

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Dec 8, 2024 • 7min
Clemens Setz – Das zehnte Gedicht. Rückblick auf ein dreiviertel Jahr Gedichte von Clemens Setz
Alle Dinge werden kleiner, wenn man sie zusammensetzt
Bilder des Krieges in der Ukraine erreichen uns täglich, durch die Nachrichten oder durch Filmaufnahmen, die im Internet verbreitet werden. Clemens Setz berühren bizarre Videoclips mit Kriegsszenen und gleichzeitig faszinieren sie ihn auf erschreckende Weise.
In einem Film sieht er einen Soldaten, auf den eine Drohne zufliegt . Die ist mit Sprengstoff und einer Kamera ausgestattet und filmt den Angriff, bevor sie explodiert und den Menschen tötet. In seinem Gedicht konzentriert sich Setz auf die Geste des Soldaten, der abwehrend den Regenschirm hochhebt, bevor er stirbt.
Einige haben versuchtmit ihr zu verhandelndurch improvisierte Gestenoder sich, schwer verletzt, zu ergebenbevor sie in sie flogDann der eine, der plötzlichmitten im Rennen stehenbliebauf einem offenen Feldund uns bis kurz vorm Einschlagseine zwei Mittelfinger zeigteAlle Dinge werden kleinerwenn man sie zusammensetzt
Als Poeta laureatus reflektiert Clemens Setz aktuelle Ereignisse und Begebenheiten, die er oft nicht genau einordnen kann. Die Form des Gedichts ermöglicht ihm, genau diese Verwirrung sichtbar zu machen.
„Es ist ein hilfloses Gedicht. Das beschreibt aber auch sehr gut mein inneres Gefühl, ich bin innerlich vollkommen stumm dabei, ohne Erzählstimme. So, wie ich es erlebe, ist es mehr ein überfordernder Slapstick, und das Einzige, was dann kommt, sind private Assoziationen wie dieser total seltsame Satz über die Dinge, die kleiner werden, wenn man sie zusammensetzt.“
Clemens Setz findet in den Gedichten Worte und Bilder für diese Hilflosigkeit.
Alle Dinge werden kleinerwenn man sie zusammensetztsagte vor einem Vierteljahrhundertein Kind zu mirwährend wir ihm den von Sturmwindverbogenen Schirm reparierten
Feedbackkultur beim Dichten
In den ersten beiden Gedichten nimmt Clemens Setz auf das aktuelle politische Geschehen im Ukrainekrieg und auf die Klimakatastrophe Bezug. Im dritten Gedicht geht es darum, wie aktuell ein Gedicht sein sollte oder darf – und wie er als Poeta Laureatus seine Probleme hat mit Kritik und Anregungen .
Danke fürs Feedback, uns geht es sehr gutDie Bäume sind früh dran mit Blühen Ich werde den Link genau studieren und mich in Zukunft bemühenDer Tod der Frauen geschah tatsächlich zweitausend Jahre lang gleich mit unübersehbarer Ähnlichkeitder knienden Haltung der Frauenleichenin Gräbern der Jungsteinzeit Aber jetzt, nach den unvorhersehbar schweren Angriffen habt ihr wohl recht da nehm ich das raus
Kaum hat Clemens Setz das Gedicht begonnen, nimmt er den Inhalt schon zurück. Die Schere im Kopf? Die Zurücknahme ist eine rhetorische Spielerei, denn die Zeilen bleiben bestehen, in denen er historische Hinrichtungen beschreibt.
„Ich habe irgendwo auf CNN oder wo geschaut, was passiert in der Welt, und dann war da ein mich total fesselnder Bericht über eine 2000 Jahre lang gleich betriebene Art der brutalen Hinrichtungen. Wie kann das sein, 2000 Jahre, und immer sind es Frauenleichen, was ist da passiert?“
Den Hinweis auf die Hinrichtungen bekam Clemens Setz durch eine aktuelle Nachrichtensendung. Im weiteren Verlauf des Gedichts bezieht er sich auf die historische Figur Kaspar Hauser, der im 19. Jahrhundert als rätselhafter Findling auftauchte, der anscheinend vorher ohne jeden menschlichen Kontakt aufgewachensen war, seine Identität wurde nie geklärt, aber er hatte natürlich eine.
Das hatte zu tun mit Kaspar HauserDer säte seinen Namen aus Kresse in einem Nürnberger Garten bis Nachbarkatzen kamenund ihm den eigenen Namen zertratenach armer Kaspar HauserSo schreibt er’s in einem Brief
Diese Geschichte beruht auf einer wahren Gegebenheit, die Clemens Setz aufgrund ihrer Symbolkraft fasziniert. Er zeigt dabei mit ironischem Augenzwinkern, dass jeglicher Inhalt in eines seiner Gedichte einfließen kann. Auch formal variiert Setz die Gestalt seiner Texte und spielt mit vielen Mitteln. Oft sind seine lyrischen Texte nah an der Prosa, doch ab und zu verwendet er auch Reime.
„Ich reime eigentlich viel lieber als nicht. Weil es künstlich ist: So spricht man ja nie. Das mag auch damit zu tun haben, dass mein Alltag unwahrscheinlich viel reicher an Reimen geworden ist, seit ich ein Kind habe, nämlich durch die ganzen Kinderlieder, die einem ja wirklich wunderbarste Reimkunststücke vorführen wie zum Beispiel „links sind Bäume, rechts sind Bäume, in der Mitte Zwischenräume“, aus dem Lied „Was müssen das für Berge sein“. Reime sind frech und generell tut mir Frechheit immer gut.“
Mit Goethe gegen Drohnen
Frech und auch mutig erscheint es, wenn Clemens Setz sich in der Überschrift seines fünften Gedichts neben Johann Wolfgang von Goethe stellt. „Ein Gleiches“ nennt Setz seinen Text und lehnt ihn damit bewusst an das berühmte Goethe-Gedicht aus dem Jahr 1780 an, das den gleichen Titel trägt und mit den bekannten Worten anfängt: Über allen Wipfeln ist Ruh. Er will sich jedoch nicht anmaßen, im gleichen literarischen Rang wie Goethe zu stehen, er bezieht sich damit auf die Methode: Die Wahl und Variation seines Themas. In seinem Gedicht entwirft er die utopische Szene eines fiktiven fernen Zeitpunkts, an dem Menschen technisch veraltete Kriegsmaschinen wie gefährdete Tierarten im Zoo bestaunen.
Damals nahm mich mein Vater jeden Sonntag mit in den Zoo um die alten Drohnen zu sehen Erst bei der Fütterung um vierzehn Uhr kam Leben in sieDer Pfleger betrat die Umhegungin Tarnfarbenjacke und schwarzen Stiefelnein Gewehr aus Holz an seiner Hüfte
Die Ausmaße dieser zerstörerischen Technik sind für Clemens Setz nicht abzuschätzen und deshalb hochgefährlich. Im Gedicht über die Kampfdrohnen im Zoo findet er als Lyriker eine Möglichkeit, die angsteinflößende Idee überhaupt zu ertragen, indem er sie als eine groteske liebevolle Begegnung inszeniert.
„Es ist vielleicht der einzig mögliche Perspektivenwechsel, wenn man etwas Neues sieht, etwas total Entsetzliches anzuschauen als etwas Rührendes, Nostalgisches, mit persönlicher bittersüßer Poesie Aufgeladenes, das ist ja etwas, das man sonst nie tut. Mein Gefühl ist, dass wir nicht wissen, was wir gebären.“
Im Gedicht hat der Lyriker die Möglichkeit, die Figuren und Ereignisse mit Hilfe poetischer Bilder auf künstlerische Weise zu kommentieren und zu karikieren. Indem er zum Beispiel rechtspopulistische Hetzreden im Netz in einer absurd wirkenden märchenhaften Szenerie ansiedelt, distanziert er sich von ihnen.
Er lässt ihre Verfasser auf diese Weise realitätsfern und naiv wie Märchenfiguren erscheinen. Die Antwort des Dichters auf Gewalt, Krieg und politische Willkür sind seine Gedichte. Allen voran die, die er in seinem Jahr als Poeta Laureatus schreibt.

Dec 8, 2024 • 8min
Dante Alighieri – Die göttliche Komödie | Gespräch
Im Gespräch mit SWR Literaturchef Frank Hertweck spricht Redakteur Alexander Wasner über die 700 Jahre alte „Mutter aller Fantasyromane“ – Dante Alighieris „Die göttliche Komödie“. In drei Stufen ist diese voller Naturwissenschaften steckende Heldenreise zu unterteilen: Hölle, Läuterungsberg und Paradies. Frank Hertweck erklärt unter anderem, welche dieser Stufen am zugänglichsten ist.

Dec 8, 2024 • 9min
Zauberberg-Wanderung: Norman Ohler – Der Zauberberg, die ganze Geschichte | Heinz Strunk – Zauberberg 2 | Gespräch
Mit seinem ersten Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ erreichte der Autor Heinz Strunk schnell großen Erfolg. In „Zauberberg 2“ interpretiert er nun Thomas Manns Klassiker neu. Zwar sind die Schauplätze in Strunks Interpretation vergleichbar mit denen aus Thomas Manns Werk, doch kreiert Strunk eine ganz neue Geschichte rund um den „Erfolgsmenschen“ Jonas Heidbrink.
Ein Buch voller Fun Facts
Norman Ohlers „Der Zauberberg, die ganze Geschichte“ kann wie eine Ergänzung zu Thomas Manns „Zauberberg“ und Heinz Strunks „Zauberberg 2“ gelesen werden. Ohler erklärt zum Beispiel, wie Davos zum Kurort und zum Ort des Weltwirtschaftsforums wurde. Ein Buch voller „Fun Facts“, so Redakteur Alexander Wasner im Gespräch mit Literaturkritikerin Beate Tröger.

Dec 8, 2024 • 5min
Eva Rottmann – Kurz vor dem Rand | Buchkritik
Das Tagebuch einer Skaterin
Ich bin Ari und dies ist die Geschichte meiner ersten Liebe. Sie geht nicht gut aus, das sag ich euch gleich. Also, wenn ihr auf Happy Ends steht, legt das hier lieber weg und geht euch ein Eis kaufen.
Quelle: Eva Rottmann – Kurz vor dem Rand
Gebrochenen Herzens beginnt die siebzehnjährige Skaterin Ari Tagebuch zu schreiben und erzählt rückblickend von den zwei Wochen ihrer ersten Liebe. Erwachsene Leser*innen erinnern sich zurück: in zwei Wochen kann viel passieren, wenn man jung ist. Jüngere wissen das selbst nur zu gut.
Das Tagebuch hat sie von Vater Bob, der ihr Auffangnetz ist, während die stets abwesende Mutter Fanni eher ein Leben auf dem Drahtseil führt. Familienstatus: Es ist kompliziert.
„Liebst du sie noch?“ fragte ich.Bob erwiderte meinen Blick, dann sah er aus dem Fenster.„Liebe“, sagte er, „Was heißt das? Will ich wieder mit Fanni zusammen sein? Nein, vielen Dank. Mache ich mir ständig Sorgen um sie und hoffe ich, dass es ihr gut geht? Ja, auf jeden Fall. Haben wir eine einfache Beziehung? Nein. Ist es Liebe? Ich glaube schon. Was für eine Art von Liebe? Keine Ahnung.“„Hä?“ sagte ich und rührte einen Löffel Zucker in meinen Kaffee. „Wie meinst du das? Wieviele Arten von Liebe gibt es denn?“Bob zuckte die Schultern. „Ich glaube, es gibt so viele, wie du willst“, sagte er.„Was du mit Yasin, Lou und Teddy hast, das ist doch auch Liebe, oder nicht?“„Ja“, sagte ich. „Irgendwie schon.“
Quelle: Eva Rottmann – Kurz vor dem Rand
Suchen nach Identität, erstes Begehren, Rollenklischees – alles ist hier sowohl präsent als auch gleichgültig. Dass es alles gibt und geben kann, Schubladen aber wirklich oldschool sind, ist selbstverständlich. Daher wird auch konsequent gegendert – Com‘on, es ist 2024. Damit muss man jetzt klarkommen.
Die Erzählweise ist dicht und authentisch. Eva Rottmann schafft Nähe zur Normalität des jungen Mädchens und ihrer Freunde, die sich schon seit dem Kindergarten kennen. Bei kaum einer Familie reicht das Geld bis Monatsende, von Urlaub ist keine Rede, das schweißt zusammen. Bei Regen im Parkhaus, sonst auf der Halfpipe. Immer skaten, immer zusammen.
Das sind unsere Sommer, das ist unser Leben. Mehr ist nicht los. Aber uns reicht das. Beziehungsweise, es muss uns reichen. Wir haben ja keine andere Wahl.„Na, dann Prost“, sagte Tom und hob seine Bierdose. „Da hab ich ja richtig Glück gehabt, dass meine Mutter hierherziehen wollte.“
Quelle: Eva Rottmann – Kurz vor dem Rand
Beim Skaten hilft Basishass
Tom. Der arrogante Neue, der gesponserte Skate-Profi fährt Ari voll in die Parade. Ari ist skeptisch.
Aber in Tom steckt auch viel Wut. Basishass nennt Ari das und kennt das genau, Basishass ist sozusagen der Antrieb zum Skaten, wo das Denken in den Körper rutschen kann, der Kopf endlich Ruhe gibt. Ari und Tom brauchen und lieben diese gedankliche Schwerelosigkeit. Und Ari fühlt Toms Schmerz, der noch viel größer ist als ihrer, seit Tom seinen Vater durch Suizid verloren hat.
Seit dem vergangenen Abend glaubte ich irgendwie nicht mehr an den coolsten Typen der Stadt. Der coolste Typ der Stadt war eine Pappkulisse, die im Sand lag und über die ein paar Heuballen wehten. Ich wusste noch nicht, was das bedeutete. Aber irgendwas bedeutete es auf jeden Fall.
Quelle: Eva Rottmann – Kurz vor dem Rand
Ari lernt, dass es Mut braucht zum Leben. Sei es, um im Morgengrauen auf dem Board den steilsten Berg der Stadt hinabzurasen, sei es, um Tom ihre Gefühle zu gestehen, sei es, um wieder aufzustehen, wenn man gefallen ist. Mit Hinfallen kennt sie sich zum Glück aus.
„Hey Mädchen, ist alles in Ordnung bei dir?“ fragte sie.Unter Tränen guckte ich sie an und schüttelte den Kopf. Nee, bei mir war nichts mehr in Ordnung, gar nichts mehr.„Bist du umgefallen?“ fragte die Frau und zeigte auf mein Skateboard. „Tut es dir irgendwo weh?“Ich nickte. Es tat mir überall weh, im ganzen Körper, vor allem in der Brust. Ich hatte nicht gewusst, dass es solche Schmerzen überhaupt gab. Wie konnte es sein, dass ein einziger Mensch einem so wehtun konnte?
Quelle: Eva Rottmann – Kurz vor dem Rand
Deutscher Jugendliteraturpreis für Eva Rottmann
„Kurz vor dem Rand“ berührt viele, zum Teil schwere Themen für ein Jugendbuch, das dadurch – und das dürfte vielleicht der einzige Kritikpunkt sein – gelegentlich etwas konstruiert erscheinen mag. Aber dennoch hat Eva Rottmann einen beeindruckend authentischen Coming-of-Age-Roman geschrieben. Über wahre Freundschaft, erste Gefühle, gute und beschissene Eltern und über die Diversität von Geschlechtern und Rollen bzw. darüber, dass man diese vielleicht gar nicht braucht, weil man einfach nur als man selbst schon liebenswert ist.
Aufwühlend, rasant, rau und zart zugleich und aus guten Grund auf der Frankfurter Buchmesse 2024 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Dec 5, 2024 • 4min
Naomi Klein – Doppelgänger. Eine Analyse unserer gestörten Gegenwart | Buchkritik
Man benötigt für dieses Buch einen langen Atem. Denn Naomi Klein unternimmt eine tiefgreifende Analyse der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Welt.
Ausführlich widmet sie sich zunächst einer feministischen Schwester im Geiste, Naomi Wolf. Unter der Corona-Pandemie radikalisierte sich Wolf, rückte immer tiefer ins Lager der Verschwörungstheoretiker, verkörperte fortan alles, wogegen Naomi Klein ein Leben lang gekämpft hat und wurde, das war das Bedrückendste für die Klimaaktivistin, in den digitalen Medien mit ihr verwechselt.
Das Ich als perfektionierte Marke, das Ich als digitaler Avatar, das Ich als Datenmine, das Ich als idealisierter Körper, das Ich als rassistische und antisemitische Projektion, das Kind als Spiegel des Ichs, das Ich als ewiges Opfer. Diese Doubles haben eines gemein: Sie sind Strategien des Nichtsehens, des Vermeidens. Wir vermeiden es, uns selbst klar zu sehen (weil wir so sehr damit beschäftigt sind, eine idealisierte Version von uns zu präsentieren).
Quelle: Naomi Klein – Doppelgänger
Die Verdrängung der Gegenwart
Aus dieser Spiegelung mit dem digitalen Phantom entwickelt Naomi Klein ihre tiefschürfende Analyse und weist auf blinde Flecken in der Geschichte und unsere beschränkten Blickwinkel auf Phänomene in der Gegenwart hin. „Eine Analyse der gestörten Gegenwart“, lautet der Untertitel.
Wir wollen nicht, dass unsere Körper etwas mit dem massenhaften Artensterben zu tun haben. Wir wollen nicht, dass die Kleidungsstücke, in die wir unsere Körper hüllen, von anderen Körpern hergestellt werden, die erniedrigt, missbraucht und bis zur Erschöpfung ausgebeutet werden. Wir wollen keine Lebensmittel essen, die mit Erinnerungen an menschliches und nicht menschliches Leid belastet sind. Wir wollen nicht auf gestohlenem, von den Geistern der Vergangenheit heimgesuchtem Land leben. (…) Es ist unerträglich.
Quelle: Naomi Klein – Doppelgänger
Leugnungen in uns
Schattengestalten, Doppel-Ichs, Selbstverleugnung, Verschwörungstheorien allerorten – und die Verdrehungen durch die rasenden digitalen Medien kommen hinzu. Es finde eine „Neuordnung der Politik“ statt, schreibt Naomi Klein und sieht darin „eine der wichtigsten Hinterlassenschaften von Covid“. „Schattenzonen“ sind entstanden.
Missbrauch gedeiht in den Schattenzonen, weil er dort gedeihen kann. Und das muss mit Hilfe einer Verschwörung vertuscht werden, um nicht nur die Täter zu schützen, sondern auch uns als Konsumenten, die wir uns unsererseits miteinander verschwören, um unwissend und unschuldig durch die besser beleuchteten Bereiche der Versorgungskette schlendern zu können.
Quelle: Naomi Klein – Doppelgänger
„Eine Welt, die in Flammen steht“
Als säkulare Jüdin nimmt Naomi Klein schließlich die Kriege im Nahen Osten in den Blick. Israel-Palästina lasse sich nicht „als verwirrender ethischer Konflikt zwischen zwei unversöhnlichen semitischen Zwillingen abtun“, schreibt Klein. Vielmehr sei es „das bisher letzte Kapitel (…) einer Welt, die jetzt in Flammen steht“. Und Naomi Klein schlägt einen großen Bogen durch die unheilvolle Geschichte der Menschheit.
In diese Geschichte sind wir alle verstrickt, wo auch immer wir leben. Sie begann im Vorfeld der Inquisition mit Folterungen, Verbrennungen und der Vertreibung von Muslimen und Juden; setzte sich mit der blutigen Eroberung des amerikanischen Kontinents und der Plünderung Afrikas fort, wo man sich Reichtümer aneignen und menschlichen Treibstoff für die neuen Kolonien beschaffen konnte; verwüstete Asien im Zuge der Kolonialisierung und kehrte dann nach Europa zurück, wo Hitler die in den vorausgehenden Geschichtskapiteln entwickelten Methoden – wissenschaftlicher Rassismus, Konzentrationslager, Völkermord in den neuen Siedlungsgebieten – zu seiner Endlösung destillierte.
Quelle: Naomi Klein – Doppelgänger
Naomi Klein hat eine Selbstbefragung verfasst, die jeden Leser und jede Leserin zum Innehalten und Reflektieren der eigenen Person anregen kann. Ein sehr nachhaltiges Buch der Klimaaktivistin.

Dec 4, 2024 • 4min
Sasha Filipenko – Der Schatten einer offenen Tür | Buchkritik
Das russische Provinzstädtchen Ostrog wird von einer Selbstmordserie heimgesucht: Im Kinderheim des Ortes haben sich drei Teenager nacheinander und auf ganz unterschiedliche Weise umgebracht. Einen Zusammenhang zwischen den Taten hat die örtliche Polizei noch nicht finden können.
Und weil immer mehr Journalisten in den Ort strömen, wird Alexander Koslow aus Moskau mit dem Fall betraut. Er versucht, sich in der allgemeinen Aufregung einen Überblick zu verschaffen – auch wenn er am liebsten zu Hause geblieben wäre.
Er hat keine Lust auf Ostrog. Erstens muss er deswegen andere Fälle delegieren, und zweitens ist er alles andere als begeistert von der Aussicht, den dortigen Beamten den Hintern zu putzen. Außerdem war er schon mal in Ostrog. Wenn er an diese hermetische Kleinstadt zurückdenkt, fällt ihm wieder ein, wie wenig dieser gottvergessene Ort zu bieten hat. Vor Jahren hat er in einer großen Ermittlergruppe den dortigen Bürgermeister hinter Gitter gebracht, und seine Erinnerungen daran sind wahrscheinlich nicht angenehm.
Quelle: Sasha Filipenko – Der Schatten einer offenen Tür
Ein systemtreuer Ermittler
Sasha Filipenkos Roman besticht zunächst durch einen charismatischen Ermittler: Koslow ist Veteran des Tschetschenienkriegs und hat es zu etwas gebracht, weil er nach den Regeln spielt und keine lästigen Fragen stellt. Seine Ehe ist angesichts dieses Pflichtbewusstseins in die Brüche gegangen und seitdem lässt eine – vielleicht typisch russische – Schwermut Koslow nicht mehr los.
Dass ausgerechnet dieser systemtreue Ermittler sympathisch wirkt, liegt daran, dass er um die menschlichen Schwächen weiß, auch um seine eigenen. Das wird zum Beispiel deutlich, als Koslow mit großer Ausdauer versucht, so viel wie möglich über die toten Teenager in Erfahrung zu bringen und sich durch deren Social-Media-Profile scrollt.
Er könnte mit geschlossenen Augen die Gesichter der toten Teenager beschreiben und, wenn es nötig wäre, ganz ohne Verwechslungen ihre Lebensläufe wiedergeben. Was im Übrigen gar nicht so schwer ist, weil sie einander ja doch recht ähneln: überforderte Eltern und ein Kinderheim nach dem anderen. Die Erarbeitung dieses Wissens hat mehrere Stunden gedauert. Als er die Dokumente ordnet, stößt er auf ein weißes Blatt Papier. Er betrachtet es und denkt zum ersten Mal in seinem Leben, wie schwierig es doch ist, über Gefühle zu sprechen. Die passenden Formulierungen dafür zu finden. Nicht dem eigenen Wortschatz auf dem Leim zu gehen, es nicht dem Zufall zu überlassen, sondern nach den einzig richtigen Worten zu suchen.
Quelle: Sasha Filipenko – Der Schatten einer offenen Tür
Ein Bild des heutigen Russlands
Der belarussische Schriftsteller Sasha Filipenko hat bis 2020 in St. Petersburg gelebt, bis er Russland verlassen musste und mit seiner Familie in die Schweiz gezogen ist.
In seinem neuen Roman zeichnet Filipenko ein plastisches Bild des heutigen Russlands: So wie Ostrog als Ort an einen Kerker ohne Wände erinnert, gleicht das ganze Land einem riesigen Gefängnis. Nur selten geraten die Bilder etwas zu plump, etwa wenn sich siamesische Zwillinge in Ostrog über den Anschluss der Krim streiten – eine Zwillingsschwester ist für Russland, die andere für die Ukraine. Viel öfter sind es stimmige Details, die den Roman ausmachen:
Irgendwo fängt ein Hund zu bellen an. Andere stimmen ein. Klein und groß kläffen im Chor, und dann schließen sich, ganz gegen die Vorschrift, auch noch die Schäferhunde im Gefängnis an. Wie in einer europäischen Stadt das Glockenläuten ergießt sich das Echo des Hundegebells über Ostrog.
Quelle: Sasha Filipenko – Der Schatten einer offenen Tür
Immer wieder nimmt der Roman Bezug auf die griechische Tragödie: Die Kapitel sind als Gesänge überschrieben und es wird bald klar, dass in dieser Geschichte so gut wie alle Menschen in Schuld verstrickt sind. „Der Schatten einer offenen Tür“ ist ein packender Roman, der als Gesellschaftsporträt genauso überzeugt wie als Kriminalfall.

Dec 3, 2024 • 4min
Philipp Blom – Hoffnung
Das ist hart: Da wendet man sich als junger Mensch voller Sorgen an einen renommierten Gelehrten. Möchte von ihm wissen, ob und wie man heutzutage, angesichts immer neuer Kriege und Klimakatastrophen, noch hoffen könne. Auf eine menschenwürdige Zukunft zum Beispiel. Oder auf ein Leben in Glück und Frieden. Und bekommt dann zu hören, dass die Angst angesichts der gegenwärtigen Weltläufte durchaus berechtigt sei.
Dass die Hoffnung allzuoft nur eine „Fluchthelferin“ aus der Wirklichkeit sei. Dass sie die Menschen sogar zu den schlimmsten Verbrechen verleiten könne. Und dass es, davon abgesehen, so etwas wie ein „Verbraucherrecht“ auf ein glückliches Leben schlichtweg nicht gibt.
Kein Gericht der Welt kann deinen Anspruch durchsetzen, kein Parlament, keine Armee. Das musst du verstehen, sonst kannst du dich nie zu einer Art von erwachsenen Hoffnung durchringen. Diese Hoffnung ist vielleicht nicht das, was du erwartet hast, aber sie ist das Beste, was ich anzubieten habe.
Quelle: Philipp Blom – Hoffnung
Eine „erwachsene Art von Hoffnung“
Man kann Philipp Blom nur zustimmen: Mit einer solch „erwachsenen Art von Hoffnung“ aufzuwarten, mag auf den ersten Blick enttäuschend sein, hat aber etwas mit intellektueller Redlichkeit zu tun. Und wenn man an all die Propagandisten und Trickbetrüger in Politik oder sozialen Medien denkt, an ihren wachsenden Erfolg gerade bei der jungen Generation, dann wäre eine sozusagen hoffnungslos abgemagerte, ausgenüchterte Form der Hoffnung genau die richtige, überfällige Botschaft.
Zumal der 54-jährige Historiker – preisgekrönter Verfasser scharfsichtiger Epochenporträts etwa über die Jahrhundertwende oder die Weimarer Republik – nur zu gut weiß, wie leicht es früher fiel zu hoffen, in Zeiten religiöser Heilsversprechen etwa oder eines ungebrochenen Fortschrittsglaubens. Und wie ungleich schwerer dagegen heute.
Trügerische Kraft
Wobei Letzteres aber nicht nur beklagenswert sei, so Blom. Zum Beispiel waren viele Menschen nach Hitlers Wahlsieg 1933 voller Optimismus für die Zukunft, doch selten war eine Hoffnung trügerischer. Dass sich die Hoffnung allzuoft als illusorisch erweist, sei wohl auch der Grund, warum die Griechen sie in der Büchse der Pandora vermuteten, neben allerlei anderen Übeln und Plagen.
Doch ganz ohne die „stille Kraft“ der Hoffnung geht es angesichts einer, mit Albert Camus gesprochen, absurden Welt freilich auch für Philipp Blom nicht, im Gegenteil. Den Grund dafür, dass sie heute, zumal in den Wohlstandsgesellschaften des globalen Nordens, für die Menschen immer schwerer zu finden ist, liegt für den Historiker vor allem am Verlust übergeordneter Sinnzusammenhänge.
Sinn aber werde von Narrativen, von Geschichten also, gestiftet, und eben deshalb hängt für Blom alles davon ab, die richtigen neuen Geschichten zu finden: Geschichten, die die Vergangenheit mit der Zukunft verbinden, die der oder dem Einzelnen einen Platz geben und die helfen, unsere Handlungsspielräume zu erweitern.
Hoffen können heißt vielleicht auch, sich über diese unerträgliche Brüchigkeit des Lebens hinwegzuretten, indem du deine eigene kleine und zerbrechliche Geschichte in eine größere Erzählung einfädelst.
Quelle: Philipp Blom – Hoffnung
Briefe an einen jungen Adressaten
Auf seiner Suche nach dem „Wagemut des Hoffens“ in unserer Zeit stellt Philipp Blom auf knapp 200 Seiten viele kluge Fragen: Warum zum Beispiel wirbt niemand für Hoffnungslosigkeit? Welchen Einfluss haben konkrete Lebensumstände auf unsere Fähigkeit zu hoffen? Und warum scheint sie gerade in Gesellschaften am Abgrund am besten zu gedeihen?
Dabei geht der Historiker in bester essayistischer Tradition sympathisch behutsam und tastend vor, und zwar in Form von sieben Briefen an einen jungen Menschen, der ihn nach einem Vortrag angesprochen habe.
Für diesen – und alle anderen – Leser hat Philipp Blom am Ende noch einen Rat auf Lager: Um auf eine „erwachsene“ Weise zu hoffen, brauche es neben dem Mut zum Risiko vor allem zweierlei: Wissen und Können. Und das sei etwas, das einem keine noch so fixe KI abnehmen könne.

Dec 2, 2024 • 4min
Leyla Bektaş – Wie meine Familie das Sprechen lernte
Alevs Onkel Cem liegt im Koma. Für Alev, die in einem deutsch-türkischen Elternhaus aufgewachsen ist, ist er die stärkste Verbindung zur türkischen Seite der Familie. Während Alevs Vater kaum etwas von der Zeit erzählt, bevor er nach Deutschland gekommen ist, besticht ihr Onkel durch Gesprächigkeit und beste Laune. Cem ist in der Türkei geblieben, hat Karriere als Unternehmer gemacht und versucht, die weit verstreute Familie mit rauschenden Festen zusammenzuhalten.
Nun ist er am Steuer seines Autos zusammengebrochen und dem Tod nahe. Sein ungewisses Schicksal treibt Alev ebenso um wie die politische Lage in der Türkei: Denn Leyla Bektaş‘ Roman setzt im Jahr 2017 ein – und damit kurz vor Verfassungsreferendum, das dem türkischen Präsidenten ein Jahr nach dem Putsch mehr Befugnisse sichern soll:
In den Monaten darauf hielten alle den Atem an. Die Verbindung in die Türkei war wie gekappt. Niemand aus der Familie traute sich, in die Türkei zu fliegen. Täglich hörte man von unzähligen Festnahmen. Es war ungewiss, in welche Richtung es ging. Alev beobachtete die Ereignisse aus der Ferne.
Quelle: Leyla Bektaş – Wie meine Familie das Sprechen lernte
Dass Alevs Vater ungern über die Familiengeschichte spricht, hat auch damit zu tun, dass er und seine Vorfahren einer religiösen Minderheit in der Türkei angehören: den Aleviten. Weil sie seit langer Zeit Verfolgung und Gewalt ausgesetzt sind, haben sich viele Aleviten angewöhnt, ihre Religion zu verstecken.
Geschickt verschränkt Leyla Bektaş in ihrem Roman verschiedene Zeitebenen miteinander und wechselt vom Jahr 2017 in die Vergangenheit: Sie erzählt, wie Alevs Vater in den 70er Jahren nach Deutschland kommt, auch beeinflusst von den Pogromen gegen Aleviten.
Von der Gewalt gegen die Aleviten
Später behandeln einzelne Kapitel die 80er und 1990er Jahre und beleuchten wie im Zeitraffer die jüngere türkische Geschichte. Sie erzählen vom wirtschaftlichen Aufstieg des Landes und davon, wie die Religion in der Politik eine immer größere Rolle spielt. Übergriffe auf Aleviten bleiben dabei an der Tagesordnung. So sorgt im Jahr 1993 ein Brandanschlag auf ein Hotel, in dem sich alevitische Künstler aufhalten, für Schlagzeilen:
An den Barrikaden, die sich vor der jubelnden Menge auftürmen, entzünden sie das Feuer. Das Hotel, so hat Alev es woanders gelesen, war aus Holz gebaut. Darin befanden sich alle Teilnehmer des Festivals, denn die Menge hatte das Hotel eingekesselt, es gab keinen Hinterausgang. Die Barrikaden sind das letzte Zeichen von innen, das nach außen dringt.
Quelle: Leyla Bektaş – Wie meine Familie das Sprechen lernte
Die Stummheit überwinden
Wie meine Familie das Sprechen lernte ist ein einfühlsamer Familienroman. Wie auch Ronya Othman in ihrem Roman Die Sommer erzählt Leyla Bektaş vom Aufwachsen zwischen zwei Welten und dem Bewusstmachen der eigenen Familiengeschichte. Da für Alev die eigene Herkunft im Ungefähren liegt, hat sie lange keine Worte für ihre Geschichte und die ihrer Familie. Als im Unterricht die Sprache ein einziges Mal auf die Aleviten kommt, bleibt sie stumm:
Etwas in Alev regte sich, aber sie traute sich nicht zu widersprechen. Sie wusste nicht, auf welche Beweise sie sich stützen sollte. Alles, was sie über Aleviten wusste, hatte sie in irgendwelchen Gesprächsfetzen aufgeschnappt, war für sie mit Rätseln belegt. Nichts davon schien gesichert. Alev öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Was hätte sie sagen können? Das Alevitentum ist all das, was der Islam nicht ist.
Quelle: Leyla Bektaş – Wie meine Familie das Sprechen lernte
Das Sprechen-Lernen, das schon im Titel anklingt, vollzieht sich auf mehreren Ebenen: Auch mit Hilfe ihres Onkels, der aus dem Koma erwacht ist, versteht Alev, wie sehr Erfahrungen von Ausgrenzung und Gewalt die Familie geprägt haben.
In dem sie sich diese Geschichten aneignet, trägt Alev auch dazu bei, sie zu bewahren. In Anbetracht der rasanten Geschwindigkeit, mit in der Türkei Geschichte über- und neu geschrieben wird, ist dieser präzise erzählte Familienroman auch politisch hochaktuell.

Nov 28, 2024 • 4min
Michael Sommer – Mordsache Caesar | Buchkritik
Die Geschichte des Bürgerkriegs am Ende der Römischen Republik ist wohl kaum zu schreiben, ohne vom Aufstieg und Fall der großen Männer zu berichten – oder des einen großen Mannes: Caesars nämlich.
In seinem jüngst erschienenen Buch über die Mordsache Caesar verbindet der Oldenburger Althistoriker Michael Sommer diesen Ansatz mit dem der longue durée, also der Beobachtung von langfristigen Strukturen der Vorgeschichte eines Ereignisses.
Dabei geht es ihm nicht nur um die letzten Tage des Diktators – so der Untertitel –, sondern die Geschichte der Republik schlechthin, dass nämlich die Geschichte von Caesars Ermordung 400 Jahre vor seiner Geburt mit der Gründung der Republik begonnen habe.
Der Resilienzvorrat der Republik war durch den Bürgerkrieg erschöpft
Der schon in den Jahren um Caesars Geburt 100 vor Christus tobende Krieg um die Vorherrschaft hatte den jahrhundertealten Freiheitsgedanken der römischen Patrizierschicht geschwächt.
Und diese Schwächung des republikanischen Konsenses zeigt sich womöglich nirgends so deutlich wie in Caesars von seinem ersten Biographen Sueton überlieferten Satz am Rubikon: „Diesen Fluss nicht zu überqueren, wird Unglück über mich bringen, ihn zu überqueren, über die ganze Menschheit.“
Als Caesar den Rubikon dann in seinem ganzen Machtwillen überquerte: War er lediglich Profiteur eines allmählichen Verfalls des republikanischen Gedankens oder war er ein Akteur mit einem Programm zur Beendigung des Bürgerkriegs? Dazu meint der Autor Michael Sommer:
Weder das eine noch das andere. Als Caesar am Rubikon stand, ging es ihm nur darum – seine Ehre – dignitas. Caesars Ego war so groß, dass es nicht mehr in die Republik mit ihren ehernen Prinzipien von Kollegialität und Annuität passte. Das Denken in den Kategorien von Standessolidarität und senatorischer Disziplin war dem Bezwinger Galliens fremd.
Quelle: Michael Sommer
Der Tyrannenmord geht aus dem Mythos der Freiheit hervor
Caesars Selbstbild hat also offenbar nichts mehr mit republikanischen Tugenden zu tun – und das ruft seine Mörder auf den Plan. Bei seinen Überlegungen zu diesem Mordfall sieht sich der Historiker Michael Sommer als Ermittler: Freilich sind nicht die Mörder zu ermitteln, denn diese handelten in aller Öffentlichkeit – sondern ihre Motive.
Und diese erschließen sich aus dem Mythos der Freiheit, ein Mythos, der sich im Namen des Haupttäters geradezu kondensiert: Lucius Junius Brutus war derjenige, der den letzten der Könige, Tarquinius Superbus, viereinhalb Jahrhunderte vor dem Mord an Caesar vertrieben hatte. Und dessen Mörder heißt wiederum Marcus Junius Brutus.
Das war Zufall – und doch wieder auch nicht. Nichts geschah in der römischen Geschichte ganz zufällig. Das historische Gedächtnis war lang, und die Ahnen schwebten wirkungsmächtig über allem, was bedeutende Römer an großen Taten vollbrachten,
Quelle: Michael Sommer - Mordsache Caesar
So schreibt es Michael Sommer und spielt damit auf die Wirkmacht des mos maiorum der Römer an, dieses Destillat erinnerter Geschichte, das besagte, keinen Alleinherrscher zu akzeptieren. Wenn die Vertreibung des letzten Königs um 500 vor Christus zum Gründungsnarrativ der Republik werden konnte, warum gelang es den Caesarmördern nicht, Kapital aus ihrer Tat zu schlagen?
Ja warum nicht? Es war ein mächtiges Narrativ, es hatte viele Menschen das Leben gekostet und noch viele mehr davon abgehalten, das Kollektiv der senatorischen Machtelite herauszufordern.
Als Caesar tot am Boden lag, traten sofort Ereignisse ein, mit denen die Mörder nicht gerechnet hatten und die ihren Plan A über den Haufen warfen. Plan A lautete: Die Leiche Caesars wegschaffen und die Jubelstimmung ausnutzen, um das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Es gab aber keinen Jubel und das Rad der Geschichte lässt sich auch nicht zurückdrehen.
Augustus – „der junge Caesar“
Also galt es, den Schwung des Rades zu nutzen, um im Bild zu bleiben. Dies gelang Caesars Großneffen Octavian: Augustus ‚verkaufte‘ den Senatoren seine Alleinherrschaft als Fortsetzung der Republik und erklärte den Bürgerkrieg für beendet.
Pax Augusta nannte er es – den augusteischen Frieden, und Michael Sommer kommentiert lakonisch: „Sieger schreiben Geschichte.“ In seinem Buch über Caesars Ende lässt er seine Leser und Leserinnen hinter die Kulissen dieser Siegergeschichte schauen.

Nov 27, 2024 • 4min
Gipi – Geschichten aus der Provinz
In Gipis Comic-Welt wird es kaum je richtig hell. Meist ziehen sich hellgraue Aquarellhimmel über menschenleere Landschaften. Überhaupt ist Grau die beherrschende Farbe. Gefühlt herrscht ständig Winter, es schneit oder regnet oder ist kurz davor.
Jedes Dorf, jede Stadt gleicht der nächsten. Doch so trostlos Gipis „Geschichten aus der Provinz" auf den ersten Blick wirken – sie gehören zu den eindrücklichsten in der europäischen Comic-Szene. Denn Gipi lotet gekonnt die Dimensionen von Schuld, Loyalität und vor allem Gewalt aus. Obwohl explizite Gewalt selten in den Bildern zu sehen ist.
Keine Kämpfe, aber Atmosphäre der Bedrohung
Das gilt vor allem für sein Meisterwerk, für das Gipi 2006 den Grand Prix d'Angoulême gewonnen hat, den wichtigsten europäischen Comic-Preis: „Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte." Darin lässt er die drei Freunde Stefano, Christian und Giuliano in einem Kriegs-Italien erwachsen werden.
Auch wenn in den Bildern nie Kämpfe stattfinden – die Atmosphäre der Bedrohung gräbt sich in ihr Leben und ihre Freundschaft. Erst recht, als sie sich einer Gruppe Milizionäre anschließen.
Die Gewalt, die jeden Moment auszubrechen droht, bringt die Unterschiede zwischen den dreien hervor. Sie zeigt, wie stark die soziale Schicht die Sicht auf das Leben prägt.
Stefano: Du hast nie abgedrückt. Nie wirklich draufgehauen! (…) Du bist nicht wie wir. Giuliano: Wie meinst du das, ich bin nicht wie ihr? Stefano: Das weißt du. Du bist nicht wie wir. Du bist anders. Deine Familie hat Geld. Wenn du in Schwierigkeiten steckst, reicht ein Anruf und deine Probleme sind gelöst.
Quelle: Gipi – Geschichten aus der Provinz
Verknappte Stilmittel
Gipis Strich zeigt, wie die erfahrene Gewalt sich als Härte in Körper und Psyche einschreibt. Seine Comics beweisen, dass man dafür nicht einmal besonders realistisch zeichnen muss. Die Gesichter seiner Protagonisten umreißt er als Flächen mit wenigen Linien.
Vor allem ihr Mund ist nur ein dünner, schwarzer Strich. Und doch ist jede Regung klar erkennbar. Angst, Verachtung, Ungläubigkeit - alles da. Diese Knappheit setzt sich als Stilmittel fort bis in die Dialoge und die Dramaturgie. „Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte" bleibt auch knapp 20 Jahre nach dem ersten Erscheinen ein Comic von Weltrang.
Nicht alle Kurzgeschichten in diesem Band können dieses Niveau halten. „Zwei Pilze" aus dem Jahr 2005 sieht eher aus wie ein Rohentwurf. Grobe, mit schwarzem Stift hingeworfene Zeichnungen deuten an, dass es für die Hauptfigur um die Trauer nach dem Tod eines Freundes geht; um das komplizierte Verhältnis beider Männer zu den Vätern.
Racheplan nach Inhaftierung
Doch was wie ein Auftakt wirkt, endet abrupt. In sich stimmig ist dagegen „Sie haben das Auto gefunden", ein kurzer, verstörender Psycho-Thriller, der ebenso von dem lebt, was er ausspart wie von dem, was er zeigt. Genauso wie „Die Unschuldigen", ausgezeichnet mit dem Max und Moritz-Preis für den besten internationalen Comic.
Wieder bewegen sich knapp und kantig gezeichnete Männer durch eine blassgraue Aquarell-Landschaft. Zwei Freunde treffen sich nach Jahren wieder. Einer von ihnen hat lange im Gefängnis gesessen.
In Rückblenden, abgehoben von der Handlung als grobe Skizzen in Schwarzweiß, erfahren wir, dass damals Polizeiwillkür im Spiel war. Jetzt will der aus dem Gefängnis Entlassene Rache nehmen.
Männliche Abgründe
Valerio: Sie stehen unter Hausarrest und sitzen gemütlich zu Hause. Sind aber keine Polizisten mehr. Die Pistolen sind futsch. Sind ganz normale Leute wie du und ich. Aber ich weiß, wo einer von ihnen wohnt.
Quelle: Gipi – Geschichten aus der Provinz
Dann die Überraschung: Aus der Rache wird nichts. Sein Freund hat seinen kleinen Neffen dabei. Und vor dem Kind einen Mord begehen? In der Figur des Jungen gönnt Gipi seinen Männern diesmal einen Ausweg aus der Gewalt.
Wo in Gipis Comics die Frauen bleiben? Am Rand. Obwohl in „Sie haben das Auto gefunden" eine Frau für die entscheidende Wendung sorgt. In den Bildern sind sie Körper, vielleicht noch Stichwortgeberinnen. Gipis Geschichten führen in männliche Abgründe. Aber die sind immer wieder lesenswert.


