

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Episodes
Mentioned books

Feb 13, 2024 • 5min
Moshtari Hilal – Hässlichkeit
Was gilt warum als „hässlich“? Und wieso folgen Frauen bestimmten Schönheitsidealen, um gerade nicht „hässlich“ zu sein: wieso entfernen sie Körperhaare oder lassen sich ihre Nase oder die Brüste operieren? Um diese Fragen zu beantworten, zieht die Kuratorin und Künstlerin Moshtari Hilal wissenschaftliche Artikel heran, stellt historische Bezüge her und nimmt uns mit auf eine Reise durch ihre eigene Biografie, in der sie selbst Ausgrenzung und Rassismus aufgrund ihres Aussehens erfahren musste.

Feb 12, 2024 • 5min
Geovani Martins – Via Ápia
2014 und 2016: Olympische Spiele und Fußball-WM in Brasilien. Im Vorfeld wollte die Polizei in Rio de Janeiro die wegen der Drogenkriminalität berüchtigten Armenviertel „befrieden“. Wie junge Menschen aus einer Favela diese gar nicht friedliche Zeit erlebt haben, davon handelt der Roman Vía Apia des jungen brasilianischen Autors Geovani Martins.

Feb 11, 2024 • 13min
C Pam Zhang – Wo Milch und Honig fließen
Dorthin verschlägt es auch die Erzählerin in C Pam Zhangs neuem Roman „Wo Milch und Honig fließen“. Sie ist Spitzenköchin und bekommt aus den bergeigenen Laboren und Anbaustätten all die Zutaten, die es in den Tälern nicht mehr gibt. Ein düsterer Zukunftsroman, der an einem eindrucksvollen Ort spielt, in Konstruktion und Figurenzeichnung aber nicht ganz überzeugt.Gespräch mit Kristine Harthauer

Feb 11, 2024 • 4min
Vladimir Sorokin – Doktor Garin | Buchkritik
Dr. Garin ist ein Reisender. Wer bei dem Namen an den ersten Menschen im Weltraum, an Juri Gagarin, denkt, liegt so falsch nicht. Auch der Psychiater Dr. Garin überschreitet Grenzen, mal mehr, mal weniger mühevoll, und bewegt sich mit einer Gruppe von Patienten, political beings genannt, in den russischen Norden.
Sie sind auf der Flucht vor einem konventionellen Atomkrieg, der, wir schreiben das Jahr 2050, inzwischen zu den handhabbaren Kampfstrategien gehört. Diese political beings haben keine Beine und kaum Arme, dafür aber große Hinterteile und Mundwerke, was sie nicht daran hindert, sich durch den Raum zu bewegen oder gar im Zirkus aufzutreten.
„Ich war's nicht!“
Obwohl sie nur beim Vornamen genannt werden, sind sie unschwer als Donald Trump, Vladimir Putin, Emmanuel Macron, Angela Merkel, Silvio Berlusconi und Boris Johnson zu erkennen, ihrer Macht längs beraubt und in wenigen Worten als Verlierer der Geschichte charakterisiert. Da verklingt Angelas markiger Satz „Wir schaffen das“ ebenso wie Wladimirs mantrahaft wiederholtes „Ich war's nicht!“.
Der Patient in der Suite Nr. 7 saß auf dem Hometrainer und schwang seine Hinterbacken.≫Guten Morgen, Wladimir!≪, begrüßte Garin ihn.≫Ich war’s nicht≪, brummte Wladimir, ohne aufzuhören.≫Wie haben Sie geruht?≪≫Ich war’s nicht.≪≫Wünsche?≪≫Ich war’s nicht.≪
Quelle: Vladimir Sorokin – Doktor Garin
Tatsächlich ist dies der einzige Satz, den die puppenhaft ins Groteske verzerrte Figur von sich gibt. Denn mit Putins Russland hatte Sorokin, der seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs nun dauerhaft in Berlin lebt, bereits 2006 ungeheuer hellsichtig in „Der Tag des Opritschniks“ abgerechnet.
Bereits mit diesem Buch wurde Sorokin zu einem der wortmächtigsten Oppositionellen. Auch sein Doktor Garin ist ein Widergänger. Hatte er in dem Roman „Der Schneesturm“ noch Menschen gegen eine rätselhafte Krankheit impfen wollen, die jeden Infizierten zum Zombie macht, so ist er hier eine Art Wunderheiler mit einem magischen Elektroschocker, den auch die Mitarbeiter genießen dürfen.
Die Hypermodernität dieses Romans allerdings ist eine ganz eigene. Hier wird die Form der russischen Erzählung aus dem 19. Jahrhundert in eine postmoderne Vielfalt überführt, die klassische Abschweifung zum linearen Stilmittel und keine der Fragestellungen aufgelöst.
Eine tabulose, grotesk-erotische Welt
In der einer übergroßen Matrjoschka gleichen Erzählhaltung versteckt sich in jeder Geschichte, und sei sie noch so klein, eine weitere, die nicht immer verlässlich zu Ende erzählt wird. Dafür wird in dieser grotesk-erotischen Welt kein Tabu ausgelassen.
War Sorokin in den früheren Romanen immer noch vorsichtig genug gewesen, um unangefochten nach Moskau zurückkehren zu können, so kennt er hier keine Grenzen mehr. Das ist zum großen Teil ungeheuer unterhaltsam, mitunter aber auch etwas ermüdend.
Wladimir rutschte schweigend zur Tischmitte. Er lüftete seinen durchtrainierten, gepflegten, mithilfe chinesischer Arzte schon mehrmals gelifteten Hintern und erstarrte. Zuerst erklang eine Art dumpfes Grunzen, das rasch in ein drohendes Knurren überging, sich in ein lautes Knattern verwandelte und noch mal und noch mal knatterte, bis diesem gepflegten Hintern plötzlich ein Zischen entfuhr, in dem man einzelne Laute ausmachen konnte, die an ein menschliches Flüstern erinnerten, aber dieses Zischen wurde immer schauerlicher, nahm kein Ende und versiegte so lange nicht, bis alle am blauen Tisch wie betäubt waren.
Quelle: Vladimir Sorokin – Doktor Garin
Großartig allerdings, wie Sorokin immer wieder aus der Absurdität der Verwandlung reale Bezüge aufblitzen lässt. Wenn Garin zum Beispiel in die Gefangenschaft von merkwürdigen Mutanten gerät, die er Zottelorks nennt, und damit die Beschreibung des Gulags gekonnt persifliert, oder wenn er den Leser am Schluss in eine sibirisch anmutende raue Wildnis führt.
Was er dort findet, ist aber nicht die vielbeschworene russische Seele, sondern die Vereinigung mit seiner verlorenen Geliebten. Nicht ganz im Wortsinn, aber doch immer noch hoch erotisch.

Feb 11, 2024 • 6min
Dürfen Knastis lieben? Die Liebe im Kriminalroman
Es darf keine Liebespaare geben. So lautet eine der zwanzig Regeln, die der US-amerikanische Autor S.S. Van Dine im Jahr 1928 für Detektivromane aufstellt. In einem Detektivroman gehe es darum, einen Verbrecher vor Gericht zu bringen, nicht darum, ein verliebtes Paar vor den Traualtar zu führen, findet er.
Schon sieben Jahr später aber zeigt Dorothy L. Sayers in „Aufruhr in Oxford“, wie gut Liebe und Detektive zusammenpassen. Dieses Buch, das heute als einer der ersten feministischen Kriminalromane gilt, dreht sich um eine Frage: Kann die Schriftstellerin Harriet Vane ihrer Liebe zu Lord Peter Whimsey endlich nachgeben? Knapp 500 Seiten später wissen wir: Sie kann.
Kann ein Krimi zugleich ein Liebesroman sein?
Ein Detektivroman also, der zugleich ein Liebesroman ist. „Aufruhr in Oxford“ ist der zehnte Krimi um den Seriendetektiv Lord Peter Whimsey, der im England der Zwischenkriegsjahre rätselhafte Morde aufklärt. Das erste Mal begegnet er der schlauen Harriet Vane im fünften Band, aber erst fünf Bände später erwägt sie, einen seiner Heiratsanträge tatsächlich anzunehmen.
Ihre Bedenken gegen eine Ehe sind äußerst modern: Sie fürchtet um ihre Unabhängigkeit, glaubt nicht, dass Männer eine kluge Frau lieben können und dass eine gleichberechtigte Partnerschaft mit jemanden möglich ist, der sozial und ökonomisch über ihr steht – immerhin ist Peter ein Lord!
Eigentlich geht es darum, immer bösartiger werdende Streiche in Harriet Vanes ehemaligem College in Oxford aufzuklären. In den Vordergrund aber rückt die Frage: Kriegen sie sich – oder kriegen sie sich nicht?
Diese Frage stellt auch Robert Galbraith – das Krimi-Pseudonym von Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling. Und zwar in ihrer Reihe um den cleveren Privatdetektiv Cormoran Strike. Ihre Beantwortung aber zieht sie in ungeahnte Längen: Seit sieben Bänden – das sind rund 7000 Seiten – bahnt sich die Liebesgeschichte zwischen Strike und seiner Kollegin Robin Ellacott inzwischen an.
In Band 1 begegnen sie einander. Am Ende des 2023 erschienenen siebten Teils „Das strömende Grab“ haben sie die Machenschaften eine Sekte aufgedeckt – und endlich ist Robin bereit, sich wenigstens einzugestehen, was sie für Cormoran empfindet. Ob sie diesen Gefühlen nachgibt, bleibt ungewiss: Sie steckt ja bereits in einer Beziehung mit einem Polizisten. Jede Leserin weiß zwar längst, dass der nichts für sie ist. Aber diese Beziehung ist ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum Happy End.
Wir stellen also fest: Ja, Detektiv*innen können einander lieben. Etwas anders sieht es im Krimi unter Figuren aus, die nicht ermitteln. Paare zum Beispiel bringen einander vorzugsweise um. Versuchen es zumindest – oder schieben einander Verbrechen in die Schuhe.
Überwiegend dysfunktionale Beziehungen in Kriminalromanen
Bekanntestes Beispiel: Gillian Flynns Bestseller „Gone Girl“. Ihre Hauptfiguren und Erzähler*innen Nick und Amy Dunne sind gewissermaßen das Posterpaar für dysfunktionale Beziehungen. Mit ihrem Ehedrama hat die Amerikanerin Gillian Flynn 2012 einen Trend entfacht, der bis heute anhält: Der Blick hinter die Fassaden perfekter Leben scheinbar glücklicher, gutsituierter Menschen offenbart eine Hölle aus Manipulationen, Gewalt und Obsessionen. Aus Liebe wird Psychokrimi.
Nicht durch Zufall kommt übrigens der Begriff „Gaslighting“ aus einem Krimi: 1938 erzählte das später verfilmte Theaterstück „Gas Light“ von einem Mann, der seine Frau mit gezielten Manipulationen in den Wahnsinn treibt.
Doch auch Gangster haben es schwer mit der Liebe: Oft sind sie die Einzelgänger ohne soziale Bindungen. In den 24 erfolgreichen Romanen, die der Amerikaner Richard Stark über den Profi-Räuber Parker geschrieben hat, wird noch nicht einmal sein Vorname enthüllt. Er ist ein Mann ohne Vergangenheit, ohne Familie und Freunde.
Verständlich: Liebe ist oft die Achillesferse für Gangster. Sie werden unvernünftig, erpressbar oder aufs Kreuz gelegt. Auch die Killerin Fiona weiß in Nick Kolakowskis schwarzhumorig-rasantem „Love & Bullets“, dass ihr Ex-Freund, der Betrüger Bill, ihr schwacher Punkt ist. Dennoch übernimmt sie den Auftrag, ihn zu töten, und steht dann gemeinsam mit ihm wie einst Bonnie und Clyde gegen den Rest der Welt, wozu auch psychopathische Killer und Gangstersyndikate zählen.
Romatische Liebe als „Arbeitsbeziehung plus“ unter Ermittlern
Blättert man durch die jüngere Krimigeschichte, zeigt sich also: Es gibt sie, die romantische Liebe im Krimi. Aber vor allem in Form einer „Arbeitsbeziehung plus“ unter Ermittlern. Der australische Krimi-Autor Garry Disher zeigt das auf beiläufige und deshalb umso beeindruckendere Weise: Seit drei Bänden hat Inspector Hal Challis in der nach ihm benannten Reihe eine Beziehung mit seiner Kollegin Ellen Destry – mit all ihren Alltäglichkeiten.
Sie müssen einen Weg finden, professionell zusammenzuarbeiten, aber fragen sich natürlich auch, was sie einander zu Weihnachten schenken. Dishers Geheimnis: Seine Buch-Reihe basiert nicht auf einer oder zwei Hauptfiguren. Sie ist multiperspektivisch angelegt. Während sich andere Figuren neu verlieben, kann sich die Beziehung zwischen den Ermittlern Challis und Destry in Ruhe weiterentwickeln.
Diese wohltuende Ausnahme im Krimi-Genre zeigt: Glückliche gleichberechtigte Beziehungen sind möglich. Und mehr noch: Es sollte viel mehr von ihnen geben. Geschiedene, einzelgängerische und sozial inkompetente Kommissare hatten ihren Höhepunkt in den 1990er Jahren.
Der Typ „einsamer Wolf“ aber hält sich im Genre immer noch. Das ist erstaunlich, schließlich rühmt sich gerade der Kriminalroman doch oft mit seiner Realitätsnähe. Dazu gehört auch, dass Polizisten Menschen mit einem Privatleben sind. Sie haben Partnerschaften, Kinder und machen ihren Job.
So eine vermeintlich durchschnittliche Figur zu einem spannenden Protagonisten mit einem ehrlichen Liebesleben zu machen – das erfordert viel Können. Und Mut. Und genau davon könnte der Krimi noch mehr vertragen.

Feb 11, 2024 • 54min
SWR2 lesenswert Magazin u.a. mit neuem Buch von Vladimir Sorokin
Erst Anwältin, dann selbst Opfer: „Prima facie“ ist das Theaterstück der Saison. Jetzt legt Autorin Suzie Miller mit einem gleichnamigen Roman nach. Nicht ganz überzeugend.
Können Knastis lieben? Krimikritikerin Sonja Hartl beleuchtet die Liebe im Kriminalroman. Und fordert: mehr erwachsene Liebe.
Mit Spannung haben wir auf C Pam Zhangs neuen Roman „Wo Milch und Honig fließen“ gewartet. SciFi trifft Küche. Wir lesen daraus und diskutieren.
Danach geben wir Lesetipps zum Valentinstag. Wir empfehlen Altes und Neues – und zwar dringend:
J. W. von Goethe: „Die Leiden des jungen Werther“Maggie Millner: „Paare“Eva Illouz: „Warum Liebe weh tut“Dante Alighieri: „Die Göttliche Komödie“Fien Veldman: „Xerox“und online: Ludwig Tieck: „Des Lebens Überfluss“
Zum Schluss lesen wir mit „Doktor Garin“ das neue düster-verrückte Russland-Opus von Vladimir Sorokin. Darin treffen wir Diktatoren und andere Zottelorks.
Suzie Miller – Prima facieAus dem Englischen von Katharina MartlKjona Verlag, 352 Seiten, 25 EuroISBN 978-3-910372-22-1Rezension von Oliver Pfohlmann
Dürfen Knastis lieben? Die Liebe im KriminalromanKolumne von Sonja Hartl
C Pam Zhang – Wo Milch und Honig fließenAus dem amerikanischen Englisch von Eva RegulS. Fischer Verlag, 272 Seiten, 24 EuroISBN 978-3-10-397543-7Gespräch mit Kristine Harthauer
Wir lieben Lesen!Buchtipps unserer Literaturredaktion zum Valentinstag
Vladimir Sorokin – Doktor GarinAus dem Russischen von Dorothea TrottenbergKiepenheuer & Witsch Verlag, 592 Seiten, 26 EuroISBN 978-3-462-00286-7Rezension von Ulrich Sonnenschein
Musik:Quadro Nuevo – MareLabel: Fine MusicExpo triangle – Les échanges. Sinfonie für 156 Büromaschinen

Feb 11, 2024 • 2min
Dante Alighieri – Commedia (Die göttliche Komödie)
Lesen und Liebe – wie das zusammenhängt, erzählt uns der große Dichter Dante Aligheri in seiner „Göttliche Komödie“.
Das spätmittelalterliche Werk ist ein literarisches Wunderbuch, das alles umfasst: die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies. In vielen Geschichten erzählt es vom Mitgefühl mit den Figuren, selbst jenen, die schon in der Hölle schmoren.
Dorthin gerät auch die schöne Francesca da Rimini, die ihren Mann betrogen hat, nicht mit irgendwem, sondern mit dessen Bruder Paolo. Bei Dante lasen Francesca und Paolo gemeinsam eine berühmte Ehebruchsgeschichte, nämlich die von Lancelot und Guinevere. Anfangs wird nur im Buch geküsst, rasch aber auch im Leben selbst.
Und dann? „Weiterlesen konnten wir an diesem Tag nicht mehr“, so endet diese berühmte Liebesgeschichte ganz diskret.

Feb 11, 2024 • 2min
Eva Illouz – Warum Liebe weh tut
Wir lieben tragische Liebesgeschichten. Ob Romane von Jane Austen, die Twilight-Reihe oder Colleen Hoover BookTok-Hits. Liebesqualen unterhalten Generationen. Liebe tut weh, das wissen wir.
Oder ist es gar nicht die Liebe, die weh tut, sondern unsere unrealistischen Erwartungen an sie? Das untersucht die israelische Soziologin Eva Illouz.
Illouz forscht vor allem zu den Themen Liebe und Kapitalismus. „Warum Liebe weh tut“ war 2012 ein Bestseller. Sie entmystifiziert darin die romantischen Codes in der modernen Gesellschaft und liefert soziologische Erklärungsmodelle: Woher kommt unsere Vorstellung von Romantik? Warum ist die Suche nach partnerschaftlichen Beziehungen in der Moderne ein so schweres Unterfangen?
Eva Illouz‘ Bücher geben Antworten – sie sind wissenschaftlich fundiert und unterhaltsam zu lesen, findet Literaturredakteurin Nina Wolf.

Feb 11, 2024 • 7min
Suzie Miller – Prima facie
„Prima facie“, das bedeutet im Lateinischen so viel wie „dem ersten Anschein nach“. Juristen verwenden diesen Terminus, wenn man einen Sachverhalt so bewerten muss, wie er sich eben auf den ersten Blick präsentiert. Einfach, weil weitere Beweise fehlen. Ein Rechtsgrundsatz, der vor allem bei der Behandlung von Sexualdelikten eine Rolle spielt. Wenn es um die Frage der Einvernehmlichkeit beim Sex geht, wenn Aussage gegen Aussage steht, kommen mutmaßliche Täter meist davon.
„Prima facie“ heißt auch der Debütroman der australischen Dramatikerin Suzie Miller, die selbst viele Jahre lang als Strafverteidigerin gearbeitet hat. Schwerpunkt: Sexualdelikte. Ihr 350-Seiten-Werk nun basiert auf ihrem gleichnamigen Metoo-Monolog über eine brillante Strafverteidigerin, die sich nach einer Vergewaltigung selbst im Zeugenstand wiederfindet. Und die plötzlich die Welt nicht mehr versteht.
»Wenn ich als Verteidigerin in Sexualstrafsachen Frauen vernommen habe, bin ich davon ausgegangen, die Beweise ließen sich klar und logisch aufdröseln wie ein ordentlich verschnürtes Päckchen. (…)« Ich atme tief durch. Die Luft im Saal ist geladen. »Jetzt weiß ich, dass das nicht richtig war. Nicht angemessen. Denn jetzt weiß ich, aus eigener Erfahrung, sowohl als Frau als auch als Anwältin, dass die gelebte Erfahrung sexualisierter Gewalt sich nicht als ordentliches, stimmiges und systematisches Päckchen einprägt. Dennoch geht das Gesetz genau davon aus.« (336 f.)
Quelle: Suzie Miller – Prima facie
Die Theaterwelt erobert
Mit ihrem eindringlichen Ein-Frauen-Stück, 2019 in Sydney uraufgeführt, hat Miller die Theaterwelt erobert und dabei praktisch alle wichtigen Preise abgeräumt. „Prima facie“, das ist ein verzweifelter Schrei nach Reform eines, in Millers Augen, zutiefst patriarchalischen Rechtssystems, das seinen Zuschauerinnen und vor allem Zuschauern auch nach der Aufführung noch lange in den Ohren gellt. In Großbritannien hat es sogar zu einem neuen Leitfaden für Geschworenen-Jurys geführt.
Der Erfolg von Millers Stück soll sich nun also in Romanform wiederholen. Millers Hauptfigur ist wie im Stück Tessa Ensler, die junge Londoner Anwältin, die es trotz ihrer Herkunft aus einer kaputten Arbeiterfamilie bis ganz nach oben geschafft hat. Dabei wurde aus dem Ich-Monolog naheliegenderweise eine Ich-Erzählung, bei der sich nun der Leser gleichsam in der Rolle eines Geschworenen befindet. Im Unterschied zum Stück stellt der Roman in Rückblenden den familiären Hintergrund der Protagonistin breiter dar, darunter auch Nebenfiguren wie Tessas Bruder, der schon früh mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Damit stärkt die Autorin zwar den Klassismus-Aspekt ihrer Geschichte, doch verliert diese in Romanform erheblich an Wucht und Drive.
Im Übrigen enttäuscht die Romanfassung durch ihren Mangel an narrativen Mitteln: Jedes Kapitel, egal ob es vor oder nach der Tat, während Tessas Zeit an der Uni oder später in der Kanzlei spielt, ist in der Gegenwartsform erzählt. Damit ist der Bewusstseinsunterschied zwischen der erlebenden und der erzählenden Hauptfigur automatisch eingeebnet, ein rückblickendes Reflektieren daher nur noch eingeschränkt möglich.
In der ersten Romanhälfte erleben wir Millers Ich-Erzählerin wie im Stück als von sich selbst berauschte Powerfrau auf der Erfolgsspur. Reihenweise bewahrt sie ihre Mandanten vor den Klauen des Rechtssystems: ob sie nun selbstbewusst die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft durchlöchert oder einfach nur das entscheidende Gran Zweifel in den Köpfen der Geschworenen platziert. Eine Sache hat die Strafverteidigerin sogar regelrecht zur Kunstform erhoben: das Kreuzverhör von Frauen, die Tessas Mandanten einer sexuellen Straftat bezichtigen.
Nie habe ich eine Frau als Lügnerin bezeichnen müssen, um zu demonstrieren, dass ihre Geschichte Schwachstellen aufweist. Ich muss es lediglich suggerieren. Jurys sind gut darin, zwischen den Zeilen zu lesen, besonders, wenn man auf eine bestimmte Art und Weise mit den Klägerinnen spricht. Wenn man sie nicht fertigmacht, sondern nur entlarvt. (253 f.)
Quelle: Suzie Miller – Prima facie
Nur ein gemietetes „Sprachrohr“
Ein schlechtes Gewissen hat Tessa dabei zunächst nicht. Warum auch? Schließlich ist ihre Rolle vor Gericht, wie die Anwältin auffällig oft wiederholt, nur die eines gemieteten „Sprachrohrs“. Als solches präsentiert sie den Geschworenen einfach nur eine Gegen-Erzählung, eben die Version des Angeklagten. Ob dieser die Tat begangen hat oder nicht, das will Tessa gar nicht wissen. Im Übrigen, so erklärt die Protagonistin treuherzig, müsse man eben darauf vertrauen, dass das System keinen Schuldigen davonkommen lässt; in ihrer Verantwortung liege dies jedenfalls nicht.
Wie im Stück, so wird auch im Roman Tessas Vertrauen in das Rechtssystem im Lauf der Geschichte gründlich zerstört. Dann nämlich, als sie selbst Opfer einer Vergewaltigung wird und darauf angewiesen ist, Gehör und Glauben zu finden. Denn auch in ihrem Fall geht es um ein „He said, she said“, wie es im Englischen heißt, ein „Aussage gegen Aussage“. Schließlich hatte Tessa ihren Arbeitskollegen, den ach so sensibel wirkenden Julian aus renommierter Juristenfamilie, selbst zu sich eingeladen. Und hatte mit ihm zunächst auch leidenschaftlich-einvernehmlichen Sex, sogar nach „allen der Regeln der Kunst“, wie es in bester Romance-Manier heißt. Nur der Geschlechtsverkehr, der danach noch folgte, fand gegen Tessas ausdrücklichen Willen statt. Wie schwierig ihr Fall vor Gericht werden würde, dämmert Millers Protagonistin schon auf der Polizeistation:
»Und wenn er behauptet, wir hätten gar keinen Sex gehabt? Wie soll ich das beweisen?« Aber dann fällt mir ein: »Natürlich wird er zugeben, dass wir Sex hatten. Er wird nur behaupten, dass es einvernehmlich war … oder?« Der Polizist lehnt sich auf seinem Stuhl zurück, eine Hand im Nacken. »Sobald er so einen Verteidigerarsch an seiner Seite hat, kann er alles behaupten.« (205)
Quelle: Suzie Miller – Prima facie
Anwältin ohne Empathie?
Bekanntlich gibt es ja auch im richtigen Leben Menschen, die zu bestimmten Einsichten erst kommen, wenn sie selbst einschlägige Erfahrungen machen mussten. Millers Ich-Erzählerin ist da keine Ausnahme – in ihrem Fall aber überzeugt die Wandlung nicht. Denn die Autorin tut so, als gehörte zum Anwaltsberuf nicht ein Mindestmaß an Empathie. Der klischeehafte Erkenntnissprung ihrer Protagonistin wirkt so unglaubwürdig wie Tessas entsetzte Überraschung, als sie von ihrem eigenen Anwalt erfährt, die Verurteilungsquote bei derartigen Delikten betrage in England nur 1,3 Prozent. Eine Zahl, die in der Tat sprachlos macht und nach Veränderungen ruft. Aber sie, die gestandene Strafverteidigerin, kannte sie nicht? Nein, Millers Hauptfigur hat allen Ernstes gedacht, es wäre allein ihr eigenes Können, das ihren Mandanten Freisprüche bescherte – und nicht ein strukturell misogynes Rechtssystem.
Alles in allem wirkt „Prima facie“ als Buch weniger wie ein Roman und mehr wie eine Filmvorlage. Die Verfilmung soll übrigens auch bald in die Kinos kommen – vielleicht lohnt es sich, bis dahin zu warten.

Feb 11, 2024 • 2min
Maggie Millner – Paare
Paare von Maggie Millner – erzählt von einer Frau, die ihren Mann und den routinierten Paar-Alltag verlässt wegen einer Frau und einer stürmischen Liebe. Eine äußerst riskante Entscheidung. Richtig zuhause in der Liebe ist sie vorher so wenig wie nachher.
Erzählt in Versform, überraschend leicht lesbar und ein rundum spannendes Buch.


