SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Jan 28, 2024 • 8min

Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff

Die schier unglaubliche Geschichte wird im Rückblick erzählt: Anouk Perlemann-Jakob ist mittlerweile hundert Jahre alt, schaut auf ihr Leben als erfolgreiche Architektin, aber auch auf eine bedrückende Familiengeschichte zurück. Im hohen Alter lernt sie einen Schriftsteller kennen, der ihre dritte Biografie schreiben soll. Sie möchte endlich von bedeutsamen Erlebnissen berichten, die sie aber bislang verschwiegen habe. Die alte Dame hält den Autor zwar für einen … „… Schriftsteller, dem man nicht glaubt, was er schreibt.“  Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff Was aber kein Problem ist. Im Gegenteil. „Gesagt werden soll es. Und wenn es keiner glaubt, umso besser.“ Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff Spiel mit Autofiktion Der Schriftsteller ist unsicher, ruft seine Frau Monika an – und die ist empört. Ob die Auftraggeberin zumindest ein gutes Honorar in Aussicht gestellt habe, will die Gattin wissen. Doch über Geld wurde nicht gesprochen. Gewitzt klärt Michael Köhlmeier auf den ersten Seiten seines neuen Romans „Das Philosophenschiff“ nicht nur die Erzählsituation, sondern spielt durch den Verweis auf Monika Helfer auch gleich mit dem Genre der Autofiktion – so wie es übrigens Helfer auch in ihren eigenen Romanen zuletzt getan hat. Das schreibende Ehepaar kommuniziert nicht nur über Bücher, sondern auch in den jeweiligen Werken miteinander über die Fallstricke der Fiktion. Anouk Perlemann-Jakob möchte also ausgerechnet einem Autor, von dem sie annimmt, dass niemand ihm glaubt, eine wahre bzw. ihre wahre Geschichte erzählen. Und die beginnt 1922 in St. Petersburg. „Es war Bürgerkrieg. Und ein Bürgerkrieg ist immer auch ein Krieg der Armen und Ungebildeten, der Dummen und Bösartigen gegen die Intelligenzija. Zur Intelligenzija gehörte, wer nicht schwitzte, nicht stank und seine Arbeit im Sitzen tat. Das traf auf meine Eltern zu.“ Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff Köhlmeier lässt die hochbetagte Anouk sehr anschaulich von der Vergangenheit berichten, vom „Hungermundgeruch“ der Menschen, von den Versuchen, inmitten des Elends – nämlich draußen im Park – kleine Momente der Freiheit, des Glücks und der Schönheit zu erleben. „Da hat man einen ganzen Nachmittag lang getanzt, jeder mit jedem, Männer mit Männern, Frauen mit Frauen, Frauen mit Männern sowieso (…) alle Kombinationen. Sogar einen Hund habe ich gesehen, der hat mit seinem Frauchen getanzt.“ Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff Heilige Gewalt und Märtyrertod Auf dem Heimweg seien die tanzerprobten Füße dann über Leichen in der Straße gestiegen, verhungerte oder ermordete Menschen. Die Bolschewisten kennen keine Gnade. Überall lauern Spitzel, überall werden Feinde der Revolution vermutet. Auch sie, Anouk, habe früher von „heiliger Gewalt und Märtyrertod geträumt“. Jetzt aber herrsche blinder Terror. Insofern kann ihre Familie noch froh sein, als Lenins Schergen den unmissverständlichen Befehl erteilen, die Sachen zu packen. „Sie sagten, wir müssen Russland verlassen. Man wird uns nichts tun. Aber wir müssen gehen. Es sei ein Entgegenkommen der Regierung. Eine Art Gnade der Regierung. Eines Tages würden wir es verstehen und dankbar sein.“ Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff Der Roman, der von Ereignissen handelt, die vor über 100 Jahren angesiedelt sind, hat eine schreckliche Aktualität. Das betrifft nicht nur die gefährliche Rede von der angeblich „heiligen“ Gewalt von Mördern, die als „Märtyrer“ verklärt werden, sondern bezieht sich generell auf Terror und Vertreibung als politisches Mittel. Anouk und ihre Eltern müssen ihre Besitztümer zurücklassen und werden auf ein Schiff verfrachtet. Noch glauben sie nicht, dass sie lange überleben werden. Es sind nicht viele Passagiere an Bord des hochseetauglichen und gut ausgestatteten Schiffs, aber alles Leute, die als Feinde der proletarischen Revolution gelten. „Intellektuelle. Philosophen. Wissenschaftler. Ein Architekt. Künstler. Unser Luxusdampfer war ein Philosophenschiff.“ Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff Die sogenannten Philosophenschiffe hat es tatsächlich gegeben, wie eine Ausstellung in Moskau unlängst zeigen durfte. In Köhlmeiers Roman aber geschehen seltsame, gewiss erfundene Dinge: Denn das Schiff treibt einige Tage auf dem Meer herum, bis sich ein weiteres Boot nähert und ein geheimnisvoller Gast an Bord gebracht wird. Weil nun eine Zeitlang wieder nichts passiert, klettert die neugierige Anouk heimlich aufs Sonnendeck in der 1. Klasse. Dort sieht sie einen einsamen Mann im Rollstuhl. Sie beobachtet ihn, doch er entdeckt das Mädchen und fragt sie aus. Wie sie heiße, was die Eltern täten und warum sie auf dem Schiff seien. „Ich sagte: Der Lenin hat es befohlen. (…) Und da sagte er es: Der Lenin, das bin ich. Ich bin der Lenin. Lenin bin ich. Und ich glaubte ihm.“ Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff Die schreckliche Aktualität des Leninismus Zwischen der kleinen Anouk und Lenin entwickelt sich ein bizarr-berührendes Gespräch über die Revolution, Mathematik, über Bauern und Bücher. Köhlmeier kostet die Szene aus, spannt das lesende Publikum auf die Folter, indem er immer wieder in die Gegenwart zurückspringt, in der die alte Anouk dem erstaunten Schriftsteller aus der Vergangenheit erzählt. Köhlmeier bleibt allerdings nicht bei der doppelten und clever gespiegelten Gesprächssituation, er nutzt sein Alter Ego auch, um das epochenübergreifende Thema des Romans zu entfalten. Lenins Terrorpolitik jedenfalls sollte noch Generationen später viele Nachahmer finden: Anouks Mitarbeiterin in den USA war mal Mitglied der militanten Untergrundorganisation „Weathermen“. Der nicht nur zuhörende, sondern längst recherchierende Biograf erinnert sich zudem an den Studienfreund Carlo aus dem Kommunistischen Bund, der von seiner Genossin Gerlinde eigentlich hätte liquidiert werden sollen. So lautete der Auftrag des Führungsoffiziers. Sie hätten Stalinismus gespielt, sagt Carlo Jahrzehnte später, als wolle er die Taten bagatellisieren. Kurioserweise wäre Lenin bereits 1918 beinahe Opfer eines Attentat geworden. Die Anarchistin Fanny Kaplan schoss auf Lenin, der sich von dem Anschlag tatsächlich nicht mehr so recht erholen konnte. Von der Macht, den politischen Gegner umzubringen, ließ sich selbst der kranke und offenbar unbelehrbare Revolutionär noch berauschen – jedenfalls in Köhlmeiers historischer Fiktion, im Zwiegespräch von Anouk und Lenin. „Er wollte mir erklären, was Macht ist. Ob ich es wissen will. Nicht unbedingt, sagte ich. Wenn ich herumfrage, was Macht bedeutet, sagte er, dann werde ich verschiedene Antworten bekommen, Antworten von den gescheiten Philosophen, die so dumm sind. Die Macht zu gestalten, die Macht, das richtige zu tun, die Macht, einen Staat zu lenken. Und so weiter. Das werden sie sagen. Alles Ausreden. Es gibt nur eine Macht. Die Macht zu töten. Von ihr leitet sich alle andere Macht ab. Die Macht, über ein Leben zu entscheiden. Ob ja oder nein. Über tausend Leben zu entscheiden. Ja oder nein.“ Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff Was als Spiel mit dem biografischen Erzählen begann, endet bitterernst. Michael Köhlmeiers Roman „Das Philosophenschiff“ könnte daher als Abgesang auf die literarische Mode der Autofiktion gelesen werden, zumindest als Aufforderung, sich auch in der Literatur wieder intensiver mit drängenden Themen, etwa mit den Gefahren ideologischer Radikalisierung und des politischen Terrorismus zu befassen. Literarische Könnerschaft Mit dem „Philosophenschiff“ schließt Köhlmeier sowohl stilistisch als auch inhaltlich an seine historischen Romane an, etwa „Abendland“ und „Matou“. Im Mittelpunkt dieser als politische Parabeln angelegten Texte stehen immer die Gewaltfrage und der Versuch, die Hybris der aggressiven Figuren mit den Mitteln der literarischen Kunst einzuhegen. Michael Köhlmeier ist ein wahrhaft humanistischer Schriftsteller; statt einer Revolution ist er der Aufklärung verpflichtet, die nicht zuletzt im Erzählen das Reich der Freiheit erkundet. „Das Philosophenschiff“ bleibt, obwohl nur wenig passiert, bis zuletzt spannend. Präzise sind die Dialoge, verspielt die längeren Prosapassagen. Köhlmeier beweist auch mit diesem Buch seine literarische Könnerschaft.
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Jan 28, 2024 • 1min

Colm Tóibín – Der Zauberer

Philipp Oehmke, Kulturchef des „Spiegel“ und Romanautor, empfiehlt Colm Tóibíns empathische und tief recherchierte Romanbiografie über Thomas Mann: „Der Zauberer“.
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Jan 28, 2024 • 5min

Alex Capus – Das kleine Haus am Sonnenhang

Der Schweizer Alex Capus ist einer der beliebtesten Gegenwartsautoren seines Landes. Was das Geheimnis seines Erfolgs sein könnte, mag mancher sich fragen, sind doch die Hauptfiguren seiner bisher elf Romane weder Superhelden noch Superschurken, und bisweilen sehen sie sogar, wie in Capus‘ Roman „Das Leben ist gut“ ihrem Schöpfer ausnehmend ähnlich. Dessen neues Buch „Das kleine Haus am Sonnenhang“ ist kein Roman, obwohl es wie einer anfängt. Dieses Mal scheint es wirklich der Autor höchstselbst zu sein, der hier spricht, und auf den ersten Seiten könnte man glauben, der habe einfach mal ein paar nette Episoden aus seinem eigenen, mittlerweile 62-jährigen Leben erzählen wollen. In deren Zentrum steht das titelgebende kleine Bruchsteinhaus am Sonnenhang, im Seitental eines Seitentals im Piemont, das Capus in seinen Dreißigern, nicht mehr Student und noch nicht Schriftsteller, für kleines Geld gekauft hatte. „Wenn meine damalige Freundin und ich mit unserem gelben Renault 4 aus der Schweiz anreisten, bogen wir in Sichtweite des Hauses von der Strada Provinciale ab und schlingerten auf einem Feldweg hinunter zu einem ausgetrockneten Bachbett, das wir mit Karacho durchqueren mussten, um es auf der anderen Seite den steilen Hang hinauf bis zum Haus zu schaffen.“ Quelle: Alex Capus – Das kleine Haus am Sonnenhang Ohne Handy, mit Hermes Baby Die damalige Freundin ist, wie sich bald herausstellt, die Ehefrau des Autors, Nadja Capus, heute Professorin für internationales Recht und Mutter der gemeinsamen fünf Söhne. Es ist dann viel die Rede von den Instandhaltungsarbeiten am Haus, von den kaum je sichtbaren Nachbarn im gegenübergelegenen Dorf, von sommerlichen Besuchern und den Vergnügungen des Landlebens, vom Erwerb eines Kachelofens, von der nächstgelegenen Kleinstadt, auch von der vom Erzähler frequentierten Bar dort und deren Stammgästen, mit denen er sich anfreundet. Und vom Tippen auf der Hermes Baby, von den Zeiten ohne Internet und Smartphone, dafür mit anderen Eigenheiten: „Es waren die neunziger Jahre, wie erwähnt, damals rauchte man noch. Was haben wir geraucht! Wir rauchten alle, und wir rauchten überall und jederzeit. (…) Keine Ahnung, warum wir dermaßen geraucht haben. Irgendetwas muss schon dabei gewesen sein. Sonst hätten wir’s doch nicht getan.“ Quelle: Alex Capus – Das kleine Haus am Sonnenhang Das ist alles recht unterhaltsam, fein beobachtet und fein beschrieben … Und als man sich gerade zu fragen beginnt, warum eigentlich Alex Capus das alles erzählt, stellt man fest, dass in diesem Buch doch viel mehr steckt als eine Reihe nostalgisch-skurriler Ferienerlebnisse. Wesen und Wirkung der Kausalkette Unmerklich haben sich dazwischen nämlich Überlegungen und Bekenntnisse zum Schreiben, zum eigenen und zu dem der anderen, gewoben. Zunächst einige Bemerkungen zum Unterschied, den es macht, ob man Bücher auf Papier und Schreibmaschine entwirft und überarbeitet oder mit der Textverarbeitung auf dem Computer, dann zur Frage, wie die Züge realer Personen in fiktive Figuren einfließen und wie sie sich dort verändern. Schließlich entwickelt Capus, in Gestalt einer Geschichte über einen aufgebrochenen Opferstock und die konstruktive Ermittlungsarbeit des kleinstädtischen Maresciallo, originelle Gedanken, betreffend die überzeugende Konstruktion und – mindestens so wichtig - den überzeugenden Abschluss von Kausalketten in der Literatur, er nennt sie auch „Fährten“. Die sind für Alex Capus eine unabdingbare Voraussetzung des Erzählens. Oder jedenfalls für seines:   „Wir kommen zur Welt und dann geschehen ein paar Dinge, die nicht unbedingt miteinander in Zusammenhang stehen, und dann sind wir tot. Diese Vorstellung ertragen wir schlecht. Uns verlangt es nach Sinn, deshalb schmieden wir Kausalketten und erzählen einander Geschichten. Grimms Märchen sind Kausalketten, und zwar lückenlose, sonst könnten die Kinder nicht einschlafen.“ Quelle: Alex Capus – Das kleine Haus am Sonnenhang Diese Überlegungen sind sympathisch lebensnah. Und dabei immer wieder leise ironisch. „Oder Hollywood: Zwei junge Leute verlieben sich an Bord der Titanic, dann kommt ein Eisberg und Leonardo DiCaprio ertrinkt.Kausalketten, soweit das Auge reicht.“ Quelle: Alex Capus – Das kleine Haus am Sonnenhang Die Großen werden nicht geschont Die Ironie verschont allerdings auch die Großen des Erzählgewerbes nicht. So macht Capus sich ein bisschen lustig über die schwächliche Erregungsstimulation bei Marcel Proust durch ein paar erinnerte Krümel eines nicht sonderlich spektakulären Gebäcks. Dem „Ulysses“ von James Joyce wiederum gesteht er zu, es handele sich gerade wegen der Verweigerung jeder Kausalität um einen Meilenstein der Weltliteratur. „Das mag als Experiment bahnbrechend gewesen sein, macht das Buch aber, seien wir ehrlich, für die meisten Menschen unlesbar.“ Quelle: Alex Capus – Das kleine Haus am Sonnenhang Ganz im Gegensatz zu dem, was Capus hier serviert. Auf sehr leicht lesbare Weise, in der Art eines Feuilletons, jubelt dieses Buch seiner Leserschaft eine ganze Menge Überlegenswertes zum Leben und zum Schreiben unter, verbindet autofiktionales Erzählen mit einer kleinen, vielleicht gar nicht mal so kleinen Poetik. Die Jahre in der Abgeschiedenheit des Piemont, im kleinen Haus am Sonnenhang, gehen irgendwann zu Ende, mit einem Schuss, einem entwendeten Kachelofen und einem endlich fertig geschriebenen Romanmanuskript. Einiges lässt Alex Capus so in der Schwebe, dass es als produktive Unruhe im Gemüt weiterwirkt. Allgemeingültigkeit beansprucht das alles natürlich nicht. Aber wo gäbe es die je in der Literatur?
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Jan 28, 2024 • 8min

Stephan Wackwitz – Geheimnis der Rückkehr

Über zwei Jahrzehnte war Stephan Wackwitz für das Goethe-Institut in der Welt unterwegs – in Tokio und Krakau, in Bratislava und New York. Und hat zugleich immer geschrieben: Essays, kulturhistorische Bücher und biografische Romane. Jetzt erzählt er in „personal essays“ von seinen Reisen und Begegnungen – und von den Denkern, die ihn seit den 1980er Jahren geprägt haben. Ein intellektuell anregendes Bildungsmemoir mit feinen Beobachtungen und atmosphärischen Stadtbeschreibungen. Anja Brockert im Gespräch mit Christoph Schröder.
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Jan 28, 2024 • 54min

SWR2 lesenswert Magazin u.a. mit neuem Buch von Michael Köhlmeier

Der Roman „Das Philosophenschiff" von Michael Köhlmeier ist eine Parabel auf die Politik des Terrors. Er führt zurück in die Zeit der bolschewistischen Repression – und ist von hellsichtiger Aktualität. In diesem Jahr wird der 300. Geburtstag von Immanuel Kant gefeiert. Warum der Königsberger Philosoph für uns heute so wichtig ist, erkunden Daniel Kehlmann und Omri Boehm in ihrem Buch „Der bestirnte Himmel über mir". Eine Ermunterung zum selber denken.  Der Autor Stephan Wackwitz war lange für das Goethe-Institut in der Welt unterwegs. Jetzt erzählt er in einem Bildungsmemoir von seinen Reisen und Begegnungen – und von den Denkern, die ihn geprägt haben. Außerdem: Alex Capus führt ins Italien in den 1990er Jahren - und ins Herz seiner Poetik. Wir erinnern an die Büchner-Preisträgerin Elke Erb und sprechen über die Shortlist 2024 des „Wortmeldungen"-Literaturpreises für Kritische Kurztexte.    Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff Hanser Verlag, 222 Seiten, 24 Euro ISBN 978-3-446-27942-1 Rezension von Carsten Otte Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant Aus dem Englischen von Michael AdrianPropyläen Verlag, 352 Seiten, 26 Euro ISBN 978-354-910-068-4 Rezension von Frank Hertweck Stephan Wackwitz – Geheimnis der Rückkehr S. Fischer Verlag, 368 Seiten, 25 Euro ISBN 978-3-10-397562-8 Gespräch mit Christoph Schröder Alex Capus – Das kleine Haus am Sonnenhang Hanser Verlag, 160 Seiten, 22 Euro ISBN 978-3-446-27941-4 Rezension von Julia Schröder Colm Tóibín – Der Zauberer Aus dem Englischen von Giovanni Bandini Hanser Verlag, 560 Seiten, 28 Euro ISBN 978-3-446-27089-3 Lesetipp von Philipp Oehmke Shortlist 2024 des „Wortmeldungen"-Literaturpreises für Kritische Kurztexte Gespräch mit Dr. Sandra Poppe, Leiterin des „Wortmeldungen"-Programms Musik: Blick Bassy - Mádibá Label: Infiné
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Jan 28, 2024 • 6min

Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant

So kann es einem ergehen, der zum ersten Mal Kant liest: „Vor lauter Klammern und Fußnoten verstand er kein Wort, und wenn er gewissenhaft mit den Augen den Sätzen folgte, war ihm, als drehe eine alte, knöcherne Hand ihm das Gehirn in Schraubenwindungen aus dem Kopf. Als er nach einer halben Stunde erschöpft aufhörte, war er nur bis zur zweiten Seite gelangt, und Schweiß stand auf seiner Stirn.“ Quelle: Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant So lässt es Robert Musil seinem Helden Törleß ergehen, als dieser sich im Internat freiwillig an Kants Philosophie wagt. Daniel Kehlmann und Omri Boehm agieren dagegen mit erstaunlicher Leichtigkeit im schwergewichtigen Kant-Kosmos. Kehlmann wollte über Kants Ästhetik promovieren, als ihm die Schriftstellerkarriere dazwischenkam. Kant blieb dann nur die Rolle des dementen Philosophen in Kehlmanns Bestseller „Die Vermessung der Welt“. Vielleicht ist jetzt dieses neue Buch ja eine kleine Wiedergutmachung? Der Philosoph Omri Boehm wiederum hat in seinem Werk „Radikaler Universalismus“ das Potential des Königsberger Denkers für unsere heutigen Debatten neu justiert.   Wie funktioniert Kants Philosophie heute?   Zwei Tage im Mai haben die beiden über Kant geredet, mit dem klaren Anspruch, keine schönfärbende Würdigung zu verfassen, sondern auszuloten, wie Kants Philosophie funktioniert. „Wir weisen Kant keine Stelle zu, wir würdigen ihn nicht, und wir sprechen auch nicht von „der Gegenwart“, sondern von uns. Wir versuchen, Kant aus seinen eigenen historischen Voraussetzungen zu verstehen und zugleich ein Bild davon zu gewinnen, wie er uns dabei helfen kann, weiterzukommen auf jenem langen Weg, an dessen Ende wir hoffen dürfen, das zu sein, für das wir uns in voreiligen Momenten jetzt schon halten, eine Gemeinschaft denkender und freier Menschen.“ Quelle: Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant Natürlich kann ein Gesprächsband keiner systematischen Linie folgen, aber die großen Themen werden angesprochen: Kant, biographisch, die Verortung in der Philosophiegeschichte - Stichworte: Leibniz, Spinoza, David Hume. Die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit menschlicher Erkenntnis in der „Kritik der reinen Vernunft“, die Konsequenzen für den Glauben an einen Gott, die Ästhetik Kants in der „Kritik der Urteilskraft, die Moralphilosophie der „Kritik der praktischen Vernunft.“ Ihr ist auch der Titel entnommen: „Der bestirnte Himmel über mir“. Aber die eigentliche Pointe steckt im zweiten Teil des Satzes: „Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Quelle: Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant Sie besteht darin, dass das Gefühl der erhabenen Unendlichkeit des Himmels, das uns zu kleinen Menschlein macht, konterkariert wird von der einzigartigen Fähigkeit des Menschen, moralisch handeln zu können. Und das heißt nach Kant überhaupt frei handeln zu können. Genau in dieser Fähigkeit ist auch die Würde des Menschen verborgen. Eine Würde, daran erinnern Boehm und Kehlmann, die einem nicht einfach nur zugehört, sondern die erworben werden muss. Kehlmann und Boehm sehen in Kant einen Aufklärer der Aufklärung   Daniel Kehlmann zitiert zustimmend den leider viel zu unbekannten österreichischen Dichter Jura Soyfer: „Ihr nennt uns Menschen, wartet noch damit.“ Quelle: Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant Kant ist für die beiden Gesprächspartner ein Aufklärer der Aufklärung. Das bedeutet, die Träume, mit der Vernunft die Welt vollständig verstehen zu können, sind mit Kant ausgeträumt. Sein Ziel: klar zu definieren, was wir wissen können. Und was nicht. Oder in Kants berühmten Worten aus der „Kritik der reinen Vernunft“: „Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.“ Quelle: Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant Unsere Vernunft hat also Grenzen. Und diese Grenzen werden durch Denkmechanismen bestimmt, die uns alle prägen. Ohne diese Strukturen in unserem Kopf können wir keine Strukturen da draußen in der uns zugänglichen Welt erkennen. Die überraschende Folgerung: Wenn wir wissen, was wir wissen können, dann gibt es auch ein Wissen davon, was wir nicht wissen. Und somit Platz für metaphysische Spekulationen, für den Glauben. Kant und das Gespräch über die Kunst Und – das ist Daniel Kehlmann ganz wichtig – somit auch Platz für die Kunst. „Es geschieht, dass der eigentlich primär nicht besonders kunstinteressierte Professor Immanuel Kant das wichtigste Werk der Kunsttheorie überhaupt schreibt.“ Quelle: Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant Nämlich die „Kritik der Urteilskraft“ mit dem faszinierenden Gedanken: „Es gehört zur Kunst, dass wir ein unendliches Gespräch führen …“ Quelle: Nämlich die „Kritik der Urteilskraft“ mit dem faszinierenden Gedanken: Warum? Weil das Urteil über Kunst ein Geschmacks-Urteil ist. Aber das ist nach Kant nie nur subjektiv, sondern zugleich ein allgemeines Urteil. Das heißt: wir wollen, dass uns die anderen in unserem Urteil folgen, wenn wir etwas als schön erkennen. Darum müssen wir mit ihnen reden, wir müssen argumentieren. Und so kommt eben auch der Verstand mit ins Spiel. War der Königsberger Philosoph ein Rassist? Aber was ist mit dem Vorwurf, den wir in den letzten Jahren gehört haben, Kant sei ein Rassist gewesen? Auch hier fällt Daniel Kehlmann ein klares Urteil über Kants Menschenlehre: „Ich würde die Anthropologie gar nicht zum philosophischen Werk zählen. Eigentlich wäre der korrekte Titel: „Verstreute Meinungen und Vorurteile des älteren Herrn Professor Kant.“ Quelle: Nämlich die „Kritik der Urteilskraft“ mit dem faszinierenden Gedanken: Es ist Kant selbst, der die Kriterien liefert, mit denen Kant kritisiert werden kann. Was in seiner Anthropologie, seiner Lehre vom Menschen, an Vorurteilen, abwertenden und rassistischen Bemerkungen fällt, gehört der Welt der Erscheinungen an, dem, wie Kant es nennt „empirischen Ich“. Hier wird geirrt, Falsches behauptet, korrigiert, überprüft. Sein philosophisches Werk, das ist der gewaltige Anspruch Kants, ist von Empirie frei. Weil es sich darum kümmert, wie wir überhaupt die Dinge da draußen erkennen können. Ein anregender und lebendiger Dialog auf Augenhöhe Die entscheidende Frage ist für Kehlmann und Boehm eine andere: Ist Kant ein Propagandist westlicher Denkweisen? Inwieweit ist das, was er als universelle Grundmuster unseres Denkens bestimmt hat, gar nicht für alle Menschen gültig, sondern nur für uns, für unsere Tradition, unsere Kultur? Die Antwort ist offen. Dass Immanuel Kants „Kritiken“ manchmal schweißtreibend sein können, wird niemand bestreiten, der sie gelesen hat – und nicht nur beim ersten Mal. Aber Daniel Kehlmann und Omri Boehm haben einen Gesprächsband vorgelegt, der Schwierigkeiten nicht weg redet, komplizierte Dinge nicht banalisiert und im besten Sinne einen anregenden Dialog bietet: kenntnisreich, lebendig, geistesgegenwärtig und auf Augenhöhe.
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Dec 1, 2023 • 53min

37. Freiburger Literaturgespräch – Alle meine Geister

Wortschöpfungen wie „Nebelgeiß“, Reime wie „Kräuter–Euter“ oder „Fäule–Eule“, ein Nebel, der immer wieder in den Gedichten vorkommt, die Preisträgerinnen Judith Zander und Marion Poschmann, die Preisträger Marcel Beyer und Raoul Schrott finden überraschende Zugänge zur Lyrik Peter Huchels, sie tragen ihre Lieblingsgedichte vor, aber auch welche, mit denen sie gar nicht so einverstanden sind. Ob „Hubertusweg“, „Winternebel“ oder die „Sibylle des Sommers“,  Huchels Gedichte sind metaphorisch und konkret zugleich. Und immer ist die Naturbeobachtung auch politisch.
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Sep 10, 2023 • 3min

Poeta Laureatus | Michael Krüger – Das siebte Gedicht

Sommer in Europa, da treffen sich in diesem Jahr Feuer und Wasser, bedrohlich, tröstend, unausweichlich. Das siebte Gedicht des Poeta Laureatus ist zweigeteilt wie das Leben des Dichters – am Anfang steht die Stadt, am Ende das Land, und ganz am Ende ein religiöses Schlusswort. Das siebte Gedicht 1 Es brennt. Alles ringsum brennt. Das Haus, die Treppe,Dach und Böden, alles steht in Flammen. Die Lügenbrennen lichterloh. Das Wasser brennt, das Meer,selbst die große Stille wird ein Raub des Feuers.Das Feuer steigt den Berg herab und lässt die Büschelodern, sogar die Steine in der Mauer brennen.Aus der Verklärungskathedrale schlägt ein Feuer.Das letzte Jahr des Buches ist schon Asche,ein dünner Rauch zeigt an, wo sie einst standenund gelesen wurden. Es glimmt und glüht die Loheüber Parlamenten, das Erbarmen ist schon lang verbrannt,der Weizen und die Erbsen, alles hin und weg.Und wenn nicht alles täuscht, dann wüten Feuerauf der Zunge und verbrennen Wort für Wort die Rede.Wir, des Weltalls Inbegriff, gehen auf in Flammen. 2 Im Juli waren wir oft unten am See, meistens am Abend,weil ich sehen wollte, wie die Sonne am anderen Uferuntergeht. Bevor sie hinter Tutzing verschwindet, zögert sie einen halben Atemzug lang, als wolle sie es sich noch einmalüberlegen. Sie zögert jeden Tag,dann geht sie unter.Die Linden sind angefressen, aber halten sich tapfer, den Efeu,der sie heftig umarmt, ertragen sie wie eine lästige Pflicht.In der Dämmerung durchbrechen winzige Fischedie Oberfläche des Wassers, ihre Botschaften erreichen unsin kleinen Wellen: Aber der Herr verschaffte einen großen Fisch,Jonas zu verschlingen. So hat auch das Unwirkliche freien Zugangzum See. Man wird einerseits durchsichtig wie Wasser,selbstlos und leicht, andererseits kann man sich schwer erheben,weil man schon Wurzeln geschlagen hat, die einen binden. 3 Lieber Gott, ich will dich nicht stören, du hast genug um die Ohren.Aber lass es einmal regnen, damit das Feuer erlischt. Amen. Zur Erinnerung an J.B.
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Jun 25, 2023 • 3min

Michael Krüger – Das fünfte Gedicht

Wie viel Bedeutung kann ein Apfelbaum tragen? Als Poeta Laureatus des literaricum in Lech schreibt Michael Krüger jeden Monat ein Gedicht zur Weltlage. Dieses Mal ist er inspiriert vom Obstbaumpflanzen – es geht um den Apfel. Das fünfte Gedicht Wir haben Bäume gepflanzt, Äpfel, alte Sorten,die angeblich in Russland und im Kaukasus entstanden und im Westen kultiviert wurden, von den Römern eingeschleppt und im ganzenHeiligen Römischen Reich deutscher Nation wegen ihrer Säuregeliebt. Äpfel mit Geschichte, die rot werden auf der Sonnenseite.Wir mussten einen Sack um die Wurzeln schlagen,um die Maulwürfe, die sich seit Plinius blind auf alles stürzen,was ihnen im Wege steht, auf Distanz zu halten, und um den Stammhaben wir eine Manschette gelegt, damit die Rehe den Baum in Ruhe wachsen lassen. Wenn alles gut geht … werden wirin fünf Jahren die ersten Äpfel ernten können. Die Vergangenheitträumte von Ewigkeiten, wir hoffen darauf, einem Äpfelchenbeim Werden zusehen zu dürfen. Die Amseln freuen sichüber den Zuwachs von Grün, sie sausen wie dunkle Drohnenüber die mit Löwenzahn dekorierte Wiese. Bald werden Flugschirmeaufsteigen, dann ist die Zukunft erreicht. Es ist beruhigend,vor den mickrigen Bäumen zu stehen, man stellt sich vor,was aus ihnen werden kann, wenn der Ahorn ihnen nicht das Wasserabgräbt. Jedes Blatt ist eine gewaltige Enzyklopädie, der Stammallein füllt Bände, die in einem Leben nicht auszulesen sind.Dazu kommen die Bilder, auf denen die Toten lebendig werden,die genau hier begraben sind oder verscharrt wurden.Eine Spinne hat einen ersten Faden gespannt zwischen den Bäumen,eine zitternde Brücke, so fein, dass sie keiner betritt:kein Gedanke, kein Vogel, nicht einmal der Tod, der nicht aufhörtzu schwärmen von seinen großen Erfolgen. Unter der Brückewachsen die Gänseblümchen und die kleinen blauen Blumen,die so aussehen wie Veilchen, aber schon lange keine Veilchenmehr sind. Ein Bild geht mir nicht aus dem Kopf: die alten Generäle,am 8. Mai auf dem Roten Platz, mit tausend Orden an ihre Stühle gekettet,lederne Mumien, die dafür gesorgt haben, dass ich noch auf der Welt bin.Boskop heissen die Äpfel, Boskop, ein schönerer Name war nicht drin. Für Alexander Wasner Gelesen vom Autor
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May 21, 2023 • 11min

Gespräch mit Poeta Laureatus Michael Krüger zum vierten Gedicht

Das vierte Gedicht Es ist warm geworden und länger hell, da sieht man auf den Fotosdie Toten besser in der grün aufblühenden Landschaft. Einer liegt dawie vom Kreuz gefallen nach langer Folter, die Hände im Schlamm.Schwer ist zu verstehen, wie in diesem verkrampften Körperalles enthalten sein soll, die ganze Geschichte der Menschheit,der Schrei und das Schweigen und der Dämon der Wahrheit,und schließlich die trübe Gewissheit, dass einer mehr ist als ein Stück Fleisch mit aufgerissenen Augen, in denen der Schuss noch nachhallt.Sie konnten den Tod nicht aufhalten. Das Blut verbreitet sichauf dem Boden wie Tinte auf Löschpapier, es berührt schondie Kletten, Disteln und die unerschütterlichen Schlehen im Hintergrund.Gott ist 1941 zurückgetreten, das ist die unsichtbare Schlagzeile,die immer mitläuft. Den Platz will einer besetzen im blauen Anzugund Krawatte, gesegnet von einem waschechten Patriarchenmit sauberen Händen. Der viel Blut braucht, um die Kelchedes Imperiums zu füllen. Ein anderer lässt sich eine Kroneauf den schon lichten Haarkranz drücken, deren Edelsteinemit schwarzem Schweiss poliert sind, das war zu der Zeit,als die Schönheit noch vom Volk gewählt wurde.Am Morgen lag ein toter Vogel auf dem Balkon, den hatte die Katzeausgenommen nach Strich und Faden. Ich legte den Rest sanftin die Zeitung mit dem Bild des toten Soldaten, stiegüber der Lumpenmann, der seit Tagen im Eingang sitztin seiner Kathedrale aus Elend, Auswurf und zähem Schmutzund lautstark das Ende der Welt ankündigt, ein Metaphysikerdes Unrats, den ich jeden Tag reich beschenke, wechseltedie Strassenseite und übergab mein fragiles Päckcheneiner der leuchtenden Plastikboxen, die für die Reinheit der Stadtzuständig sind. Ja, das gibt es auch: Behälter für die Reinheitder Welt, in der wir leben oder die wir sind.

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