

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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May 6, 2024 • 4min
Alka Saraogi – Entwurzelt | Buchkritik
Kalkutta, im Jahr 1999. Wie so oft ist Kulbhushan für Botengänge im Auftrag seiner Brüder unterwegs. Heute aber ist etwas anders: ein Plakat lässt ihn innehalten.
Es hing in der Lower Circular Road, kündigte irgendein Theaterstück an mit dem Titel „Autobiographie“. Darunter stand: „Das Epos vom letzten Jahr des 20. Jahrhunderts“.
Quelle: Alka Saraogi – Entwurzelt
Kulbhushan staunt. Denn der Schauspieler heißt wie er. Und so beginnt er, ein Hindu und Nachfahre einer eingewanderten Marwari-Handelsfamilie, sich zu erinnern: an seine ehemalige Heimat im heutigen Bangladesch, an seinen Freund Shyama – einen muslimischen Wäscher – und an den Fluss Gorai, der einst Teil seines Lebens und seiner Seele war.
Denn all das hat Kulbhushan verloren. Er ist „Entwurzelt“, wie auch der neue Roman von Alka Saraogi heißt: Während seine Brüder unmittelbar vor der Teilung 1947 auswanderten und in Kalkutta Fuß fassen konnten, verließ er die geliebte Heimat erst 1964, aufgrund von sich mehrenden Unruhen gegen Hindus.
Kulbhushan: Außenseiter und Underdog
Wirklich angekommen ist Kulbhushan nie. Im Gegenteil: Seine älteren Brüder betrachten ihn bis jetzt als Eindringling und nutzen ihn als ihren Diener aus.
Die drei älteren Brüder waren verheiratet und mit Familie und Geschäft in Kalkutta etabliert. Nur er war auf der Strecke geblieben. Weder gehörte er richtig zu Indien noch zu Pakistan. Niemand war sein Freund, niemand half ihm.
Quelle: Alka Saraogi – Entwurzelt
Zwar hat er irgendwann geheiratet. Doch seine Frau ist keine Marwari. Seitdem meiden seine Brüder ihn noch mehr; sie fürchten, sich am Essen dieser Frau zu verunreinigen. Kulbhushans Vater wiederum überquert erst 1971 mit Millionen von Flüchtlingen die Grenze, als sich Bangladesch in einem Krieg gewaltsam von Pakistan lossagt.
Es ist dieser Krieg, in dem auch Kulbhushans einziger Freund Shyama sterben wird. Wie Kulbhushan ist er ein Außenseiter in der eigenen Familie:
Als er seiner Mutter mitteilte, er wolle heiraten, entgegnete sie: „Wer wird dir denn seine Tochter zur Frau geben? Ich habe dich von Jogi Baba bekommen. Da warst du schon beschnitten. Du bist weder ein richtiger Muslim noch ein richtiger Hindu. Alle hier wissen das.
Quelle: Alka Saraogi – Entwurzelt
Wie Kulbhushan widersetzt auch Shyam sich dem wachsenden Hass: Er nimmt eine hinduistische Witwe zur Frau und akzeptiert ihr ungeborenes Kind als seins.
Religiöse und kulturelle Grenzen
Alka Saraogi stammt selbst aus einer bengalischen Marwari-Familie und lebt heute in Kalkutta. Ihren Roman spannt sie über vier Jahrzehnte und über beide Seiten der Ost-West-Grenze Bengalens hinweg.
Dabei macht sie deutlich, dass es hier nicht nur um den Hass zwischen Hindus und Muslimen ging: Im Laufe der Jahre kam es auch zu Hass und Gewalt zwischen den Urdu-sprechenden Muslimen in Westpakistan und den bengalischen Muslimen, die in den Augen der pakistanischen Regierung als zu liberal und deshalb als minderwertig galten.
Der Operation Searchlight, 1971 vom damaligen Westpakistan aus gegen die Bevölkerung des heutigen Bangladesch durchgeführt, fielen rund 3 Millionen Bengalis zum Opfer.
Appell an die Gleichheit aller Menschen
Alka Saraogi lässt die damaligen kollektiven Traumata dabei so sensibel wie eindringlich zur Sprache kommen: In zahlreichen Nebensträngen springt die Handlung kunstvoll in der Zeit und zwischen Erzählperspektiven hin- und her. Mit einem begnadeten Auge für lebensechte Details erzählt sie zugleich vom ewigen Leid der Flüchtlinge: von Folter, Vergewaltigung, Diskriminierung und Vertreibung.
Und doch obsiegt in diesem Roman der grundlegende Glaube und der Appell an die Gleichheit aller Menschen, ungeachtet von Hautfarbe, Kaste, Klasse, Gemeinschaft oder Religion. „Entwurzelt“, hervorragend übersetzt von Almuth Degener, kartografiert somit ein komplexes Terrain der Geschichte – und könnte doch, angesichts der globalen Krisenherde, aktueller nicht sein.

May 5, 2024 • 1h 20min
SWR Bestenliste Mai mit Büchern von Louise Glück, Didier Eribon u.a.
Gestritten wurde zum Schluss: Meike Feßmann, Julia Schröder und Christoph Schröder diskutierten vier auf der SWR Bestenliste im Mai verzeichneten Werke in der Stuttgarter Stadtbibliothek.
Auf dem Programm standen mit „Marigold und Rose“ von Louise Glück die einzige Erzählung der für ihre Dichtung ausgezeichnete Literaturnobelpreisträgerin.
Mit „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht“ von Julia Jost ein österreichischer Anti-Heimat-Roman aus ungewöhnlicher Erzählperspektive.
Mit „Am Meer“ von Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Strout ein Pandemie-Roman im tiefgründigen Plauderton.
Und mit „Eine Arbeiterin“ von Bestseller-Autor Didier Eribon eine essayistische Abhandlung über „Leben, Alter und Sterben“ der Mutter. Das Buch löste einen Grundsatzstreit über den zitatgetriebenen Stil des Autors und die soziologische Aufladung der Gegenwartsliteratur auf.
Aus den vier Büchern lesen Isabelle Demey und Johannes Wördemann.

May 5, 2024 • 20min
Julia Jost: Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht | Lesung und Diskusssion
Mit „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht“ legt die Schriftstellerin Julia Jost einen (Anti-)Heimat-Roman aus ungewöhnlicher Erzählperspektive und in einer überbordenden Sprache vor.
Leidet das Prosadebüt der Kärntner Schriftstellerin aber unter der Verwandlung der beschriebenen Abgründe in folkloristisches Dekor? Die Jury, die viele skurrile Einfälle des Buchs heraushebt, ist sich in dieser Frage uneins.

May 5, 2024 • 25min
Didier Eribon: Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben | Lesung und Diskussion
Mit „Eine Arbeiterin“ hat Didier Eribon eine essayistische Abhandlung über „Leben, Alter und Sterben“ der Mutter vorgelegt.
Das Buch des französischen Bestseller-Autors löste in der Jury einen Grundsatzstreit über den zitatgetriebenen Stil des Autors und die soziologische Aufladung der Gegenwartsliteratur auf.

May 5, 2024 • 20min
Elizabeth Strout: Am Meer | Lesung und Diskussion
„Am Meer“ von Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Strout ist ein Pandemie-Roman im tiefgründigen Plauderton.
Meike Feßmann lobt die „starken Figuren“, stört sich aber an der Haltung einer Erzählerin, die nicht nur die chaotische Weltlage, sondern auch die Prosa mit Floskeln der Selbstvergewisserung zu strukturieren versucht.
Christoph Schröder erkennt darin den geglückten Versuch, die Widersprüchlichkeit der privaten und politischen Gemengelage dieser Epoche einzufangen.

May 5, 2024 • 16min
Louise Glück: Marigold und Rose | Lesung und Diskussion
Louise Glücks Erzählung „Marigold und Rose“ ist das einzige Prosawerk der für für ihre Dichtung ausgezeichneten Literaturnobelpreisträgerin.
Meike Feßmann und Julia Schröder lobten die bildstarke Geschichte über Zwillingsschwestern, die sich schon als Baby ihr Erwachsenenleben ausmalen. Christoph Schröder nannte das Buch eine „literarische Fingerübung“.

May 2, 2024 • 4min
Nicola Kuhn – Der chinesische Paravent. Wie der Kolonialismus in deutsche Wohnzimmer kam
Als Kind stand Nicola Kuhn in ihrem Elternhaus oft vor einem meterhohen Wandschirm aus China. Auf ihm reißt ein Drache sein Maul auf, bleckt seine Zähne und fährt seine Krallen aus. Damals in ihrer Kindheit habe der Paravent ihre Fantasie regelrecht beflügelt, erinnert sich die Journalistin. Umso mehr als es sich dabei um ein Geschenk des Kaisers von China höchstpersönlich an ihren Urgroßvater handelte. So zumindest erzählte es ihre Mutter. Inzwischen steht der Wandschirm längst in ihrer eigenen Wohnung, berichtet Nicola Kuhn in ihrem Buch „Der chinesische Paravent“, doch ihr Verhältnis zu ihm sei kompliziert geworden.
Für mich transportiert der Paravent neben privaten Erinnerungen heute vor allem koloniale Geschichte und unsere familiäre Involviertheit. Der Blick darauf hat sich geändert, angestoßen durch ein gewachsenes postkoloniales Bewusstsein.
Quelle: Nicola Kuhn – Der chinesische Paravent. Wie der Kolonialismus in deutsche Wohnzimmer kam
Kolonialist und Kriegsgewinnler
Es waren die Wochen des Corona-Lockdowns, in denen sich die studierte Kunsthistorikerin intensiv mit der Herkunftsgeschichte des exotischen Möbelstücks beschäftigte. Und mit ihrem Vorfahren, dem Hamburger Kaufmann Carl Bödiker. Wie sich herausstellte, verdiente der sich um 1900 eine goldene Nase damit, die deutschen Truppen in der Kolonie Tsingtau zu versorgen, die den sogenannten „Boxeraufstand“ niederschlagen sollten, ein verzweifelter Widerstand chinesischer Bauern gegen die Ausbeutung durch die europäischen Kolonialmächte. Dass der Wandschirm ein Geschenk des chinesischen Kaisers war, ist eher unwahrscheinlich; vermutlich gelangte er infolge der Plünderung Pekings in die Hände ihres Vorfahrens, so Kuhn.
Menschenschädel als Trophäe
Mit ihrem Buch zeigt die Autorin auf über 350 Seiten eindrucksvoll, warum sich die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem deutschen Kolonialerbe längst nicht nur Museen oder ethnologischen Sammlungen stellt. Denn Nicola Kuhn erforscht noch zehn weitere Erbstücke in deutschen Wohnzimmern, in denen sich die Kolonialgeschichte des Kaiserreichs verdichtet. Sie stehen exemplarisch für mutmaßlich Abertausende weiterer solcher Artefakte in deutschem Privatbesitz, aus China, Papua-Neuguinea oder Afrika.
Darunter ist vermeintlich Harmloses wie ein ausgestopfter Papagei, Skurriles wie der Gipfelstein des Kilimandscharo oder Martialisches wie ein Kriegerschild aus Deutsch-Ostafrika. Aber auch Abgründiges wie eine Nilpferdpeitsche oder gar der Schädel eines Herero. Ausgehend von diesen Objekten rücken in Kuhns Recherchen die Menschen in den Blick, die diese Dinge einst als Trophäen oder Erinnerungsstücke nach Deutschland gebracht haben, unter ihnen Missionare und Militärs, Künstler und Unternehmer.
Mich interessierte, wie sie sich in den Kolonien zu Rassismus und Unrecht verhielten, welche Wendung dadurch ihr Leben nahm, was die Folgen ihres Handelns für die lokale Bevölkerung waren. Und ich wollte wissen, welche Position die Angehörigen heute zu dieser Vergangenheit beziehen, wie sie mit dem Erbe in Form eines mitgebrachten Hockers oder Silbergeschirrs umgehen, das einst möglicherweise gewaltsam entwendet wurde.
Quelle: Nicola Kuhn – Der chinesische Paravent. Wie der Kolonialismus in deutsche Wohnzimmer kam
Beschönigen, profitieren, zurückgeben?
Tatsächlich sind die Umgangsweisen der heutigen Erben mit diesen Objekten – vielleicht der spannendste Aspekt von Kuhns Buch – denkbar unterschiedlich. Verbreitet ist das Bemühen, dem Familiennarrativ zu folgen und die Taten der Vorfahren zu beschönigen, eine Parallele zum verbreiteten verharmlosenden Umgang mit dem Handeln von Familienangehörigen in der NS-Zeit.
Einige Nachfahren setzen dagegen erstaunlich unbekümmert die Ausbeutungslogik des Kolonialismus fort und versuchen, aus ihrem Erbe auf die eine oder andere Weise Profit zu schlagen. Und dann gibt es noch jene, denen diese Erbstücke inzwischen so unheimlich geworden sind, dass sie sie an die Nachfahren in den Herkunftsländern zurückzugeben versuchen. Mit ihrem Buch ist Nicola Kuhn ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung des deutschen Kolonialerbes im Privaten gelungen. Es ist glänzend recherchiert, faszinierend zu lesen und – lange überfällig.

Apr 29, 2024 • 4min
Marina Münkler – Anbruch der Neuen Zeit – Das dramatische 16. Jahrhundert
Ganz schön mutig, ein dramatisches Jahrhundert wie das sechzehnte auf etwas mehr als 500 Seiten auf den Begriff zu bringen. Marina Münkler, Spezialistin für die frühe Neuzeit und das späte Mittelalter, hat dieses Wagnis auf sich genommen. Was waren, Münklers Analyse zufolge, die entscheidenden Verwerfungen, die sich in der Spät-Renaissance vollzogen haben?
Ich habe versucht, in meinem Buch drei zentrale Konfliktfelder zu entfalten. Das ist einmal die Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich. Stichwort: die Türken – keine korrekte Bezeichnung für das Osmanische Reich, aber es ist auch immer von den „Türken“ und den „Türkenkriegen“ gesprochen worden in der Zeit. Das Zweite ist die Entdeckung und Eroberung der Neuen Welt, also die Errichtung einer ziemlich grausamen Herrschaft über bis dahin völlig unbekannte Gebiete. Und das dritte ist die Reformation. Und ich glaube, man kann das charakterisieren mit den drei Worten: die „Türken“, die „Heiligen“ und die „Wilden“. Und dann hat man dieses Jahrhundert, glaube ich, angemessen charakterisiert, wobei man immer bedenken muss, dass man kein Jahrhundert quasi vollständig aus erzählen kann.
Quelle: Marina Münkler – Anbruch der Neuen Zeit – Das dramatische 16. Jahrhundert
Kolonialismuskritischer Diskurs bereits im 16. Jahrhundert
Im Südosten musste sich das christliche Europa im 16. Jahrhundert der anstürmenden Osmanen unter Sultan Süleyman dem Prächtigen erwehren. Zur gleichen Zeit eroberten spanische und portugiesische Konquistadoren weite Teile Mittel- und Südamerikas. Marina Münkler beschreibt nicht nur die Grausamkeiten der Konquistadoren, sie rekapituliert auch – überaus spannend – den kolonialismuskritischen Diskurs, der bereits im 16. Jahrhundert aufkam.
Die Eroberung des südamerikanischen Kontinents hat erhebliche Diskussionen ausgelöst. Zum einen gibt es sowohl auf kirchlicher als auch auf weltlicher Seite eine ganze Reihe von Leuten, Theologen oder Juristen, die das vehement als gerechtfertigt vertreten. Es gibt aber auch überaus scharfe Kritik daran. Bartolomé de Las Casas ist der berühmteste Name in diesem Kontext – ein Dominikaner, der ursprünglich selbst mal einer von diesen Eroberern gewesen ist, sich dann aber bekehrt hat und danach tatsächlich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versucht hat, die sogenannten Indios, zu schützen. Und das ist schon spannend, diese Diskussion, die es da gibt.
Quelle: Marina Münkler – Anbruch der Neuen Zeit – Das dramatische 16. Jahrhundert
Erfindung des Buchdrucks bewirkt Medienrevolution
Auch die mediengeschichtliche Revolution, die sich im 16. Jahrhundert vollzieht, nimmt Marina Münkler in ihrem Buch in den Blick. Die neue Technik des Buchdrucks, von Martin Luther und seinen Mitstreitern gekonnt eingesetzt, bringt neben einem Zuwachs an Bildung und anderen Segnungen auch weniger schöne Seiten mit sich. Die öffentlichen Debatten werden bösartiger und gehässiger, stellt Münkler fest.
Das ist ein Eindruck, der sich aufdrängt, dass die Kommunikation im 16. Jahrhundert eine Dynamik entfaltet und auch eine hasserfüllte Aggressivität, wie wir sie heute auch wieder sehen, ohne dass ich denken würde, man muss das zu direkt vergleichen. Eher kann man sagen, es zeigt sich, dass der Konfliktaustrag in dem Moment ein anderer wird, in dem eine dynamische mediale Situation besteht. Und das ist im 16. Jahrhundert eben der Fall, dadurch, dass die Flugschrift sich entwickelt, dass es die sogenannten neuen Zeitungen gibt, und dass jetzt alle Konflikte sehr schnell in viel breitere Schichten getragen werden. Und interessanterweise geht das mit einer Sprache einher, die sehr stark auf Verunglimpfung, Schmähung, Herabsetzung setzt.
Quelle: Marina Münkler – Anbruch der Neuen Zeit – Das dramatische 16. Jahrhundert
Mit ihrem Epochenpanorama, flüssig und wohltuend unakademisch geschrieben, gelingt Marina Münkler das eindrucksvolle Porträt eines Jahrhunderts, das in vielem auch unsere Gegenwart noch prägt.

Apr 28, 2024 • 55min
Ein Tusch für Karl Kraus zum 150. Geburtstag und neue Bücher u. a. von Louise Glück und Abdulrazak Gurnah
Neues von Nobelpreisträgern
Gleich zwei Literaturnobelpreisträger haben wir heute in der Sendung:
Louise Glücks letzte Erzählung „Marigold und Rose“ ist eine wunderbare Erkundung über die Bedeutung der Sprache.
Abdulrazak Gurnah erzählt mit „Das versteinerte Herz“ eine berührende und kraftvolle Coming-of-Age-Geschichte aus dem Sansibar der 70er Jahre.
Locken auf der Glatze drehen: Zum 150. Geburtstag von Karl Kraus
„Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen“: Der Spruch stammt vom großen Satiriker und Sprachkritiker Karls Kraus. Wir drehen ihm diesmal sehr viele Locken auf der Glatze:
Ein Gespräch zu seinem 150. Geburtstag am 28. April mit Interview mit Katharina Prager, der stellvertretenden Direktorin der Wienbibliothek im Rathaus und Mit-Herausgeberin des 2022 erschienenen Karl Kraus Handbuchs.
Die rote Mütze, Symbol der Französischen Republik
Was nur wenige wissen: Die rote Mütze, die zum Symbol der Französischen Republik wurde, war ursprünglich die Kopfbedeckung von Schweizer Söldnern, die in den französischen Revolutionswirren Ende des 18. Jahrhunderts meuterten und hart bestraft wurden.
Der Schweizer Daniel de Roulet beleuchtet in „Die rote Mütze“ das Schicksal von Schweizer Söldnern, die in die französischen Revolutionswirren Ende des 18. Jahrhunderts geraten.
Übernatürliches fasziniert
Der amerikanische Journalist Sam Knight stieß auf eine verrückte Geschichte aus den 60er Jahren: Da eröffnete Dr. John Barker - mit einem Faible für Paranormales - ein Büro, in dem seherische Aussagen für die Zukunft gemacht wurden. Dem „Büro für Vorahnungen“ hat Knight jetzt ein skurril-witziges Buch gewidmet.
Kein Wort ist überflüssig
Claire Keegan ist eine Meisterin der kurzen Form. Kein Wort zuviel steht in ihren Erzählungen; jedes Detail hat eine Bedeutung.
Das beweist die Irin auch in ihrem neuen Buch, der Erzählung „Reichlich spät“: eine brillante Analyse toxischer Männlichkeit auf 60 Seiten.
Musik: Timber Timbre – Lovage Label: PIAS

Apr 28, 2024 • 5min
Claire Keegan – Reichlich spät
Claire Keegan kann Männer. Das hat sie in ihren voran gegangenen Büchern bewiesen. Cathal, der Protagonist ihrer neuen, gerade einmal 60 Seiten umfassenden Erzählung „Reichlich spät“, ist allerdings kein Sympathieträger. Kein gewissenhafter Familienvater wie Bill Furlong in „Kleine Dinge wie diese“, kein barmherziger Beschützer wie Mr. Kinsella in „Das dritte Licht“.
Cathal ist ein Durchschnittsmann, und das ist das Schlimme daran. Wir begleiten ihn über gerade einmal 60 Seiten hinweg durch einen Tag seines nicht sonderlich spektakulären Lebens.
Ein kleingeistiger und misogyner Held
Cathal ist kein ganz junger Mann mehr, Angestellter in einer Behörde in Dublin, lebt aber in der kleinen Küstenstadt Arklow, etwa 70 Kilometer südlich von Dublin. Der Tag, an dem die Erzählung einsetzt, sollte der Tag sein, an dem Cathal und seine Verlobte Sabine heiraten.
Warum es nicht dazu kommt, erklärt der Erinnerungsfilm, der in Cathals Kopf abläuft. Zwei Jahre zuvor hatten Cathal und Sabine sich auf einer Tagung kennengelernt. Sabine mag das Leben auf dem Land.
Sie sammelt Pilze und Nüsse, kocht für Cathal, schläft mit ihm, alles mit scheinbarer Selbstverständlichkeit. Doch in Cathals Blick auf Sabine liegt das Grundmissverständnis dieser Beziehung:
Fast alles, was sie nach Hause brachte, bereitete sie mit einer Leichtigkeit und einer Geschicklichkeit zu, die Cathal für Liebe hielt.
Quelle: Claire Keegan – Reichlich spät
Es ist glänzend, wie Claire Keegan es gelingt, ihren Protagonisten auf subtile Art und Weise zu entblättern, zu seinem kleingeistigen und misogynen Kern vorzudringen, ohne ihn explizit anzuklagen oder zu denunzieren.
Es sind wie immer bei Claire Keegan die sprechenden Details, die ihre Figuren indirekt charakterisieren; unbewusste Gesten, unkontrollierte Reaktionen. Sabine will, das ist die Schlüsselszene der Erzählung, im Supermarkt Kirschen für einen Kuchen kaufen; Cathal erklärt sich bereit, sie zu bezahlen.
Mehr als sechs Euro kosten sie. Dieser vermeintlich unverschämte Preis wird noch Wochen später Thema sein zwischen den beiden. Der Heiratsantrag, den Cathal Sabine am selben Abend macht, wenn man ihn überhaupt so nennen kann, fällt dementsprechend aus:
Willst du nicht mal darüber nachdenken?‘‚Worüber genau?‘‚Darüber, ein gemeinsames Leben aufzubauen, ein Zuhause zu schaffen, hier mit mir. Es gibt keinen Grund, weshalb du nicht hier wohnen solltest, statt woanders Miete zu zahlen. Dir gefällt es hier – und du weißt, dass keiner von uns beiden jünger wird.‘
Quelle: Claire Keegan – Reichlich spät
Reflexion auf Frauenfeindlichkeit
Claire Keegan erweist sich auch in diesem schmalen Werk als eine Meisterin in der Darstellung von Machtstrukturen. Ganz unmerklich dreht sie in „Reichlich spät“ die Verhältnisse um.
Im letzten Drittel wird die Erzählung zu einer Reflexion auf vererbte Verhaltensmuster und gesellschaftlich internatlisierte Frauenfeindlichkeit. In seiner Wohnung sitzend, die für den Hochzeitsabend reservierte Champagnerflasche trinkend, ruft Cathal sich noch einmal die Gespräche ins Gedächtnis, die er mit Sabine geführt, die Vorwürfe, die sie ihm gemacht hat.
Das Raffinierte daran ist, dass er in allem, wie er Sabines Vorhaltungen ihm gegenüber für sich einordnet, ihre Sichtweise bestätigt. Cathal erinnert sich an einen Vorfall aus seiner frühen Erwachsenenzeit, als er mit seinem Bruder und dem Vater am Esstisch saß.
Die Mutter hatte Pfannkuchen gebacken. Als sie sich setzen wollte, zog der Bruder ihr den Stuhl weg; die Mutter fiel rücklings zu Boden und landete in den Scherben ihres Tellers. Alle drei Männer am Tisch lachten. Der Vater am lautesten. Kurz kommt Cathal, vom Champagner seiner abgesagten Hochzeit langsam beschwipst, ins Grübeln. Aber nur kurz:
Falls ein Teil von ihm sich fragen wollte, wie er sich wohl entwickelt hätte, wäre sein Vater ein anderer Typ Mann gewesen und hätte nicht gelacht, so unterdrückte Cathal den Gedanken. Er sagte sich, dass der Vorfall nichts zu bedeuten habe.
Quelle: Claire Keegan – Reichlich spät
Kein überflüssiges Wort
Über Claire Keegan wird gesagt, dass es in ihren Texten niemals auch nur ein überflüssiges Wort gibt. Und dass jedes Wort bei ihr auch von Bedeutung ist. „Reichlich spät“ ist ein brillantes Literatur-Kabinettstück, nicht so emotional mitreißend und bewegend wie die lange Erzählung „Das dritte Licht“.
Der Blick ist kälter, schärfer. Er richtet sich auf einen Jedermann-Charakter, der als Prototyp einer innerlichen Verrohung gezeigt wird. Ein Mann, der in der Tristesse seiner Einsamkeit einen letzten Triumph feiert: Weder vor noch nach dem Pinkeln wird Cathal, so denkt er sich, zukünftig den Deckel der Toilette herunterklappen müssen.


