SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Feb 27, 2024 • 5min

Daniel Schreiber – Die Zeit der Verluste

Daniel Schreiber denkt bei einem Gang durch Venedig über persönliche und gesellschaftliche Verluste und die Unfähigkeit zu trauern nach. Ein tiefes und kluges Buch mit einer Fülle wissenschaftlicher und literarischer Zitate.
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Feb 26, 2024 • 5min

Fien Veldman – Xerox | Buchkritik

Eine namenlose junge Frau aus der Provinz bedient in einem Amsterdamer Start-up den Drucker. Den Rest der Belegschaft kennt sie kaum, private Kontakte hat sie auch nicht. So erzählt sie dem Drucker, was sie bedrückt. Bis ein Kollege ihr übel mitspielt. Fien Veldman rechnet in ihrem tragikomischen Roman „Xerox" mit einer gnadenlosen Arbeitswelt ab.
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Feb 25, 2024 • 55min

SWR2 lesenswert Magazin u.a. mit neuem Buch von Rebecca F. Kuang

Die US-amerikanische Fantasy-Autorin Rebecca F. Kuang hat das Genre gewechselt: Ihr Roman "Yellowface" ist eine zeitgeistige Satire auf den Literaturbetrieb und nimmt Rassismus und die dunklen Seiten von Social Media in den Blick. Jetzt erscheint die deutsche Übersetzung, von der BookTok-Community fieberhaft erwartet. Eine Frau, die nicht spricht, trifft einen Mann, der kaum noch sieht: Die südkoreanische Bestsellerautorin Han Kang führt in ihrem Roman „Griechischstunde“ zwei einsame Menschen zueinander – und erzählt, wie sich Seelentüren langsam öffnen. Und Elizabeth Strout erinnert in ihrem Roman „Am Meer“ an die geisterhafte Zeit des Lockdowns: An der amerikanischen Ostküste hat ein alterndes Paar Zeit für Lebensbilanzen und erkundet Nähe und Distanz. Ein manchmal etwas melodramatischer Familienroman im hermetischen Setting. Außerdem: Dana Grigorceas Roman „Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen“ über die Möglichkeiten von Liebe und Kunst. Jane Campbells faszinierende Erzählungen über sehr alte Frauen, die um ihre Würde kämpfen. Und ein Gespräch über das diesjährige Programm des Mannheimer Literaturfests „lesen.hören.“      Han Kang – GriechischstundenAus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee Aufbau Verlag, 204 Seiten, 23 Euro ISBN 978-3-351-03792-5 Rezension von Katharina Borchardt Elizabeth Strout – Am MeerAus dem Amerikanischen von Sabine Roth Luchterhand Verlag, 288 Seiten, 24 Euro ISBN 978-3-630-87748-8 Gespräch mit Eberhard Falcke Rebecca F. Kuang – YellowfaceAus dem Amerikanischen von Jasmin Humburg Eichborn Verlag, 383 Seiten, 24 Euro ISBN 978-3-8479-0162-4 Rezension von Nina Wolf Jane Campbell – Kleine Kratzer. Stories Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell Kjona Verlag, 192 Seiten, 23 Euro ISBN 978-3-910372-17-7 Lesung von Isabelle Demey Das Mannheimer Literaturfest „lesen.hören“ 2024 Gespräch mit der Kuratorin Insa Wilke Dana Grigorcea – Das Gewicht eines Vogels beim FliegenPenguin Verlag, 224 Seiten, 24 Euro ISBN: 978-3-328-60154-8 Rezension von Carsten Otte Musik: Asa - Lucid Label: Wagram Music
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Feb 25, 2024 • 10min

Elizabeth Strout – Am Meer | Gespräch

Elizabeth Strout erzählt von einer Selbsterkundung im hermetischen Setting, einfühlsam und nah am Alltag der Figuren. Ein Gespräch mit Eberhard Falcke
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Feb 25, 2024 • 7min

Rebecca F. Kuang – Yellowface | Buchkritik

Die Synopsis dieses Romans könnte sehr kurz ausfallen: „Yellowface“ ist ein Buch über eine junge, erfolglose Autorin, die das Manuskript ihrer verstorbenen Kollegin stiehlt und als ihren eigenen Roman veröffentlich, der zum Bestseller wird. Ein Plagiat! Eine offensichtliche Ungeheuerlichkeit. Der Diebstahl ist allerdings nur eine von vielen Ungeheuerlichkeiten in dieser Geschichte. Denn ganz so simpel ist es dann doch nicht. Aber für simple Geschichten ist „Yellowface“-Autorin Rebecca F. Kuang auch nicht bekannt. Die 27-Jährige Kuang ist kommerziell mega erfolgreich, ein Shooting Star der amerikanischen Buchlandschaft. Zwei Autorinnen unterschiedlicher Herkunft, aber nur eine hat Erfolg Ähnlich wie Athena Liu, eine Figur im aktuellen Roman „Yellowface“: Auch sie ist eine erfolgreiche Schriftstellerin. Im Gegensatz zu June Hayward. Sie bewundert und beneidet Athena, die sich zu everybodys darling der Verlagswelt gemausert hat. Junes Debutroman hingegen floppte.  June ist weiß. Athena Sino-Amerikanerin. Und ihre ethnische Herkunft sei für den Erfolg nicht irrrelevant, findet June. Sie ist die Ich-Erzählerin, die durch den Roman führt. Der Literaturbetrieb sucht sich einen Gewinner oder eine Gewinnerin aus – attraktiv genug, cool und jung und, mal ehrlich, wir denken es doch alle, also sprechen wir es doch aus, »divers« genug – und überschüttet diese Person mit Geld und Unterstützung. Es ist so verdammt willkürlich. Quelle: Rebecca F. Kuang – Yellowface Die Handlung nimmt mit einem absurden Unfall ihren Lauf: In einer Partynacht erstickt Athena bei einem Pancake-Wettessen mit June. June nutzt die Gelegenheit und steckt das unveröffentlichte Manuskript der Toten ein. „Die letzte Front“ ist der Titel, es handelt von der Geschichte chinesischer Arbeiter, die von der britischen und französischen Armee im Ersten Weltkrieg an die alliierte Front geschickt wurden. June gibt den Text als den ihren aus, allerdings nicht, ohne ihn zu überarbeiten. Wenig sensibel streicht June chinesische Namen, Zeichen oder kulturelle Anspielungen. Die weißen Figuren macht sie etwas weniger rassistisch. Sogar eine Liebesgeschichte baut sie ein. Natürlich nur um der Lesbarkeit für das Publikum willen – so rechtfertigt die Erzählerin ihr Handeln zumindest. Das gestohlene Manuskript wird zum Bestseller Für einen schwindelerregend hohen Vorschuss verkauft sie „Die letzte Front“ an einen renommierten Verlag namens Eden. Sie ist im Schriftsteller:innen-Himmel angekommen. Dort empfängt man sie mit offenen Armen und weisen Ratschlägen: Sie schlagen vor, dass ich anstelle von June Hayward unter dem Namen Juniper Song veröffentliche (»Dein Debüt hat nicht ganz die Zielgruppe erreicht, die wir uns jetzt erhoffen, und da ist es besser, einen Neuanfang zu wagen. Und Juniper ist so einzigartig. Was ist das für ein Name? Klingt fast ›Native American‹«). Niemand spricht darüber, dass »Song« vielleicht anders wahrgenommen werden könnte als »Hayward«. Niemand spricht explizit darüber, dass man »Song« für einen chinesischen Namen halten könnte (…). Quelle: Rebecca F. Kuang – Yellowface „Yellowface“ greift die Fragen auf, die bei den Neuveröffentlichungen der Gegenwart stets mitschwingen, Fragen nach Repräsentation in der Kreativindustrie: Wer darf welche Geschichten schreiben? Wer welche Perspektiven einnehmen? Welche Rollen spielen Kategorien wie Herkunftsgeschichte, sexuelle Identität, Gender oder Race dabei? Eine unzuverlässige Ich-Erzählerin Es ist ein dialektisch cleverer Schachzug, dass Kuang, selbst Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, die Geschichte aus einer weißen Perspektive erzählen lässt. Auch wenn June keine zuverlässige Ich-Erzählerin ist. Sie belügt sich ständig selbst – und damit auch uns Lesende. Ihr mehr als ambivalentes Verhältnis zu Athena entfaltet sich erst im Laufe der Erzählung. Es enthüllt: Auch Athena scheute nicht vor kruden Methoden bei der Beschaffung von schriftstellerischem Material zurück. „Die letzte Front“ wird ein Bestseller. Die Spannung in der Erzählung entsteht durch die Frage: Wird Junes Lüge auffliegen? Kuang schreibt in klaren, schnörkellosen Sätzen, pointiert und scharfzüngig. Die Erzählung wird immer temporeicher, je tiefer June in die Abwärtsspirale gerät. Sie isoliert sich und verfolgt beinahe obsessiv die Diskussion um „Die letzte Front“. Die findet online statt. Es ist ein Konglomerat aus Tweets, Memes, Shitstorms, YouTube Reaction Videos und Todesdrohungen. Shitstorms, Hassnachrichten und Memes Einige Kritiker:innen verdächtigen June tatsächlich des Plagiats. Andere werfen ihr vor, mit der Geschichte in „Die letzte Front“ als weiße Frau vom Leid der chinesischen Arbeiter zu profitieren. June sieht sich mit Rassismusvorwürfen konfrontiert. Den grotesken Höhepunkt erreicht „Yellowface“, als June sich plötzlich von Athena Lius Geist verfolgt fühlt. Dieser taucht – wie sollte es auch anders sein – zuerst auf Social Media auf. Im Nachwort schreibt Kuang, „Yellowface“ sei ein Roman über Einsamkeit in einer hart umkämpften Branche. Enge Vertraute haben ihre Figuren nicht, weder June noch Starautorin Athena. Dafür ist der Druck immens: Nach dem Bestseller „Die letzte Front“, sind die Erwartungen an June Haywards – oder Juniper Songs – nächstes Werk groß. Sie muss neues zu Papier bringen. Ich muss einen Schritt weiter gehen. Ich muss über Dinge schreiben, die weiße Menschen nicht jeden Tag zu Gesicht bekommen. Quelle: Rebecca F. Kuang – Yellowface Eine doppeldeutige Genremischung Kuang kombiniert Elemente unterschiedlicher Genres: „Yellowface“ ist eine Satire auf den Literaturbetrieb. Eine Spukgeschichte. Ein spannender Verlagswelt-Thriller. Ein Bildungsroman. Sie kritisiert rassistische Zustände in der Verlagswelt und erzählt von der Erbarmungslosigkeit der Sozialen Medien. „Yellowface“ ist kein subtiler Roman. Er fordert ständig dazu auf, das Verhalten der Figuren moralisch zu beurteilen. Doch so direkt, wie es auf den ersten Blick scheint, ist Kuangs Buch nicht. Die Doppeldeutigkeit liegt in der vermeintlich selbstreflexiven Erzählweise. Der Text spielt mit einer Erkenntnis der Ich-Erzählerin über das Schreiben: Die Wahrheit ist fließend. Man kann die Geschichte immer in eine andere Richtung drehen, immer Sand in das narrative Getriebe streuen. Das habe ich aus der ganzen Sache gelernt, wenn auch sonst nicht viel. Quelle: Rebecca F. Kuang – Yellowface Während Kuangs Fantasyromane „Babel“ oder die Mohnblumen-Trilogie durch vielschichtige Charaktere, aufwendiges Worldbuilding und überraschende Elemente überzeugen, ist „Yellowface“ ein vergleichsweises schlichtes Buch. Trotzdem lohnt sich die Lektüre: „Yellowface“ ist ein spannender, dynamischer Roman einer klugen Autorin über aktuelle Diskursthemen. In der Bildsprache der Sozialen Medien gesprochen: Herzemoji für „Yellowface“.
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Feb 25, 2024 • 6min

Das Mannheimer Literaturfest „lesen.hören“ 2024

Über die Gäste und Höhepunkte des zweiwöchigen Festivals in der Alten Feuerwache in Mannheim informiert die Kuratorin Insa Wilke im Gespräch.
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Feb 25, 2024 • 8min

Dana Grigorcea – Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen | Buchkritik

So unterschiedlich die Bücher auch sein mögen, die Dana Grigorcea geschrieben hat, ihre belletristischen Werke eint die erstaunliche Fabulierlust einer Schriftstellerin, die selbst bei ernsten Themen ein Gespür für die humoristische Fallhöhe zeigt. Die rumänisch-schweizerische Autorin weiß, mit historischen Stoffen umzugehen, spielt mit literarischen Vorbildern ohne akademischem Dünkel und greift in ihrer Literatur grundsätzliche Fragen zur Ästhetik und Politik auf. Und das Erstaunliche: Grigorcea schafft es, bei diesem Anspruch nicht nur originelle, sondern immer auch unterhaltsame Prosa zu schreiben. So auch in ihrem aktuellen Roman mit dem seltsamen Titel „Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen“. Die ersten Kapitel des Buchs erklären nicht viel, verstärken vielmehr das Gefühl, keinen festen Erzählboden unter den Füßen zu haben, als sollten nicht nur die Figuren, sondern auch das lesende Publikum herumgewirbelt werden: Ein Text wie ein wilder Tanz, auf unterschiedlichem Parkett, in verschiedenen Epochen. Zunächst tritt eine exaltierte Dame namens Alba Fantoni im mondänen Chiffonkleid auf, die mit ihrem Verlobten Freddie durch den Saal fegt. Das Grammophon gibt den Takt vor, in dem sich die Festgesellschaft bewegt: Nach einem Tango folgt ein grotesker Truthahn-Tanz. Dann eine kurze Pause. Ein Geschenk wird geöffnet. Die Anwesenden starren ein kurioses Kunstwerk an: Es ist Alba Fantoni, zur zierlichen Statuette versteinert, in dunkel glänzendem Onyx. Sie steht auf Zehenspitzen, die Arme dicht am Körper, das Köpfchen im Nacken, einem emporschießenden Vogel gleich. Ihr Mund ist aufgerissen, zum Himmel hin, als würde sie verzückt rufen: `Damenwahl!´ Quelle: Dana Grigorcea – Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen Ein Text wie ein Tanz Nach dem rasanten Romaneinstieg folgt ein Szenenwechsel. Wir befinden uns in der Gegenwart, es gibt Mobilfunk. Die Schriftstellerin Dora, ihr Sohn Loris und das Kindermädchen Macedonia reisen mit dem Zug nach Santa Margherita in Ligurien. In dem schönen Badeort will Dora die Geschichte des Bildhauers Constantin Avis niederschreiben, der einst nicht nur die geheimnisvolle Vogel-Statuette, sondern auch andere Werke geschaffen hat, die für Diskussionen sorgten. Für Dora ist dieser Mann eine passende Projektionsfläche, scheint er doch ein freieres, zumindest aber ein ungebundenes Künstlerleben zu führen. Kaum hat sich Dora im vornehmen Hotel eingerichtet, vermeldet ihr Handy eine Nachricht vom geliebten Regis. Doch die Autorin will sich nicht stören lassen, notfalls „das Telefon im Zimmersafe einsperren“. Nur gelegentlich würde sie an ihn denken, beim Schreiben, sehnsüchtig. Quelle: Dana Grigorcea – Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen Zollfreie Kunst oder kostspielige Manufakturware? Mit dem Sehnsuchtsmotiv geht die Reise wieder zurück in die Roaring Twenties. Der in Paris lebende Künstler Constantin Avis fährt 1926 per Schiff in die Vereinigten Staaten und bekommt es noch im Hafen mit der Zollbürokratie zu tun. Die Kontrolleure wollen einen Bronzevogel in seinem Gepäck nicht als Kunstwerk anerkennen. Sie halten das Objekt für „Manufakturware“, die es zu verzollen gilt. Das Argument der Beamten: Die behauptete Ähnlichkeit mit einem Vogel sei nicht erkennbar, es handele sich lediglich um ein Stück Metall. Der Künstler erklärt zwar, er habe den „Flug eines Vogels“ dargestellt, aber auf solche Spitzfindigkeiten wollen sich die Hüter des Gesetzes nicht einlassen. Die Bronzefigur wird so lange beschlagnahmt, bis die Zoll-Gebühren gezahlt sind. Womit wir schon bei einem Kernthema des Romans sind: Worin besteht das Wesen der Kunst? Wo verläuft die Grenze zwischen Gegenständen des Alltags und Objekten, die nach ästhetischen Prinzipien geformt sind? Der New Yorker Fall ist historisch verbrieft und erinnert an den rumänisch-französischen Bildhauer Constantin Brâncuși, der einen ähnlichen Streit mit den amerikanischen Zollbehörden gerichtlich klären ließ. Die Geschichte des Romans aber zielt noch auf ganz andere Merkmale und Motive der Kunst ab. Womit Grigorceas Roman wieder in die Welt der Schriftstellerin springt. Das Schreiben ging ihr leicht von der Hand. Wörter flogen ihr zu, Sätze, Rhythmen. Sie schrieb sich in einen Rausch – ein schneller Tanz, in heimlicher Freude über ihre Allmacht, jeden Akkord und auch jeden Schritt in diesem Raum vorherbestimmt zu haben. Quelle: Dana Grigorcea – Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen Schreiben und Mutterschaft Dora genießt die literarische und lebensweltliche Freiheit, auch weil sie um die harte Konkurrenz von Mutterschaft und Schriftstellerei weiß. Sie kennt die ökonomischen Herausforderungen ihres Berufs sehr genau; in Ligurien ist sie nur dank eines Stipendiums. So spiegelt sich die fiktive Autorin in ihrer Künstlerfigur Constantin, der sich ebenfalls mit finanziellen Problemen und der Frage herumplagt, ob er schnell mal eine Figur aus Pappmaché für eine Filmproduktion herstellen soll – obwohl er solche Auftragsarbeiten ablehnt. In der Schmonzette mit dem Arbeitstitel „Damenwahl“ soll die legendäre Schauspielerin Alba Fantoni nach einer abgeschmackten Tanzszene zu Stein erstarren. Allmählich erschließen sich also die Hintergründe des Romananfangs: Der Regisseur des zweifelhaften Streifens sucht dringend einen Bildhauer, der ein Objekt herstellen kann, das die versteinerte Fantoni darstellt. Constantin Avis lässt sich auf das Geschäft ein. Der Künstler ist sogar stolz auf sein Werk aus Pappmaché, das wie ein echter Achatstein aussieht und durchaus Ähnlichkeiten mit der Schauspielerin aufweist. Bester Laune besucht er das Film-Set, um dort zu erfahren, dass die Stummfilm-Diva gar nicht mehr vor der Kamera steht, sondern vom Tonfilmregisseur kurzerhand abserviert worden ist. Constantin kann es nicht fassen, dass alle außer ihm Bescheid wissen, sogar ein „Servierfräulein mit schriller Stimme“: Ihre Zeit ist abgelaufen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Quelle: Dana Grigorcea – Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen Verrohung im Kulturbetrieb Dana Grigorcea weiß die fehlenden Puzzlesteine der Erzählung im richtigen Moment ins Romanmosaik einzusetzen. Die Handlungsstränge, zwischen denen hundert Jahre liegen, werden dabei im Verlauf des Romans so eng miteinander verknüpft, dass die Zeit dazwischen durch die geschickte Komposition zu verschwinden scheint. Eingeführte Metaphern tauchen in verwandelter Form immer wieder auf; Grigorcea verbindet Vergangenheit und Gegenwart durch signifikante Tiermotive oder mittels eines prächtigen Vorhangs, der durch die Zeiten flattert. Auch die Geschichten der Figuren werden epochenübergreifend erzählt: Dass beispielsweise Stummfilmstar Fantoni aus dem ligurischen Küstenort kommt, in dem Dora schreibt, ist kein Zufall, steht sie doch beispielhaft für eine Kultur, in der die alten Stars schnell vergessen werden. Gegen den schlechten Stil der flüchtigen Moderne beschwört Grigorcea hingegen ein doppeltes Glück, nämlich in der Kunst und in der Liebe gleichermaßen abzuheben. Was keineswegs allen Figuren im Roman gelingt: Constantin wird zwar vor Gericht als Künstler anerkannt, seine Kreativität aber scheint er in einer oberflächlichen Beziehung zu verschwenden. Dora hingegen wird ihren Roman zu Ende schreiben, weil sie sich für ein Leben mit dem richtigen Liebhaber entscheidet. Wie Vögel ein Maximalgewicht nicht überschreiten dürfen, um abheben zu können, wird auch sie im entscheidenden Moment unnötigen Ballast abwerfen, um sich und ihre Kunst zum Fliegen zu bringen. Dana Grigorcea hat einen Roman über die Bedingungen der Möglichkeit von Liebe und Kunst geschrieben – und ganz nebenbei ein äußerst passendes Bild für die volatile Arbeit als Schriftstellerin gefunden. „Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen“ lässt sich auch als Essay lesen, der undogmatisch über weibliche und männliche Kunstideale nachdenkt, der aktuelle Diskurse im Kulturbetrieb auf sehr amüsante Weise aufgreift und sie mit den Mitteln der Literatur unterläuft.
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Feb 25, 2024 • 6min

Han Kang – Griechischstunden | Buchkritik

Der neue Roman der südkoreanischen Autorin Han Kang löst schlichte Kausalitäten auf und erzählt in sich vernetzenden Motiven von Verlust und Einsamkeit, aber auch von Wandlung. Können Griechischstunden heilsam wirken? Versperrte Seelentüren öffnen? Vor dem völligen Verstummen retten? Ja, das können sie – zumindest im neuen Roman von Han Kang. Darin verliert eine Koreanerin ihre Sprache. Kein Wort bringt sie mehr heraus. Ein Psychologe meint, es läge daran, dass ihre Mutter kürzlich gestorben sei und dass sie das Sorgerecht für ihren 9-jährigen Sohn an ihren Exmann abtreten musste. Doch so einfach ist es nicht. Still war die Erzählerin immer schon. Damals, als sie noch sprach, war ihre Stimme leise. Das lag nicht an ihren Stimmbändern und auch nicht an ihrer Lungenkapazität. Sie wollte einfach ihre Möglichkeiten nicht ausnutzen. Jeder Mensch füllt so viel Raum aus, wie es dem Volumen seines Körpers entspricht, aber die Stimme kann darüber hinausgehen. Sie jedoch wollte sich nie über ihre Grenzen hinweg ausbreiten. Quelle: Han Kang – Griechischstunden Altgriechisch: eine Sprache ohne Sprechen Auch Han Kang spricht selbst sehr leise. Wie schon in ihren früheren Büchern lotet sie in „Griechischstunden“ Seelenleben aus, erzählt von Erschütterungen, belässt Kausalitäten aber stets im Ungefähren. Einen Druck, nach dem Erfolgsroman „Die Vegetarierin“ etwas Marktgängiges schreiben zu müssen, spürt man an keiner Stelle. „Griechischstunden“ ist vielmehr ein schwermütiges Buch, das millimeterweise von innerer Wandlung erzählt. Schon eine Weile verstummt, schreibt sich die Erzählerin geradezu intuitiv an einer Privatschule in Seoul für einen Altgriechisch-Kurs ein. Vielleicht sind es die fremdartigen Buchstaben, die lösend wirken. Oder das Wissen, dass Altgriechisch längst verklungen ist. Eine Sprache ohne Sprechen. Die Erzählerin selbst mag vor allem eine zwischen Aktiv und Passiv liegende altgriechische Grammatikstruktur, die „Medium“ heißt und eine Handlung beschreibt, die vom Handelnden ausgeht und zugleich auf ihn zurückwirkt. Genau diese Erfahrung macht die Verstummte auch im Unterricht, der sie langsam wieder mit Worten in Kontakt bringt. In keiner Sprache mehr zuhause Für ihren Dozenten wiederum war das Altgriechische ein Netz, das ihn auffing, als er in keiner Sprache mehr zuhause war. Er wuchs in Korea auf, zog als Jugendlicher aber mit seinen Eltern nach Deutschland. Damals hatte er einen wiederkehrenden Traum. In diesem Traum saß ich bei Sonnenuntergang in einem Bus, und die Zeichen, die ich durch die Fensterscheiben sah, konnte ich nicht einordnen, weder als deutsch noch als koreanisch. Daraufhin wollte ich sofort aussteigen, denn offensichtlich war ich hier falsch. Aber an welcher Station? Welchen anderen Bus musste ich nehmen, sollte ich überhaupt aus diesem herauskommen? Das Schlimmste war, dass ich mich nicht einmal erinnern konnte, wohin ich eigentlich wollte. So blieb mir nichts anderes übrig, als reglos hinten im Bus zu sitzen und auf die immer dunkler werdende Straße zu starren. Quelle: Han Kang – Griechischstunden Platons Höhlengleichnis: Schatten und Sonne Dunkelheit spielt für ihn eine besondere Rolle, denn er erblindet nach und nach. Auch deshalb spricht er im Unterricht gern von Platons Höhlengleichnis: Wie verlockend es wäre, nicht nur in der Höhle zu sitzen und die Schatten des Lebens zu beobachten, sondern direkt in die Sonne zu schauen. Und wie verlockend auch, sich in einer realen Welt, die sich ihm verdunkelt, von den Realia ab- und Platons reinen Ideen zuzuwenden. Auch eine Art, sich vor der Welt zu verschließen. Darin ähneln sich Dozent und Schülerin, die übrigens beide in ihren 30ern sein dürften. Mann ohne Augenlicht und Frau ohne Sprache Die Einsamkeit der Frau wiegt hier stilistisch allerdings schwerer als die des Dozenten. Von ihr, die nicht mehr selber spricht, wird aus einer distanzierenden Sie-Perspektive erzählt, während der Dozent als ein Ich auftritt und auch längere Reden an die Menschen richtet, die ihm besonders fehlen: seine erste große Liebe, seine in Deutschland lebende Schwester und sein verstorbener bester Freund. Es ist fast ein Wunder, dass der Mann ohne Augenlicht und die Frau ohne Sprache einander näherkommen. Es kam vor, dass sie sich gegenseitig beobachteten und auf den rechten Augenblick warteten. Während des Kurses. Während der Pause auf dem Gang, vor dem Verwaltungsbüro. Immer vertrauter wurde ihr sein Gesicht. Seine Narbe, seine übliche Gestik und Mimik wurden zu einer besonderen Narbe, einzigartiger Bewegung und individuellem Mienenspiel. Aber sie maß dem keine Bedeutung bei. Weil sie diesen Prozess noch nie in Sprache verwandelt hatte. Quelle: Han Kang – Griechischstunden Mit Sprache entsteht Vereindeutigung. Was ein Handeln nach sich zieht. Was dann – wie im altgriechischen „Medium“ – auf die Figuren zurückwirkt. Tatsächlich führt Han Kang die kapitelweise getrennten Erzählstränge ihrer beiden Figuren schließlich zusammen, als der Dozent seine Brille verliert und seine Schülerin ihn nach Hause begleitet. So erleben die beiden etwas Verbindendes und erweitern damit ihrer beider Möglichkeitsraum. Eine kaleidoskopartige Geschichte voll wiederkehrender Motive „Griechischstunden“ ist keine kausalstringente, sondern eine eher kaleidoskopartige Geschichte, in der sich wiederkehrende Motive netzartig verbinden. Da gibt es Sprache und Stimme, Hell und Dunkel, Verlust und Heimatlosigkeit. Han Kangs Bücher wirken in aller Zartheit ja oft schmerzdurchsetzt und düster. Und auch im neuen Buch sind Lehrer und Schülerin einsam und in ihrem Lebensradius quälend begrenzt. Der Umgang mit Sprache aber, der auch dieses Buch selbst ist, führt zu inneren Bewegungen, die schließlich öffnend wirken. Insofern erzählt dieser Roman auch die Geschichte einer einsetzenden Wandlung, die weit über Willen und Entscheidung hinausgeht. Wer so feine und auch ein bisschen unabgeschlossene Geschichten mag, sollte sich „Griechischstunden“ buchen.
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Feb 22, 2024 • 5min

Arne Dahl – Stummer Schrei. Eva Nymans erster Fall

Nach der A-Gruppe und den OpCops kommt jetzt die Sondereinheit NOVA: Der schwedische Beststeller-Autor Arne Dahl startet mit „Stummer Schrei“ eine neue Serie rund um die Stockholmer Polizistin Eva Nyman. Im ersten Band werden sie und ihr Team mit einer Anschlagserie von Ökoterroristen konfrontiert. Aktuell, brisant und spannend - Arne Dahl in Bestform.
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Feb 21, 2024 • 5min

Philipp Oswalt – Bauen am nationalen Haus. Architektur als Identitätspolitik

Die „historische Rekonstruktion“ hat in Deutschland seit der „Wende“ Hochkonjunktur. Philipp Oswalts Buch hinterfragt die geschichtspolitische Programmatik hinter originalgetreuen Nachbauten wie des Berliner Schlosses oder der Potsdamer Garnisonkirche und zeigt am Wiederaufbau der Paulskirche und des Meisterhauses von Gropius in Dessau Alternativen geschichtsbewusster Rekonstruktion auf.

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