

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Nov 13, 2024 • 4min
Christoph Sebastian Widdau, Jörn Knobloch – Was ist und was soll Political Correctness?
Über die Berliner „Mohrenstraße“ wurde ausgiebig gestritten, bei Bismarck-Denkmälern würden manche Leute gern den Vorschlaghammer hervorholen, der Hindenburg-Damm muss doch nicht nach einem Demokratiefeind heißen, und das N-Wort hat in einem Kinderbuch nichts zu suchen. In all diesen Fällen geht es um Symbole und um Sprache.
Und all diese Fälle sind hart umkämpft. Komplett verfeindete und unversöhnliche Parteien scheinen sich gegenüberzustehen. Für die einen kann ein Straßenname verletzend, gar retraumatisierend sein.
Andere berufen sich auf Traditionen oder ein komplexes Geschichtsbild, das sich nicht einfach durch das Auslöschen von Begriffen übermalen lässt. Wenig verbindet diese Positionen.
Was darf man (noch) wie sagen? Darum tobt ein Kulturkampf
Es tobt ein regelrechter Kulturkampf. An diesem Punkt setzt der schmale Essay der Politologen und Philosophen Jörn Knobloch und Christoph Sebastian Widdau an. Sie fragen: „Was ist und was soll Political Correctness?“, beschreiben also zunächst die Grundlagen der Auseinandersetzung, die Herkunft des Begriffs, die Intentionen, die hinter der Forderung nach politischen Korrekturen stecken.
Political Correctness wurde in der Bundesrepublik früh durch Feministinnen praktiziert. Sie zielten darauf, die ungenügende Repräsentation von Frauen in Sprache, Kultur, Politik anzuprangern. Aber längst gehe es neben der Kritik am Sprachgebrauch auch ...
… um die Bewertung und Sanktionierung bestimmter Weltanschauungen oder die politisch-moralisch begründete Auswahl von Sprechern in der Öffentlichkeit.
Quelle: Jörn Knobloch, Christoph Sebastian Widdau – Was ist und was soll Political Correctness?
Beitrag zur Versachlichung in der Diskussion um Political Correctness
Political Correctness ist ein Kampfbegriff, dessen Wesen schon zur Genüge wissenschaftlich und feuilletonistisch diskutiert wurde. Knobloch und Widdau aber gehen einen Schritt über die Beschreibung hinaus.
Ihr Anliegen: Sie wollen die Diskussion versachlichen, und zwar indem sie versuchen, die verfeindeten Strömungen der Bewahrer und Korrektoren auf eine gemeinsame ideengeschichtliche Wurzel zurückzuführen.
Wir vermuten (…), dass beide Positionen auf dem Liberalismus fußen. Zumindest, um dies vorsichtiger zu formulieren, lassen sich ihre Ursprünge auf liberales Denken zurückführen.
Quelle: Jörn Knobloch, Christoph Sebastian Widdau – Was ist und was soll Political Correctness?
Natürlich gibt es Rechtsextreme, die der Political Correctness aus durchschaubaren Gründen den Kampf ansagen. Das ignorieren Knobloch und Widdau keineswegs. Aber im Kern der Auseinandersetzung stünden sich unterschiedliche liberale Gesinnungen gegenüber. Dies eröffne die Möglichkeit, doch Übereinkünfte zu finden, die aufgrund der aufgeheizten Debatten schier unerreichbar scheinen.
Wenn sich aber die Streitparteien darauf einigen könnten, dass sie sich innerhalb liberaler Demokratien bewegen und den Liberalismus ernst nehmen, dann könnte man prüfen, ob von hier aus gesehen bestimmte Praktiken, Routinen und Konventionen, Sprechweisen und Handlungen sinnvollerweise als »korrekt« oder »inkorrekt« bezeichnet werden können.
Quelle: Jörn Knobloch, Christoph Sebastian Widdau – Was ist und was soll Political Correctness?
Fundament gemeinsamer liberaler Überzeugungen gibt Hoffnung
Letztlich begreifen die Autoren die Debatte als Reaktion auf die Krise des Liberalismus. Es handelt sich um einen Streit darüber, wie der Liberalismus fortgeführt, liberalisiert werden könnte. Vor Gerichten lässt sich das schwerlich austragen, durch Gesetze nur um den Preis tieferer Spaltungen regeln.
Auf dem Fundament gemeinsamer liberaler Überzeugungen aber könnten beide Streitparteien die Wichtigkeit ihrer Anliegen erkennen und diskutieren – und Kompromisse aushandeln, die aus der Unbedingtheit des Entweder-Oder ausbrechen.
Der Sprachgebrauch müsse, so Knobloch und Widdau, einer Inventur unterzogen werden; diese ermögliche Suche nach tatsächlichen oder vermeintlichen Beleidigungen. Darauf ließe sich aufbauen. Freilich basiert dieser Vorschlag auf einer von Jürgen Habermas inspirierten Diskursethik, die vernunftbegabte und offene Teilnehmer voraussetzt. Auf solche darf man zwar hoffen. Ob man sie gegenwärtig wirklich finden kann, ist allerdings zweifelhaft.

Nov 12, 2024 • 4min
Molly MacCarthy – Kleine Fliegen der Gewissheit
Eine weitläufige Zimmerflucht als Zuhause, der Blick aus dem Kinderzimmer in einen üppigen, gepflegten Garten, Privatunterricht mit Hauslehrern und berühmte Autoren zum Abendessen. Es ist eine ferne, faszinierende Welt, in die Molly MacCarthy uns in ihren Kindheitserinnerungen „Kleine Fliegen der Gewissheit“ mitnimmt.
Ich wurde in den Achtzigern in behütete, äußerst behagliche religiöse und literarische Kreise hineingeboren.
Quelle: Molly MacCarthy – Kleine Fliegen der Gewissheit
Ironische Distanz zur eigenen Familie
Kindheitserinnerungen bergen die Gefahr der nostalgischen Verklärung. Dass Molly MacCarthy nicht in diese Falle tappt, macht „Eine Kindheit im neunzehnten Jahrhundert“ – so der Originaltitel der autofiktionalen Erzählung – umso lesenswerter. Immer ist das Bemühen der Autorin um Ehrlichkeit wahrnehmbar, was sich oft auch in einem Ton ironischer Distanz gegenüber der eigenen Familie und deren Werten niederschlägt.
Molly, die eigentlich Mary heißt, ist das zweitjüngste von acht Kindern des Vize-Schuldirektors Francis Warre-Cornish und seiner Frau Blanche. Die Autorin ist zwölf Jahre alt, als ihr Vater seine Stelle in Eton antritt und die Familie in das weiträumige Tudor-Haus neben dem Eliteinternat zieht.
Mollys Familie gehört zum gehobenen Bildungsbürgertum. Um die Aufmerksamkeit der zerstreuten und exzentrischen Mutter kämpft die Tochter oft vergeblich. Häusliche Theateraufführungen, Vorlesestunden und Klavierkonzerte machen für MacCarthy auch im Rückblick den Mangel an mütterlicher Zuwendung nicht wett. Völlig unerwartet entscheidet die Mutter überdies, die Tochter in ein katholisches Internat zu geben.
Die weitläufigen, weißen Schlafsäle, (…) und die Kapelle, in der ein schwerer Weihrauchduft lag, vermittelten ihr das Gefühl dieser disziplinierten Ordnung und Ruhe, nach der sie sich selbst sehnte und die sie einer Tochter nur zu gerne vermittelt hätte. (…) So rasch wie möglich sollte ich in dieser hochkirchlichen Festung eingekerkert werden.
Quelle: Molly MacCarthy – Kleine Fliegen der Gewissheit
Kaum Berufsperspektiven trotz Schulabschluss
Trotz Heimweh, Einsamkeit und rigiden religiösen Geboten versucht das Mädchen, die Beweggründe der mütterlichen Entscheidung nachzuvollziehen. Diese Balance zwischen Fakten und subjektivem Rückblick zeichnet das Buch aus, das einen höheren literarischen Anspruch als ein Memoir hat und von der Ich-Perspektive bisweilen auch in die dritte Person wechselt.
Nach ihrem Schulabschluss sieht sich das junge Mädchen allerdings mit einem unerwarteten Problem konfrontiert. Auf der Suche nach einer Zukunftsperspektive geht sie im „Jahrbuch der englischen Frauen“ die Liste mit den Berufen durch.
Obgleich das Jahrbuch alle Berufe nannte, die eine Frau in jener Zeit hätte ergreifen können, von der Universitätsprofessorin bis zur Müllkutscherin (…) an den Hafendocks, wurde es mir zu meiner großen Bestürzung klar, dass ich ohne Beruf dastand. Unter diesen Umständen entschließe ich mich zu einem drastischen Schritt. „Ich werde Hygieneinspektorin“, verkünde ich meiner Familie. Sie brüllen vor Lachen.
Quelle: Molly MacCarthy – Kleine Fliegen der Gewissheit
Mollys Berufssuche wird ebenso in Ehe und Mutterschaft enden wie die ihrer Schwestern. Vorher dürfen die jungen Mädchen in London noch ein wenig ihre Freiheit auf sittsamen Tanztees genießen.
Die zahlreichen Anmerkungen des Herausgebers und Übersetzers Tobias Schwartz machen den beeindruckenden Bildungshintergrund deutlich, der für junge Mädchen der britischen Upperclass selbstverständlich war.
Als Queen Victoria, Königin von Großbritannien und Kaiserin von Indien, 1901 stirbt, endet eine Epoche und mit ihr auch die Kindheit und Jugend der 19-jährigen Molly MacCarthy. Das sachkundige Vorwort bettet die Erzählung in den historischen Kontext der berühmten Bloomsbury Group ein, deren Mitglied Molly MacCarthy war.
„Mit Neid und Entzücken“ habe sie Mollys Kindheitserinnerungen gelesen, schreibt Virginia Woolf 1924 in einem Brief an ihre Cousine. Auch hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung bereiten die anrührenden, nachdenklichen und amüsanten Kindheitserinnerungen große Lesefreude.

Nov 11, 2024 • 4min
Vincenzo Cerami – Ein ganz normaler Bürger
Das Glutnest, aus dem in „Ein ganz normaler Bürger“ ein regelrechter Flächenbrand wird, hat einen Namen. Er lautet Aufstiegswille:
Du wirst deinen Weg gehen, so wahr mir Gott helfe. Und du fängst da an, wo ich nach dreißig Dienstjahren aufhöre … mit gerade mal zwanzig. Ein junger Mann, der etwas werden will, denkt nur an sein Fortkommen, an sonst nichts, sollen die anderen sich den Strick nehmen!
Quelle: Vincenzo Cerami – Ein ganz normaler Bürger
So spricht der kurz vor der Rente stehende Giovanni Vivaldi mit seinem Sohn Mario, der im Rom der 1970erJahre im gleichen Ministerium wie sein Vater eine Prüfung vor sich hat. Sie soll Mario für eine höhere Beamtenlaufbahn qualifizieren und ihm damit den sozialen Aufstieg und das Entkommen aus der kleinbürgerlichen Enge seiner Verhältnisse ermöglichen.
Damit Mario der Aufstieg gelingt, legt sich Giovanni mächtig ins Zeug, konkurrieren schließlich 12.000 Bewerber um 2.000 Plätze. Er tritt auf Einladung seines Vorgesetzten, Dottor Spaziani, der Freimauerloge bei und macht sich dort erst einmal lächerlich. Doch durch diese Mitgliedschaft gelingt es ihm, sich die Fragen und Antworten für die Prüfung seines Sohnes schon vorab zu erschleichen:
‚Hier habe ich die Abschrift der Prüfungsaufgabe‘, raunte Dottor Spaziani und blickte sich misstrauisch um. Wie von einem Magneten in seinem Bauch angezogen, schnellte Giovanni nach vorn, packte die Hände des Vorgesetzten und bedeckte sie mit ungestümen Küssen. Er wollte sie gar nicht mehr loslassen und schwitzte und stöhnte. Zwischen Schmatzern, Speichelfluss und Seufzern stieß er ein Dutzend ‚Danke‘ hervor.
Quelle: Vincenzo Cerami – Ein ganz normaler Bürger
Ein verzweifelter Kriecher
Man könnte Giovanni einen Kriecher nennen. Oder einen Verzweifelten. Der Aufstieg des Sohnes scheint aber beschlossene Sache zu sein. Doch am Tag der Prüfung geschieht ein Unglück. Vater und Sohn durchqueren eine Straße, in der ein Raubüberfall stattfindet:
Ein Wimpernschlag und zugleich eine Ewigkeit. Bevor Mario noch »Mamma« sagen konnte, war er schon tot. Einen Augenblick oder hundert Jahre zuvor der gellende Schrei einer Frau, wie er nur im höchsten Falsett möglich ist. Aus dem Hosenbein des Jungen floss Blut wie aus einem Wasserhahn. Die tödlichen Schüsse stammten aus Feuerwaffen.
Quelle: Vincenzo Cerami – Ein ganz normaler Bürger
Von diesem Moment an, so stellt Ceramis atmosphärischer dichter Roman es dar, ist Giovannis Schicksal endgültig besiegelt. Es geht unerbittlich nur noch in eine Richtung: bergab.
Die Enge der Verhältnisse
Indem Cerami die Handlung einbettet in die bleierne Atmosphäre im Rom der 1970er-Jahre, an der sich auch Pier Paolo Pasolini abarbeitete, gewinnt das traurige Schicksal Giovannis parabelhafte Züge. Durch die bildhafte Sprache hinterlässt „Ein ganz normaler Bürger“ einen tiefen Leseeindruck.
Sofort erkannten die beiden den Sonntag wieder: an den heruntergelassenen, mit Schmierfett geölten Rollgittern der Läden, an den Wohnhäusern mit ihren zu hohnlächelnden Mäulern aufgerissenen Toren, an den entlang der Bürgersteige geparkten Autos gleich einbalsamierten Hunden, an den menschenleeren Straßenbahnen – lahme, verschreckte Raupen – und schließlich an der einen, die ganze Stadt durchquerenden Häuserkette, die sich überallhin verzweigte wie Haarbüschel auf einem grindigen Kopf.
Quelle: Vincenzo Cerami – Ein ganz normaler Bürger
Schilderungen wie diese von Giovannis und Marios Rückkehr von einer Angeltour am Rand der Stadt sind typisch für Ceramis Roman, der in seiner Klarheit und Genauigkeit von den ersten Seiten an so packend ist, dass man ihn kaum zur Seite legen, dass man erfahren möchte, welch traurigen Weg dieser ganz normale Bürger, eingezwängt in die Enge der Verhältnisse, gehen muss.

Nov 10, 2024 • 6min
Tove Ditlevsen – Vilhelms Zimmer | Gespräch
Tove Ditlevsen nahm sich 1976 das Leben. Als sie starb, war sie noch keine 60 Jahre alt. Ihr letztes Buch „Vilhelms Zimmer“, in Dänemark bereits 1975 erschienen, liest sich wie eine Ankündigung ihres Freitods und wie ihr literarisches Vermächtnis.
In Dänemark war Tove Ditlevsen bereits zu Lebzeiten sehr erfolgreich. In Deutschland hingegen wurde die Dänin erst vor wenigen Jahren wieder entdeckt, vor allem ihre autofiktionale „Kopenhagen Trilogie“, in der sie ihre Kindheit, Jugend und ihre Abhängigkeit verarbeitet.
Übersetzerin Ursel Allenstein im Gespräch
In Ditlevsens jetzt ins Deutsche übertragenen Buch „Vilhelms Zimmer“ verarbeitet sie ihre schwierige letzte Ehe. Das Buch handelt von der Hassliebe zwischen der Protagonistin Lise Mundus, eine erfolgreiche Schriftstellerin, und ihrem narzisstischen Ehemann Vilhelm. In der Ehe wie auch im ganzen Roman geht es um Leben und Tod.
Tove Ditlevsen war eine Vorreiterin des autofiktionalen Erzählens und damit war sie ihre Zeit total weit voraus.
Quelle: Ursel Allenstein - Übersetzerin von Tove Ditlevsen
Durch den stetigen Wechsel der Erzählperspektiven sei die Übersetzung von "Vilhelms Zimmer" die schwierigste aller Ditlevsen-Übersetzungen gewesen, berichtet Übersetzerin Ursel Allenstein im lesenswert-Gespräch.
Tove Ditlevsen ist eine Ikone der dänischen Literatur. Sie hat Generationen von Leserinnen und Lesern geprägt. Sie ist auch heute, 50 Jahre später, noch wahnsinnig modern. Wie sie über weibliches Leben und Leiden schreibt, hat immer noch eine große Aktualität. Sie ist unglaublich kompromisslos und in ihrer Radikalität, dass sie wirklich immer alles von sich gibt, finde ich sie einzigartig.
Quelle: Ursel Allenstein - Übersetzerin von Tove Ditlevsen

Nov 10, 2024 • 55min
Bei Krisen aller Art hilft: Lesen! Bücher von Joachim Meyerhoff, Tove Ditlevsen und Clemens Böckmann
Mit guten Büchern kann man die Krisen und Brüche der politischen Welt für ein paar Stunden ausblenden - und das Lesenswert Magazin hat die passenden Tipps dafür.

Nov 10, 2024 • 7min
„Das ist die Mcdonaldisierung der Literatur"
Wäre es für Verlage nicht rentabel, wenn man vor dem Druck eines Buches absehen könnte, wie erfolgreich es wird? Ab Ende des Jahres steht der Verlagswelt eine künstliche Intelligenz zur Verfügung, die genau das kann: Eine Art Bestseller-Orakel, das mithilfe eines Algorithmus vorhersagt, welche Bücher zu Verkaufsschlagern werden. Ob das ein Fluch oder ein Segen für die Literaturbranche ist, darum geht's im Gespräch mit Thomas Montasser, Literaturagent aus München.
Algorithmus bezieht sich auf Vergangenheit
Die Firma Media Control, die das Programm "Demandsens" entwickelt hat, verspreche den Verlagen eine 85-prozentige Prognose-Sicherheit darüber, ob ein Buch ein Bestseller werde oder nicht, sagt Literaturagent Thomas Montasser. Allerdings:
'Demandsens' kennt nur den literarischen Massengeschmack. Wenn wir nicht aufpassen, gibt es bald nur noch Einheitsbrei und alles, was neu ist, findet nicht mehr statt.
Quelle: Thomas Montasser - Literaturagent aus München
Der Algorithmus von "Demandsens" basiere sich in seiner Prognose aber lediglich auf Trends der Vergangenheit. Unvorhersehbares, wie etwa die Vergabe eines Literarturpreises, woraufhin Werke in manchen Fällen zu Bestsellern werden, könne das Programm in seine Berechnungen nicht einbeziehen, erklärt Montasser.
Künstliche Intelligenz kann als Ansporn dienen
Ihm zufolge könne künstliche Intelligenz aber auch Positives für die Buchbranche bewirken:
Ich bin selbst nicht nur Agent, sondern auch Autor. Wenn ich heute einen Text schreibe, dann überlege ich mir am Ende regelmäßig: 'Hätte das auch eine KI schreiben können?' Und wenn ich zu dem Ergebnis komme: 'Ja, möglicherweise schon.' Dann muss ich den Text löschen, denn dann genügt er meinen eignen Ansprüchen nicht. Die KI hält uns den Spiegel vor. Wir müssen besser als die KI bleiben, denn sonst hat der Mensch keine Chance.
Quelle: Thomas Montasser - Literaturagent aus München

Nov 10, 2024 • 6min
Clemens Böckmann – Was du kriegen kannst
Der Ursprung dieses Buches ist eine zufällige Begegnung in einer Leipziger Kneipe. So behauptet es jedenfalls der Ich-Erzähler in Clemens Böckmanns „Was du kriegen kannst“.
Es ist Zufall, dass Uta und ich uns kennengelernt haben. Eine Freundin von mir war, im Rahmen ihrer Forschung in Leipzig, an einem Abend müde in eine Bar gegangen. An einem der Tische saß eine ältere Frau. Sie kamen ins Gespräch. Über vier Stunden erzählte Uta Einzelheiten aus ihrem Leben. Am nächsten Morgen rief die Freundin mich an, war verwirrt und überfordert und gleichzeitig eingenommen von einer Person, die sich ihr fast hemmungslos offenbart hatte.
Quelle: Clemens Böckmann – Was du kriegen kannst
Diese Frau aus der Bar ist Uta Lothner, die (durchaus widersprüchliche) Heldin des Romans. Sie arbeitet in den frühen 1970er-Jahren als Möbelverkäuferin in ihrer Heimatstadt Zwickau. Uta sieht gut aus, ist erlebnishungrig und Männerbekanntschaften nicht abgeneigt, kurz: eine ganz normale junge Frau, die in einem ganz und gar unnormalen, wenn auch grundspießigen Staat aufwächst.
Im Jahr 1971 wirbt die Staatssicherheit Uta an, um rund um die internationalen Leipziger Messen Geschäftsleute und Besucher aus dem Westen auszuspionieren.
Das funktioniert natürlich am besten, indem man mit ihnen schläft. Uta wird zur Sexarbeiterin und Agentin, die regelmäßig Berichte an ihre Kontaktleute abliefert, zugleich aber selbst immer unter Beobachtung steht.
Clemens Böckmann beleuchtet Utas Biografie aus unterschiedlichen Erzählperspektiven: Sein Ich-Erzähler zeigt die Uta der Gegenwart als prekäre Alkoholikerin. Uta selbst erzählt im umgangssprachlichen Jargon aus ihrem Leben. Und große Teile des Romans schließlich bestehen aus Aktenvermerken des Ministeriums für Staatssicherheit:
In ihrer Begleitung befindet sich meistens die Verkäuferin aus der Konsumgenossenschaft Zwickau (schwarzer Balken)wohnhaft in Zwickau, (schwarzer Balken)sowie auch oftmals die Verkäuferin vom Warenhaus (schwarzer Balken) aus Schneeberg (schwarzer Balken)wohnhaft in (schwarzer Balken).Alle Genannten werden als Männertoll eingeschätzt.Seit dem 30.1.1972 ist die Obengenannte Mitglied der SED. Gesellschaftliche Funktionen übt sie keine aus. Ansonsten kann gesagt werden, dass es sich bei der Obengenannten um eine attraktive Erscheinung handelt, die auch stets mit der neusten Mode gekleidet ist.“
Quelle: Clemens Böckmann – Was du kriegen kannst
„Was du kriegen kannst“ ist ein komplexer, anspruchsvoll zu lesender Roman, eine Collage aus unterschiedlichen Textgattungen. Die Fülle an Informationen, die hier aus verschiedenen Quellen zusammengetragen wird, dient im Grunde einem einzigen Zweck: Zu zeigen, dass es keine gesicherten Informationen gibt.
Uta ist eine ambivalent gezeichnete Figur: Ist sie Täterin oder Opfer? Clemens Böckmann ist subtil genug, die Antwort auf diese Frage in der Schwebe zu halten. Er zeigt, wie man in die Maschinerie des Spitzelapparates hineingeraten kann. Er führt vor, wie ein Individuum komplett hinter einer Sprache verschwindet, die auf bloße Funktionalität ausgerichtet ist und in ihrer bürokratischen Verschraubtheit nahezu unlesbar ist.
Der Geruch von Abgasen und Schnaps
Uta ist in diesem Roman beobachtetes Objekt und sprechendes Subjekt zugleich, doch beide Perspektiven ergeben kein abgerundetes Bild, sondern stecken voller Widersprüche.
Genau darin liegt die historische Wahrhaftigkeit dieses Romans. Zugleich transportiert Böckmann die Gerüche, Geräusche, Milieus des nach Abgasen, Zigaretten und Schnaps riechenden, muffigen Alltags eines sich selbst als progressiv verstehenden Staats auf verblüffende Weise.
Die Ambivalenz zwischen Utas Unschuld und Täterschaft kommt auch in kleinen Szenen zum Vorschein. Beispielsweise, wenn die junge Uta in ihrer Wohnung ihren Vater empfängt:
Irgendwann später hat er mich mal besucht, und da hat er eine Einladung von der persischen Botschaft gesehen. Da hat er Augen gemacht! Meine Tochter beim Empfang in der persischen Botschaft! Da habe ich ihm alles erzählt. Also nicht das mit dem Sex, aber, dass ich da für die STASI hingehe, in deren Auftrag, und dass ich schon seit vier Jahren für die arbeite. Da war er stolz! Damit hatte er gar nicht gerechnet.
Quelle: Clemens Böckmann – Was du kriegen kannst
Clemens Böckmann, so kann man nachlesen, hat für seinen Roman ausgiebig recherchiert. Es gab schon einige, durchaus gelungene Versuche, den Staatssicherheitsapparat der untergegangenen DDR in Literatur zu fassen, Wolfgang Hilbig mit seinem grandiosen Roman „Ich“ zum Beispiel.
Aber in den vergangenen Jahren hat sich nun eine neue, junge Generation von Autorinnen und Autoren herausgebildet, die sich dem Leben in der DDR nicht aus eigener Erinnerung, sondern aus der Sicht der Nachgeborenen nähert. Der 1988 geborene Clemens Böckmann gehört zu diesen neuen Stimmen und bekommt nun für sein vielschichtiges, komplexes Debüt „Was du kriegen kannst“ den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung – verdientermaßen.
Was genau in diesem Buch erfunden und was in Archiven entdeckt wurde, bleibt bewusst unklar. Wer Uta Lothner tatsächlich war, weiß man nach der Lektüre nicht und soll es auch nicht wissen. Aber wie kann man einer solchen versehrten Existenz mit all ihren Brüchen, die bis in die Gegenwart hineinreichen, gerecht werden?
Die Antwort auf diese Frage ist dieses Buch: Indem man von ihr erzählt.

Nov 10, 2024 • 6min
Amir Hassan Cheheltan – Die Rose von Nischapur
In den acht Jahren, die er und Nastaran zusammen waren, waren sie noch nie ernsthaft miteinander in Streit geraten. Man konnte sie zu den unkomplizierten Paaren zählen… Seit ein, zwei Jahren aber fragt Mama Malli ständig: „Findet ihr nicht, dass es Zeit ist zu heiraten?“
Quelle: Amir Hassan Cheheltan – Die Rose von Nischapur
Amir Hassan Cheheltan im Gespräch: „In my apartment, in the building that I live in, 20 families live in this building, and we had two couples, who live together without marriage. And this is the real picture of my country, or at least the real picture of Tehran as the mega city and as the heart of Iran."
Amir Hassan Cheheltan kennt zwei unverheiratete Paare im eigenen Haus, das sei heute Realität in Teheran, dem Herzen Irans, sagt er. Auch zwei seiner Romanfiguren, der Schriftsteller Nader und die junge Grafikdesignerin Nastaran, leben in „weißer Ehe“.
Nastarans Gefühle waren echt… Nader bewunderte ihre dezente Unverblümtheit und ihre Zivilcourage.
Quelle: Amir Hassan Cheheltan – Die Rose von Nischapur
Abtrünniger, Ungläubiger, Hedonist: Der Dichter Omar Khayyam
Aber dann kommt der attraktive, alle betörende Engländer David, benennt ihre Lebenslügen, und die Dreiecksgeschichte driftet in die Katastrophe.
Dieses Beziehungsdrama unterfüttert Cheheltan, der Homme de lettres, mit philosophischen Gesprächen und historischen Lektionen. Im Zentrum Omar Khayyam, ein Dichter aus dem 11./12. Jahrhundert. David verehrt Khayyam, den Abtrünnigen, Hedonisten, den Gegenspieler aller Glaubensverkäufer.
So Amir Hassan Cheheltan: „In his poetry, he's against God, he's against everything. He cares only about this moment. I want to clear up something at the present. Khayyam is a figure that is against everything that Islamic Republic is based on and at the same time, I wanted to show a modern life in Tehran."
Historie zur Klärung der Realität also. Khayyam lehnte alles ab, worauf die heutige Islamische Republik basiert, resümiert Amir Cheheltan. Wozu noch Selbstmordattentate, wenn es kein Paradies gibt? Wozu Wein und Musik im Diesseits verbieten, wenn kein Jenseits existiert, lässt er seine Figuren fragen, öffnet Diskussionsräume und zeigt die Gegenwart im Spiegel der Vergangenheit.
Aus der persischen Literaturgeschichte zitiert er eine Fülle von Beispielen, auch zu Tabus wie Homosexualität. Europa sei prüde gewesen, sagt er und lässt das Personal seines bildungstrunkenen Romans überall debattieren, auf Märkten, beim opulenten Essen, im Theater. Über Gott und die Welt, Orient und Okzident, es wird eine Menge geredet und zugleich verhüllt.
„Manchmal redet man viel, um etwas zu verbergen“
Amir Hassan Cheheltan: „This is my style in narration always, that I am not so direct to anything. Because I think a human life is very complicated, and sometimes you talk a lot just because you want to hide something."
Das menschliche Leben sei kompliziert, manchmal rede man viel, um etwas zu verbergen, weiß Amir Hassan Cheheltan, Ende 60, ein Schriftsteller von stilistischer Raffinesse, ein Meister von Innenräumen, der hinter Fassaden blickt, der mit Erwartungen spielt und immer wieder falsche Fährten legt. Nastaran heißt seine weibliche Hauptfigur, sie kommt aus Nischapur wie Omar Khayyam und wie die echte Rose von Nischapur, die Blume, die im fernen England, am Grab von Khayyams Übersetzer vertrocknete.
Eine Rose, nicht feuerrot, aber wunderbar duftend.
Quelle: Amir Hassan Cheheltan – Die Rose von Nischapur
Amir Hassan Cheheltan ist Iraner und Weltbürger. In der Zeit der Massenhinrichtungen in Iran Ende der 90er-Jahre lebte er in Italien, später in Deutschland und den USA.
Immer ging er nach Teheran zurück, das Land sei sein Zuhause, die Stadt sein Arbeitszimmer, sagt er:„I am so connected to my home, the country, my country is my home. The capital of my country is my study room. And whereever in the world I am, I feel like a passenger who is in the station to get the next train."
Wo immer er in der Welt sei, er fühle sich wie ein Passagier, der auf den nächsten Zug warte, meint Cheheltan. Auch diesmal wird er wieder aus Europa zurückkehren in die Islamische Republik. Er hält sich fern von politischen Organisationen, selbst dem Schriftstellerverband, in dem er einst aktiv war. Seit vierzig Jahren publiziert er, seit zwanzig Jahren können seine Bücher nur im Ausland erscheinen. Aber er schreibt, in Romanen und deutschsprachigen Zeitungen, erstaunlich deutlich über Korruption, Inflation, Frauen, den offenen und stillen Protest, nichts davon gibt es auf Persisch.
Irans „Weg des Todes“: eine Sackgasse?
Amir Hassan Cheheltan: „In fact, after the Mahsa movement, maybe the government was even more strict. So many lives were lost during this movement. Many eyes were blinded in the streets, in the protest scene. But like any other movement it has got up and down. It is still an ongoing movement, and nowadays, there is a lot of people active in social obedience. You see many girls in public places without hijab."
Zu Beginn der Jina Mahsa Amini-Bewegung sei das Regime rigider gewesen, so viele verlorene Leben, beim Protest in den Straßen erschossen oder geblendet, aber die Bewegung gehe weiter, immer mehr junge Frauen zeigten sich öffentlich ohne Hijab, sagt Cheheltan. Irans neuer Präsident Massud Peseschkian, ein Reformer im Amt, schien ein Zeichen, als hätte das Regierungssystem der Mullahs verstanden, dass der rigide Kurs eine Sackgasse, ein „Weg des Todes“ gewesen wäre. Aber die Hinrichtung eines Deutschen wäre ein fataler Fehler gewesen. Den Preis zahlten am Ende wieder die Iraner, sagt Cheheltan. Die Reformer sind eliminiert, aber die Mittelschicht verweigert sich, nur 15 Prozent der Bürger Teherans gingen zur Wahl.
Iraner haben mehrere Gesichter
Die Menschen lebten in eigenen Welten, hinter den Wohnungstüren meist liberaler, Iraner hätten drei, vier Gesichter, sagt er. Und mit dem Krieg in Nahost wolle die Mehrheit nur noch „Iran first“, keine Einmischung im Libanon oder in Palästina. Für Nastaran, „Die Rose von Nischapur“ im Roman, gibt es kein glückliches Ende. Aber, wo es keine Hoffnung gebe, sagt Amir Hassan Cheheltan, müssten wir sie schaffen.
Ost und West seien heute ein Dorf und Literatur immer eine Hilfe, sie sei alles in der Welt: „We should create hope if there is not any. Of course, the West and East, we are living in a very small village now. Always, literature is helpful. Literature is everything in the world."

Nov 10, 2024 • 6min
António Lobo Antunes – Am anderen Ufer des Meeres | Buchkritik
Es ist alles lange her, was den Menschen, die in diesem Roman ihr Innerstes ausbreiten, durch den Kopf geht. Und doch ist es für sie noch immer präsent wie eine nie vergehende Gegenwart. So lebte die Frau, die an ihre Jugend zurückdenkt, einst als Tochter eines Plantagenbesitzers in Angola, als das Land noch eine portugiesische Kolonie war. Trotzdem ist das Mädchen, das sie einmal war, in ihr noch immer so lebendig wie ein zweites Ich, von dessen Empfindungen nichts verloren gegangen ist, wenn sie zurückblickt.
Obwohl ich vor vielen Jahren weggegangen bin, habe ich die Orte, die ich bewohnt habe, nie verlassen, oder aber sie sind es, die mich immer begleiten, ich höre den Mispelbaum, höre das Pfeifen der Gräser, Domingas Warnung 'Vorsicht der Wind Menina, Vorsicht der Wind'.
Quelle: António Lobo Antunes – Am anderen Ufer des Meeres
Es war einmal in Afrika
In Wirklichkeit befindet sich die Frau nicht mehr in Afrika, genauso wenig wie die beiden anderen Protagonisten des neuen Romans von António Lobo Antunes. Die beiden anderen, das sind ein ehemaliger Offizier der portugiesischen Kolonialtruppen und ein Beamter der Kolonialverwaltung. Alle drei sind längst wieder in Portugal, „Am anderen Ufer des Meeres", wie es im Romantitel heißt, nur dass die beiden Ufer in ihren Erinnerungen immer wieder miteinander verschwimmen.
Bis zur sogenannten Nelkenrevolution von 1974 war Portugal eine katholisch-autoritäre Diktatur. Seit den 1960er-Jahren verrannte sich das Regime in lange, qualvolle und hoffnungslose Kriege um den Erhalt seiner afrikanischen Kolonien. Diese Gewaltgeschichte hat Antunes in seinem Erzählwerk schon oft thematisiert und auch in seinem neuen Roman bilden zwei Schlüsselereignisse dieser Zeit den historischen Hintergrund. Das eine ist der brutal niedergeschlagene Landarbeiterstreik in einer angolanischen Baumwollplantage. Das andere ist der dadurch ausgelöste Befreiungskrieg gegen die portugiesische Herrschaft.
Das Murmeln der Erinnerungen
In der Erinnerung der Romanfiguren sind diese historischen Vorgänge nicht als Abfolge von Ereignissen sondern als Gefühlsgeschichte präsent. Da verdichten sich Stolz und Niederlagen, Beschämungen, Verluste und Verklärungen zu einem oft ununterscheidbaren Knäuel von Empfindungen. Ohne Übergang wechselt der Erinnerungsmonolog des Offiziers von der Schilderung sexueller Anzüglichkeiten zum angeberischen Bericht über die Vorbereitung eines Gemetzels.
Die Lastwagen fuhren in Quela ein, ich gab den Soldaten den Befehl, in Schussposition auszusteigen, die Offiziere und die höheren Dienstgrade vorn, in einer Art Halbmond vor dem Hüttendorf, ich ließ die Bazooka zu mir bringen, seitlich davon zwei Maschinengewehre, während zwei Flugzeuge über den Bäumen auftauchten.
Quelle: António Lobo Antunes – Am anderen Ufer des Meeres
Im Wechsel der Romankapitel reden die drei Protagonisten weder miteinander, noch zu irgendjemand sonst. Sie reden vor sich hin, gleichsam ins Leere - ein perfektes Bild der Einsamkeit.
Im Bewusstseins- und Redestrom ihrer Monologe vermischen sich einschneidende und alltägliche Momente ihres Lebens, Vergangenheit und Gegenwart unablässig. Vorgefunden hat Antunes diese komplexen emotional geprägten Erzählmuster in seiner viele Jahre ausgeübten Praxis als Psychiater. Seine Figuren beherrschen nicht den Stoff ihres Lebens sondern werden von ihm beherrscht, sie sind ihm ausgeliefert. Dieses Erzählverfahren hat Antunes zu höchster Kunst entwickelt.
Unverkennbar wird das selbstversunkene Monologisieren dieser Menschen angetrieben von Verletzungen und Verlusten aber auch von schal gewordenen Triumphen. Die Grundmelodie des Ganzen wird von Melancholie bestimmt.
Portugiesische Passionsgeschichten
Die Tochter des Plantagenbesitzers ergibt sich dem Zauber ihrer Erinnerungen, weil ihr Leben nie wieder so wurde wie einst in Afrika. Für den Offizier bilden seine militärischen Heldentaten, deren verbrecherischen Anteil er verdrängt, den Höhepunkt seines Lebens. Der Staatsbeamte kann sich nicht lösen von den Resten seines früheren privilegierten kolonialen Daseins, weil ihm das portugiesische Mutterland fremd geworden ist.
Wozu mich auf ein Schiff zurück zum anderen Ufer des Meeres begeben, wo ich dort schon niemanden mehr kenne, denn nach so vielen Jahren ist Lissabon natürlich anders, Häuser und Straßen, keine Ahnung, wie sie jetzt aussehen, Leute auf den Fußwegen oder, besser gesagt, Fremde, die mich nicht beachten.
Quelle: António Lobo Antunes – Am anderen Ufer des Meeres
Antunes portugiesische Passionsgeschichten handeln von der Gefangenschaft des Menschen in der erdrückenden „Ordnung der Dinge", wie er einen seiner früheren Romane nannte, das heißt in der Ordnung ihrer seelischen Prägungen, ihrer sozialen Stellung und der historischen Verhältnisse. Mit unerbittlicher Konsequenz hat Antunes die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms weiterentwickelt zu einem Medium nationaler Befindlichkeiten und Traumata, die sich aber über Portugal hinaus ebenso gut auf die menschliche Existenz überhaupt beziehen lassen. Den Nobelpreis hat er bislang nicht bekommen. Aber die Anerkennung für sein großartiges Werk, für das auch dieser neue Roman stehen kann, ist ihm gewiss.

Nov 10, 2024 • 5min
Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen
Will man von seinem Leben erzählen, muss man entweder ein großer Poet und Dichter sein, sprachlich etwas entstehen lassen, das in keiner Form so erlebbar wäre, oder man braucht ein aufregendes, von dramatischen Ereignissen durchzogenes Leben. In einer psychiatrischen Klinik aufzuwachsen, als Sohn des medizinischen Leiters, inmitten von mehr oder minder liebenswürdigen, in jedem Fall aber sonderbaren Gestalten, das ist großer Romanstoff.
Reisen nach Amerika, die Sehnsucht nach Behausung, schicksalhafte Todes- oder Krankheitsfälle sowie die erste große Liebe sind es ebenfalls. Von all diesen Dingen erzählt Joachim Meyerhoff, und doch verlässt er sich nicht darauf. Er bleibt immer bei einem beiläufigen Ton, der Selbstverständlichkeit suggeriert, wo wahrhaft Aufregung geherrscht haben muss.
Jedes meiner Organe schien maßlos enttäuscht von mir zu sein und genug von mir zu haben.
Quelle: Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen
So beginnt er sein neues Buch „Man kann auch in die Höhe fallen“, das zwar die Genrebezeichnung Roman trägt, sich aber liest wie ein Memoire, eine sprachliche Verarbeitung von Gewesenem, und das mit den Nachwehen seines Schlaganfalls einsetzt.
Aus Berlin zur Mutter an die Ostsee
So sehr ich mich auch bemühte, oft wurde ich eine mir völlig wesensfremde Gereiztheit nicht los. Dinge ärgerten mich, die mir früher in Wien, vor dem Schlaganfall, nicht einmal aufgefallen wären. Unordnung machte mich unverhältnismäßig nervös, ungemachte Betten ließen meine Unterlippe erzittern vor Empörung. Geräusche, welcher Art auch immer, Straßenlärm oder Kinderlärm, wurden mir schlagartig zu viel. Es war vorgekommen, dass ich durch eine neben mir plötzlich aufheulende Krankenwagensirene in Tränen ausgebrochen war.
Quelle: Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen
Meyerhoff verlässt Berlin, die Stadt, die ihm nach dem Schlaganfall in Wien zur neuen Heimat werden sollte und zieht sich zu seiner Mutter an die Ostsee zurück. Eine Art Privat-Sanatorium in mütterlicher Hand, nicht zu hart, aber auch nicht zu locker, soll ihn wieder in die Balance bringen und ihm auch über eine unerklärbare Schreibblockade hinweghelfen.
Tag für Tag schrieb ich, ohne zu wissen, wohin mich meine Erzählungen tragen würden. Es kam mir völlig absurd vor, nach einem Sujet zu suchen, nie hatte ich das getan, immer hatte ich das geschrieben, was mir unter den Nägeln gebrannt hatte. Unter Literaturgattungen herrscht eine brutale Hierarchie. Es gibt Versepen, Gesänge und tausendseitige Gesellschaftsromane, die alles überdauern. Es gibt unsterbliche Dramen, deren Personal unverwüstlich durch die Zeiten schreitet. Und natürlich Lyrik, die dem Wort unsterblich einen tieferen Sinn verleiht. Aber dann gibt es eben auch die kleineren Formen, die keine allzu lange Lebensdauer haben. Eintagsfliegen aus Worten.
Quelle: Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen
Die offene Art zu erzählen, nimmt die Leser gefangen
Es sind diese kleinen Geschichten, oft nicht mehr als Anekdoten, die Meyerhoff in seinen Text streut, und deren Entstehen er wiederum mit anderen Worten beschreibt, als gäbe es zwei Ebenen des Textes, verschiedene Zeiten und Orte. Tatsächlich aber sind wir unmittelbar dabei, wie dieses Buch entsteht. Zumindest fühlt es sich so an. Hier wird nicht tiefenpsychologisch analysiert oder auf einer philosophischen Ebene reflektiert, sondern einfach nur erzählt.
Mit dem Gestus des „weißt Du noch“ holt er Geschichten hervor, die er selbst erlebt, aber keineswegs heldenhaft gemeistert hat. Das beginnt bei einer Erzählung, die der kleine Joachim in der Grundschule mit Bleistift in ein Heft geschrieben hatte, und endet bei einem Wutausbruch bei der Geburtstagsfeier seines Sohnes in Berlin. Doch die offene Art, wie Meyerhoff keinerlei Rücksicht auf sich selbst nimmt und den Erzähler oft in ausweglosen Situationen schildert, nimmt den Leser gefangen.
Diese kleine Schulheftgeschichte zum Beispiel, als Faksimile im Buch abgedruckt, ist so voller Fehler, dass kaum ein orthografisch richtiges Wort übrigbleibt und dazu kommentiert der offensichtliche Legastheniker, dass er schon bei seinem eigenen Namen Joachim Phillip Maria Meyerhoff ins Straucheln kam und nicht wusste, ob Phillip mit zwei l oder zwei p zu schreiben sei.
Meyerhoff wird weiter schreiben – hoffentlich!
Tatsächlich hilft ihm die beruhigende Gegenwart der Mutter, das tägliche Schwimmen in der Ostsee oder dem eigenen Teich, die Gartenarbeit, die nie aufzuhören scheint und die Leichtigkeit des Seins, dem jede Verantwortlichkeit entzogen wurde.
Den zweiten Band, „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ über seine Kindheit in der Psychiatrie, hat Sonja Heiss erfolgreich verfilmt. Bei dem bildstarken Stoff lag das nahe. Joachim Meyerhoff, das wissen wir am Schluss dieses Buches, wird weiterschreiben. Auf eine weitere Verfilmung, die diese Schlussszene enthalten könnte, müssen wir hoffen.
»Morgen fährst du.« »Ja.« »War so schön, dass du da warst. Mal richtig mit Zeit.« »Ja.« »Bist du zufrieden mit dem, was du geschrieben hast?« »Hm.« »Glaubst du, es wird ein Buch?« »Ich weiß es nicht, Mama.« »Ich würde, ehrlich gesagt, lieber doch nicht drin vorkommen.« »Na bravo.«
Quelle: Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen


