SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Oct 27, 2024 • 55min

Bye, bye Lolita – Hello Venus!

Dieses Mal im lesenswert Magazin: Neue Bücher von Liv Strömquist und Jovana Reisinger, einem Abgesang auf „Lolita“ und dem „Silent Reading“-Lesetrend
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Oct 27, 2024 • 2min

Georg Trakl – Dichtungen und Briefe

Mein Name ist Frank Hertweck, ich bin Leiter der Literatur im SWR. Und das Buch, das ich zur Lektüre, genauer zum Wiederlesen mitgebracht habe, sind die Dichtungen und Briefe von Georg Trakl. Wiederlesen, weil sicher die meisten im Deutschunterricht der Schule Georg Trakl gelesen haben, eben und vor allem seine Herbstgedichte. „Gewaltig endet so das Jahr“ heißt es im berühmtesten: Verklärter Herbst“. Trakl ist neben Rainer Maria Rilke sozusagen DER Herbstdichter. Bei ihm ist das, was den Herbst auszeichnet, der langsame Übergang, das Ineinanderfließen der Farben, das Nebulöse, nicht ganz scharf gezeichnete, immer mehr zum Prinzip seiner Dichtung geworden, weil er die Farben und Dinge so kombiniert, dass einem die Wirklichkeit entgleitet. Inwieweit seine Drogenabhängigkeit, die regelmäßige Einnahme von Opium, Veronal, Kokain, er betäubte sich mit Chloroform, alles Drogen oder Medikamente, an die der ausgebildete Apotheker leicht herankam, damit zusammenhängen, lässt sich schwer bestimmen. Eines ist sicher: Der Herbst ist in seinem lyrischen Schaffen gar keine Jahreszeit, sondern eine Lebenshaltung. Kurz: Es kann auch in seinem Sommer herbsteln. Diese Gedichte zu lesen und wieder zu lesen, dafür bieten sich die dunklen Abende an. Um auf Zeilen zu treffen wie: Leise verfallen die Lüfte am einsamen Hügel, Die kahlen Mauern des herbstlichen Hains.Unter DornenbogenO mein Bruder steigen wir blinde Zeiger gen Mitternacht. Quelle: Georg Trakl – Dichtungen und Briefe
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Oct 27, 2024 • 6min

Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri – Private Venus

Giorgio Scerbanenco wurde als Vladimir Serbanenko in der Ukraine geboren. Ende der 1920er Jahre floh er mit seiner italienischen Mutter nach Italien. Dort wurde er zu einem der Begründer des modernen italienischen Krimis. Bereits mit seinem ersten Buch „Venere privata“ gab er dem Genre einen neuen Dreh. Innovativ wie die Romane ist auch die Comicadaption, die der Zeichner Paolo Bacilieri vorgelegt hat. „Private Venus“ heißt der Band. Ein Comic mit Bildern, die auch abgebrühte Krimi-Leser*innen tief verunsichern können. Die Krimigeschichte kennt viele ungewöhnliche Ermittlerinnen und Ermittler. Duca Lamberti ist einer besonders ungewöhnlicher. Auch im Gefängnis hatten ihm die Nachtstunden besonders zu schaffen gemacht. Er war zwar gewappnet, erwartete die Welle von Gedanken und Erinnerungen, aber wenn sie dann über ihn hereinbrach, erschütterte sie ihn doch jedes Mal stärker, als er befürchtet hatte. Quelle: Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri – Private Venus Ein Arzt als Detektiv Duca Lamberti ist kein Kriminalist, sondern Arzt. Das heißt, er war Arzt, denn er hat während seiner Zeit als Klinikarzt einer totkranken, leidenden Patientin auf deren Wunsch eine tödliche Spritze verabreicht. Drei Jahre musste er dafür ins Gefängnis. Seine Zulassung wurde ihm entzogen. Er hatte alles falsch gemacht. Im Prozess hatten sie ihn gefragt, wie lange Signora Maldrigati gebettelt hatte, bis er einwilligte, ihr die tödliche Spritze zu geben. Er hätte vage bleiben sollen, sich nicht erinnern. Es war falsch gewesen genau zu antworten. Quelle: Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri – Private Venus Was treibt ihn an, diesen Arzt ohne Approbation. Es ist schwer zu erraten und die Zeichnungen von Paolo Bacilieri machen es einem nicht leicht. Das Gesicht von Duca Lamberti dominiert den Band, seine großen, mal suchenden, mal entsetzten Augen, die Adlernase, der verdrießliche Mund. Viele gezeichnete Stimmungswechsel in einem Gesicht. War es reines Mitleid, das ihn zur Sterbehilfe getrieben hat? Oder mehr der Abscheu vor seinen ärztlichen Kollegen, die am Bett der Todkranken gefühllos ihren baldigen Tod vorhersagen? Ich komme gerade aus dem Gefängnis, habe ein Urteil wegen Mordes auf dem Buckel. Immerhin mildernde Umstände. Hätte man mich heute Morgen hier mit einem Toten gefunden, nach einem feuchtfröhlichen Abend mit zwei leichten Mädchen… Sie ahnen nicht, wie fantasievoll Journalisten, wie argwöhnisch Polizisten sein können. Man hätte den Arzt ohne Zulassung postwendend wieder eingelocht. Quelle: Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri – Private Venus Die Krankheit ist die gesellschaftliche Gewalt Die Story beginnt mit der Entlassung von Duca Lamberti aus dem Gefängnis. Ein befreundeter Kommissar der Mailänder Polizei verschafft ihm einen Job. Er soll auf den erwachsenen Sohn eines Mailänder Unternehmers aufpassen, der ständig trinkt und schon bald einen Selbstmordversuch unternehmen wird. Doch der Arzt und Detektiv Duca Lamberti verbindet nicht nur aufgeschnittene Handgelenke. Er sucht nach den Ursachen der Krankheit. Und die Krankheit, mit der er es hier zu tun hat, ist keine individuelle, sondern eine gesellschaftliche. Der Detektiv und Arzt will vordringen zu den tiefen Wurzeln der Gewalt in der italienischen Nachkriegsgesellschaft. Prostitution verstehen, heißt die Gesellschaft verstehen Diese Gewalt kommt in dem Band „Private Venus“ vor allem aus den Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen. Seine Ermittlungen führen Duca Lamberti bald auf die Spuren eines internationalen Prostitutionsrings. Entscheidende Hilfe bekommt er von Livia Ussaro. Von einer jungen Frau, die nicht auf den Strich geht, um sich über Wasser zu halten, sondern weil sie Soziologin ist. Sie hat die These: Wer die Prostitution versteht, versteht auch die von Männern dominierte Gesellschaft. Hören Sie, allgemeine Fragen finde ich wirklich spannend, aber für meine Arbeit brauche ich mehr Details. Quelle: Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri – Private Venus Livia bringt Duca Lamberti auf die Spur des Mörders, der zwei ihrer Freundinnen auf dem Gewissen hat. Sie wird der Lockvogel für einen, der gnadenlos mordet, um seine Geschäftsinteressen zu schützen. Der Mann, den wir suchen, arbeitet ganz anders, auf einem ganz anderen Niveau. Er sucht Mädchen mit einem gewissen Stil. Wahrscheinlich beliefert er erstklassige Edelpuffs in Italien und im Ausland. Genau wie ein Import-Export-Unternehmen. Quelle: Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri – Private Venus Zeichnungen, die tief verunsichern Es ist eine Schattenwelt auf der Rückseite des „Dolce Vita“ im Italien der 1960er Jahre, die der Krimiautor Giorgio Scerbanenco beschrieben hat und die der Comickünstler Paolo Bacilieri jetzt zeichnet. Die Prostituierte und Soziologin Livia durchschaut die Verhältnisse schneller und genauer als die Männer um sie herum. Das hilft ihr nichts. Alle Männer, auch der ermittelnde Arzt Duca Lamberti benutzen sie für ihre Interessen. Am Ende des Bandes schauen wir unvermittelt in ihr durch Messerschnitte entstelltes Gesicht – weit aufgerissene Augen und ein Schrei, der in dieser kalten Welt schnell verklingen wird. Dieses Bild ist ein gezeichneter Schockeffekt, aber die Verunsicherung, die dieser Comic erzeugt, ist viel subtiler. Paolo Bacilieri zeichnet das moderne Italien der Nachkriegszeit so, dass man sich in seinen Bildern nie sicher fühlen kann. Große Zeichnungen von Gesichtern und Körpern und Räumen und Straßen werden von kleinen Panels überlagert, die nur Details zeigen – eine fragmentierte Welt. Und auch die Sprechblasen gehen ständig ineinander über. Ein klares Gespräch in Rede und Gegenrede – unmöglich. Das Sprechen über die Welt – ein großes Durcheinander. In dieser Welt helfen nur kleine Schritte weiter. Giorgio Scerbanenco hat vier Krimis um den die Gesellschaft untersuchenden Arzt Duca Lamberti geschrieben. Man kann nur hoffen, dass der Zeichner Paolo Bacilieri sie alle zu Papier bringen wird. Schritt für Schritt.
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Oct 27, 2024 • 2min

Colm Tóibín – Der Zauberer

Ich bin Anja Brockert, und auf meinem Herbst-Stapel liegt „Der Zauberer“ vom Colm Tóibín. Der irische Autor erzählt das Leben von Thomas Mann als Roman, schon vor drei Jahren erschienen, jetzt werde ich es zur Einstimmung ins Thomas-Mann-Jahr lesen: 2025 wird ja der 150. Geburtstag des „Zauberers“ gefeiert. So wurde Thomas Mann bekanntlich von seinen Kindern genannt, Zauberer, und Tóibín erzählt natürlich von der ganzen Familie Mann, vor allem aber von der Zerrissenheit des Schriftstellers, zwischen künstlerischer Arbeit und Bürgerlichkeit, zwischen Familie und homosexuellem Begehren. Ein „großartiger Künstlerroman“, heißt es im Klappentext, manche von Ihnen haben das Buch vielleicht schon gelesen, falls nicht, das sind die ersten 3 Sätze: Seine Mutter wartete oben, während die Dienstboten den Gästen Mäntel, Shawls und Hüten abnahmen. Bis alle in den Salon geleitet worden waren, blieb Julia Mann in ihrem Zimmer. Thomas und sein älterer Bruder Heinrich und ihre Schwestern Lulu und Carlo sahen vom ersten Treppenabsatz aus zu.  Quelle: Colm Toíbín – Der Zauberer Da sind wir doch gleich mittendrin im Ambiente der wohlhabenden Lübecker Kaufmannsfamilie, in der Thomas Mann Ende des 19. Jahrhunderts aufgewachsen ist, und winken nicht auch leise die „Buddenbrooks“ im Hintergrund? Am Ende des Romans steht Thomas Mann wieder vor dem Lübecker Haus, das ist jetzt vernagelt. Über das ganze „Dazwischen“ – wie Thomas Mann zum legendären Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger wurde, seine Ehe mit Katia, das Exil, was ihn geprägt, geplagt und auch politisch bewegt hat, das wird mir Colm Tóibín in seinem Roman „Der Zauberer“ noch einmal erzählen, auf seine besondere, einfühlsame Weise. Hoffe ich.
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Oct 27, 2024 • 5min

Jovana Reisinger – Pleasure

Dies ist ein Buch über Lustbefriedigung, über den Genuss, Begierde und Glamour – denn all das ist „Pleasure“ wie es in diesem Erkundungsbuch über das gute Leben steht: die Fähigkeit Genuss zu empfinden. Pleasure, sagt Jovana Reisinger, sei sehr individuell, kann aber grundsätzlich sehr viel, fast alles sein: „Einen sehr guten Kaffee trinken oder ein anderes tolles Getränk, etwas Tolles zu essen. Aber auch das Ausschlafen. Ich sag ja die ganze Zeit, mein größter Luxus ist es tatsächlich auszuschlafen, und zwar nicht im Sinne von sehr lange schlafen und dann irgendwie den Tag zu vertrödeln, sondern aufzuwachen ohne Wecker und tatsächlich ausgeschlafen zu sein. So wie ich auch sage, dass mein größter Luxus ist, in Ruhe arbeiten zu können und das wiederum befriedigt mich ja auch total, das heißt, das ist auch für mich Pleasure." Jovana Reisinger ist Single und will es auch sein. Sie ist selbstbestimmte Künstlerin und Autorin, sie liebt Events wie den roten Gala-Teppich, Partys, teure Restaurants, viele Liebhaber und vor allem Designer-Mode. Ich will die Liebe, den Sex, die Romanze, den Erfolg, die Selbstbestimmtheit, das Geld, die Sorglosigkeit, die Karriere, das Outfit, die Gesundheit, den Fame, die Geschenke. Ich will mich nicht dafür schämen müssen – weder dafür, dass ich über meine Grenzen gehe, um manches davon zu bekommen, noch dafür, dass ich manches davon bekomme, und es mich glücklich macht. Quelle: Jovana Reisinger – Pleasure Traum vom Reichtum Der Autorin war all das ursprünglich nicht mitgegeben. Aufgewachsen in einer Kulisse der Armut, wie es heißt, mit Eltern, die eine Dorf-Wirtschaft betrieben – träumte sie sich seit ihrer Kindheit in die Welt der Reichen, die sie aus den Medien kannte. Paris Hilton als das erste große Vorbild oder später Carrie Bradshaw aus der Serie Sex and the City: die schreibende Frau in High-Heels mit der Designer-Handtasche. Wer darf wie genießen? Das Buch ist deshalb auch das Zeugnis eines hart erarbeiteten Aufstiegs und eine Analyse von Klassismus. Es untersucht anhand von drei Kategorien – Kleidung, Essen und Schlaf – welche Form des Genusses für wen gesellschaftlich bestimmt ist. Welche sozialen Zuschreibungen finden sich in der Mode, in der Auswahl der Speisen und in dem Luxus der Erholung? Jovana Reisinger hat erlebt, dass Herkunft im Kulturbetrieb oft ein Grund für Abwertung ist. Bei einer Filmgala wird sie gefragt, was sie als Zitat „Prostituierte“ denn auf dem roten Teppich zu suchen hätte. Reisinger sagt dazu: „Also in dem Moment, wenn ich als Schriftstellerin, die ja durchaus ernst zu nehmende Bücher schreiben will - was auch immer das wieder bedeuten möchte – wenn die sich dann wiederum so anzieht, was als vulgär gelesen wird, dann passiert da auch wieder so eine Entwertung. Und genau in diese Lücken und genau in diese Spielräume, in genau die will ich rein. Und das wollte ich mir nochmal genauer angucken und deswegen wollte ich auch dieses Buch schreiben." Die Intellektuelle im Tussi-Look Verschiedenste Formen von Pleasure lassen sich also auch als Spielweise von unten begreifen, so will es das Buch verstanden wissen, bei der sich die normierenden Zuschreibungen unterwandern und neu definieren lassen. Im Tussi-Look klug und eloquent sein, Männer zu Objekten machen in Spitzenunterwäsche, mit viel zu langen Fingernägeln den Essay schreiben.  So Reisinger: „Ich behaupte eben auch, dass es durchaus ein politisches Moment haben kann, eine politische Bewegung haben kann, wenn es nämlich von unten nach oben geht. Also, wenn diese Leute, die vermeintlich nicht dazu gehören sollen zum elitären Literaturbetrieb, wenn die dann aber diesen Platz einnehmen und in diesem Sinne schon für Ärger sorgen." Ausschweifung als literarische Performance Diesen Ärger oder die Irritation performiert auch der Text in gewisser Weise. Er ist raumnehmend und ausschweifend, redundant und regelrecht maßlos: in seiner unerbittlichen Aufzählung von Designer-Labeln, Handtaschen, Kleidern und Heels, Restaurantbesuchen, Textnachrichten von Lovern und Hotelaufenthalten. Demonstrative Übertreibung Der Glam, der Sex, die Übertreibung, die Oberflächlichkeit und die unentwegte Selbstinszenierung machen dieses Buch aus, das zwischen Essay und ausuferndem Genussbericht hin und her schwingt. Die Frau, die alles will - hier wird sie erlebbar und gibt sich auch preis. Insofern ist literarisch bewiesen, was auch eine These des Buches darstellt: die Frau in ihrem Hunger nach Pleasure kann eine Herausforderung sein, vor allem für die Männer.          Meine Nägel sind fertig. Sie sind obszön, geschmacklos und hinreißend sexy. Vor allem aber sind sie ein Zeichen meiner Selbstfürsorge. In den 60 Minuten ihrer Produktionszeit gebe ich meine Hände ab, kann nicht arbeiten, nichts erschaffen, niemandem dienlich sein. Quelle: Jovana Reisinger – Pleasure Konsum für den Wohlfühl-Feminismus Was das Buch wenig reflektiert, ist der Preis der Ausbeutung und Ungerechtigkeit, die mit diesem Hunger nach Konsum, der Befriedigung schaffen soll, verbunden ist. Die Frau, die sich die Nägel machen lässt, verschafft sich Pleasure und Erholung. Die Frau, die die Nägel machen muss, fällt aus dem Bild. Ein neoliberaler Geist weht somit durch den Essay, denn das Buch „Pleasure“ fragt nie nach Allianzen, nach Solidarität, nach Koalitionen. Ein radikal individueller Wohlfühl-Feminismus mit Mitteln des Konsums wird zur Schau gestellt, der letztlich einer Ethik entbehrt. Auf dem roten Teppich stirbt jede Frau für sich allein.
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Oct 27, 2024 • 16min

Lea Ruckpaul – Bye bye Lolita

„Lo-li-ta“ - drei Silben, ein Name, der nicht zu trennen ist von Vladimir Nabokovs Roman von 1955. Damals war das Buch ein Skandal. Heute ist „Lolita“ ein Teil der Popkultur. Bis heute steht „Lolita“ verharmlosend für die „verführerische Kindfrau“. Eine andere Perspektive nimmt die Schauspielerin und Autorin Lea Ruckpaul in ihrem Roman „Bye Bye Lolita“ ein. Aus der Perspektive der erwachsenen Dolores Haze erfahren wir, welche Gewalt und wie viel Schmerz Lolita erfahren musste. Eine Abrechnung mit Humbert Humbert und mit unserer Gesellschaft. Lea Ruckpaul im Gespräch In „Bye Bye Lolita“ schreibt sich Dolores Haze an Humbert Humbert auf den Seiten seines Taschenkalenders an. Im „lesenswert Magazin" erzählt Lea Ruckpaul wie sie sich im Schreibprozess an Nabokovs Roman angenähert hat. Was hat Ruckpaul an der Figur „Lolita“ so interessiert? Das erzählt sie Kristine Harthauer.
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Oct 27, 2024 • 2min

Erica Jong – Angst vorm Fliegen

Das ändert sich mit der neuen Übersetzung im Ecco Verlag, die SWR Kulturredakteurin Kristine Harthauer durch die kalten Herbstwochen tragen wird.
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Oct 27, 2024 • 2min

Liz Nugent – Seltsame Sally Diamond

Mysteriöse Kriminalgeschichten und geheimnisvolle Charaktere gehören für Katrin Ackermann genauso zu einem gelungenen Herbst wie Pumpkin Spice und die „Gilmore Girls“. Auf ihrem Stapel ungelesener Bücher liegt passenderweise der Psychothriller „Seltsame Sally Diamond“ der irischen Autorin Liz Nugent. Psychothriller mit kurioser Hauptfigur Seltsam – wie der Titel es vorhersagt – soll die Hauptfigur Sally deshalb sein, weil sie ihre Gefühle schlecht zum Ausdruck bringen kann, Ironie nicht versteht und in zwischenmenschlichen Situationen oft überfragt ist. Ihre kuriose Art hängt sicher auch mit ihrer Vergangenheit zusammen. Denn Sallys Vater war ein Kidnapper, der ihre Mutter entführte und in einem Versteck gefangen hielt, in dem Sally auch geboren wurde und die ersten fünf Jahre ihres Lebens verbrachte. „Entsorg mich mit dem Müll!“ Jahrzehnte später wird sie verdächtigt, ihren Stiefvater ermordet zu haben. Kurz vor seinem Tod hatte er ihr gesagt: „Entsorg mich mit dem Müll“. Dem geht Sally schließlich nach. Plötzlich interessieren sich jede Menge Menschen für sie – nicht nur die Polizei und die Medien, sondern auch ein mysteriöser fremder Mann, der Sally gut zu kennen scheint. Für Katrin Ackermann klingt das nach einer fesselnden und geheimnisvollen Geschichte mit einer spannenden Protagonistin. Die „Gilmore Girls“ müssen warten, zuerst geht es mit der Lektüre von „Seltsame Sally Diamond“ von Liz Nugent weiter.
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Oct 27, 2024 • 5min

Liv Strömquist – Das Orakel spricht

Scrollen Sie mal einen Tag durch Instagram oder TikTok! Oder stöbern Sie in dieser einen Ecke der Buchhandlung mit den bunten Covern und den markigen Sätzen, sie kennen sie sicher. Sie werden glücklich sein. Denn offensichtlich ist alles möglich. Ob das nun Erfolg im Beruf ist, der Traumpartner oder ein langes, gesundes Leben inklusive Marathon mit 87. Mit diesen zwölf Schritten, jenen neun Lebensmitteln – Stichwort Kurkuma! – oder mit ein bisschen Selbstdisziplin, natürlich. Übrigens, klicken Sie mal auf diesen Link, da sind die entsprechenden Tipps zu kaufen. Zum Sonderangebot! Die Comicautorin Liv Strömquist ist fasziniert von dieser Kultur der Selbstoptimierung. Strömquist meint im Gespräch: Diese Kultur gibt es schon lange, aber über die letzten Jahre hat sie mehr und mehr Leute erreicht, ist immer mehr zum Mainstream geworden. Und jetzt scheint irgendwie jeder in diese Art zu Denken verwickelt zu sein. Quelle: Liv Strömquist im SWR Kultur lesenswert Magazin Kein Drehbuch mehr fürs Leben In ihrem neuen Comicband „Das Orakel spricht“ geht Liv Strömquist auf knapp 250 Seiten vielen Beispielen nach. Zum Beispiel den Fitness-Tracker, die den Schlaf, das Cholesterin und den Blutdruck messen – und uns damit vorgaukeln, mit den richtigen Werten wären wir unsterblich. Oder den frauenfeindlichen Influencern der Manosphere, die überzeugt sind, ihre Alpha-Männer-Techniken würden sie unverletzlich in der Liebe machen. All die Dinge also, die uns glauben lassen, Leid, Tod und Schmerzen ließen sich mit ein bisschen Anstrengung und Planung aus dem Leben verbannen. Willkommen in der Postmoderne! Liv Strömquist sagt: „Die Zeit, in der wir leben, ist eine, die dem Ich viel abverlangt, denn das Ich muss ständig Entscheidungen treffen und die besten Entscheidungen treffen: Wer bin ich? Bin ich glücklich? Gibt es vielleicht etwas anderes, das mich glücklicher macht? Man hat nicht mehr wirklich ein Drehbuch dafür, wie man sein Leben leben soll. Deshalb die ständige Selbstbeobachtung, und das ist etwas, das wir viel mehr tun muss als frühere Generationen." Doch „Das Orakel spricht“ wäre kein typischer Liv Strömquist-Comic, wenn er bei der Diagnose stehenbliebe. Auf der Suche nach Antworten rührt Strömquist in sieben Kapiteln alle möglichen Ansätze zusammen. Philosophinnen wie Eva Illouz kommen zu Wort oder Soziologen wie Hartmut Rosa. Aber Strömquist greift auch auf die heilige Katharina von Siena, den amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan oder antike Mythen zurück. Wer auch immer etwas zum Thema zu sagen hat. So sagt Strömquist: „Ich arbeite sehr intuitiv, das habe ich schon immer so gemacht. Wenn ich das Gefühl habe: ,Oh mein Gott, das ist so interessant', dann qualifiziert das eine Theorie dafür, in das Buch aufgenommen zu werden. Es muss also etwas Unerwartetes sein. Etwas, das mich aufregt und glücklich macht." Der Ratschlag wird zur Ware Wie eben das titelgebende Orakel von Delphi, für die Autorin die Urmutter aller Ratgeber und Influencer. Das Orakel war, soweit lässt sich archäologisch belegen, wohl berauscht von den giftigen Dämpfen aus einer Erdspalte, über der sein Tempel gebaut war. Strömquist meint: „Das Orakel von Delphi antwortete in einer Art Rätsel, denn es war high. Also sagte sie etwas, das sehr offen für Interpretationen war. Und das kann besser sein als ein Rat, der sehr konkret ist, der ist autoritärer. Die Person, die ihn bekommt, hat nicht viel Spielraum, für ihre eigene Perspektive, also den Rat so umzusetzen, wie es für sie Sinn macht. Im Ratgeber kreuzen sich bei Strömquist postmoderne Steuerungs-Fantasien und kapitalistische Verwertungslogik. Der Selfhelp-Guru ist die Figur der Stunde, ob es dabei um den richtigen Schlaf, die beste Ernährung oder Erziehung oder das Liebesleben geht. Die vermeintlichen Aufstiegsgeschichten der Gurus sind ihre Ware. Und gleichzeitig, so seziert Strömquist, die moralische Legitimation für den eigenen Reichtum, die eigenen Privilegien. Denn dass die Welt möglicherweise ungerecht, planlos, willkürlich sein könnte – diesem Horror müssen wir mit Anstrengung und Leistung begegnen. Etwas, von dem Liv Strömquist wundersamerweise verschont geblieben zu sein scheint: „Den Menschen wird oft gesagt, sie sollten sich Ziele setzen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht ein Ziel gehabt. Ich hatte nie das Ziel, Comiczeichnerin oder so etwas zu werden. Kreativität als Ausbruch Strömquist unterwandert mit ihren bunten Panels jeden Anspruch auf Wahrheit oder Autorität, den ihre Figuren vermarkten. Text und Bild sind lustvoll skeptisch gegenüber dem, was sie zeigen. Dabei sei sie keine begnadete Zeichnerin, gibt Strömquist unumwunden zu. Auch diese Geschichte erzählt sie mit zweidimensionalen, flächigen Panels, ihrem Stil bleibt sie treu. Form und Inhalt aber passen in „Das Orakel spricht“ besser zusammen als in ihren anderen Büchern. Nicht perfekt geführt, nicht geradlinig, sondern mäandernd bewegt man sich als Leserin durch den Comic. Und nimmt damit gleichzeitig am kreativen Prozess der Autorin teil – immerhin Widerstand im Kleinen. Es ist eher wie ein Spaziergang im Wald, bei dem man etwas findet und dann wieder etwas anderes, bei dem man etwas Schönes sieht und versucht, eine gewisse Stimmung zu erzeugen. Quelle: Liv Strömquist
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Oct 27, 2024 • 4min

Schweigen erwünscht – „The Silent Book Club“ in Heidelberg

Immer mehr Menschen fällt es anscheinend schwer, sich längere Zeit auf ein Buch zu konzentrieren – ohne zwischendrin immer wieder aufs Handy zu schauen oder aufzuspringen, um etwas zu essen oder trinken zu holen. Deswegen gibt es jetzt weltweit immer mehr Angebote von Buchhandlungen und Bibliotheken, bei denen Menschen zusammenkommen, um - jede und jeder für sich - eine Stunde lang konzentriert zu lesen, ohne Ablenkungsmöglichkeit und danach miteinander ins Gespräch kommen können. Leseclub in Heidelberg Natürlich kommt dieser Trend aus den USA und nennt sich „Silent Book Club“. Auch in Heidelberg am Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI) gibt es einen solchen Leseclub. Die Bibliothek des Deutsch-Amerikanischen Instituts in Heidelberg hat hohe helle Räume mit Bücherregalen bis unter die Decke. Noch sind ein paar Kinder mit ihren Eltern da und einige Studierende, die sich noch schnell vor der Schließzeit ein paar Bücher ausleihen. Aber heute gehen hier um 18 Uhr noch nicht die Lichter aus, sondern – wie jeden zweiten Donnerstag – treffen sich Lesebegeisterte zum „Silent Book Club“. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer stehen schon in kleinen Grüppchen beisammen, andere stöbern noch in den Bücherregalen. Dann begrüßt Mitarbeiter Craig McSkimming alle Gäste: „So, welcome everybody to ,The Silent Book Club'!" Nicht nur das Buch ist spannend, auch die anderen Leser*innen An diesem Abend sind vier Männer und sechs Frauen gekommen, jüngere und ältere. Sie verteilen sich in dem großen Lesesaal. Manche machen es sich in den tiefen Ledersesseln bequem, andere setzen sich um die zwei großen Tische herum. Die meisten haben sich ihre eigenen Bücher mitgebracht. Ich nutze die Gelegenheit und greife zu einem Buch des amerikanischen Politologen Yasha Mounk. Doch es dauert eine Weile, bis ich mich konzentrieren kann. Ich bin neugierig, versuche, einen Blick auf die Buchcover zu erhaschen, möchte sehen, was die anderen so lesen. Und wie sie lesen: Hat die Frau neben mir etwa schon wieder eine Seite umgeblättert? Wie schnell liest sie denn! Rechts von mir schaltet eine jüngere Frau ihr E-Book an – eine andere Frau am Tisch steckt sich ihre Kopfhörer ins Ohr und lauscht ihrem Hörbuch. Der DAI-Mitarbeiter Craig bringt ein paar Kekse und Salzstangen an die Tische – ansonsten ist es ruhig, nur der Straßenlärm dringt in die Bibliothek. Ich vertiefe mich in mein Buch. Die Stunde geht viel zu schnell rum. Craig bittet alle, sich um den einen großen Tisch zu versammeln, er bringt Wein und Käse. Wer möchte, kann jetzt sein Buch vorstellen und seine Meinung dazu äußern. Nach dem Lesen wird geplaudert Nicht alle wollen gleich mitreden, aber am Schluss haben doch alle ihr Buch vorgestellt – die Bandbreite ist groß: ein Sachbuch zur eigenen Fortbildung, der Gewinnertitel des Deutschen Buchpreises, weil überall darüber gesprochen wird und ein eher leichtes, lustiges Buch, was man im Urlaub nicht fertig lesen konnte. Manche lesen auf englisch, andere auf deutsch. Und auch bei der anschließenden Gesprächsrunde spricht jeder in der Sprache seiner Wahl. Immer wieder fragen Teilnehmer*innen nochmal nach einem Titel oder Autor – der „Silent Book Club“ ist schließlich auch eine Möglichkeit, sich Lektüre-Anregungen zu holen. Aus dem „Stillen Lese“-Kreis ist eine muntere Gesprächsrunde geworden. Ein Treffpunkt auch für schüchterne Lesende Seit dem Frühjahr gibt es am DAI in HD den „Silent Book Club“. Bibliotheksmitarbeiterin Ingrid Stolz war am Anfang eher skeptisch als sie von diesem neuen Trend aus den USA gehört hat: „Ich fand es am Anfang gar nicht interessant. Ich habe gar nicht eingesehen, warum man sich treffen sollte, um sein eigenes Buch zu lesen. Aber wir hatten dann eine Praktikantin, die sehr schüchtern war, und die sagte: ,Doch, das ist für die Schüchternen Leute und nicht jeder möchte im Book Club so viel reden und das ist in den USA der ganz große Hype!' Und dann hab ich gedacht, wir probieren es mal aus und das wird gut angenommen. Und es kommen ganz neue Leute, die sonst nicht unbedingt zu den anderen Sachen kommen." Inzwischen hat sich ein harter Kern aus Literaturbegeisterten gebildet, der regelmäßig teilnimmt. Aber es kommen auch immer wieder neue Interessierte dazu, wie Monika, die schon nach einem Abend ein echter Fan des „Silent Book Clubs“ geworden ist: „Ich fand’s super und der erste Gedanke war, endlich eine Stunde ungestört lesen. Ich merk einfach selber, dass ich mich zuhause oft schwer tute, nicht dann irgendwohin zu gucken, den Tee zu machen. Es ist vor allem interessant, was andere Menschen lesen, wie man sich wieder verbindet, wer welche Bücher kennt, die na mir völlig vorbeigegangen sind. Ich werde gern wiederkommen."

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