssen wir dringend an der Gesundheitskompetenz arbeiten.“ Es brauche eine „Koalition der Willigen“ zwischen Schulen, Politik und Medizin, um wirklich etwas zu verändern.
Gegen Ende des Gesprächs geht es noch um die politische Großwetterlage – mit einem humorvollen Seitenhieb auf die jüngste Starkbierprobe auf dem Nockherberg. „Es war inhaltlich so klar, dass es wahrscheinlich schwer ist, es noch als Kabarett zu bezeichnen“, sagt Hubmann über Maxi Schafroths Fastenpredigt. Auch er warnt allerdings davor, dass Populismus in der Mitte der Gesellschaft salonfähig wird: „Wir brauchen Politiker, die es schaffen, der Bevölkerung das Gefühl zu geben, dass wir einen Weg nach vorne haben.“
Mit Blick auf die anstehenden politischen Entscheidungen betont Hubmann abschließend, worauf es jetzt ankommt: „Es muss jetzt darum gehen, die Menschen mit den Aufgaben in der Führung der Ministerien zu betrauen, denen wir die Kompetenz zutrauen. Es darf nicht wieder ein Regionalproporz-Schachspiel werden.“

Mar 17, 2025 • 49min
Kommt der Abholdienst der Labore in Zukunft seltener in die Arztpraxen?
Ein Gespräch mit ALM-Chef Michael Müller und Labor-Berater Uli Früh
Am 1. Januar 2025 sind die vom Bewertungsausschuss beschlossenen Neuregelungen im Labor in Kraft getreten. Gegen den im Frühjahr 2024 gefassten Beschluss haben sich die Labore – und auch die Pathologen und Mikrobiologen – von Anfang an gewehrt. Vor Kurzem hat der Laborverband Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM e.V.) nun eine Simulation der Auswirkungen der Reform anhand der Abrechnungen von 64 Laboren aus den Quartalen 1 und 2 des vergangenen Jahres vorgelegt. Das Ergebnis: Durch die Reform werde es voraussichtlich zu starken Verwerfungen innerhalb der Labore kommen, und insgesamt werden drei Prozent weniger Honorar als bisher an Labore ausgezahlt werden, heißt es in der Publikation.
Im „ÄrzteTag“-Podcast erläutern der ALM-Vorsitzende, Laborarzt Dr. Michael Müller vom Labor 28 in Berlin, sowie Uli Früh von der Uli Früh Consulting GmbH die Folgen der Reform für die Labore und die zu erwartenden Auswirkungen für die Laborversorgung in Deutschland. Früh ist seit mehr als 30 Jahren als Berater für die Laborbranche aktiv, er hat die Simulation anhand der Abrechnungsbescheide und der abgegebenen Abrechnungen von 64 Fachlaboren erstellt.
Im Gespräch erläutern Müller und Früh, welche Labore eher zu den Gewinnern und welche zu den Verlierern der Umstellungen zählen werden, und wie es zu Einbußen von bis zu 17 Prozent in manchen spezialisierten Laboren kommen kann. Außerdem erklären sie die Auswirkungen der neuen Honorarverteilungsmaßstäbe in den KVen auf die Labore, und welche Rolle der Wirtschaftlichkeitsbonus spielt – und dessen Neuregelung zum dritten Quartal 2025. Nicht zuletzt geht es um die Auswirkungen auf die Versorgung, wenn die Analytik selbst für Labore nicht mehr kostendeckend ist, zum Beispiel darum, ob die Fahrdienste für die Praxen in Zukunft ausgedünnt werden könnten und so die Verfügbarkeit von Laborleistungen zurückgefahren werden könnte._ (Dauer: 48:48 Minuten)_


