

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Jun 16, 2024 • 55min
lesenswert Magazin: Neue Bücher für die Halbzeit
Fußball EM und Pride Month prägen diesen Juni. Und es gibt auch Verbindungen zu neuen Büchern von Isabel Waidner, Paula Irmschler und Hiroko Oyamada.
Surreale Welten
Traumhaft und surreal ist das Leben in Hiroko Oyamadas Roman „Das Loch“. Eine junge Frau folgt einem schwarzen Tier und fällt in ein Loch – Alice im Wunderland lässt grüßen!
Ebenfalls surreal und dazu queer ist der Roman „Vielleicht ging es immer darum, dass wir Feuer spucken“ von Isabel Waidner. Im Mittelpunkt: Sterling Beckenbauer, dessen Vater ein homosexueller Franz Beckenbauer ist. In London wird Sterling Opfer von queerfeindlichen Stierkämpfern. Ein Angriff, der alptraumhafte Folgen hat.
Acht Jahre lang arbeitete der Illustrator Tobi Dahmen an seiner Graphic Novel „Columbusstraße“. Darin erzählt er sehr persönlich die Geschichte seiner Familie in der Zeit des Nationalsozialismus. Herausgekommen ist eine vielschichtige und bestürzend aktuelle Graphic Novel.
„Ostfrauen-Mythos“ liebevoll entlarvt
„Meine Figuren sind keine Stellvertreterinnen für ihre Biographie“, sagt Satirikerin und Autorin Paula Irmschler über ihren Roman „Alles immer wegen damals“. Wir sprechen mit ihr über die komplizierte Mutter-Tochter-Geschichte und entlarven den Mythos „Ostfrau“.
Es gibt wieder eine Neuübersetzung von Annie Ernaux: „Eine Leidenschaft“ ist ein schmales Büchlein, das von einer schmerzlichen Affäre erzählt.
Musik: Billie Eilish – Hit me hard and soft, Label: UNIVERSALThe Cranberries – No need to argue, Label: Island RecordsFrançoise Hardy – Salut les idoles, Label: MUSIDISC

Jun 16, 2024 • 11min
Paula Irmschler – Alles immer wegen damals
Karla ist ein richtiger „Drinnie“: Am liebsten ist sie für sich, putzt, mistet aus und verbringt Zeit mit ihrer Freundin. Aber so einfach ist es nicht. Die Ausbildung in Köln lässt sie schleifen, ihre Freundin studiert weit weg in Leipzig und dann sind da noch die vielen Ticks und Neurosen, die Karla hat.
Und der Streit mit ihrer Mutti Gerda, mit der hat sie seit zwei Jahren nicht gesprochen. In „Alles wegen damals“ zeichnet Paula Irmschler eine komplizierte Mutter-Tochter Beziehung und entlarvt den „Ostfrauen-Mythos“ auf liebevolle Weise.

Jun 16, 2024 • 7min
Tobi Dahmen – Columbusstraße
Columbusstraße 7 in Düsseldorf. In der hohen, schlanken Villa mit Erker und Fachwerkgiebel lebt Rechtsanwalt Karl Dahmen mit seiner Familie. Im imposanten Eckhaus schräg gegenüber: die Parteizentrale der NSDAP. Sehr zum Missfallen des Rechtsanwalts, einem überzeugten Katholiken und ehemaligen Mitglied der Zentrumspartei.
Es ist das Jahr 1935, vier Jahre später wird Karl Damen die unliebsamen Nachbarn aufsuchen, um seine Mitgliedschaft bei der Partei zu beantragen. Woher dieser Gesinnungswandel, mit welchen Parolen, welchen Versprechungen konnten die Nazis die Menschen erreichen?
Es sind gerade solche Fragen, die viele Jahrzehnte später den Enkel und Comiczeichner Tobi Dahmen bei der Erforschung seiner Familiengeschichte angetrieben haben:
Das ist keine Geschichte einer strammen Nazifamilie. Das glaube ich schon behaupten zu können. Aber eben eine Familie, die wie so viele so langsam immer weiter in diese Zahnräder dieses Regimes hineingezogen werden, weil alles andere mit großer großer Gefahr verbunden gewesen wäre.
Quelle: Tobi Dahmen
Ein wertvoller Fund: Fotos und Briefe im Nachlass des Vaters
Tatsächlich hat der Druck auf den Großvater, der anfangs noch Regimegegner vertreten hat, stetig zugenommen. Als der Rechtsanwalt eine obdachlose Familie lautstark in der Öffentlichkeit verteidigt, wird er zur Gestapo vorgeladen. Man macht ihm klar, dass er auf der Liste und unter Beobachtung steht.
Als er schließlich seine Zulassung verliert, sieht er sein Heil darin, unter die Fittiche der Partei zu kriechen. Es ist eine Mischung aus Verzweiflung, Demütigung und Scham, die Tobi Dahmen seinem Großvater ins Gesicht gezeichnet hat.
Den Anstoß für diese eindrucksvolle Graphic Novel gab ein Verlust: der Tod seines Vaters, eines letzten Zeitzeugen. Auf einer längeren Zugfahrt habe dieser von seinen Erinnerungen an die NS-Zeit erzählt, meint Tobi Dahmen. Im Nachlass des Vaters entdeckte er dann eine große Schachtel, die ursprünglich für Unterwäsche gedacht war:
Da waren Briefe aus dem ersten Weltkrieg drin von meinem Großvater. Und da war so ein kleinerer Stoß mit Briefen meiner Onkels von der Ostfront. Dann dass da noch Fotoalben auftauchten. Da hat man wirklich gesehen, wie so ein Leben von fröhlichen Urlauben am Timmendorfer Strand und Kinderbildern bis zum Abitur schließlich in so einer Soldatenkarriere mündet, was seit 33 vorgegeben war. Das hat einen dann sehr betrübt, wie vorgegeben so ein Leben war und dann auch sein Ende gefunden hat.
Quelle: Tobi Dahmen
Das „Mini-Universium“ Familie in der großen Weltgeschichte
Diese sehr persönlichen Momentaufnahmen hat Autor Tobi Dahmen zum Ausgangspunkt einer fundierten historischen Recherche gemacht, geht es ihm doch darum, „in einem Mini-Universum die große Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu erzählen“.
Und er macht das, indem er Wert selbst auf das kleinste Detail legt. Ein Beispiel: Der jüngste Sohn in der Columbusstraße, Karl-Leo, 1932 geboren und Vater des Comiczeichners, wird 1943 wegen der heftigen Bombenangriffe auf Düsseldorf nach Villingen aufs Land geschickt.
Er darf unbeschwerte Tage in der Natur erleben. In einem Brief an die Eltern berichtet er, dass er Heilkräuter sammeln war. Kein schlichter Zeitvertreib, denn ab 1938 musste jedes Schulkind pro Jahr zwei Kilo getrocknete Heilpflanzen abliefern für Wehrmacht und Sanitätswesen. Ein Erlass, der zeigt, wie das System alle Bereiche der Gesellschaft selbst auf unterster Ebene für sich zu nutzen wusste.
Ein umfangreiches Glossar am Ende der Graphic Novel klärt über all diese Zusammenhänge und viele andere Personen auf. Der Abgleich der Familienerzählungen mit der Realität war für Tobi Dahmen mit sehr ernüchternden Erkenntnissen verbunden:
Mein Großvater war sehr katholisch, sehr streng. Gleichzeitig war er Patriot, wie die meisten Leute, glaube ich. Und leider finden sich in einem Brief auch antisemitische Denkweisen, die ich dann auch wieder aus dem Alltagsrassismus wiedererkenne, der uns heute so begegnet. Ich glaube nicht, dass das so ein rassischer Antisemitismus war, sondern eher aus einem gläubigen Hintergrund. Aber natürlich findet man so was nicht schön. Aber ich wollte das auch nicht unter den Teppich kehren wie so viele das getan haben. Ich habe das dann in einen Dialog mit seinem Sohn eingebaut.
Quelle: Tobi Dahmen
Die Konfrontation mit Flecken in der eigenen Familiengeschichte
Die Graphic Novel war schon auf dem Weg in den Druck, als Tobi Dahmen vom Stadtarchiv noch auf einen weiteren dunklen Fleck in der Familiengeschichte aufmerksam gemacht wurde. Der Großonkel in Wesel, ein Arzt, hatte offensichtlich davon profitiert, dass er seine Praxis von einem jüdischen Kollegen übernehmen konnte.
Der Großvater wiederum hatte ein ähnliches Angebot ausgeschlagen. Judenverfolgung und Holocaust hat der Comic-Zeichner so in Szene gesetzt, wie sie für die Zeitgenossen damals sichtbar wurden. Und das war nicht zu übersehen, betont Tobi Dahmen:
Darüber hinaus waren die Pogrome in Düsseldorf so massiv. Das hat jeder mitbekommen. Und so habe ich halt die Reflektion eines zerstörten Spielzeugladens in einer Straßenbahnscheibe gezeichnet, die mein Großvater dann bemerkt. Das ist aber tatsächlich was, was jeder mitbekommen hat. Das Foto stand sogar in der Zeitung. Das Mantra nach dem Krieg war ja, wir haben von nichts gewusst. Aber wenn man sich das Maß der Zerstörung anschaut in Düsseldorf, dann kann man das nicht behaupten.
Quelle: Tobi Dahmen
Tiefenschärfe auch in den Zeichnungen
Der Genauigkeit und der Tiefenschärfe bei den Fakten entspricht die zeichnerische Umsetzung in sehr detaillierten Bildern. Reale Dokumente – wie Briefe oder Einberufungsbescheide – sind wie Fotos in die Szenen integriert.
Viel Wert legt Tobi Dahmen auf die exakte Architektur der Städte und Plätze, die er als „Zeitzeugen aus Stein“ betrachtet. Alte Fotos und Straßenpläne wurden dabei zur Grundlage seiner Zeichnungen, die aus holzkohleartigen, grauen Strichen bestehen.
Nicht schwarz-weiß, aber mit ganz vielen Grautönen. Wir versuchen uns das immer so ganz eindeutig vorzustellen. Das waren die Nazis und die Mitläufer und das die Gruppe der Widerstandskämpfer. Aber es ist natürlich ein sehr viel diffuseres Bild.
Quelle: Tobi Dahmen
Differenziert, packend – eine sehr bewegende Erinnerungsarbeit
Und genau das macht diese Graphic Novel so wertvoll: sie eröffnet viele Schauplätze, wechselnde Perspektiven und lässt Raum für eigene Schlussfolgerungen und Bewertungen. Immer wieder leuchtet Tobi Dahmen über die Briefe seiner Onkel auch die Geschehnisse an der Front und in den Lagern – in Russland, in Italien, in Nordafrika – aus.
Sein damals 11jähriger Vater wird im süddeutschen Villingen bei der Familie des Organisten Ewald Huth untergebracht, der das Unterdrückungssystem der Nazis öffentlich anprangert.
Allerheiligen 1944 wird er wegen Wehrkraftzersetzung auf der Stuttgarter Dornhalde erschossen. „Columbusstraße“ ist ein starker Beweis dafür, dass gerade (auch) ein Comic Erinnerungskultur sein kann – differenziert, packend und sehr berührend.

Jun 16, 2024 • 5min
Annie Ernaux – Eine Leidenschaft
Die Geschichte, die Annie Ernaux in „Eine Leidenschaft“ erzählt, meint man schon unzählige Male gelesen zu haben: eine Frau hat eine Affäre mit einem Mann und gerät in Abhängigkeit von ihm. Die beiden haben Sex, sie wartet sehnsüchtig auf ihn, er benutzt sie. Aus lauter Angst, seine Anrufe zu überhören, wagt sie nicht, staubzusaugen oder die Haare zu föhnen, ja, sie traut sich kaum aus dem Haus. Nur die Zeit, die sie mit A. – so heißt er – verbringt, zählt.
Ich schreibe keinen Bericht über eine Affäre, ich schreibe keine Geschichte mit einer präzisen Chronologie … Für mich gab es so etwas in dieser Beziehung nicht, ich kannte nur An- oder Abwesenheit.
Quelle: Annie Ernaux – Eine Leidenschaft
Die Ich-Erzählerin der knapp achtzig Seiten kurzen Geschichte ist unschwer als alter Ego der Autorin zu erkennen. Sie ist geschieden, Mutter zweier Söhne, ungefähr Mitte vierzig, beruftstätig. Wie sie A., - Zitat - „einen Ausländer“ kennengelernt hat, erfahren wir nicht. Er kommt aus Ost-Europa, ist etwas jünger als sie, verheiratet und erinnert, so heißt es im Text, an Alain Delon. Die Affäre erstreckt sich über ein gutes Jahr.
„Ich habe das gelebt. Ich habe alles komplett akzeptiert, was so eine Leidenschaft bedeutet: Der Mann ist verheiratet, ist also nicht mehr frei und unterliegt Zwängen. Das habe ich akzeptiert und diese Leidenschaft als eine wunderbare Erfahrung wahrgenommen und nicht als Entfremdung. Ich würde sagen, letztendlich ist es ein Luxus, wenn man eine Leidenschaft leben kann.“
Annie Ernaux, hier in einem Interview im französischen Fernsehen aus dem Jahr 1992, hat fast alle Phasen ihres Lebens – die Eltern, die verstorbene Schwester, die Abtreibung, die soziale Herkunft – in Literatur verwandelt. Auch „Eine Leidenschaft“ ist ein autofiktionaler Text, in dem die „Ethnologin ihrer selbst“, wie sie sich bezeichnet, in ihrer schnörkellosen Sprache, ohne Pathos und Larmoyanz, das Private mit dem Gesellschaftlichen verknüpft.
Eines der Hauptthemen ihres Werkes, das Zerrissensein zwischen den gesellschaftlichen Klassen, streift sie in diesem Roman nur ganz kurz. Wie in all ihren Büchern skizziert sie mit knappen Strichen die Zeit, in der die Geschichte spielt, die ausgehenden 1980er Jahre: sie erwähnt den Fall der Berliner Mauer, die Unruhen in Algerien und hört Sylvie Vartans Chanson „C’est fatal, animal“ das – passenderweise - von einer wilden, leidenschaftlichen Liebe erzählt.
„Ich habe mich zuweilen gefragt: ist das jetzt eine Art Geständnis, wie man sie in manchen Frauenzeitschriften findet? Das Protokoll einer Passion? Ein Manifest der Leidenschaft? Das ist es ja in gewisser Weise. Aber wie dem auch sei - ich hatte das Bedürfnis, alles zu erzählen. Denn zweifelsohne gibt es diesen heimlichen Wunsch: wenn man etwas sehr Schönes erlebt hat, liegt die wahre Vollendung vielleicht darin, darüber zu schreiben.“
In Frankreich hat Annie Ernaux ihren kleinen Roman 1991 veröffentlicht und für Aufsehen gesorgt. Gut dreißig Jahre später hat die Geschichte allerdings nicht mehr die gleiche Brisanz wie damals. Eine Frau schreibt über ihre Affäre, über Sex und ihre Abhängigkeit von einem eigentlich Unbekannten - das ist nichts Neues mehr.
Aber Annie Ernaux wäre nicht Annie Ernaux, wenn ihr dabei nicht etwas Anderes am Herzen läge: das Schreiben als Frau über ein Thema, das meist Männern vorbehalten ist. In ihrer Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises hatte Annie Ernaux gesagt, es gehe ihr darum, den Zorn auf den diskriminierenden Umgang mit Frauen und die Wertschätzung des eigenen Körpers auszudrücken.
Dafür ist „Eine Leidenschaft“ ein gutes Beispiel. Wie auch der im letzten Jahr auf Deutsch erschienene Kurztext „Der junge Mann“, in dem sie eine Affäre mit einem dreißig Jahre jüngeren Studenten beschreibt. In beiden Geschichten erinnert sich Annie Ernaux an das traumatische Erlebnis einer illegalen Abtreibung. In „Eine Leidenschaft“ kehrt sie - nachdem A. in sein Land zurückgekehrt ist, - in das Haus zurück, in dem sie damals, als junge Studentin, eine sogenannte Engelmacherin aufgesucht hat. Ihr Fazit:
Ich ging zurück zur Station Malsherbes und nahm die Metro. Dieser Schritt hat nichts geändert, aber ich war froh, ihn gegangen zu sein, noch einmal mit dem Gefühl absoluter Verlorenheit in Kontakt getreten zu sein, deren Ursache auch damals ein Mann gewesen war.
Quelle: Annie Ernaux – Eine Leidenschaft
2004 gab es bereits eine Übersetzung, die Annie Ernaux‘ Roman in der Ecke erotischer Frauenliteratur platzierte: „Eine vollkommene Leidenschaft. Die Geschichte einer erotischen Faszination.“ Diese Ecke, in die sie ja nie gehört hat, hat die Autorin längst verlassen. Die Neuübersetzung von Sonja Finck hat dazu beigetragen.

Jun 16, 2024 • 11min
Isabel Waidner – Vielleicht ging es immer darum, dass wir Feuer spucken
Die im Schwarzwald geborene Isabel Waidner definiert sich selbst als non-binär, lebt und arbeitet seit langem in London und hat schon in ihrem Debütroman „Geile Deko“ von 2020 bewiesen, dass sie für queeres Dasein und Erleben eine neue, andere Sprache entwickeln kann.
Auch in „Vielleicht ging es immer darum, dass wir Feuer spucken“, der mit zweijähriger Verspätung nun auf Deutsch erscheint, steht die Freundschaft zweier queerer Menschen im Zentrum des oft surrealen Geschehens: Sterling Beckenbauer ist Kind des hier homosexuellen Franz Beckenbauer, der an AIDS verstorben ist.
Sterling und Chachki Smok haben zusammen eine Performance-Gruppe, die „Cataclysmic Foibles“, mit der sie, in Drachenkostüme aus Schaumstoff gekleidet, eine Art „Anti-Theater“ in Chachkis Wohnzimmer betreiben.
Rettung durch Freundschaft und Science-Fiction
Als Sterling Opfer eines queerfeindlichen Gewaltangriffs wird, finden sich die Charaktere in einer alptraumartigen Situation wieder, in der Sterling angeklagt und verhaftet wird und befreundete Mitstreiter:innen spurlos verschwinden. Rettung kommt durch eine Zeitreisefunktion in einem Raumschiff, das die Geschehnisse zurückdrehen kann. Die Geschichte wird neu geschrieben.
Neuerfindung von Sprache für queeres Erleben
Isabel Waidner hat einen bewegenden und widerständigen Roman über queeres Dasein geschrieben, sagt SWR Kultur Literaturkritikerin Eva Marburg.
Der Roman erfinde und verwende eine kreative, assoziative und formsprengende Sprache, die sich außerhalb der binären Denkweisen und Zuweisungen bewege. Der Roman nehme viele Bezüge aus dem Reservoir der Literatur- und Kunstgeschichte, etwa wenn die Gerichtsszene in ihrer Surrealität an Franz Kafkas „Prozess“ angelehnt ist und in der Tierfiguren aus Hieronymus Boschs Bildern agieren.
Starke Revolte
Mit diesen künstlerischen Strategien setze das Buch der realen Gewalt der binären und normkonformen Welt - die nicht nur unterdrückerisch, sondern in vielen Fällen auch tödlich ist - eine queere Lebendigkeit als Widerstand entgegen. „Vielleicht ging es immer darum, dass wir Feuer spucken“ sei ein bewegendes Buch über queere Revolte – ein Buch über Freundschaft, Solidarität, Allianzen und Rache. Besonders lesenswert!

Jun 13, 2024 • 4min
Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Stefan Zweig, der Kosmopolit, verstand die Welt nicht mehr:
Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte, und blieb, solange er wollte. […] Man stieg ein und stieg aus, ohne zu fragen und gefragt zu werden, man hatte nicht ein einziges von den hundert Papieren auszufüllen, die heute abgefordert werden.
Quelle: Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Mit diesem Auszug aus Zweigs Autobiographie „Die Welt von Gestern“ beginnt Tara Zahra ihr Buch „Gegen die Welt“, ihre Geschichte über „Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit“. Doch die Historikerin interessiert sich nur einleitend für die Perspektive des österreichischen Schriftstellers.
Erste „Globalisierung“ verschärft Ungleichheiten massiv
Im Zentrum ihrer Analyse steht viel mehr das, was Zweig und andere fortschrittsgläubige Internationalisten auf ihren Oberdecks nicht sahen: Nämlich die Ausbeutung und Drangsalierung der Reisenden in den Unterdecks.
Vor dem Ersten Weltkrieg konnten Zweig und [John Maynard] Keynes vor allem deshalb frei von bürokratischen Hindernissen durch die Welt reisen, weil sie wohlhabende, gebildete, weiße Europäer waren. […] Die Welt hatte vor 1914 durchaus nicht allen gehört, wohl aber Menschen wie Keynes und Zweig.
Quelle: Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Die erste „Globalisierung“, die massive Ausdehnung von Welthandel und Arbeitsmigration im späten 19. Jahrhundert, hatte ihre Gewinne höchst ungleich verteilt, schreibt Zahra, und dabei enormen Unmut auf sich gezogen. Die Versorgungskrise durch den lahmgelegten Welthandel während des Ersten Weltkriegs verschärfte insbesondere in Mitteleuropa das Misstrauen gegen die wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Die Spanische Grippe mit ihren Millionen von Toten ließ Einwanderung auf einmal als öffentliches Gesundheitsrisiko erscheinen. Der Quarantänezustand, einmal eingeübt, blieb aufrecht. Und die Weltwirtschaftskrise gab dem geschwächten System der internationalen Zusammenarbeit den letzten Rest.
Antiglobalistische Bewegungen beginnen an der Basis
Tara Zahra interessiert sich weniger für die viel beschriebenen ideologischen Kämpfe dieser Zeit. Ihr Fokus liegt auf dem Rückzug von der Welt, der in allen politischen Lagern schlüssig erschien. Ob im faschistischen Italien, im konservativen Österreich oder in den USA unter Roosevelt: Allerorts verfolgten Regierende eine Strategie der nationalen Souveränität, der Selbstversorgung, der „inneren Kolonisation“ und der massiven Beschränkung von Zu- und Abwanderung. Sie reagierten damit laut Zahra auf Druck aus dem Volk.
Antiglobalistische Bewegungen beginnen typischerweise an der Basis, mit aus der Masse kommenden Forderungen nach Land, nach Nahrung oder nach einer Entlastung von der Instabilität und Ungleichheit, die mit der Weltwirtschaft assoziiert werden.
Quelle: Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Fast überall scheiterten die Versuche einer nationalen „Autarkie“ kläglich, urteilt Zahra, wenn sie nicht gar, wie im Fall Nazideutschlands, in einen beispiellosen Vernichtungskrieg um sogenannten Lebensraum mündeten.
Irritierende Parallelen zum Heute
Über die Biographien sehr unterschiedlicher Persönlichkeiten – vom tschechischen Schuhmogul Tomáš Baťa bis zur New Yorker Krankenschwester Lilian Wald – nähert sich die Autorin dieser Ära der „Deglobalisierung“, die uns irritierend vertraut erscheint. Zahra macht keinen Hehl daraus, dass die Phänomene und Entwicklungen der Gegenwart – Trump, Brexit, Flüchtlingskrise, zuletzt Covid -– ausschlaggebend für ihr Erkenntnisinteresse waren.
Die Vergangenheit soll uns helfen, die Gegenwart besser zu verstehen. In diesem Fall war ich jedoch eher überrascht, wie sehr die Gegenwart meine Sicht der Vergangenheit veränderte. […] Ich hoffe, dieses Buch wird einiges Licht auf die Vergangenheit und die Gegenwart werfen und seine Erkenntnisse reichen über den Augenblick hinaus, in den sie so eindeutig eingebettet sind.
Quelle: Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Erkenntnisreich ist dieses Buch. Aber nicht nur das. Die originelle Konstruktion und Zahras prägnante Sprache verleihen dem schwierigen Stoff und der komplexen Argumentation eine wundersame Leichtigkeit. Dem Sog dieser großen, weltumspannenden Erzählung kann man sich nicht entziehen.

Jun 12, 2024 • 4min
Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
Dorothy Parker ließ nur selten eine Rechnung offen. Und da sie sich schon mit siebzehn als Dichterin einen Namen gemacht hatte, zahlte sie vornehmlich mit Worten, am liebsten pointiert, witzig und gerne ätzend. Kaum hatte ihre erste Ehe mit einem Börsenmakler genügend Risse bekommen, brachte sie ihre Verachtung für das Geld und seine Besitzer in lustigen Versen zum Ausdruck.
Wer dem Mammon hörig ist, Muss ein armes Hascherl sein, Geld ist letztlich großer Mist - Trichter das dem Krämer ein.
Quelle: Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
Chronistin des Jazz Age
Dorothy Parker brachte den Zeitgeist der Zwanziger Jahre mit all seinem Glanz auf den Punkt und markierte zugleich mit spitzer Feder seine komischen und bitteren Seiten. Ihre verstreut in Zeitschriften veröffentlichten Gedichte, die nun unter dem Titel „Unbezwungen“ in einem Band versammelt sind, stammen aus den Jahren 1916 bis 1938.
Dem meist spöttischen Blick der Schriftstellerin entging kaum etwas, gleich, ob es sich um Alltagsgeschwätz, Kulturfehden, den Lifestyle der Reichen und Eingebildeten oder den neuen kessen Frauentyp der Flapper mit Bubikopf und kurzen Röcken handelte.
Der Flapper stellt verspielt sich dar, Bildschön und singulär. Sie ist nicht mehr, wie Oma war - Eher denkt man, au contraire. Witz, Geist und Abgründe der Melancholie
Quelle: Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
Obwohl nicht alle über ihre Witze lachen konnten, wurde Parkers Ruhm mit dem Superlativ „die geistreichste Frau Amerikas“ gekrönt. Allerdings spielte ihr Humor oft ins Tiefschwarze hinein, genauso wie ihre Melancholie sich mehr als einmal zu Selbstmordversuchen steigerte. Ihr Liebesleben war bewegt und stürzte sie oft genug in einen Tumult aus Glück und Unglück. Das schärfte ihr Gespür für Liebesqualen jeder Art.
Hab ich's mit meiner Technik versiebt? Das frage ich mich bis ins Grab. Schlau bin ich, schwach und schnell verliebt - Warum krieg ich keinen Lover ab?
Quelle: Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
Ulrich Blumenbachs Übersetzung ist eine Gratwanderung. Es ist bestimmt richtig, dass er die Reimformen erhalten hat, die für Tonlagen und Rhythmus entscheidend sind. Für diese schwierige Aufgabe hat er oft gute Lösungen gefunden, nicht selten aber knirscht es im Klangbild und im Bedeutungsgefüge recht vernehmlich. Doch da die Gedichte zweisprachig abgedruckt sind, lässt sich das verschmerzen.
Abrechnung mit allem und jedem
Das ganze Spektrum von Parkers Lust an satirischen Abkanzelungen ist in ihren explizit so genannten „Hassversen“ zu bewundern. Da bleibt nichts und niemand verschont, egal ob es sich um Frauen, junge Männer, schlaue Bücher, Partys oder Ferienparadiese handelt.
In der Regel loben die Gäste die Landschaft über den grünen Klee Und haben nur Gutes über die Luft zu sagen. - Sie können sie geschenkt haben. Ich hasse Ferienparadiese; sie verhageln mir den Urlaub.
Quelle: Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
Es ist erstaunlich und amüsant, wie viele Parallelen zwischen den rasanten Modernisierungen von damals und heute in diesen Gedichten sichtbar werden. Parkers Daseinsgefühl mit all seiner Überreiztheit und Verletzlichkeit lässt sich auch aus gegenwärtiger Sicht sehr gut nachempfinden.

Jun 11, 2024 • 4min
Tanja Raich (Hg.) – Frei sein. Das Ringen um unseren höchsten Wert
Im Vorwort schreibt die Herausgeberin Tanja Raich:
Freiheit. Es ist ein Wort, das beschadet und beschmutzt ist, das an den mörderischen Hohn im KZ erinnert, rechter Kampfbegriff geworden ist, Parole für jeden noch so kleinen Anlass, selbst wenn es um einen Impfstoff oder um die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn geht, ist am Ende wieder von Freiheit die Rede. (…)
Quelle: Tanja Raich (Hg.) – Frei sein. Das Ringen um unseren höchsten Wert
Freiheit. Das ist dieses Wort, das trotz allem treffend formuliert, wofür wir kämpfen müssen und wofür es sich zu kämpfen lohnt.
Möglichkeiten und Abgründe von Freiheit
Das nimmt einen sofort ein für diesen Band: dass jemand nicht nur die Möglichkeiten sieht, sondern auch die Abgründe, die sich hinter diesem großen Wort „Freiheit” verbergen.
Für die Sammlung hat Tanja Raich 20 Menschen eingeladen, darüber zu schreiben, was für sie „frei-sein“ bedeutet.
Es sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller dabei: Anna Kim, Franziska Hauser oder Deniz Utlu und Autoren und Autorinnen, wie Çigdem Akyol oder Linus Giese, die bisher mit Sachbüchern aufgefallen sind, aber auch Künstlerinnen, wie Sophia Süßmilch, die vor allem bildnerisch arbeitet, oder Aktivist*innen, wie Marlene Engelhorn.
Diese Mischung ist einerseits gut, weil sie ein breites Spektrum an Haltungen, Geschlechtern, Klassenzugehörigkeiten und Herkünften abdeckt; aber die Ausdruckskraft, die Stringenz, die Zuspitzung der Texte ist dementsprechend heterogen. Maßgeblich auch die Qualität.
Franziska Gänsler etwa schreibt ihren sehr persönlichen Essay Horse Power als wilden Ritt durch Literatur, Kino, Kunst, Kindheitserinnerung, Mutterschaft, Träume und Psychoanalyse, und irgendwie geht nichts zusammen – aber doch alles, weil sie eine gute Schriftstellerin ist, die unter dem Motto Freiheit & Kraft ihre eigenen Möglichkeiten als Frau auslotet, die im Traum auch ein Hengst sein kann.
Freiheit in verschiedensten Kontexten
Überhaupt sind die Motti, die jedem Text angefügt sind, eine schöne Sache für den Band. Sie weisen von vornherein eine Spur, was man erwarten kann, wenn man diesen oder jenen Text liest: Freiheit & Meinung, Freiheit & Körper, Freiheit & Queerness, Freiheit & Hoffnung.
Die Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming analysiert in ihrem Essay Pseudo-selbstbestimmt den Zusammenhang von Freiheit & Sex:
Was ist weibliche Freiheit?
Oeming befragt die Rolle der Frau in der Gesellschaft, in der wir gerade leben, sie fragt danach, wie Sprache unsere Rolle bestimmt, wie das Patriarchat es tut, aber auch danach, warum selbst Frauen die Sexualität von Frauen in gut und böse einteilen. Sie fragt, was der Feministische Blick gebietet und verbietet. Sie analysiert ihre Rolle als „weiße, akademisierte, heterosexuelle, nicht behinderte und also die privilegierteste aller Frauen“ und kommt doch zu dem Schluss: Sexuelle Freiheit geht anders.
Ein wenig schade ist der verschenkte einladende Satz ihres Essays, „Ich musste sechsunddreißig Jahre alt werden, um zum ersten Mal halbwegs befreiten Sex zu haben“, der natürlich die Erwartung schürt, dass wir etwas darüber erfahren: wie befreiter Sex für sie geht, und wie es ihr gelang, dorthin zu kommen. Das tun wir nicht.
Trotzdem gibt dieser Band einen sehr guten Überblick zu Fragen und Themen, die in diesen Zeiten unter den Nägeln brennen, wenn ernsthaft darüber nachgedacht wird, wo und warum „Freiheit” so viel zählt und wir Menschen uns noch entwickeln können, als Individuen und als Gesellschaft.
Da geht noch was, verstehen wir, und fühlen uns bisweilen ziemlich angeregt, über uns selbst nachzudenken.

Jun 10, 2024 • 4min
Gabriel Garcia Márquez – Wir sehen uns im August
Jedes Jahr am 16. August setzt Ana Magdalena mit der Fähre zu der Karibik-Insel über, auf der ihre Mutter begraben liegt. Sie steigt jedes Mal im ältesten der Touristenhotels ab, kauft einen Gladiolenstrauß und fährt mit einem Taxi zum armseligen Friedhof. Nachdem Ana Magdalena die Blumen auf den Grabstein gelegt hat, erzählt sie der Mutter die Neuigkeiten aus ihrem Leben. Dann fährt sie wieder ins Hotel, wo auf dem Nachttisch bereits der Klassiker wartet, den sie gerade liest. Am nächsten Tag kehrt sie in die Stadt zurück – zu ihrem Ehemann, mit dem sie seit fast dreißig Jahren verheiratet ist.
Mit einem dieser routinemäßigen Insel-Besuche der kultivierten Mittvierzigerin beginnt „Wir sehen uns im August“, der posthum veröffentlichte Roman des 2014 verstorbenen Gabriel García Márquez. Anders als sonst, sucht Ana Magdalena dieses Mal plötzlich das Abenteuer. Abends, in der Hotelbar, wirft sie einem Unbekannten tiefe Blicke zu. Sie stoßen an, unterhalten sich.
Und dann fühlte sie sich stark genug, den Schritt zu tun, der ihr in ihrem ganzen Leben nicht einmal im Traum eingefallen wäre, und sie tat ihn ungeniert: „Gehen wir hinauf?“. Er hatte nicht mehr das Heft in der Hand. „Ich wohne nicht hier“, sagte er. Sie fiel ihm ins Wort, sagte „Ich aber“ und stand auf, schüttelte gerade mal ihren Kopf, um ihn zurechtzurücken. „Zweiter Stock, Zimmer zweihundertdrei, rechts von der Treppe. Nicht klopfen, nur die Tür aufdrücken.
Quelle: Gabriel Garcia Márquez – Wir sehen uns im August
Damit beginnt eine Liebesnacht, die Ana Magdalena bisheriges Leben einer angepassten Ehefrau und Mutter verändern wird. Fortan erwacht bei jeder ihrer Reisen auf die Insel eine unbezähmbare Lust auf außereheliche Affären. García Márquez, dem begnadeten Erzähler, gelingt es mühelos, dass wir uns Ana Magdalena vorstellen können: wie die reife, attraktive Frau in der Hitze der Insel aufblüht und erwartungsfroh die Lokale des Urlaubsorts aufsucht.
Der Literatur-Nobelpreisträger beschreibt seine Romanfigur mit warmherzigem Blick. Gespannt und amüsiert begleiten wir sie bei ihrer verwegenen Suche nach sinnlichen Erlebnissen. Man könnte diese als erotische Phantasie eines alternden Autors abtun, das wäre aber zu kurz gegriffen. Es ist interessant, dass García Márquez versucht, sich in eine Frau einzufühlen, die eine Art Midlife Crisis durchlebt – und sich sexuell so ausleben will, wie es oft eher die Männer tun.
Warum genau allerdings seine Heldin nach vielen Jahren ehelicher Treue plötzlich die Moral über den Haufen wirft, das überlässt García Márquez weitgehend der Interpretation der Lesenden. Dass wir über Anna Magdalenas Beweggründe und über ihre Ehe nicht mehr erfahren, ist eine Schwäche des Romans. Weniger schlimm ist hingegen, dass es ihren Liebhabern, die wie skizziert wirken, an Tiefenschärfe fehlt.
Ob „Wir sehen uns im August“ veröffentlicht werden sollte, daran schieden sich schon vor dem Erscheinen die Geister. Der Vorwurf, hier solle mit einem minderwertigen, viel zu kleinen Text des großen Schriftstellers Geld gemacht werden, blieb nicht aus. García Márquez hatte die Geschichte ursprünglich als Teil eines größeren Werks geplant, das erklärt ihre Kürze.
Natürlich reicht der Roman nicht an opulente Meisterwerke wie „Hundert Jahre Einsamkeit“ mit ihrer bildgewaltigen Sprache heran – der Vergleich macht auch nicht viel Sinn. Gabriel García Márquez schrieb an dem Text auch noch, als seine geistigen Kräfte bereits nachließen. Die Sprache ist schlichter, im Aufbau gibt es kleine Inkonsistenzen. Dennoch bietet das Buch eine kurzweilige Lektüre – und ist ein origineller Beweis dafür, dass es den Autor in fortgeschrittenem Alter umtrieb, über veränderte Geschlechterbeziehungen zu schreiben.

Jun 9, 2024 • 55min
Irrschweifen und Lachen – neue Bücher proben den Aufbruch im lesenswert Magazin
Piazza und Protest – Italien ist Buchmessen-Gastland 2024. Wir sprechen über bisherige Skandälchen und auf welche Bücher wir uns freuen können.
Finnland und die DDR
Mit der Finnin Meri Valkama streifen wir durch Berlin, und wir lernen in ihrem Roman „Deine Margot“, warum Finnen die DDR so liebten.
Mit „Blue Ruin“ rundet Hari Kunzru seine Dreifarben-Trilogie ab. Diesmal geht es um Kunst und Covid. Darüber berichtet Kunzru auch im Interview.
Empfehlung von Deniz Ohde
Regelmäßig verraten Autor*innen bei uns ihre Lieblingslektüren. Heute erzählt die Autorin Deniz Ohde, warum sie Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ immer wieder liest.
„Irrschweifen und Lachen“ heißt eine neue Anthologie mit Erzählungen und Essays von den Antillen. Romanist Ralph Ludwig erzählt von den Besonderheiten antillanischer Geschichten und liest eine Passage auf Kreolisch vor.
Zum Schluss nimmt Elias Hirschl die schöne neue Online-Welt aufs Korn: „Content“ heißt seine böskomische Digital-Satire.
Musik:Remi Chaudagne, David Starck: CubaLabel: KLANGLOBBY


