

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Mentioned books

Feb 2, 2025 • 18min
Julia Schoch: Wild nach einem wilden Traum
Der Abschluss der Romantrilogie „Biographie einer Frau“. Während eines USA-Stipendiums verliebt die Erzählerin sich in einen Mitstipendiaten. Julia Schoch macht daraus eine große Reflexion über Herkunft, Prägung und Schreiben.

Feb 2, 2025 • 1h 10min
SWR Bestenliste Februar
Über den Wolken und durch die Jahrhunderte: Meike Feßmann, Julia Schröder und Paul Jandl diskutierten vier auf der SWR Bestenliste im Februar verzeichnete Werke, die von berauschenden und bedrückenden Reisen handeln. Zunächst ging es um den mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman „Umlaufbahnen“ von Samantha Harvey in der deutschen Fassung von Julia Wolf, in dem sechs Astronauten auf einer Raumstation durchs Weltall schweben und ihr Verhältnis zur bedrohten Mutter Erde neu justieren (Platz 4).
Besprochen wurde in der ausverkauften Mediathek in Bühl Julia Schochs Abschluss ihrer Trilogie, die mit „Biographie einer Frau“ überschrieben ist und auf Platz 3 der Februar-Bestenliste steht: Nach „Das Vorkommnis“ und „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ heißt der dritte Teil der autofiktionalen Romanreihe „Wild nach einem wilden Traum“, in welchem es um die Erinnerung an eine Affäre und die Entscheidung der Erzählerin geht, Schriftstellerin zu werden.
Auf Platz 2 wird auf der Bestenliste im Februar der neue und vieldiskutierte Roman von Jonas Lüscher gelistet: „Verzauberte Vorbestimmung“ heißt das Werk, das einerseits ein Post-Covid-Roman ist und andererseits das angespannte Verhältnis von Mensch und Maschine in unterschiedlichsten Epochen reflektiert.
Der Spitzenreiter der Bestenliste im Februar ist der neue Roman „Wackelkontakt“ von Wolf Haas. Darin wird zunächst von einem Trauerredner namens Franz Escher erzählt, der auf einen Elektriker wartet und einen Roman über einen Mafioso liest. Schon bald geht es aber auch um einen Mann im Zeugenschutzprogramm, der sich die Zeit mit einem Buch vertreibt, in dem wiederum der Trauerredner Escher auf den Elektriker wartet. Der Text ist ein Prosa-Labyrinth, das an die unmöglichen und unendlichen Gemälde des niederländischen Grafikers M.C. Escher erinnert. Jury und Publikum waren gleichermaßen amüsiert.
Aus den vier Büchern lasen Isabelle Demey und Dominik Eisele. Durch den Abend führte Carsten Otte.

Feb 2, 2025 • 18min
Jonas Lüscher: Verzauberte Vorbestimmung
Der Schweizer Lüscher bringt unterschiedliche Lebensgeschichten und Schicksalserfahrungen zusammen, die verbunden sind durch das unsichtbare Band zwischen Mensch, Technik und Kapitalismus. Lüscher greift auf eine sehr persönliche Erfahrung zurück.

Feb 2, 2025 • 16min
Samantha Harvey: Umlaufbahnen
Frisch ausgezeichnet mit dem Booker Prize: Sechs Astronautinnen und Astronauten umkreisen in einer Raumstation die Erde. Sechzehnmal sehen sie die Sonne auf- und wieder untergehen. Ein Roman, angetrieben von der Sehnsucht zu schweben.

Feb 2, 2025 • 18min
Wolf Haas: Wackelkontakt
Ein Mann sitzt in seiner Wohnung und wartet auf den Elektriker. Währenddessen liest er ein Buch. Darin sitzt ein Mann in seiner Zelle und liest ein Buch über einen Mann, der auf den Elektriker wartet. Wolf Haas. Sie wissen schon.

Jan 30, 2025 • 4min
Gotthard Erler, Christine Hehle (Hg.), Emilie Fontane. Dichterfrauen sind immer so | Buchkritik
Was für ein Leben. Emilie Rouanet kommt am 14. November 1824 im brandenburgischen Beeskow nach einer leidenschaftlichen Affäre ihrer Mutter als deren sechstes Kind zur Welt. Sie wird zu einem Onkel, später zur Adoption freigegeben.
Vierzehn trostlose Jahre vergehen, bis der Stiefvater in Berlin 1838 Berta Kinne heiratet, die dem Mädchen verständnisvoll zugewandt ist und ihr liebevoll die Mutter ersetzt, ein Leben lang.
Erste Begegnung Emilies mit Theodor Fontane in Berlin
Im Haus nebenan wohnt der junge Theodor Fontane bei Onkel und Tante. Das erste Mal begegnen sie sich, als Emilie elf, Theodor 15 ist. Ernst aber wird es erst neun Jahre später, als sie sich wiedersehen. Die Verlobung folgt bald, heiraten aber können sie erst 1850, als Fontane endlich ein festes, wenn auch geringes Einkommen hat.
Emilie schenkt sieben Kindern das Leben, drei sterben schnell, Sohn George mit 36 an einer Blinddarmentzündung. Vierundfünfzig herzlich zugewandte Jahre lebt und arbeitet die Frau an der Seite Theodor Fontanes. Gotthard Erler, inzwischen 91, der seit vielen Jahrzehnten Leben und Werk des Dichters ergründet und ediert, ist fasziniert von Emilie.
Ein Leben als Dichterfrau in ärmlichen Verhältnissen
Aus so miesen Verhältnissen stammend wird sie die Frau eines Dichters, der kein Geld verdient, sie hat eine Schwangerschaft nach der anderen, sie haben nie Geld, nur, was er erschreibt, kann man verbrauchen, und sie hat wirklich ein schweres Leben gehabt. Das hat mich fasziniert, dass sie daraus was gemacht hat, mit einer tiefen Zuneigung zu diesem Theodor Fontane verbunden gewesen ist und bei alledem immer wieder die Feder in die Hand genommen hat und immer wieder etwas aufgeschrieben hat.
Quelle: Gotthard Erler
Hauptsächlich sind es Briefe. 3 bis 4000, schätzt Gotthard Erler. Die meisten davon sind unbekannt, 500 aber hat er gelesen, einige davon bereits im Ehebriefwechsel veröffentlicht und nun 150 ausgewählt und zusammen mit Christine Hehle herausgegeben: Eine Offenbarung. Lernt doch der Leser dieser Briefe eine wahrlich beeindruckende Frau kennen.
Sie schreibt sechs Jahrzehnte lang Stiefmutter, Mann und Kindern, Freunden und Bekannten und berichtet über ihr Leben in Berlin oder London, über Sommeraufenthalte in Schlesien oder Reisen nach Karlsbad oder Kissingen. Immer sitzt zwischen ihren couragierten, wohlformulierten Zeilen auch Sorge über die stets prekären Verhältnisse der Familie. Besonders der innig geliebten Stiefmutter Berta vertraut sie ihre Not an, wie am 19. April 1860.
Alles trägt sich doch leichter meine Herzensmama, als beständige Nahrungssorgen, zu denen ich bestimmt zu sein scheine; oft wird es mir recht schwer dieselben zu ertragen.
Quelle: Gotthard Erler, Christine Hehle (Hg.), Emilie Fontane. Dichterfrauen sind immer so
Geldnöte haben die Fontanes immer – selbst in der wohl produktivsten Phase des Dichters zwischen dessen sechzigstem und siebzigstem Lebensjahr, in der er an „Effi Briest“ oder „Der Stechlin“ arbeitet. Aber nicht nur er allein ist so fleißig.
Kopistin und Gesprächspartnerin: eine Frau auf Augenhöhe für den Dichter
Sie sei nur noch „Abschreibe-Maschine“, berichtet Emilie einmal ihrem Sohn Theodor. Denn praktisch alles, was Fontane zu Papier bringt, geht sprichwörtlich durch ihre Hände. Nicht nur jetzt, sondern ein ganzes Dichterleben lang.
Gut vierzig Bände, tausende dicht beschriebene Blätter voller Korrekturen und Bemerkungen überträgt sie mit kratzenden Federn und schlechter Tinte am Küchentisch unter einer Lichtfunzel. Und greift auch mal inhaltlich ein, wie beim Roman „Graf Petöfy“, zu dem sie am 14.Juni 1883 im Brief an ihren Mann über Figuren und Handlung Stellung nimmt.
F. u. E. können doch nicht gleich in Liebe verfallen? Er wirkt außerdem schemenhaft, man würde nicht begreifen, dass er kam, sah u. siegte. Der Schluss des Kapitel’s, wo er seine Stellung zu ihr in Erwägung zieht [ist] doch fast zu zurecht gemacht u. grußlich.
Quelle: Gotthard Erler, Christine Hehle (Hg.), Emilie Fontane. Dichterfrauen sind immer so
Emilie Fontane war, so legt es diese wunderbare Autobiografie in Briefen nahe, eine Partnerin auf Augenhöhe, eine Frau, die zaghaft lektorierte, frisch und frei berichtete, couragiert austeilte, bildhaft reportierte. Die Ehe- und Dichterfrau war Kopistin und Vorleserin, Gesprächspartnerin, Mutter und Netzwerkerin: rundum potent und patent.
Mir fiel irgendwann mal ein, ob sie nicht in gewisser Weise dem Frauenbild vom alten Dubslav von Stechlin entspricht: „Eine Dame und ein Frauenzimmer, so müssen Weiber sein.“ Das ist Emilie!
Quelle: Gotthard Erler

Jan 29, 2025 • 4min
Paula Hawkins – Die blaue Stunde
Ein schrecklicher Skandal droht: Eine menschliche Rippe wird in einer Skulptur der verstorbenen Künstlerin Vanessa Chapman entdeckt. Ist es möglicherweise ein Knochen ihres verschwundenen untreuen Ehemannes, dessen Leiche nie gefunden wurde?
Kurator James Becker ist sich sicher: Das kann nicht sein. Deshalb reist er auf die verlassene Insel Eris an der schottischen Küste, auf der Vanessa einst gelebt hat. Dort wohnt die einzige Frau, die die Wahrheit kennt: Vanessas Nachlassverwalterin und enge Freundin Grace Haswell.
Die fiktive sturmumtoste Insel Eris ist der Haupthandlungsort von „Die blaue Stunde“, dem neuen Roman der Beststeller-Autorin Paula Hawkins. Der Titel bezieht sich auf die Zeit der Dämmerung.
Wem ist hier zu trauen?
Das Licht wird schwächer, Schatten sammeln und verdichten sich. Marguerite kennt dafür eine besondere Redewendung: l’heure entre chien et loup, die Stunde zwischen Hund und Wolf. Es ist die Zeit, in der die Dinge anders erscheinen können als sie sind, in der etwas Gutes bedrohlich wirken oder ein Feind in der Gestalt eines Freundes daherkommen kann.
Quelle: Paula Hawkins – Die blaue Stunde
Etwas, das harmlos sein kann, entpuppt sich als gefährlich – oder etwas Gefährliches ist doch ganz harmlos. Das beschreibt das angestrebte Erzählverfahren: Die beiden personalen Erzählstimmen gehören zu James und Grace. Beide sind verdächtig, verschweigen Dinge, wissen nicht, wem und ob sie einander vertrauen können.
Dazu kommen E-Mails, Zeitungsausschnitte und Tagebucheinträge von Vanessa. Ihr künstlerisches Ringen, ihr Kampf um Beachtung, die Frauenverachtung in der Kunstwelt der 1990er Jahre wird so anschaulich gemacht.
In ihren Tagebüchern schreibt sie andauernd über Freiheit; auch in Interviews kommt sie häufig darauf zu sprechen. Ihre Freiheit scheint ihr über alles gegangen zu sein, sogar über Liebe, Freundschaft oder nette Gesellschaft. Becker fragt sich, wie weit sie wohl gegangen wäre, um wirkliche Freiheit zu erlangen.
Quelle: Paula Hawkins – Die blaue Stunde
Ein Künstlerinnenroman – mit einer Toten im Mittelpunkt
Noch nach ihrem Tod – sie starb an Krebs – steht Vanessa im Mittelpunkt: Zu Lebzeiten wollten die Menschen um sie herum Beachtung, Geld, Liebe oder Sex. Posthum ringen insbesondere James und Grace um die Deutungshoheit über sie und ihr Werk. Er will sich als Vanessa-Chapman-Experte etablieren. Und Grace hält ein Teil des Vermächtnisses zurück. Sie will Vanessa nicht loslassen und kontrollieren, was öffentlich wird.
Insbesondere in den ersten zwei Dritteln des Romans zeigt sich Paula Hawkins‘ erzählerische Stärke: Mit jeder neuen Information verändert sich das Bild von dem Geschehen und den Figuren. Vor allem die rätselhafte Beziehung zwischen Vanessa und Grace treibt die Spannung voran. Doch obwohl am Ende einiges offen bleibt, erklärt die Autorin letztlich zu viel.
Moralisch nicht einwandfrei handelnde Frauen
Schon in „Girl on the train“ hat Paula Hawkins über widersprüchliche Frauen geschrieben. Das begründete damals teilweise den Erfolg des Buchs – zusammen mit ihrer US-Kollegin Gillian Flynn entfachte sie einen neuen Boom psychologischer Spannungsliteratur. Seither hat nicht nur Hawkins wiederholt darauf hingewiesen, dass bereits vor ihr insbesondere Autorinnen über komplexe, möglicherweise verbrecherische Frauen geschrieben haben.
In „Die blaue Stunde“ referenziert sie nun mehrfach Daphne Du Maurier. Die Geschichte eines betrügerischen Ehepartners, der verschwand und möglicherweise im Meer ertrunken ist, erinnert, wie auch die einsame Lage des Hauses, an „Rebecca“. Dieser Roman sowie weitere Kurzgeschichten Du Mauriers werden sogar namentlich genannt.
Diese Verweise dokumentieren aber auch die größte Schwäche dieses unterhaltsamen, gut zu lesenden Romans: Wer beispielsweise Du Maurier gelesen hat, weiß von Anfang an, wem hier am wenigsten zu trauen ist.
Bei aller psychologischen Komplexität insbesondere ihrer weiblichen Figuren geht Paula Hawkins nicht dorthin, wo zu den üblichen Verletzungen und Demütigungen noch etwas hinzukommen könnte. Etwas, das man noch nicht vielfach gelesen hätte. Und so verpasst der solide Spannungsroman die Gelegenheit, der großen jahrhundertelangen Erzählung von zwielichtigen Frauen etwas hinzuzufügen.

Jan 28, 2025 • 4min
Bettina Stangneth – Club der Dilettanten
Bettina Stangneth hat ein Buch über das Lesen und die Welt der Bücher geschrieben. Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe. Zum Beispiel habe ich nicht herausfinden können, warum und vor allem für wen die Hamburger Philosophin ihren Buchessay eigentlich geschrieben hat.
Aber so viel immerhin ist mir durch die Lektüre klargeworden, ein Grund zur Scham ist mein Versagen vor diesem Text nicht: Denn in Sachen Bücher sind wir laut Bettina Stangneth allesamt Dilettanten.
Die Vorstellung, das Werk eines Autors „richtig“ zu verstehen, sei eher ein Phantasma aus dem Deutschunterricht, und was immer wir beim Lesen aus einem Buch machen, sei uns überlassen. Und zwar auch und gerade, wenn es um „Club der Dilettanten“ geht, wie Bettina Stangneth ihr neues Buch betitelt.
Dieses Buch wurde als philosophisches Buch über das Buch geschrieben. Aber was es wirklich ist und noch alles werden kann, liegt nie im Ermessen der Verfasser. Es liegt ganz bei Ihnen, dem Leser.
Quelle: Bettina Stangneth – Club der Dilettanten
Lesen als Wiederbelebung
Warum das so ist, warum alle Macht über die Bedeutung eines Buchs letztlich bei den Leserinnen und Lesern liegt, darüber entwickelt Bettina Stangneth mit Hilfe verschiedener Metaphern eine Art Theorie schriftlicher Kommunikation.
Demnach gießt, wer schreibt, seine Gedanken in Schriftzeichen, ein Vorgang, der zwangsläufig mit Welt- und Komplexitätsverlust einhergeht. Etwas makaber vergleicht Stangneth einen Text mit einem „Skelett“ – das während der Lektüre wieder zurück zum Leben erweckt werde.
Mit der Pointe freilich, dass das, was nach dem Lesen – hoffentlich – wieder atmet, ein anderes Lebewesen ist als das, welches vom Verfasser zu Grabe getragen wurde. Schließlich hat jeder seine eigenen Erfahrungen und Vorstellungen, mit denen er das Text-Skelett wieder ausstattet. Damit der Vorgang nicht ganz aus dem Ruder läuft, gibt es immerhin so etwas wie eine anthropologische Brücke, nämlich unser gemeinsames Mensch- und In-der-Welt-Sein.
Eine Brücke, die uns, wenn es sein muss, auch zuverlässig über die Jahrhunderte hinwegträgt, weiß Bettina Stangneth – auch wenn Romane aus früheren Epochen für uns heute meist nur noch von historischem Interesse seien, während noch so alte Sachtexte unvermutetes Licht auf aktuelle Probleme werfen können.
Kann man ein Buch überhaupt falsch verstehen?
Letzteres mag im Einzelfall so sein, ist aber doch wohl kaum verallgemeinerbar. Überhaupt werfen Stangneths ambitionierte Reflexionen über das Schreiben und Bücherlesen so einige Fragen auf: Wenn es kein richtiges Textverstehen gibt, gibt es also folglich auch kein falsches?
Warum bezeichnet die Autorin das Lesen dann an anderer Stelle als „Rekonstruktionsprozess“ oder bezeichnet das Schreiben als Fotografieren von Gedanken? Und was, wenn, um das Bild der Autorin aufzugreifen, am Ende nur ein Zombie aus dem Grab steigt – man also anders gesagt beim Lesen nur Bahnhof versteht?
Das ist kein Grund zur Besorgnis. Jeder erlebt das früher oder später. Aber Sie können ziemlich sicher sein, dass es mit den Seiten leichter wird, wenn Sie sich bewusst machen, dass es immer der Leser ist, der das Ding in Ihren Händen überhaupt zum Buch macht.
Quelle: Bettina Stangneth – Club der Dilettanten
Machen wir uns also unseren eigenen Reim auf das Ganze: Ähnlich wie Kant einst seine Zeitgenossen ermutigte, sich ihres Verstandes zu bedienen, geht es der ausgewiesenen Kant-Expertin Bettina Stangneth darum, ihre Leserschaft zu bestärken, keine Angst vor anspruchsvollen Büchern zu haben. Und sich von keinen Deutschlehrern oder Tugendwächtern vorschreiben zu lassen, was sie zu lesen hätten und was besser nicht.
Am besten, so der Ratschlag der Autorin, man liest einen Text einfach so, als hätte man ihn selbst geschrieben und schaut dann, ob etwas Sinnvolles dabei herauskommt. Ein Rat, der, fürchte ich, zumindest bei einem Text von Kant rasch an seine Grenzen stoßen dürfte.
Davon abgesehen stellt sich die Frage: Wer so anspruchsvolle Bücher liest wie jenes der Hamburger Philosophin – braucht der wirklich noch Ratschläge oder Ermutigungen, wie man die Welt der Bücher für sich entdeckt?

Jan 27, 2025 • 4min
Sebastian Christ – Auschwitz-Häftling Nr. 2
Otto Küsel, ein sogenannter „Berufsverbrecher“, kam als Häftling Nr. 2 nach Auschwitz, um als Kapo andere KZ-Insassen zu beaufsichtigen und zu drangsalieren. Der Mann, der für die Einteilung von sogenannten Arbeitskommandos zuständig war, aber tat das Gegenteil dessen, was von ihm erwartet wurde.
Der Berliner Autor Sebastian Christ macht das in seiner Biografie, die Küsel als unbekannten Helden porträtiert und die mit ihrem Protagonisten per Du ist, überzeugend deutlich: „In Auschwitz kümmerte er sich zunächst vor allem darum, dass Häftlinge ein Arbeitskommando bekamen, das ihren Kräften entsprach. Er sorgte dafür, dass vermutlich hunderte Polen nicht von der SS durch Arbeit vernichtet werden konnten."
Privilegierte Häftlinge
Die ersten 30 Kapos von Auschwitz waren fast ausschließlich sogenannte „Berufsverbrecher“, Menschen also, denen die Nazis attestierten, dass sie aus Gewinnsucht immer wieder Verbrechen begehen würden. Als Funktionshäftlinge, die gegenüber der Mehrzahl der anderen Insassen privilegiert waren, schienen sie geradezu prädestiniert dafür, das KZ-System aufrecht zu erhalten.
Die ihnen zugedachte Aufgabe war es, einen Teil der Arbeit der SS-Wachmannschaften zu übernehmen und ihre weit unter ihnen stehenden Schicksalsgenossen zu terrorisieren. Viele Kapos taten dies mit brutaler Energie und sadistischem Einfallsreichtum. Otto Küsel verhielt sich anders. Aber warum?
„Er hat in Ausschwitz menschliche Ideale gelebt. Und das ist tatsächlich etwas, was mich sehr fasziniert hat an seiner Geschichte. Trotz der Möglichkeit, die er hatte. Ich meine, wer als Kapo eingeteilt wurde, der hat vom System eine Chance bekommen", so Sebastian Christ.
„Der gute Kapo“
Dieses Erstaunen teilt der Leser mit dem Autor. Otto Küsels Geschichte ist so beeindruckend, weil sie so außergewöhnlich und so unwahrscheinlich ist. Der Mann aus einfachen Verhältnissen, der schon 1937 ins KZ Sachsenhausen gesperrt und im Mai 1940 nach Auschwitz gebracht wurde, ist die Ausnahme von der Regel. Während andere Kapos zuweilen noch mehr gefürchtet wurden als die SS, war Küsel als „der gute Kapo“ bekannt.
„Ob jemand ein Kapo war oder ob er eine andere Hilfestellung hatte oder ob er ein einfacher Häftling war, das ist alles dieses Prinzip „Teile und herrsche“ – die Leute sollten gegeneinander aufgebracht werden. Und er hat da einfach nicht mitgemacht", meint Christ.
Sebastian Christ ist mehr als zwei Jahrzehnte lang den Spuren von Otto Küsel gefolgt. Er hat seine frühen Jahre als Hausierer und Bettler in den Blick genommen und Küsels Konflikte mit dem Gesetz noch während der Jahre der Weimarer Republik. „Die meiste Zeit zwischen 1929 und 1935 hat er wohl im Gefängnis verbracht“, schreibt Christ, der seine Biografie streng chronologisch aufgebaut hat.
Er rekapituliert Küsels Zeit in verschiedenen Lagern und schildert die Flucht aus Auschwitz. Christ berichtet von den Monaten im Untergrund in Warschau, von der abermaligen Verhaftung und von der Rückkehr nach Auschwitz – nunmehr als „normaler“ Häftling: „Otto war der allererste Häftling meines Wissens, der nach Auschwitz zurückgekommen ist, der als der frühere Häftling erkannt wurde und der das dann überlebt hat. Dazu haben sehr viele spezielle Umstände beigetragen, aber in jedem einzelnen Moment muss er natürlich befürchtet haben, von der SS umgebracht zu werden."
Otto Küsels Zeit als Kapo in Auschwitz vom Mai 1940 bis zu seiner Flucht im Dezember 1942 füllt zwar nur ein Kapitel, aber sie ist der Kern der Biografie. Es sind diese zwei Jahre, die seinen Lebensweg zu einem Besonderen machen. Wie sich sein Protagonist der unerbittlichen Logik der Lagerhierarchie entziehen konnte, das umreißt Sebastian Christ engagiert, lebendig und voller Empathie.
Welche Kompromisse Küsel eingehen musste, um sich in einem perfiden System zu behaupten, das Brutalität belohnte und in dem er jederzeit seine Privilegien einbüßen konnte, das bleibt hingegen unterbelichtet.

Jan 26, 2025 • 8min
József Debreczeni – Kaltes Krematorium
Schon 1950 erschien József Debreczenis „Kaltes Krematorium“. 1944 wurde der ungarische Journalist deportiert und hat die alltägliche Hölle der Lager und die von den Nazis erzwungene Entmenschlichung der Gefangenen, präzise beschrieben.
Carolin Emcke im Gespräch
Die Publizistin Carolin Emcke hat das Nachwort geschrieben und erklärt im Lesenswert Gespräch, was sie an dem Buch so beeindruckt hat. Nach über 70 Jahren endlich auch auf Deutsch erhältlich - besser spät als nie.


