

SWR Kultur lesenswert - Literatur
SWR
Die Sendungen SWR Kultur lesenswert können Sie als Podcast abonnieren.
Episodes
Mentioned books

Nov 19, 2024 • 4min
Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt
Die Anwohner sind längst gegangen. Sie fliehen vor dem Hochwasser. Nur eine nicht: Die 81-jährige Gudelia harrt aus in ihrem Haus. Sie will es nicht den drohenden Fluten überlassen, nicht dem Durcheinander danach.
»In dem Haus ist mein ganzes Leben.« Er schnaubt. »In dem Haus ist dein ganzes Leid.« Ohne ein weiteres Wort dreht er sich um und geht. Ich bleibe zurück, sehe ihm hinterher. Der Himmel zieht zu. Wir haben beide recht.
Quelle: Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt
Gudelia – das wird in Thomas Knüwers Kriminalroman von Anfang an deutlich – hat etwas zu verbergen. Was genau? Das erzählt Knüwer auf drei Zeitebenen: Im Jahr 1984 stirbt Gudelias 15-jähriger Sohn Nico, nachdem er mit Schulfreunden auf einer Party war. Im Straßengraben findet sie ihn. „Schwuchtel“ steht auf seinem Unterarm mit Edding geschrieben.
Vierzehn Jahre später – also 1998 – zerbricht ihre Ehe. Ihr Ehemann hat schon immer viel getrunken. Aber seit dem Tod seines Sohnes hat er kaum etwas anderes gemacht. In der Erzählgegenwart 2024 setzt das Hochwasser ein. Gudelia bewacht ihr Haus und sieht in der Nacht die Leichen zweier Menschen, deren Hände mit Kabelbindern gefesselt sind.
Psychogramm einer trauernden Frau
Dieser Kriminalfall um die zwei gefesselten Menschen wird in „Das Haus in dem Gudelia stirbt“ eher beiläufig abgehandelt, er wäre auch nicht nötig gewesen: Die Vergangenheit ist spannend genug. Man ahnt zwar früh, was Gudelia verbirgt. Das gesamte Ausmaß überrascht aber doch.
Gudelias Tun wird mit zu vielen unnötigen Details geschildert, die für einige Seiten das zuvor gekonnt gehaltene Erzähltempo verlangsamen. Der Wunsch, alles zu erklären, nimmt dem Wahnsinn Gudelias die verzweifelte Unerbittlichkeit. Überwiegend aber gelingt es Knüwer, mit knappen Sätzen und präzisen Beobachtungen Atmosphären und Szenen entstehen zu lassen.
Beim Abendessen war draußen kein Mensch mehr. Die Straßen hatten Autos durch Wasser ersetzt. Ich habe mir ein Spiegelei gebraten und auf eine Scheibe Graubrot mit Butter und Schinken gelegt. Strammer Max. Habe ich Heinz und Nico oft gemacht. Schnell, einfach, sättigend. Für Nico mit Ketchup, für Heinz mit Bier.
Quelle: Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt
Horror in der Provinz
Mit klug gewählten Details entwirft Knüwer Gudelias Leben in dem fiktiven kleinen Dorf Unterlingen, irgendwo im Süden Deutschlands. Mit einer Zeitung namens „Donau-Nachrichten“, ein bisschen Landwirtschaft, einer Kirche und einem Pferdehof. Gudelia dachte, sie weiß, wie es sein würde, mit Mann und Kind alt zu werden. Nicos Tod hat alles erschüttert.
Das spiegelt sich in der bündigen Erzählweise, den zwischen den Jahren wechselnde Kapiteln und den kurzen, bruchstückhaften Passagen, die zugleich eine dräuende Spannung aufbauen. Knüwer, gelernter Journalist und Inhaber einer Digital- und Kreativagentur, erkennt eine Pointe, wenn sie sich bietet, strapaziert sie aber nicht über. Vielmehr durchbricht er damit für einen Moment das schleichende Grauen dieses Dorfhorrorromans.
Niemand darf hier sein. Niemand. Hinter dem Garten stehen drei Fichten. Bernhards Rhododendron ist gut gewachsen. Höher, als ich groß bin. Die Blätter glänzen braun, sie stinken. Der Garten hat die Fluten überstanden und mit Schönheit bezahlt. Die Pflanzen sind stark. Sie verbergen, was der Riss offenbart – was ich seit vierzig Jahren verstecke.
Quelle: Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt
Das Szenario, das Thomas Knüwer entwirft, ist erschreckend nah an der Realität, nicht nur eines Lebens in einem Dorf. Erst im Sommer gab es Hochwasser in Süddeutschland. Die Bilder von Wassermassen, überfluteten Häusern und zerstörten Gebäuden übermitteln aber nicht den bestialischen Gestank, der sich durch überflutete Gebiete zieht.
In Unterlingen entstanden durch Schweinekadaver, Dreck und übergelaufene Kanalisation. Für Gudelia ist dieser Gestank eine Waffe. Er hält unerwünschte Eindringlinge fern. Doch gegen das Wasser gibt es kein Mittel. Unerbittlich dringt es in jede Ritze des Hauses ein. Und spült in diesem packenden Kriminalroman die ganzen dreckigen Geheimnisse nach oben.

Nov 18, 2024 • 4min
Peggy Elfmann – Meine Eltern werden alt
Werden Eltern alt, sehen sich ihre Kinder häufig, auch wenn sie nicht vor Ort wohnen, mit wachsenden Aufgaben konfrontiert. Peggy Elfmanns Anregungen, wie man die Situation etwas entspannter meistern kann, sind im vertraulichen Ton einer Freundin geschrieben, die gerade durchgemacht hat, was einem selbst noch bevorsteht.
Man wird als Leserin also geduzt. Gleichzeitig heißt es immer wieder – und hier denkt man dann eher an einen Coach oder Agenten: „Ich möchte Dich dazu einladen“ dieses und jenes zu versuchen, nachzudenken oder auch nur einmal innezuhalten. Das Thema ist ernst und belastend, gleichzeitig aber für viele eine Alltagserfahrung:
Über das Pflegen zu sprechen fällt schwer, denn es geht auch ums Abschiednehmen. Niemand kann dir sagen, was die Zukunft bringt und all die Wünsche und Pläne dafür brauchen immer wieder ein Update.
Quelle: Peggy Elfmann – Meine Eltern werden alt
Der sich schnell verändernden Situation die besondere Schwere zu nehmen und in den permanenten Veränderungen ein Stück Normalität zu sehen, ist ein Anliegen des Buches. Den richtigen Zeitpunkt für Maßnahmen zu finden, die das Leben erleichtern, ist eine Kunst für sich. Häufig sind gerade die alten Eltern der Ansicht, dass alles „noch Zeit habe“.
Das Zeitverständnis unterscheidet sich bei älteren Menschen grundlegend vom Tempo der um eine oder mehrere Generationen jüngeren Helferinnen. Und schnelle Lösungen sind eher nicht gefragt, stattdessen müssen Ideen sich erst allmählich entwickeln.
Schöne Momente sammeln
Die 50 Tipps der Autorin sind sehr unterschiedlich. Manches ist einfach nur banal, wie to-do-Listen zu schreiben und nach Wichtigkeit zu sortieren, gibt es tatsächlich Menschen, für die das etwas Neues ist? Andere Ideen klingen sinnvoll, so die Idee, schöne, gemeinsam erlebte Momente aufzuschreiben und auf Zetteln zu sammeln. Aber dann geht es sehr ins Detail:
So ein Marmeladenglas mit feinen Momenten kann einen kleinen Beitrag leisten. Und: Jeder kann es füllen. Egal ob Enkel oder Freunde. Schnappt euch ein Marmeladenglas, genießt den Inhalt auf Frühstücksbrötchen oder Pancake und verwendet das Gefäß dann für deine, für eure süßen Erinnerungen.
Quelle: Peggy Elfmann – Meine Eltern werden alt
Im Gespräch unter Freunden mag dieser Vorschlag die Betroffenen aufmuntern. Liest man ihn in einem Buch, mutet er, solchermaßen munter ausgeschmückt, etwas zu pathetisch an.
Zuhören, einander Zeit schenken, Tannenzapfen oder Beeren von einem Spaziergang mitbringen, um Erinnerungen zu wecken oder haptisch ein wenig Natur zu genießen, Musik aus der Jugendzeit zu hören, all das mag bereichern oder auch die Melancholie wecken. Dennoch: Peggy Elfmann, die selbst drei Kinder alleine großzieht und aus der Ferne sich gemeinsam mit den Geschwistern um die Eltern gekümmert hat, führt warmherzig an die Probleme heran.
Nachsicht mit sich selbst walten lassen
Sie rät auch immer wieder dazu, nicht nur mit den alten Eltern nachsichtig zu sein, die nicht immer annehmen, was man ihnen Gutes tun möchte, sondern auch mit sich selbst. Niemand sollte seine eignen Interessen zu sehr vernachlässigen, sondern sich aktiv Hilfe bei der Bewältigung der kräftezehrenden Aufgabe suchen.
Hier wird es schwierig. Unter Geschwistern, Enkeln und Verwandten kann man die Aufgabe nur aufteilen, wenn welche vorhanden sind. Ein soziales Netzwerk aus der Nachbarschaft und Freunden erfordert Offenheit und Vertrauen der alten Menschen. Und gerade auch zu Zeiten des demographischen Wandels: Schon in naher Zukunft wird es nicht mehr genügend agile Nachbarn geben, die hilfsbedürftige Alte unterstützen können, und wenn doch, sind diese vermutlich mit den eigenen Eltern beschäftigt.
Hilfe von Außenstehenden zu bekommen, aber auch sie anzunehmen, ist schwierig, die Probleme liegen also tiefer und sie sind nicht einfach zu lösen. Man darf sich also von Elfmanns Ideen im konkreten Fall nicht allzu viel versprechen.

Nov 17, 2024 • 2min
Doris Vogel – Dieses Buch gehört dem König 2.0
Eine lyrisches Biopic über Elvis Presley: Literaturkritiker Denis Scheck ist berührt von diesem Gedichtband von Doris Vogel über den „King“, seine Songs und sein Leben.
Mit allen Registern des lyrischen Sprechens wird der Mensch Elvis Presley spürbar. Schecks persönliches Buch des Jahres.

Nov 17, 2024 • 6min
Martin Becker, Tabea Soergel – Die Schatten von Prag
Prag an einem geschäftigen, sonnigen Herbstnachmittag: Touristen strömen durch die Gassen der Altstadt – auch vorbei an einem Renaissance-Haus, über dessen Holztür zwei Bären prangen. Es ist das Geburtshaus von Egon Erwin Kisch, in dem sein Vater und Onkel einen Laden für Tuchwaren hatten, erzählt Krimiautor Martin Becker:
„Der Onkel von Egon Erwin Kisch und der Vater hatten hier dieses Geschäft. Und Kisch war, so beschreibt er es selbst, als Kind oft dort und hat dort auch seine erste Zeitung namens ‚Zeitung‘ herausgebracht. Er hat halt Bleibuchstaben zusammengesucht, bis er irgendwann drei Sätze zusammen hatte, und hat dann quasi unter dem Tisch sitzend in diesem Tuchwarenladen seine eigene Zeitung rausgebracht." Schon zu Kischs Zeiten ist es in dieser Ecke Prags lebhaft zugegangen.
Egon Erwin Kisch wird zum Kriminalreporter
Der spätere „rasende Reporter“ wird hier bereits einiges von der Stadt mit ihren hellen und dunklen Seiten mitbekommen haben, ist sich Becker sicher: „Überliefert ist, dass Kischs Mutter vom Balkon aus manchmal die hier wartenden Prostituierten gefragt hat, wo denn Egonek sei. Und die haben dann gesagt, wissen wir nicht."
In ihrem Roman machen Martin Becker und Tabea Soergel aus dem Reporter Egon Erwin Kisch einen Kriminalreporter, der eigene Fälle löst. Das liegt durchaus nahe, denn Kisch war in Prag bestens vernetzt und kam auch immer wieder mit Gaunern und Ganoven in Kontakt. Der Roman spielt im Jahr 1910. Kisch war damals 25, hatte sich bereits einen Namen gemacht und schrieb für eine konservative Tageszeitung:
Das ist der Eingang der Bohomia.
Quelle: Martin Becker
Martin Becker blickt durch die Toreinfahrt eines klassizistisch anmutenden Hauses, in dem heute das Ballett des Prager Nationaltheaters probt und sagt: „Man kann einen kleinen Blick in den Hof hineinwerfen und sehen, dass da hundertprozentig Platz war für allerlei Druckmaschinen."
Prag im Jahr 1910 – Alltag und politische Lage
1910 erschien die Bohemia zwei Mal am Tag. Tabea Soergel hat sich unzählige Ausgaben der Zeitung angesehen: „Man kann leider nicht, wenn man in diesem Archiv sucht, irgendwie Copy und Pasten. Aber ich habe wirklich von Hand sehr viele Artikel einfach abgeschrieben, wo ich dachte, das könnte man vielleicht noch mal gebrauchen."
Im Buch finden sich viele Artikel der damaligen Zeit als Schlagzeilen wieder – in kurzen Aufzählungen, die viel über die politische Lage des Jahres 1910 und den Alltag in Prag verraten:
In Britisch-Indien begann ein Aufstand gegen die Kolonialherrschaft, wovon man in Prag wenig Notiz nahm. Und genauso wenig Nachhall hatte dort die Ermordung des ägyptischen Ministerpräsidenten durch einen jungen Medizinstudenten. Und die deutschen Schüler der Kunstgewerbeschule in Prag traten aus Protest gegen die Entlassung eines deutschen Mitschülers tagelang in den Schulstreik.
Quelle: Martin Becker, Tabea Soergel – Die Schatten von Prag
Für größere Aufregung sorgte damals der Halley’sche Komet, der an der Erde vorbeiraste und dessen vermeintlich giftiger Schweif die Menschen in Angst und Schrecken versetzte.
Der Kriminalreporter wittert eine Sensation
In diesem Tumult geht die Mordserie, die sich im Roman ereignet, fast unter: Erst stirbt ein Versicherungsmakler, dann der Kriminalreporter des Prager Tagblatts. Seinen Kollegen Kisch beflügeln diese Unglücke. Er wittert die große Sensation, den Solokarpfen, auf den er schon lange wartet:
Wenn er hörte, dass es in manchen Familien zu Gerangel kam, weil jeder zuerst seine neue Gerichtsreportage lesen wollte, dann schmeichelte ihm das. Aber es reichte ihm nicht. Worauf Kisch seit Jahr und Tag lauerte, das war der große Scoop. Der Solokarpfen. Der ihn nicht nur in seiner Stadt, sondern im ganzen Land berühmt machen würde.
Quelle: Martin Becker, Tabea Soergel – Die Schatten von Prag
In dem Fall voran kommt er allerdings nur mit Hilfe der Medizin-Studentin Lenka Weißbach. Sie ist von Berlin nach Prag zurückgekehrt, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern.
Problematisches Verhältnis zu Frauen
Während die Autoren ihre Kisch-Figur mit einem intuitiven Gespür für Situationen ausstatten, besticht Lenka durch einen scharfen, analytischen Blick. Dass es diesen zweiten Blick gibt, war Tabea Soergel wichtig: „Die ganzen progressiven jungen Literaten in Prag, also auch Kafka, die hatten alle ein sehr problematisches Verhältnis zu Frauen. Auch Kisch, glaube ich. […] Er war schon ein Macho. Okay, er hat auch sehr viele positive Seiten. Deswegen ist es eben auch gut, dass es eine sehr präsente weibliche Hauptfigur gibt neben ihm."
Das historische Setting und die Dynamik der Figuren erinnern an die Kriminalromane von Volker Kutscher: Kisch ist wagemutig und melancholisch zugleich. Lenka kämpft dagegen mit dem Frauenbild ihrer Zeit.
Besonders reizvoll macht die neue Krimireihe aber Prag als Handlungsort, den das Autorenteam mit vielen Details beschreibt - so wie mit dieser Szene, die sich am berühmten Wenzelsplatz zugetragen haben soll, meint Becker: „Spätnachts, wenn im Grunde alles schon zu hat, gab es - das hat Kisch sehr ausführlich beschrieben - mobile Teestationen, wo man eine Buchtel, eine Zigarette und einen Tee mit Schuss bekam. Kisch behauptet, dass die Teestation, die hier stand, angeblich von einer Dame betrieben wurde, die diesen Wagen von zwei Doggen ziehen ließ. Ob das stimmt, weiß man natürlich wieder nicht."
Spannender und atmosphärisch dichter Krimi
Auch wenn sie bei ihrer Recherche zahlreiche Biographien, Bildbände und natürlich die Reportagen von Egon Erwin Kisch zu Hand genommen haben, hätten sie sich ihren eigenen Kisch erfunden und es – genau wie der rasende Reporter – an der einen oder anderen Stelle mit der historischen Wahrheit nicht ganz so genau genommen, erzählen Martin Becker und Tabea Soergel.
Mit Die Schatten von Prag ist ihnen ein spannender und atmosphärisch dicht erzählter Krimi gelungen, der Lust auf eine Fortsetzung macht. Und tatsächlich ist Kischs zweiter Fall bereits in Arbeit: Die Feuer von Prag, so der Arbeitstitel, soll im Herbst 2025 erscheinen.

Nov 17, 2024 • 57min
„Chronik des eigenen Atems“ von Serhij Zhadan und andere neue Bücher
Dieses Mal im lesenswert Magazin: Bücher von Anne Tyler, Cemile Sahin, Doris Vogel, Martin Becker, Tabea Soergel und einem Gespräch über ein unerwünschtes Fest zum 50. Geburtstag

Nov 17, 2024 • 6min
Serhij Zhadan – Chronik des eigenen Atems
Falle Schnee, auf unsere Kindheit – / Zuflucht aus Treue und Klang, / hier waren wir vertraut / mit der dunklen Seite der Sprache / mit der Verdunklung der Zärtlichkeit, / hier lernten wir die Stimmen zusammen zu legen / wie Besitz …
Quelle: Serhij Zhadan – Chronik des eigenen Atems
Eine „kurze Geschichte vom Schnee“ will die Stimme in diesem Gedicht von Serhij Zhadan zusammentragen, gestützt auf Nacherzählungen von Augenzeugen, ebenso auf Lieder und Erinnerungen von Passanten. Der Schnee wird dabei selbst auf den Weg geschickt, durch die nächtliche, dunkle Stadt, zu den Feldern vor ihren Toren, ebenso durch die Lebenszeit eines Menschen. Und nichts verschwindet hier unter dem Schnee. Im Gegenteil: Alles tritt ans Licht.
Schnee als Metapher für Veränderung
Für Serhij Zhadan – so erzählt er dieser Tage im Interview – ist der Schnee eine Metapher für Bewegung und Veränderung, selbst in Momenten der Erstarrung:
„Einerseits ist Schnee, das, was das Leben bedeckt, das, was nach einer bestimmten Manifestation des Lebens kommt, andererseits ist Schnee nichts Endgültiges, nichts, was alle möglichen Auswege versperrt. Trotz allem kommt nach ihm etwas, nach ihm bleibt trotz allem die Möglichkeit eines Auswegs, die Möglichkeit der Stimme."
Im neuen Gedichtband „Chronik des eigenen Atems“ nimmt die „kurze Geschichte des Schnees“ eine wichtige Rolle ein. Das lange Gedicht, datiert auf den 10. Februar 2022, ist das letzte, das vor dem Beginn des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieges gegen die gesamte Ukraine entstand.
Vier Monate lang konnte Serhij Zhadan keine Poesie mehr schreiben. Die Sprache verschwand, berichtet der Schriftsteller, der heute auch als Soldat für die Freiheit seines Landes kämpft, im Nachwort des Buches. Der tiefe Bruch, die russische Invasion, ist in der Mitte des Gedichtbandes dokumentiert.
Gedichte gegen das Verstummen und die Angst
Es gibt ein sicht- und fühlbares Davor und Danach. Die Gedichte nach dem Februar 2022 richten sich auch gegen das Verstummen, ebenso gegen die Angst
Es erwarten Menschen den Abend, die Schnecken gleichen, / so hart schlafen sie auf den Bahnhöfen, so tief. / Gebrochen die Grenzlinie wie ein Kiefernzweig. / Der Weg ist schwer, wenn du dein Haus und dein Gestern auf dem Rücken trägst.
Quelle: Serhij Zhadan – Chronik des eigenen Atems
Die Menschen, die den Schnecken gleichen, flüchten vor den russischen Aggressoren: Frauen und Kinder, auf der Odyssee westwärts, auf Wegen, die von Stimmlosigkeit markiert sind. „Das Haus ist euch genommen, nicht aber das Herz“, ruft ihnen die Stimme im Gedicht aus dem August 2022 nach.
Die Poesie, so Serhij Zhadan, könne das aufnehmen, was auf den ersten Blick als unsagbar erscheint. Es könne hinter die Dinge, hinter das Sichtbare blicken.
Das macht diese Form des Schreibens – in den Augen des Schriftstellers – besonders: „Und natürlich braucht es ein Bild, eine Metapher, eben genau die metaphorische Art zu sprechen, um diesen Dingen Klang zu verleihen, um sie aus dem Schatten zu holen, um sie aus dem Dunkel ans Licht zu holen. Vielleicht ist das eine Funktion der Dichtung in diesen Zeiten, in den Zeiten des Krieges, dass die Dichtung von etwas Zeugnis ablegen kann, wozu die gewöhnliche menschliche Sprache nicht in der Lage ist, wofür ihr die Sprachkraft, das Vokabular nicht reicht."
Serhij Zhadans „Chronik des eigenen Atems“, begonnen im März 2021, führt bis in den Juni 23. Immer wieder durchstreifen die Gedichte, eindrücklich übertragen von Claudia Dathe, die große Stadt: Charkiw.
Hier ähnelt die Metropole – vor der Ausweitung des Angriffskrieges – einem Liebesbrief, dort wird sie, im ersten Kriegswinter, von Sternsängern durchquert, dann schließlich wird sie von den Menschen verteidigt und vorgetragen „wie ein Gedicht“. Ebenso werden die Landschaften im Umland, darunter die Flussufer und die Weinberge, im Wandel der Jahreszeiten und Zeitläufte festgehalten in den Versen.
Poetische Gespräche mit Autoren
Und: Serhij Zhadan führt immer wieder ein poetisches Gespräch mit Autoren, die für ihn wichtige Bezugspunkte im Schreiben sind. Darunter Bruno Schulz, der große polnischsprachige Erzähler aus Galizien, 1942 von den Deutschen ermordet.
So Zhadan: „(Bruno) Schulz‘ Figur hat eine besondere Tragik, denn nun sind ja schon 80 Jahre vergangen, seit er umgekommen ist, und in der Ukraine werden immer noch Autoren umgebracht, kommen immer noch Autoren um, das ist natürlich, das ist unverzeihlich, es ist sehr bitter, sich das zu vergegenwärtigen, es ist sehr bitter, darüber zu sprechen, denn die Kultur ist schrecklich empfindlich, was den Krieg angeht, sie ist de facto die Komponente, die in erster Linie zerstört wird, sie ist die erste, die dem Druck nicht mehr standhält, die kaputtgeht, zerstört wird, und das sind dann die Welten, die sich später nicht mehr wiederherstellen lassen."
Serhij Zhadan hat Bruno Schulz eine Reihe von Psalmen gewidmet. Dem Krieg – und mit ihm den immer wiederkehrenden Schnee – setzt er die Liebe entgegen. Sie steht überhaupt im Zentrum der gesamten Gedichtsammlung, ist Kontrapunkt zu allen Verheerungen der Gegenwart.
Auch wenn es nicht um Liebe geht – es geht trotzdem um Liebe. / Auch wenn du nicht existierst – deine Abwesenheit / gibt denen Hoffnung, die überhaupt nichts haben, / die in den Trümmern alte Schulbücher finden.
Quelle: Serhij Zhadan – Chronik des eigenen Atems
Je länger der russische Krieg gegen die freie Ukraine andauert, desto mehr findet auch das damit verbundene Geschehen konkreten Niederschlag in den Gedichten. Nur selten aber vordergründig, wie etwa dann, wenn, im ersten Winter und im Schnee, von Kämpfern die Rede ist, die dem Land ausgehen.
Der dritte Kriegswinter in der Ukraine
Serhij Zhadan schreibt oft aus einer Position der Stille heraus, abtastend, beobachtend, erkundend. Während seine „Chronik“ in Deutschland erscheint, beginnt in der Ukraine der dritte Kriegswinter.
Als der Schriftsteller einige Gedichte aufnimmt, so berichtet er, schlägt in der Nähe seiner Wohnung eine Rakete ein: „Denken Sie einfach daran, dass tatsächlich genau jetzt unsere Städte, unsere Dörfer unter russländischem Beschuss liegen, genau jetzt Ukrainer, Erwachsene und Kinder sterben, das passiert jeden Tag, und da ist eine furchtbare Sache, die man weder auf die Politik noch auf die Geopolitik noch auf irgendwelche ökonomischen Interessen schieben kann. Natürlich hoffen wir sehr auf Hilfe. Vielleicht mehr noch als auf Hilfe hoffen wir auf Verständnis, für uns ist es sehr wichtig, dass wir in einer gemeinsamen Sprache miteinander sprechen, dass es sich dabei um eine ehrliche Sprache, um eine offene Sprache handelt. Das ist es, was die Menschen tun können."
Am 19. Oktober 2022 (kurz vor der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Serhij Zhadan) heißt es in der „Chronik des eigenen Atems“:
Die Sprache brauche jene, die leise sprechen / und überzeugend schweigen.
Quelle: Serhij Zhadan – Chronik des eigenen Atems
Das wäre auch eine treffende Umschreibung für diese Gedichte, Ausdruck eines tiefen Humanismus und einer stetigen Ermutigung. Wir sollten hören, was dem Schweigen inmitten von Krieg und Kälte erwächst.

Nov 17, 2024 • 6min
Cemile Sahin – Kommando Ajax
Ein Hochzeitssaal in Rotterdam. Es ist das Jahr 1995. Die Familie Korkmaz. Eine Braut und ein Bräutigam. Ein Schuss. Und Keko, der Bräutigam, ist tot. Wer war es? Wer hat ihn ermordet? Und vor allem: warum?
Von diesem Hochzeits-Murder-Mystery ausgehend zieht Cemile Sahin die Erzählstränge ihres Romans:
Ein Scharfschütze ist ein Scharfschütze ist eine stille Person. Sein Sturmgewehr ist ein Echo, das durch die Geschichte hallt. Diese Szene ist wie eine Seite aus einem Buch, dessen Worte sich in den Pausen zwischen den Schüssen entfalten. Während der Scharfschütze seine Geschichte in stiller Konzentration weiterspinnt. Und während er darauf wartet, dass sein Ziel auftaucht, wird sein eigenes Schicksal zu einem Teil dieser Geschichte, die das Leben selbst ist.
Quelle: Cemile Sahin – Kommando Ajax
Die Vergangenheit und die Zukunft einer kurdischen Familie
Im Mittelpunkt von „Kommando Ajax“ steht eine kurdische Familie, mit Mitgliedern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Fünf Brüder, einer von ihnen, Keko, auf der Hochzeit ermordet. Ali Hüseyin, der dicke Dachdecker, mit dem Traum, Maler zu sein. Xidir, den die Polizei für Kekos Mörder hält.
Ali Ekber und Ali Haydar, die auf dem Bau arbeiten und später eine Baufirma gründen. Und die Schwester Fatma, die ehrgeizige und clevere Putzfrau mit dem Traum vom Mercedes, obwohl sie gar keinen Führerschein besitzt. „Kommando Ajax“ führt uns in die Zeit, nach dem Mord, aber auch zurück in die Vergangenheit der Familie Korkmaz.
Wir folgen Ali Hüseyin, der malt wie die Alten Meister, gekonnt wie Caravaggio, dessen Talent von den Brüdern belächelt wird. Ali Hüseyin malt nur Selbstporträts, aus verschiedenen Perspektiven mit der Landschaft des Heimatdorfes im Hintergrund.
Er war der erste, der das kurdische Dorf verließ, um – mit Zwischenstopp in Istanbul - in die Niederlande zu emigrieren.
Wer brachte ihn so versteckt nach Holland? Ein Schmuggler. Warum? Weil türkische Sicherheitskräfte Mezra über Nacht in Brand steckten. Warum? Sie führten einen Krieg gegen die kurdische Bevölkerung, der schon begann, bevor Ali Hüseyin und seine Geschwister geboren waren.
Quelle: Cemile Sahin – Kommando Ajax
Die Herausforderungen der Migration
In Rotterdam müssen sich die verschiedenen Generationen nach der Flucht nach Europa neu orientieren. In der Familie Korkmaz geht man unterschiedlich mit dem neuen Leben im Exil um. Während Ali Hüseyin malt, wird der andere Bruder spielsüchtig. Schwester Fatma befreit sich von ihrem gewalttätigen Ehemann.
Liebevoll schrullig zeichnet Sahin ihre Figuren voller seelischer Narben, und mit leisem, manchmal düsterem Humor beschreibt sie die Herausforderungen der Migration:
Auf der Baustelle lernte man die Sprache eines Landes viel schneller, weil auf der Baustelle immer alle Ausländer sind und sich eben über die neue Sprache verständigen, die sie mit ach und krach beim Arbeiten lernen, um sich besser zu verstehen, anstatt dass alle Ausländer in ihrer jeweiligen Ausländersprache miteinander sprechen und so nie jemand jemanden versteht. So reden alle schlecht Holländisch, aber die Männer auf der Baustelle reden besser als die Frauen, die in der Spielbank putzen gehen.
Quelle: Cemile Sahin – Kommando Ajax
Cemile Sahins dritter Roman
„Kommando Ajax“ ist Cemile Sahins dritter Roman. Und immer wieder beschäftigt sie sich in ihrer literarischen Arbeit mit der kurdischen Identität. Heimatlosigkeit und Sehnsucht nach den Wurzeln plagen die Figuren in „Kommando Ajax“.
Eine weite Landschaft. Die Sonne wandert über Hügel. Über Berge. Zoom auf einen Gipfel. Die Sonne blendet. Zoom auf ein Lehmhaus. Eine Ziegenherde läuft durch das Bild. Zoom auf einen Birnbaum, der vor dem Lehmhaus steht. Zoom out. Ein Bild von sechs Geschwistern. Voiceover: Dies ist die Geschichte von sechs Geschwistern: fünf Brüdern und einer Schwester, die ihr Dorf, auf Kurdisch: MEZRA, das in Dêrsim liegt, verlassen mussten.
Quelle: Cemile Sahin – Kommando Ajax
Ein aufwendig gestaltetes Buch
Und wer hat nun den Bruder auf der eigenen Hochzeit ermordet? Das erzählt Sahin nach und nach, verwebt die Erzählstränge ineinander, führt uns spannend wie in einem Thriller auf falsche Fährten. Und neben glücklichen und unglücklichen Zufällen, Begegnungen mit Gangstern und Kriminellen, spielt die bildende Kunst in diesem Roman eine große Rolle.
Cemile Sahin schreibt nicht nur, sie ist auch Künstlerin, sie arbeitet mit Video, Schrift und Fotomontagen.
Diese Erfahrungen fließen in den Roman mit ein: Immer wieder tauchen Bilder und Grafiken mit auf, oft wird der Text selbst zu einem gestalterischen Element. Es gibt fast drehbuchhafte Passagen, Sahin springt wie im Filmschnitt zwischen Dialogen, Rückblenden und Zooms hin und her.
„Kommando Ajax“ ist visuell lebendig, sprachlich und dramaturgisch erfrischend.
Absurde und doppelbödige Einfälle
Und dann kommt auch noch - Stichwort: Murder Mystery - eine Agatha Christie ins Spiel. Die ist zwar Namensvetterin der britischen Krimipäpstin, in diesem Fall aber verwandtschaftlich mit dem Christies Auktionshaus verbandelt.
Zoom auf Agatha Christie. Agatha Christie bekommt einen denkwürdigen Auftritt. Natürlich.
Quelle: Cemile Sahin – Kommando Ajax
Was es mit dieser Figur auf sich hat, wird hier nicht verraten.
Sahin überrascht immer wieder mit absurden und doppelbödigen Einfällen – und erzählt zugleich die Geschichte von prekären Existenzen, Schicksalsschlägen und der Sehnsucht nach einem Zuhause.
Das macht „Kommando Ajax“ zu einem spannenden, rasanten Stück Gegenwartsliteratur. Ein kunstvoll gestaltetes Buch, das man gar nicht mehr weglegen mag. „Kommando Ajax“ - Kommando: lesen!

Nov 17, 2024 • 6min
Anne Tyler – Drei Tage im Juni
Ausgerechnet am Tag vor der Hochzeit ihrer einzigen Tochter kommt es ziemlich dicke für die 61-jährige Gail: Nach Jahren als stellvertretende Schuldirektorin droht ihr die Kündigung wegen vorgeblich mangelnder Sozialkompetenz.
Dann steht plötzlich ihr Ex-Mann Max vor der Tür, um sich für zwei Nächte in ihrem Häuschen in Baltimore einzuquartieren. Zu allem Überfluss mit einer alten Katze im Schlepptau, dabei ist der Schwiegersohn in spe schlimm allergisch.
Damit nicht genug, sitzt wenig später die Tochter Debbie aufgelöst auf dem Sofa, weil sie von einem nicht lang zurückliegenden Seitensprung ihres Bräutigams erfahren hat.
Frauenleben auf emotionaler Sparflamme
Das ist die Ausgangssituation des neuen Romans von Anne Tyler, „Drei Tage im Juni“. Wie wird es in diesen drei Tagen nun weitergehen? Wird Max mit seiner raumgreifenden Art seiner Exfrau, wie erwartet, den letzten Nerv rauben?
Wird Debbies Hochzeit platzen oder werden ein paar kleine „white lies“ alles richten? Und wie wird es mit der Katze weitergehen, vom Job ganz zu schweigen?
Ich malte mir aus, wie ich in der halbleeren Kirche saß, während die restliche Hochzeitsgesellschaft mit dem Finger auf mich zeigte und ,Die arme Gail, habt ihr schon gehört?‘ flüsterte. Gefeuert. Mit einundsechzig. Weil sie keine Sozialkompetenz hat. […] Diese biedere Frau, diese blasse Person mit den Schnittlauchlocken, die sich nicht im Mindesten um ihr Aussehen schert!
Quelle: Anne Tyler – Drei Tage im Juni
Anne Tyler lässt dieser Exposition ein Kammerspiel folgen, das sich zum Porträt einer Frau mit einem Leben auf emotionaler Sparflamme weitet. Ganz oder fast alltägliche Vorgänge wie ein ziemlich misslingender Friseurbesuch, der Kauf eines Anzugs für den Brautvater Max, Restaurantbesuche und Imbisse in der eigenen Küche, die Probe für die Trauung am nächsten Tag rufen Erinnerungen auf: an das Kennenlernen in der Studenten-WG, den ersten Kuss bei einem Picknick vor einem malerisch gelbgoldenen Getreidefeld, die ersten gemeinsamen Jahre.
Die kleinen Dinge statt der großen Dispute
Um die Leser ins Nachdenken zu bringen – etwa über Willensfreiheit, die Rolle des Unbewussten oder die Frage, was eine Ehe am Laufen hält – braucht Anne Tyler keine tiefgründig-bildungssatten Dialoge oder Erwägungen. Die kleinen Dinge illustrieren Gails Beziehung zu Max.
Zwanzig Jahre nach der Scheidung und einigen schwierigen Phasen ist das Verhältnis der beiden einigermaßen befriedet. Doch weiterhin hängt Gail der Auffassung an, Max neige im Umgang mit anderen wie mit sich selbst zu einer gewissen achtlosen Übergriffigkeit.
Grenzen – sein großes Problem. Er kannte keine Grenzen. Für mich waren Grenzen wahnsinnig wichtig.
Quelle: Anne Tyler – Drei Tage im Juni
Wie zu erwarten war, geraten diese Grenzen bei Gail nach und nach ins Bröckeln. Die gemeinsam verbrachte Zeit, das erleichternde Gefühl des Einverständnisses gegenüber den Herausforderungen der Hochzeitsfeierlichkeiten, die geteilte Sorge um die Tochter führen Gail vor Augen, was Max vielleicht schon länger wusste: dass da noch etwas ist, woran man anknüpfen könnte.
Er entpuppt sich nämlich als gar nicht so achtlos, wie Gail denkt, sondern kennt sie womöglich besser als sie selbst. So begegnet er ihrer gewohnheitsmäßigen Bedenkenträgerei mit einem fast rührenden Vergleich:
Er musterte mich. ,Weißt du, was du brauchst? Du brauchst einen Donnermantel.‘ ,Einen was?‘ ,So ein eng anliegendes Mäntelchen, das man Hunden anzieht, die sich vor Donner fürchten. Meine Güte! Führst du eine Liste, auf der jede Sache, um die du dich sorgst, einzeln aufgeführt ist? Und wie merkst du dir das alles?‘
Quelle: Anne Tyler – Drei Tage im Juni
Tatsächlich ist Gails Selbstbewusstsein prekär und schwankt zwischen Selbstzweifel, verdrängten Gefühlen von Schuld und Trauer und – ja, auch – Rechthaberei. Das macht es den anderen im Allgemeinen und Max im Besonderen nicht gerade leicht. Stichwort „fehlende Sozialkompetenz“.
Denn sie wissen nicht, was sie tun
Gails allmählich wachsende, kurz sogar von Panik begleitete Selbsterkenntnis, nachdem die Tochter in die Flitterwochen aufgebrochen ist und Max wieder heimwärts Richtung Delaware, gießt die begnadete Menschenkundlerin Anne Tyler in ebenso komische wie ergreifende innere Monologe:
Was sollte ich mit dem Rest meines Lebens machen? Ich bin zu jung für diese Situation, dachte ich. Nicht zu alt, wie man hätte meinen können, sondern zu jung, zu unbeholfen, zu ahnungslos. Warum waren keine Erwachsenen in meiner Nähe? Warum nahmen alle an, dass ich wüsste, was ich tat? […] Warum war ich nur so verschlossen?
Quelle: Anne Tyler – Drei Tage im Juni
Dass Menschen mitnichten immer wissen, was sie tun, kann bekanntlich fatale Folgen haben. Auch Anne Tylers in ihrer ganzen verschlossenen Unbeholfenheit bezwingende Heldin Gail hat dies einmal erfahren – und damit ihre Ehe ruiniert.
Es kann aber auch ein Glück sein, vorausgesetzt, man tut das, was Gail künftig neu lernen wird: es auch mal gut sein lassen. Gut möglich, dass eine betagte Katzendame ihren Anteil daran hat.
Anne Tylers „Drei Tage im Juni“ ist ein Kabinettstück aus der Mittelschicht der USA, deren Angehörige trotz allem mehr oder weniger erfolgreich versuchen, ihrem moralischen Kompass zu folgen. Ein kleiner, feiner Roman, den man gern zwei- oder dreimal liest, um herauszufinden, wie alles so kommen konnte.

Nov 17, 2024 • 7min
Lucy Fricke – Das Fest
Der Held in Lucy Frickes neuem Roman „Das Fest“, Jakob, wird 50 und steckt in einer klassischen Midlife-Crisis. Er ist Single, nicht mehr ganz erfolgreich im Beruf und der Meinung, das Wichtigste im Leben liege hinter ihm. Statt seinen runden Geburtstag zu feiern, würde er sich am liebsten allein verkriechen. Seine beste Freundin Ellen aber akzeptiert das nicht.
Vermeintlich zufällige Begegnungen
Der Tag beginnt damit, dass Ellen Jakob eine Badehose schenkt und ihn ins Freibad schickt, wo er auf seine langjährige Beziehung trifft. Mehrere solcher vermeintlich zufälligen Begegnungen des Tages führen Jakob zu neuen Einsichten und tiefer Freundschaft. Am Ende wird dann doch gefeiert!
Im Gespräch mit Anja Brockert spricht Literaturkritiker Christoph Schröder eine starke Empfehlung für Lucy Frickes neuen Roman „Das Fest“ aus.

Nov 14, 2024 • 4min
Agustina Bazterrica – Die Nichtswürdigen
Als der Roman „Die Nichtswürdigen“ beginnt, hat die Apokalypse schon stattgefunden: Ein globaler Kollaps und eine Umweltkatastrophe gigantischen Ausmaßes. Länder sind unter Wassermassen verschwunden, dann sind Meere ausgetrocknet, Bäume und fast alle Tiere verschwunden. Nur wenige Menschen haben überlebt, sie irren durch eine zerstörte Welt ohne Strom und Internet, jagen Tauben oder Ratten, um nicht vor Hunger zu sterben, sie töten sich gegenseitig.
Agustina Bazterrica schildert das Grauen in Rückblenden, denn die Ich-Erzählerin ihres Romans, eine junge Frau, hat nach langem Herumstreunen einen Zufluchtsort gefunden. Sie lebt im Haus der Heiligen Schwesternschaft, wo sie gemeinsam mit anderen Frauen einem mysteriösen, Mann, der nur Er genannt wird, und einer brutalen Schwester Oberin unterworfen ist.
Es gibt hier etwas zu essen, ein wenig Wasser, Kleidung und Betten, aber auch eine streng hierarchische Ordnung, die auf Gehorsam, blindem Glauben und Sadismus beruht.
Geist der Grausamkeit
Von den sogenannten Nichtswürdigen, zu denen die Erzählerin gehört, wird Läuterung verlangt, Selbstgeißelung, Opfer aller Art. Sie alle wollen aufsteigen in der Hierarchie der Heiligen Schwesternschaft, wollen sogenannte Auserwählte oder Durchgeistigte werden.
Deshalb konkurrieren die Frauen gnadenlos miteinander, quälen sich gegenseitig. Es herrscht ein Geist der Grausamkeit – und das von der ersten Romanseite an:
Jemand schreit im Dunkeln. Ich hoffe, es ist Lourdes. Ich habe ihr Kakerlaken ins Kopfkissen gesteckt und den Bezug vernäht, damit sie nicht so leicht herauskönnen, damit sie unter ihrem Kopf krabbeln oder über ihr Gesicht. Hoffentlich kriechen sie ihr in die Ohren und nisten auf ihren Trommelfellen, hoffentlich spürt sie, wie die Brut ihr ins Gehirn dringt.
Quelle: Agustina Bazterrica – Die Nichtswürdigen
Nichts für Zartbesaitete. Makabre Passagen gibt es immer wieder in Bazterricas Roman. Auch, wenn die Strafen geschildert werden, die die Nichtswürdigen beim geringsten Fehlverhalten ertragen müssen – wenn die Schwester Oberin mal wieder die Peitsche schwingt oder einer Nichtswürdigen noch Schlimmeres geschieht.
Die Dienerinnen banden sie an einen Pfahl, um den Äste und Strünke gehäuft waren. Sie zündeten sie an, und Mariel stand in Flammen. Sie war wunderschön. Ein Feuervogel.
Quelle: Agustina Bazterrica – Die Nichtswürdigen
Eine vom jahrelangen Kampf ums Überleben abgestumpfte Gemeinschaft, in der selbst im Verbrennen einer Frau Schönheit gesehen wird: Inmitten ihrer Dystopie einer unbewohnbaren Welt hat Agustina Bazterrica einen Ort ersonnen, an dem Frauen Unterdrückung und Folter aller Art ausgesetzt sind – auch die vermeintlich Privilegierten.
Damit erfindet die Autorin aber nichts Neues, damit treibt sie nur Szenarien von misogyner Gewalt und Missbrauch auf die Spitze, die es immer schon gegeben hat.
Messianische Figur bringt Erlösung
In dem perversen System der Heiligen Schwesternschaft funktioniert keine Sisterhood, bis eine Frau, eine fast messianische Figur, zur Gemeinschaft stößt, die Erlösung bringt: Durch Barmherzigkeit – und Liebe.
Lucía streckte einen Arm zum Himmel, als wollte sie die Sterne berühren. Wir sind Töchter des Mondes, sagte sie. Sie küsste mich, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich konnte sie bloß ansehen, bloß streicheln mit den Fingerspitzen (…).
Quelle: Agustina Bazterrica – Die Nichtswürdigen
Schade, dass in „Die Nichtswürdigen“ die Sprache oft so klischeehaft ist. Was die schockierenden Passagen des Romans angeht, so sind diese ein nachvollziehbares Mittel, um die Verrohung der Menschheit nach dem Zivilisations-Kollaps zu verdeutlichen.
Die Autorin zeigt auf erschreckende Weise, wie aus dem Chaos ein allumfassendes System des Bösen entstehen könnte. Die Nichtswürdigen ist einer von vielen Romanen, die von der Apokalypse handeln – aber durchaus ein interessanter. Geschmälert wird das Leseerlebnis durch Allgemeinplätze, einige Redundanzen und ein nicht ganz überzeugendes Ende.


