Raphael Geiger, Türkei-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, berichtet aus Istanbul über die aktuellen Proteste gegen Präsident Erdoğan. Er beleuchtet, wie die Festnahme des Istanbuler Bürgermeisters die Unzufriedenheit unter den Jugendlichen angeheizt hat. Zudem wird diskutiert, welche Strategien die Opposition verfolgen kann, um den Widerstand aufrechtzuerhalten, und wie Erdogans autoritäre Herrschaft die Proteste beeinflusst. Geiger gibt auch Einblicke in die politische Repression und die Herausforderungen, die sich für die Opposition ergeben.
Die Proteste in der Türkei, ausgelöst durch die Festnahme des Bürgermeisters İmamoğlu, spiegeln die wachsende Unzufriedenheit mit Erdogans autoritärer Herrschaft und der Wirtschaftskrise wider.
Die Opposition versucht aktiv, den Widerstand aufrechtzuerhalten, indem sie Strategien wie Boykotte gegen pro-erdoganische Unternehmen implementiert, um Veränderungen zu bewirken.
Deep dives
Proteste gegen die Regierung in der Türkei
In der Türkei dauern die Proteste gegen Präsident Erdogan an, beginnend mit der Festnahme des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu, der als Hauptgegner Erdogans gilt. Hunderttausende Menschen, insbesondere junge Demonstranten, haben in Städten wie Istanbul für Veränderungen und gegen Korruption demonstriert. Der Oppositionsführer Özgür Özel betont, dass die Vorwürfe gegen die Opposition von der Regierung als Lügen betrachtet werden, um von eigenen Problemen abzulenken. Diese Proteste sind die größten seit 2013 und zeigen eine starke Unzufriedenheit mit Erdogans autoritärem Regierungsstil und der anhaltenden Wirtschaftskrise in der Türkei.
Stimmung und Repression in den Protesten
Die Stimmung unter den Demonstranten wird als hoffnungsvoll beschrieben, da sie ihre Forderungen offen und mit kreativen Ausdrucksformen äußern können. Während einige Proteste von der Polizei recht moderat begleitet werden, gibt es auch Berichte über Repressionen, wie Festnahmen während anderer Demonstrationen. Die Polizei versucht, Angst zu schüren, indem sie beispielsweise Demonstranten am Verlassen der Protestorte verfolgt und deren Identität aufnimmt. Diese verschiedenen Reaktionen der Polizei zeigen, dass das Regime versucht, den Widerstand auf verschiedenen Ebenen zu unterdrücken, während die Protestbewegung an Dynamik gewinnt.
Strategien der Opposition zur Aufrechterhaltung des Widerstands
Die Opposition in der Türkei verfolgt aktiv Strategien, um den Protest langfristig aufrechtzuerhalten, einschließlich Boykotten gegen Unternehmen, die mit Erdogan in Verbindung stehen. Diese Boykottaufrufe zielen darauf ab, das wirtschaftliche Umfeld der Regierung zu destabilisieren und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Veränderungen möglich sind. Darüber hinaus bemüht sich die Opposition, das Gefühl eines ständigen Widerstands zu fördern, um mehr Menschen in den politischen Prozess einzubeziehen und eventuell eine breitere Unterstützung zu gewinnen. Der Erfolg der Opposition hängt davon ab, ob es ihnen gelingt, die öffentliche Meinung so zu beeinflussen, dass sie als ernstzunehmende Alternative zu Erdogans Regierung angesehen wird.
Vor eineinhalb Wochen wurde Istanbuls Bürgermeister festgenommen, Ekrem İmamoğlu von der größten türkischen Oppositionspartei CHP. Seitdem kommt es im ganzen Land, vor allem in Istanbul, regelmäßig zu Massenprotesten gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Offiziell wird İmamoğlu unter anderem Korruption vorgeworfen. Doch der eigentliche Grund für die Festnahme ist wohl, dass Erdoğan seinen größten Konkurrenten aus dem Weg räumen wollte. In den zwei Jahrzehnten an der Macht ist Erdoğans Regierungsstil immer autoritärer geworden und zudem steckt die Türkei auch durch seine Politik in einer tiefen Wirtschaftskrise, mit extrem hoher Inflation und hoher Jugendarbeitslosigkeit. Darum demonstrieren heute – wie schon bei den Gezi-Protesten 2013 – besonders viele junge Menschen gegen die Regierung.
Können die Proteste wirklich etwas bewegen? Und wie will die Opposition den Widerstand aufrechterhalten, wenn die Straßenproteste womöglich demnächst abebben? Darüber spricht in dieser Folge von „Auf den Punkt“ Raphael Geiger, der Türkei-Korrespondent der SZ.
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Moderation, Redaktion: Nadja Schlüter
Redaktion: Johannes Korsche
Produktion: Imanuel Pedersen
Zitiertes und zusätzliches Audiomaterial über The Guardian.
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