SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Mar 23, 2025 • 7min

Buchpremiere: Annett Gröschner – Schwebende Lasten

Vor Annett Gröschner erstreckt sich ein kleines Blumenmeer: weiße, rote Tulpen und Maiglöckchen. Daneben lehnt ein verbeultes gelbes Warnschild: „Unter schwebenden Lasten lauert der Tod“ – ein Geschenk zur Buchpremiere im ausverkauften Literaturforum im Brechthaus, zu der viele Freunde vornehmlich aus dem Osten gekommen sind. Ihr neuer Roman trägt den Titel „Schwebende Lasten“. In der Mechanik beschreibt das Objekte, die beispielsweise von Kränen gehoben werden. Viele Berührungspunkte mit Annett Gröschners Leben Ein poetischer Titel für ein Buch, das nichts weniger als ein ganzes Leben hebt, ein fiktives, das viele Berührungspunkte mit Gröschners eigenem hat. Zu Beginn flimmert auf der Leinwand eine private Filmaufnahme zu Nina Hagens „Blumen für die Damen": ein fröhlicher Familienausflug im Park. „Das ist ein Schmalfilm, den unser Vater gemacht hat, 1963 im Sommer. Und hier vorne das ist meine Mutter und in dieser Mutter bin ich,“ erzählt Gröschner. Das körnige Bild der winkenden Mutter ist auch das Cover des Buches geworden. „Ich sag das jetzt nur hier, denn für den Roman spielt das eigentlich keine Rolle, aber ich fand den Film so schön.“ Annett Gröschner lebt zwar schon seit 42 Jahren in Berlin, doch ihre Heimatstadt Magdeburg scheint sie – zumindest literarisch – nicht loszulassen. Nach ihrem Debüt „Moskauer Eis“ im Jahr 2000, könnte man „Schwebende Lasten“ 25 Jahre später als Pendant bezeichnen. „Weil ich gedacht habe, ich finde diese Konstellation in meiner Familie so interessant, dass der väterliche Teil in so eine industrielle Familie eingeheiratet hat und der mütterliche Teil proletarisch war – was eigentlich im Westen nie zusammengegangen wäre – ich wollte es einfach erzählen.“ Ein Reiseführer durch den Osten Für Patricia Klobosiczky, die Lektorin des Romans und Moderatorin des Abends, sind Gröschners Bücher so etwas wie Reiseführer durch den Osten. Sie meint: „Sie ahnen nicht, wie entfernt der deutsche Osten wirkte – und zwar von Süddeutschland aus gesehen, von Düsseldorf und von Hamburg aus gesehen.“ Wie ein Kompass können Gröschners Texte einen in eine vergangene Welt führen. Und das kann man auch von Schwebende Lasten behaupten. Hier wird von einer Frau erzählt, die es so millionenfach gegeben hat, aber für gewöhnlich in der Geschichtsschreibung unsichtbar geblieben ist. Es geht um Hanna Krause, geboren im Kaiserreich, Blumenhändlerin im Nationalsozialismus und Kranfahrerin in der DDR. Sie erlebt zwei Weltkriege, zwei Diktaturen, zwei Demokratien. Hanna ist aber keine Heldin, war nie politisch aktiv. Ihr einziges Credo: „anständig bleiben“. Als Hanna mit ihrem ersten Kind in den Wehen lag und dabei auf die Johanniskirche schaute, wusste sie noch keinen Namen. Die Hebamme drückte auf ihren Bauch, damit es schneller ging: „Wer Ostern mit den Eiern spielt, hat Weihnachten die Bescherung. Also Geschenk auspacken.“ Quelle: Annett Gröschner – Schwebende Lasten Insgesamt wird Hanna sechs Kinder auf die Welt bringen, von denen zwei vor ihr sterben. Für Lektorin Klobusiczky eine beeindruckende Frau. „Sie ist so unglaublich plastisch. Für mich ist sie auch ein freier Mensch, obwohl sie ja von einer Diktatur in die nächste stolpert.“ Trotz all der Schicksalsschläge und Widrigkeiten schlägt sich Hanna tapfer durchs Leben. Blumen sind Lebenstrost und Ruhepool Blumen bleiben zeitlebens ein Trost. Sie bilden den Ruhepol der Handlung. Passenderweise trägt Gröschner ein Tuch um den Hals mit dem Gemälde „Blumenvase in einer Fensternische“ des niederländischen Malers Ambrosius Bosschaert. Das Stillleben bildet das Gerüst des Romans. Jeder Blume aus dem Bild ist ein Kapitel gewidmet: Alpenveilchen, Vergissmeinnicht, …Studentenblume. Auch Tagetes genannt. Leuchtendes Gelb oder Orange. Aus der Familie der Korbblütler. Ist nur einjährig, aber sehr anpassungsfähig und robust. Riecht streng. Wenn im Strauß, dann nur 1-2 und mit angenehm duftenden Blumen. Quelle: Annett Gröschner – Schwebende Lasten Hanna bekommt im Jahr 1938 von einem geheimnisvollen Fremden den Auftrag, das Bukett vom Gemälde nachzubinden. Damals unmöglich, niemals hätten Tulpen und Rosen gleichzeitig in einer Vase stehen können. „Das waren alles so Sachen, die musste ich selber erst lernen. Aber das Schöne ist, dass die Familie meiner Agentin, das sind Blumenhändler, und wir haben das dann ausprobiert.“ Bosschaerts Bild steht für die Schönheit der Schöpfung und Vanitas in einem, eine Metapher für die Ambivalenz des Lebens. „Ich wollte nicht nur dieses Leben einer Arbeiterin beschreiben, sondern es ging mir auch ein bisschen zu zeigen: das Blumenbinden ist ja auch eine Kunst.“ Auf wenigen Seiten erzählt Gröschner so viel: man lernt nicht nur die zupackende Hanna kennen, sondern auch ihr Umfeld, die ehelichen Dynamiken mit ihrem einbeinigen und im Alter stummen Mann Karl, man hört die Menschen reden, und man bekommt Eindrücke von einer Stadt, die heute so nicht mehr existiert. Wie das gänzlich im Krieg zerstörte Armenviertel „Knattergebirge“ – vor dem Zweiten Weltkrieg eines der am dichtesten bebauten Wohngebiete Europas. „Wenn Sie schon mal in Magdeburg waren, hinterm alten Markt, die Johanniskirche, wenn man da bis zur Elbe geht, ist alles Grünanlage und das war das Knattergebirge. Also auf dieser Grünanlage befanden sich 20, 30 Gassen und Straßen und davon ist nichts übrig geblieben. Aber die Keller sind noch da. Und das war etwas, was unsere Kindheit auch bestimmt hat.“ Eine Frau in der Schwerindustrie – jenseits aller Ideologie So gibt es eigentlich zwei Protagonisten in diesem Roman: Hanna und die Stadt Magdeburg. Gröschner erzählt, sie habe mal ein Buch über Kriegserfahrungen von Frauen in Berlin gemacht, da habe sie viel über das Erzählen aus weiblicher Sicht gelernt: „Die haben einfach die ganzen schrecklichen Sachen so erzählt, dass man irgendwie lachen musste und im nächsten Moment blieb einem das Lachen aber im Hals stecken. Ich fand diese Art der Erzähltechnik sehr überzeugend.“ So ist vermutlich auch die Lakonie in „Schwebende Lasten" gekommen. Die schnörkellosen Sätze wirken mitunter burschikos. Trotzdem ist der Roman – jenseits von Ideologie und Ostalgie – niemals dumpf, sondern im Gegenteil ein dicht gearbeitetes, eindrückliches wie unprätentiöses Porträt der unvergesslichen Hanna Krause, die als ältere Frau auf dem Kran in der Schwerindustrie arbeitet. Je besser sie den Kran beherrschte, desto mehr Gefallen fand sie an ihrer Position. Bald nannte sie ihren Kran Mimi. Sie redete mit Mimi, wie sie mit den Blumen geredet hatte. Und nicht selten dachte sie, dass sie mehr mit ihrem Arbeitsgerät redete als mit Karl. Quelle: Annett Gröschner – Schwebende Lasten Nach der Lesung trägt Annett Gröschner ihr Blechschild stolz in den Keller. Dort wird ihr Roman mit Wein, Schichtbroten und vielen frühlingshaften Blumensträußen gefeiert.
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Mar 23, 2025 • 6min

Kjersti Anfinnsen – Letzte zärtliche Augenblicke

Doktor Birgitte Solheim ist alt. Wirklich alt. Die meisten ihrer Freundinnen, Liebhaber, Kollegen sind tot. Und nun ist schon wieder jemand gestorben. Damit beginnt dieser kleine Roman der norwegischen Autorin Kjersti Anfinnsen. Die Ich-Erzählerin ist eine seit langem pensionierte Herzchirurgin. Sie lebt allein in Paris und hält mit ihrer Schwester in Norwegen per Videochat Kontakt. Gudrun ist tot. Meine beste Freundin während der Kindheit und Jugend. Die Nachricht verkündet mir meine Schwester, die immer noch am Leben ist – ganz offensichtlich. Die Nachricht lässt mich ungefähr drei Sekunden lang zusammensacken und dann denke ich: „Und ich dachte, die sei schon vor Jahren gestorben.“ [...] Ich streiche Gudrun von der Liste der Leute, die mich noch etwas angehen. Quelle: Kjersti Anfinnsen – Letzte zärtliche Augenblicke Der Buchtitel „Letzte zärtliche Augenblicke“ klingt ein bisschen kitschig – und lockt auf eine falsche Fährte. Diese Heldin ist keine selbstgenügsam über die Welt und die kleinen Freuden des Alters meditierende Seniorin. Im Gegenteil. Mit dem Beruf verheiratet und jetzt allein Birgitte war mit ihrem Beruf verheiratet, nun ist sie allein, und sie weiß es. Sie ist angewiesen auf die Hilfe und den Trost von Fremden, und sie weiß es. Sie hat eine revolutionäre OP-Technik entwickelt, wofür ihr männlicher Kollege die Lorbeeren eingeheimst hat, und sie weiß es. Ihre schwierige Kindheit, das problematische Verhältnis zur Schwester, ihr eigenes Unvermögen, dauerhafte Beziehungen einzugehen – sie weiß um all das. Und seit einer Weile weiß sie auch, wie Altern sich anfühlt. Man sagt, das Leben verlaufe zyklisch, doch der Vergleich hinkt. Irgendetwas fehlt. Jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaue, fehlt etwas. Jedes Mal, wenn ich meine Hände betrachte, fehlt etwas. Ich weiß ganz genau, was da fehlt: Mir fehlt eine Zukunft. Quelle: Kjersti Anfinnsen – Letzte zärtliche Augenblicke Doch Birgitte gibt die Hoffnung nicht auf. Zu Recht, wie sich zeigt. Javiér, ein Architekt, mit dem sie zunächst Chatnachrichten ausgetauscht hat, entpuppt sich von der ersten Begegnung an als ihre letzte große Liebe. Sie zieht zu ihm, auch wenn sie ihre eigene Wohnung in der idyllischen Rue des Thermopyles vorsichtshalber behält. Man hat Sex – einmal im Monat –, man trinkt Wein, man streitet ab und zu, man ist füreinander da. Aber wenn man erst über neunzig ist, kann es ganz schnell gehen. Gedächtnislücken und Demenz, Stürze und Brüche, Krankenhaus und Hospizbett, all das bleibt Birgitte und Javiér nicht erspart, und am Ende wartet unausweichlich – das Ende. Wer unerwartet zum guten Freund wird Zuvor jedoch gibt es immer wieder diese kleinen „Augenblicke für die Ewigkeit“, wie einer der beiden Teile des Romans heißt. Etwa, wenn Birgitte gegen den Wirt ihres Stammrestaurants im Canasta gewinnt. Oder wenn ihr treuer Friseur mit einem Arm voller Pfingstrosen, ihrer besten Perücke, dem Lieblingsparfum und Komplimenten zu Besuch kommt. Dann gibt er mir ein Glas St. Germain, legt mir eine Wolldecke über den Schoß und sagt mir, wie himmlisch ich dufte. Quelle: Kjersti Anfinnsen – Letzte zärtliche Augenblicke Kjersti Anfinnsen, die Autorin von „Letzte zärtliche Augenblicke“, bleibt immer in der Perspektive ihrer Hauptfigur und hält Birgittes Ton: mal nüchtern, mal trauervoll, mal sarkastisch. Erzählt wird oft in inneren Monologen, aber auch Szenen und Dialogen. Die kurzen Kapitel fügen sich nicht nahtlos aneinander, sondern springen scheinbar spontan zwischen gerade Erlebtem und Erinnerungen hin und her. Vieles wird ausgelassen oder erst mehrere Seiten später wieder aufgegriffen. So stellt sich beim Lesen der Eindruck intensiver Intimität ein. Auch, weil diese nicht sonderlich sympathische Ich-Erzählerin mit Zweifeln, Selbstmitleid, Sehnsucht und Selbstsucht und der Beobachtung des eigenen Verfalls nicht hinterm Berg hält. Das gelebte Leben bleibt, und sei es in der Trauer um das Verlorene. Keine Küsse mehr. Keine Streitereien mehr. Keine Worte mehr [...], auch keine wie Schmetterlinge vor ihrem ersten Flug flatternden Blicke mehr. Keine Hände mehr auf der Haut. Keine Versöhnung andeutenden Füße unter der Bettdecke mehr, nachdem das Licht gelöscht ist. Lediglich eine winzige Hoffnung, ein kleiner Spatz, der sich erhebt und verrückt davonfliegt. Quelle: Kjersti Anfinnsen – Letzte zärtliche Augenblicke Die Autorin, geboren 1975, hat sich mit Mitte vierzig an das Selbstporträt einer doppelt so alten Frau gewagt. Nicht immer entgeht sie dem Risiko, bei der Innensicht des sehr hohen Alters zu dick aufzutragen. Die leitmotivisch auftauchenden Perückenprobleme einer Pariserin zum Beispiel dürften die meisten deutschen Leserinnen befremden. Was nutzen die Privilegien, wenn’s aufs Ende geht? Dass Kjersti Anfinnsen ihren Roman in offenkundig gutsituierten Kreisen ansiedelt, ist hingegen eher Vorzug als Nachteil. Der ersten Herzchirurgin von Norwegen, die sich ihren Platz erobert hat, nutzen ihre Privilegien nur bedingt, wenn’s auf Ende geht: Haushaltshilfen und Lieferdienste erleichtern den Alltag, aber gegen die Erfahrung von Einsamkeit, Krankheit, Ängsten hilft das Geld nicht. Der Tod kommt so oder so. Wenn das mal nicht der größte Skandal überhaupt ist. „Letzte zärtliche Augenblicke“ überrascht trotzdem immer wieder mit unerwarteten Lichtblicken. Zugleich wirft der Roman grelle Schlaglichter auf ein paar Dinge, die auch in der Literatur gemeinhin im Dunklen bleiben, obwohl sie jeden angehen.
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Mar 20, 2025 • 4min

Walburga Hülk – Victor Hugo. Jahrhundertmensch

Woher nahm Victor Hugo nur seine Zeit? Tausende Gedichte, epochale Romane, wegweisende Theaterstücke, dazu ein Leben als öffentlicher Intellektueller, Familienmensch und notorischer Schürzenjäger. Die Literaturwissenschaftlerin Walburga Hülk hat sich durch das Werk eines Titanen gearbeitet, Selbst- und Fremdzeugnisse gesichtet und nun die Biographie eines „Jahrhundertmenschen“ vorgelegt, der früh sein außerordentliches Talent für Selbstvermarktung und Networking unter Beweis stellte. Das Porträt eines Ausnahmekünstlers, der, wie sie immer wieder schreibt, „mit dem Jahrhundert ging“. Der sich nach einer langen royalistischen Phase an die Spitze progressiver bürgerlicher Strömungen stellte, was ihn nach dem Staatsstreich von Napoleon III. 1851 ins Exil trieb.   Ein lebendes Denkmal  Beinahe 20 Jahre verbrachte Hugo auf den britischen Kanalinseln, die zu seiner zweiten Heimat wurden. Dort entstand unter anderem „Les Misérables“, und von dort aus lancierte er seine Kampagnen gegen die Todesstrafe, gegen die Sklaverei und gegen autoritäre Systeme. Bei seiner Rückkehr nach Paris 1870 war Hugo bereits ein lebendes Denkmal, die Verehrung nahm bald kultische Ausmaße an.    Am 26. Februar 1881 feierten 600.000 Menschen in Paris den 79. Geburtstag Hugos, die Schule fiel aus und Strafarbeiten wurden den Kindern an diesem Tag erlassen, denn alle sollten dem Großvater der Nation zujubeln können. Es war die längste Prozession, die Paris seit den Tagen Napoleon Bonapartes gesehen hatte, und die größte Massenanbetung, die je einem Dichter zuteil wurde.   Quelle: Walburga Hülk – Victor Hugo. Jahrhundertmensch Von Selbstzweifel verschonter Patriarch  Victor Hugo bleibt bei der Lektüre dieser umfangreichen Biographie seltsam fremd und unnahbar. Das liegt nicht an Hülks Darstellung, die kunstvoll und lebendig, stellenweise mitreißend ist, sondern an der historischen Figur selbst. Es fällt schwer, Sympathie für diesen von Selbstzweifel gänzlich verschonten Patriarchen aufzubringen, der bei privaten Treffen seine Orden trug, an allen möglichen Orten seine Initialen eingravierte und selbst den vorzeitigen Tod seiner beiden Söhne mit Blick auf seine Bücher kommentierte:   Mein Charles hat L’année terrible nicht gelesen, mein Victor hat Quatrevingt-Treize nicht gelesen. Vielleicht lesen sie es von dort oben.  Quelle: Walburga Hülk – Victor Hugo. Jahrhundertmensch Näher kommen uns die Dutzenden Nebenfiguren, die Hülk auftreten lässt, während das Jahrhundert und mit ihm die Industrialisierung und die Vernetzung der Welt voranschreiten. Hugos Tochter Adèle etwa, eine begabte Musikerin, deren Jugend dem Familien-Exil auf den Kanalinseln zum Opfer fiel und die früh mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Oder Hugos Geliebte Juliette Drouet, die lebenslang neben Hugo wohnte und ihm zuarbeitete, ohne dass sie jemals einen offiziellen Platz an seiner Seite erhielt.   Der erste Intellektuelle des globalen Medienzeitalters  Trotz der klaren Benennung seiner Schwächen geht es Hülk nicht darum, Hugo in postmoderner Manier zu verurteilen. Sie versucht stets, das Handeln der Figuren aus ihrer Zeit heraus zu verstehen – und gerade deshalb streicht sie die besonders modernen Momente in Hugos Werk und Leben hervor. Er revolutionierte das Theater, war der erste „Intellektuelle des globalen Medienzeitalters“, experimentierte mit dem brandneuen Medium Fotografie, beschäftigte sich mit Massenbewegungen und entwickelte die Vision eines geeinten Europa. Hülk erzählt poetisch und prägnant zugleich von der Verwobenheit eines Künstlerlebens mit seinem Jahrhundert. Resümierend hält sie fest:   Er konnte blumig, ja kitschig sein, Pomp und Pathos gehören zu seinem Stil ebenso wie der lyrische Ton, die Satire, Arabeske und Groteske. Immer aber bewegte er Herz und Verstand und erzählte so, dass man glauben mochte, Erzählen helfe in allen Lebenslagen und könne selbst niemals in eine Krise geraten. Er ging durch das Leben und durch sein Jahrhundert als Passant in der Menge und als Streuner am Meeresstrand, und das Jahrhundert und das Leben kamen zu ihm. Quelle: Walburga Hülk – Victor Hugo. Jahrhundertmensch
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Mar 19, 2025 • 4min

Arno Frank – Ginsterburg

Noch ein Roman über das Dritte Reich? Sind uns die Geschichten der Täter und Opfer, der Mitläufer und Profiteure nicht sattsam bekannt? Was soll da noch Neues enthüllt werden? Das sind berechtigte Fragen. Aber entscheidend ist bekanntlich nicht so sehr was, sondern wie etwas erzählt wird. Und das Wie macht den Roman von Arno Frank zu einem Ereignis. Die Genauigkeit und Anschaulichkeit sind beeindruckend, mit der er die Verrohung einer Gesellschaft zeigt, ihre immer stärkere Drift ins Totalitäre und ihren Untergang.   „Ginsterburg“ ist eine fiktive mittelgroße Stadt am Main. Arno Frank blickt drei Mal, jeweils im Abstand von fünf Jahren, auf den Ort, seine Menschen und darauf, wie sie sich verändern. 1935 ist die Diktatur noch jung, aber spürbar, 1940 ist das Nazireich auf dem Gipfel seiner Machtentfaltung, 1945 folgt die Abrechnung.  Zu weich für die Zeit  Der Leser taucht ein in die Stadtgesellschaft, in das Alltagsleben der Einwohner. Gekonnt verschränkt der Autor die Lebensläufe und Perspektiven von einem guten Dutzend Menschen – von „ganz normalen Deutschen“, wie er betont. Das offensive Auftrumpfen der einen und der resignierte Rückzug der anderen wird immer wieder unterbrochen durch dokumentarische Passagen mit historischen Zeitungsartikeln und Wochenschau-Verlautbarungen. Zwei Figuren sind besonders interessant: der talentierte Journalist Eugen, der sich zunächst noch traut, freche Artikel zu schreiben, aber bald einer Mischung aus Druck und Verlockungen nachgibt. Und Lothar, der sensible Sohn der Buchhändlerin Merle, der zu weich ist für die Zeit.  Immer heftiger schlug die Forelle mit dem Schwanz, tanzte über den Sand. Lothar ließ das Messer fallen. „Ich kann’s nicht“, sagte er verblüfft. Schon hatte er den hüpfenden Fisch gepackt und zurück ins Wasser geworfen. „Was kannst du nicht?“ „Grausam sein. Töten. Ich kann es nicht.“ Gesine lächelte aufmunternd: „Das lernst du schon noch!“ Quelle: Arno Frank – Ginsterburg Wie ein Gottesgericht  Und Lothar lernt es. Er wird eingespeist in das totalitäre System und zum gefeierten Jagdflieger. Seine Freundin Gesine, eine überzeugte Nationalsozialistin, ist stolz auf den Kriegshelden. Lothar hingegen stehen die Sinnlosigkeit und das Verbrecherische des Krieges immer deutlicher vor Augen, ohne dass es für ihn ein Entkommen gibt. Arno Frank deutet und interpretiert nicht, er lässt die dargestellte Wirklichkeit für sich sprechen. Walter Kempowskis kollektives Tagebuch „Echolot“ und Viktor Klemperers „LTI“ über die stereotype Sprache des Dritten Reiches, der Lingua Tertii Imperii, seien Fixsterne für ihn gewesen, sagt er.   Das Ende kommt wie ein Gottesgericht über die Stadt. Das flächendeckende Bombardement unterscheidet nicht zwischen Schuldigen und Unschuldigen – und hinterlässt eine Trümmerwüste. Arno Frank hat mit spürbarer Freude am Detail die Stadt selbst mit ihren Häusern, Gassen und dem alles überragenden Münster sinnlich erfahrbar gemacht. Im Feuersturm wird Ginsterburg ausgelöscht.  “Wenn sich sowas ausdrückt wie eine Trauer über die Vernichtung so vieler deutscher Städte, großer wie kleiner, auch ganz kleiner, mitsamt ihrer kulturellen Fracht der Jahrhunderte, dann ist das auch ein Antrieb gewesen für mich, dieses Buch zu schreiben.“  Dieser souverän erzählte Roman muss die Trauer nicht ausklammern. Arno Frank lässt keinen Zweifel daran, dass die Zerstörung der Stadt und das massenhafte Sterben der Preis sind, den Ginsterburg bezahlen muss für die ängstliche Tatenlosigkeit und das kalte Einverständnis, die bequemen Beschwichtigungen und die fidele Überheblichkeit.   Wie konnten Menschen so unberührt bleiben vom Gang der Dinge? War es so einfach, sich im Gleichschritt zum schweren Tritt der Zeit zu bewegen? Nicht einmal aus bösem Willen, einfach aus Instinkt?  Quelle: Arno Frank – Ginsterburg Darüber denkt einmal eine verzweifelte Frau nach, deren jüdischer Mann eingesperrt wurde. Es ist die zentrale Frage des Buches. Arno Frank zeigt auf so bedrückende wie eindrückliche Weise, wie es möglich war, unberührt zu bleiben, und wohin Gleichgültigkeit und Verblendung führen können.
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Mar 18, 2025 • 4min

Zoë Schlanger – Die Lichtwandler

„The Light Eaters“ heißt das Buch der Wissenschaftsjournalistin Zoë Schlanger im amerikanischen Original. Das klingt noch griffiger als der deutsche Titel „Die Lichtwandler“. Pflanzen „essen“ Licht. Die ganze Vielfalt des Lebendigen basiert darauf, dass sie die Energie des Sonnenlichts nutzen, um aus Wasser und Kohlendioxid unter Abgabe von Sauerstoff organische Moleküle zu synthetisieren.   In jedem Kapitel ihres Buches besucht die Journalistin Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die sich der Erforschung der komplexen Pflanzenwelt verschrieben haben; sie gewinnt Einblicke in Laboren und auf Expeditionen. Und immer wieder zeigt sich dabei, dass die Gestalten des Lebens viel feiner und komplexer miteinander verwoben sind, als es sich die botanische Schulweisheit lange träumen ließ.   Sind Pflanzen intelligent?  Im Zentrum steht die Frage, ob Pflanzen Formen von Intelligenz und Bewusstsein haben. Das mag als Vermenschlichung erscheinen, wird aber plausibel, wenn man von den erstaunlichen Leistungen der Pflanzen liest. Durch das Verströmen von Pheromonen können sich Bäume gegenseitig warnen, so dass auch ferner stehende Artgenossen vorsorglich Giftstoffe produzieren, die sie vor dem zu erwartenden Raupenfraß schützen. Manche Pflanzen wehren sich gegen Blattfresser, indem sie deren Feinde – etwa Wespen – herbeirufen. Oder indem sie, wie die scheinbar biedere Tomate, ein Massaker anrichten:  Man hat herausgefunden, dass die Tomatenpflanze ihre Blätter mit einem Stoff füllt, der dafür sorgt, dass die Raupen sich von den Blättern abwenden und ihre Aufmerksamkeit stattdessen auf ihre Artgenossen richten. Die Raupen beginnen, sich gegenseitig aufzufressen. Quelle: Zoë Schlanger – Die Lichtwandler Schall und Blüte  Und obwohl Pflanzen keine Ohren haben, können sie hören. Spielt man einer blühenden Strand-Nachtkerze die Fluggeräusche von Honigbienen vor, erhöht sie die Süße ihres Nektars, um noch lockender auf die Bestäuber zu wirken. Aber wo ist das Ohr der Pflanze? Es ist offenbar der Blütenkelch selbst.   Die Blüte wirkt wie ein Verstärker, ihre gesamte Form wie ein Resonanzlautsprecher… Das lässt vermuten, dass die Blüte diese Form aus demselben Grund angenommen hat, aus dem auch Satellitenschüsseln konkav sind. Quelle: Zoë Schlanger – Die Lichtwandler Womöglich haben Pflanzen auch visuelle Fähigkeiten. Schlanger beschreibt eine Kletterpflanze aus dem Regenwald, die ihre Wirtsgewächse perfekt im Aussehen imitiert und in Experimenten sogar Plastikpflanzen nachgeahmt hat.   Pflanzen sind zudem sensibel für Berührungen. Zur uralten Bauernweisheit gehört es, dass man ihr Wachstum durch Stoßen, Schlagen oder Reiben beeinflussen kann. Die Pflanze reagiert darauf, indem sie kräftiger oder biegsamer wird oder ihr Immunsystem aktiviert. Aber kann man angesichts der erwiesenen Empfindlichkeit noch einen Brokkoli guten Gewissens ins kochende Wasser werfen? Dass Pflanzen Schmerz empfinden, wäre wohl doch zu anthropozentrisch gedacht, gesteht die Autorin ein.   Hotspot der Kommunikation  Bleibt die schwierige Frage, wie pflanzliches Denken und Verhalten ohne zentrale Steuerung funktioniert.  Wie kann etwas, das kein Gehirn besitzt, überhaupt die Reaktion auf irgendeinen Stimulus koordinieren? (…) Kann es sein, dass wir nach dem Falschen suchen? Natürlich besitzen Pflanzen kein Gehirn – aber was, wenn die ganze Pflanze als SOLCHE einem Gehirn ähnelte?  Quelle: Zoë Schlanger – Die Lichtwandler Wie bei Peter Wohlleben erfahren wir in Zoë Schlangers glänzend geschriebenem Buch, dass der Wald keineswegs still und schweigend dasteht, sondern ein Hotspot der Kommunikation ist, die über Pilz- und Wurzelgeflechte und andere subtile Kanäle läuft. Schlanger driftet dabei aber nie ins Esoterische. Sie geht nicht auf Konfrontation mit der biologischen Wissenschaft, sondern zeigt, wie diese in den letzten Jahren in ungeahnte Bereiche vorstößt. Ein Buch, das Augen öffnet.
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Mar 17, 2025 • 4min

Michael Töteberg und Alexandra Vasa – Ich gehe in ein anderes Blau. Rolf Dieter Brinkmann – eine Biografie

Worüber kann man noch schreiben, was? Man macht die Augen auf und erschrickt   Quelle: Rolf Dieter Brinkmann notiert der Kölner Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann im Mai 1971. Er hat zu diesem Zeitpunkt gerade einen Karriereabsturz hinter sich und steckt in der Schreibkrise fest. Dabei hatte doch alles so verheißungsvoll angefangen – für ihn, den 1940 in Vechta geborenen Provinzflüchtling.  Ein Tabubruch, in der verklemmten Nachkriegs-BRD  1962 von Dieter Wellershoff entdeckt, baute man Brinkmann beim Kiepenheuer & Witsch Verlag zunächst erfolgreich zur jungen, wilden Literaturstimme auf. Seine ersten zwei Erzählbände fanden sofort lobende Erwähnung bei Starkritikern wie Marcel Reich-Ranicki. Und auch sein Debütroman „Keiner weiß mehr“ über die Ehekrise eines jungen Paares erregte 1968 Aufsehen und wurde ein Bestseller. Vor allem deshalb, weil Brinkmann darin sehr obszön-direkt über Sex geschrieben hatte. Damals ein Tabubruch, in der verklemmten Nachkriegs-BRD:   Es war, vom Verlag geschickt lanciert, ein Erfolg, dessen Schattenseite ein Image war, das der Autor so schnell nicht wieder loswurde. Quelle: Michael Töteberg und Alexandra Vasa – Ich gehe in ein anderes Blau Und in der Tat: Spätestens, als Brinkmann dann nur ein Jahr später, 1969, zusammen mit seinem Freund Ralf Rainer Rygulla die Anthologie ACID herausgab, war er auf die Rolle des Angry Young Man gebucht. Handelte es sich bei ACID doch um einen Sammelband mit Texten aus der anglo-amerikanischen Subkultur, in denen es ebenfalls schockierend vulgär um Sex und Drogen ging.   Pünktlich zur Hippie-Revolte wurde ACID zum Kultbuch – und Brinkmann zum Vorzeige-Rebellen einer neu ausgerufenen, deutschen Pop-Literatur. Ein Image, das ihm jedoch schon bald auf die Nerven ging. Entsprechend gereizt reagierte er bei Auftritten – und steigerte sich immer mehr in die Rolle des beleidigenden Wüterichs hinein. Bis er im November 1968 den Kritikern Rudolf Hartung und Reich-Ranicki bei einer Diskussion in Berlin sogar androhte, sie mit einem Maschinengewehr niederschießen zu wollen.   Gift und Galle  In seinem überschäumenden Zorn verlor Brinkmann irgendwann völlig die Fassung und den Überblick. Und schimpfte nicht nur böse gegen das Establishment an, sondern auch über jüngere Schreibkollegen, die Studenten-Bewegung – und sogar enge Freunde und Förderer wie seinen Verleger Reinhold Neven Dumont, der sich später erinnerte:   „An guten Tagen verbreitete [Brinkmann] Hohn und Spott, an schlechten Gift und Galle.“  Quelle: Reinhold Neven Dumont Vasas und Tötebergs Biografie kann man nun als Versuch lesen, neben dem Wüterich Brinkmann wieder stärker das sensible und erstaunlich hellsichtige Genie sichtbar zu machen. Denn das war der große Alles-Beschimpfer aus Köln eben auch: Ein empfindsamer, hochbegabter und visionärer Autor, der auf der Suche nach neuen Erzählformen neugierig mit Foto-Collagen und Super-8-Filmen experimentierte, zugleich aber bereits vor der Manipulation durch die Massenmedien warnte.  Vorläufer der Autofiktionsromane Im Versuch, seinen Alltag radikal subjektiv und möglichst unverfälscht mitzuschreiben, wirken Brinkmanns spätere Collage-Bücher Erkundungen oder Rom, Blicke geradezu irrwitzig aktuell – und lesen sich wie Vorläufer der heute so angesagten Autofiktionsromane.   Brinkmann weist in die Zukunft, dadurch, dass er zeigt, dass das Ich für immer gefährdet sein wird.  Quelle: Peter Handke Erkannte darum schon Peter Handke 1979. Unterm Strich hätte man Brinkmanns erster, akribisch recherchierter Biografie zwar etwas mehr Mut der Verfasser zum eigenen Urteil gewünscht, das sie leider oft lieber Weggefährten des Autors überlassen. Insgesamt aber ist ihnen ein wichtiges, hochspannendes Buch gelungen.
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Mar 16, 2025 • 10min

Spiegel der literarischen Öffentlichkeit – 25 Jahre „Perlentaucher“, das digitale Buch- und Kulturmagazin

Zu einer Zeit, als die heute großen Internetplayer wie Google & Co. noch nicht am Start waren, haben sich einige weitsichtige Kulturjournalisten zusammengetan, um im Netz eine übergreifende Feuilletonzusammenschau aufs Gleis zu setzen. Am 15. März 2000 nahm der „Perlentaucher“ seine Arbeit auf und hat seitdem rund 107.000 Rezensionen zu mehr als 65.000 Büchern verfasst. Ein gigantisches Archiv, das die literarische Diskussion und die intellektuelle Öffentlichkeit der vergangenen 25 Jahre abbilde, so Thierry Chervel, Mitbegründer und Geschäftsführer von „Perlentaucher“. Debatten abbilden und Gespräche inszenieren Die Kommentare und Diskussionen im deutschen Feuilleton abzubilden, gehört zum Kerngeschäft des digitalen Kultur- und Buchmagazins. Doch es geht um mehr – im besten Fall darum, selbst eine Debatte zu aktuellen Fragen anzustoßen. Thierry Chervel verweist auf die Diskussion um die Rolle des Islam in Europa nach der Ermordung des niederländischen Filmemachers van Gogh, die der Perlentaucher sogar auf internationaler Ebene initiieren konnte. Die Literaturkritik hat sich verändert Blogs, soziale Medien, Podcasts haben die Wahrnehmung von und den Umgang mit Literatur in den vergangenen Jahren stark beeinflusst. Eine Entwicklung, die auch an der klassischen Literaturkritik nicht vorbeigegangen ist. Kritisch bewertet Thierry Chervel in diesem Zusammenhang eine zunehmende „Nerdifizierung“ der Kritik, die sich auf sehr kleine Spezialgebiete aufteile.
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Mar 16, 2025 • 9min

Warum „Netflix“ schauen, wenn man Christian Krachts „Air“ lesen kann?

Mit dem ersten Satz beginnt auch schon das virtuose Spiel des Romans: „Das Leben war voller Sorgen, aber auch nicht wirklich." Rätselhaft und provokativ wirkt die Formulierung, denn die Grausamkeiten, die in Christian Krachts neuem Prosawerk „Air“ beschrieben werden, geben durchaus Anlass, sich Sorgen zu machen. Aber welches Leben ist überhaupt gemeint und warum könnte die Wahrnehmung trügen? Über die vertraute und doch fremde Welt, die im ersten Erzählstrang geschildert wird, urteilt der allwissende Erzähler folgendermaßen: „Es war eine Zeit, in der viele Dinge schnell erworben und wieder vergessen wurden." Lifestyle-Exzentrik vor rauer Landschaftskulisse Das Verschwinden bzw. Bewahren der Erinnerungen wird noch eine wichtige Rolle spielen in dem Buch, das zunächst das Portrait einer klassischen Christian-Kracht-Figur liefert, die in passenden Adjektiv-Orgien schwelgt: Der feinsinnige, leicht verschrobene und stets an sich zweifelnde Schweizer Inneneinrichter Paul lebt zurückgezogen auf dem schottischen Orkney-Archipel, hat aber genug zu tun, um seinen distinguierten Lifestyle am Nordrand der europäischen Zivilisation zu finanzieren. Der erste Auftrag war ein sehr streng minimalistisches, gläsernes Cottage auf den Shetlandinseln gewesen, das er einrichten sollte. Er ließ alles steingrau streichen, Decken, Wände, Fußböden, Einbauschränke, einfach alles, und dann ließ er ein paar naturbelassene Felsen nebeneinander auf den frisch gestrichenen Fußboden des Wohnzimmers legen, so daß die Unterseite der Steine ganz leicht die frische graue Farbe reflektierte. Quelle: Christian Kracht – Air Pauls Vorliebe für monochrome Gestaltungsideen erregt die Aufmerksamkeit eines anderen Schöngeists namens Cohen, der nicht nur eine ambitionierte Design-Zeitschrift herausbringt, sondern auch seltsame Aufträge zu vergeben hat. Paul möge doch bitte ein riesiges Rechenzentrum in Norwegen, in dem die digitalen Erinnerungen der Menschheit gespeichert sind, farblich umgestalten: „Und Cohen sagte nun, Paul solle alles weiß malen, die ganze Halle. Die Rechner, die Wände, die Decke, den Fußboden. Vermutungen, Vorstellungen und Erinnerungen würden sich in so großen Mengen im Green Mountain Datenzentrum ballen, daß ein weißgestrichener Raum für Aufgeräumtheit sorgen würde, und dafür bräuchte man nicht irgendein Weiß, sondern das perfekte, das einmalige Weiß." Raumsprung in eine düstere Parallelwelt Paul fragt sich zwar, ob er „Cohens Marionette“ sei, doch er fliegt selbstverständlich nach Norwegen, um sich die Computerhalle anzuschauen. Während der neugierige Dekorateur durch die Anlage wandelt und sich von der „Gigantomie des Projekts“ berauschen lässt, ereignet sich im Weltall eine „außergewöhnliche Sonneneruption“ – mit der Folge, dass ein „schockwellenartiger Magnetsturm mit Lichtgeschwindigkeit Richtung Erde“ rast. Der große Energiewirbel markiert den entscheidenden Wendepunkt des Romans, der sich nun vom Genre, aber auch im Tonfall ändert. Denn Paul hat sich titelgerecht in Luft aufgelöst: „Fast achtzig Menschen suchten mehrere Stunden alles in der Halle nach ihm ab, aber er war nicht mehr da." Ganz verschwunden ist Paul trotzdem nicht, er lebt nurmehr in einer anderen Dimension, romantechnisch könnte man sagen: in der zweiten Erzählebene weiter, nämlich in einer blutigen Fantasy-Welt, die an die berühmten Streaming-Serie „Game of Thrones“ erinnert: Es gibt verschiedene Reiche, geheimnisvolle Eismenschen und eine Gemeinschaft, die in einer Steinstadt lebt. „Magische“ Erfindungen wie Brillengläser Eine Seuche zieht durchs Land, und als wäre der „Gelbe Tod“ nicht schon Übel genug, terrorisieren die Soldaten des Fürsten von Tviot die darbende Bevölkerung nicht nur im grünen Norden, sondern auch in südlichen Gefilden: „Er lässt die Menschen wegen der kleinsten Kleinigkeit in den Dornenturm sperren oder aufs Rad binden." In derart mittelalterliche Verhältnisse wird Paul katapultiert, und er bekommt auch gleich einen Pfeil in den Rücken geschossen. Zum Glück hat der Mann es nicht mit den Häschern des Herzogs zu tun, sondern mit dem freundlichen und schlauen Waisenkind Ildr, das den Verletzten umgehend versorgt. Nach erster Skepsis und kuriosen Gesprächen über „magische“ Erfindungen wie Brillengläser fliehen die beiden dann auch Richtung Steinstadt, in der die Menschen in kargen Behausungen am Meer eine Kollektivutopie leben: Wer allein schlafen wollte, galt als eigennütziger Sonderling und wurde sanft, aber mit Nachdruck davon überzeugt, daß die Kraft der Steinstadt einzig in der Gemeinschaft lag. Quelle: Christian Kracht – Air Rätselhaft, verspielt, magisch Christian Kracht entwickelt erstaunlich stimmungsvolle Szenen im Reich der sozialistischen Steinmenschen, und so stellt sich bei zunehmender Lektüre die Frage, worauf die Geschichte hinauslaufen mag, wie die Erzählwelten in der wahrlich luftigen Romankonstruktion verbunden sind. Handelt es sich um eine temporäre Zeitreise, um endlos verschlungene Träume oder um eine Abenteuergeschichte im digitalen Gedächtnis der Figuren, die gewissermaßen auf den Spuren ihrer kulturellen Erinnerung sind? Kracht, der mit einer Fülle von Details und kuriosen Einfällen beeindruckt, gibt keine abschließende Antwort. Allein die Kraft der literarischen Fiktion stellt eine Verbindung der Welten her, die sich in ihrer Gegensätzlichkeit erstaunlich ähnlich sind. So kann man viele Passagen, wenn man es denn will, ideologiekritisch gegenüber der Neigung des Menschen lesen, sich seiner Umgebung allzu schnell anzupassen. Der Schriftsteller beweist zumindest Humor, wenn er im altertümlichen Fantasy-Kosmos eine Pistole aus einem 3D-Drucker zum Einsatz bringt. Oder wenn Paul in der schönen Steinstadt ein „ganz intensives Unbehagen bei dem Gedanken an Gemüse“ entwickelt. Dinge, die aus der Erde wuchsen, schienen ihm mit einem Mal artifiziell, Blätter und Bäume wider die eigentliche Natur. Sich von etwas anderem als Seetang und Fisch zu ernähren und sich mit etwas anderem als Stein zu umgeben, erschien ihm als schlichtweg falsch. Quelle: Christian Kracht – Air Motive der romantischen Tradition Doch die Idylle ohne Grünzeug währt nicht lange. Wie bei brutalen Fantasy-Epen üblich, gibt es auch in „Air“ am Ende ein grausames Gemetzel. Der Fürst von Tviot will die Steinstadt endlich erobern und greift die friedfertige Gemeinschaft an, die sich allerdings geschickt zu verteidigen weiß. Da könnte man Parallelen zu gegenwärtigen Konflikten und Krisen ziehen und sich eingedenk des Romanbeginns fragen, inwiefern das Grauen der unwirklichen Anderswelt uns daran erinnert, wie unsere realen Sorgen einzuordnen sind. Immerhin führt der seuchenkranke Feldherr aus dem Norden auch deshalb Krieg, weil er vermutet, der gesuchte Paul sei im Besitz eines Heilmittels gegen den Gelben Tod. Aber im Grunde versperrt sich Krachts Prosa einer weltpolitischen, tagesaktuellen Interpretation. Der Autor spielt vielmehr mit Motiven der romantischen Tradition, die nach der für Literatur, Musik und bildender Kunst so stilprägenden Epoche heute vor allem in Fantasy- und Science-Fiction-Geschichten weiterlebt. Dabei sind, wie auch Kracht erkannt hat, die Erzählgrenzen und Bewusstseinsebenen fließend: Es war überhaupt alles wie in Erinnerung oder wie im Film oder wie in einem Traum. Quelle: Christian Kracht – Air Besser als Netflix Die Themen der popkulturellen Neo-Romantik knüpfen unmittelbar an die historischen Vorläufer an. Damals wie heute geht es um: die Hinwendung zur Natur angesichts allgegenwärtiger Gewalt, Weltflucht und Rückzug in Fantasie- und Traumwelten, Faszination des Mittelalters und des Unheimlichen, das Streben nach dem Unendlichen und Unerreichbaren, die Sehnsucht nach vollkommener Liebe und die Schönheit der Dinge. An einer Stelle erklärt Paul, warum er nicht in der steinernen Utopie bleiben, sondern aufs Eismeer fahren möchte: „Sehen, was dahinter ist." Christan Kracht verklärt die romantischen Motive keineswegs. Bei ihm sind alle Figuren entweder tot oder beschädigt, die Schönheiten von Natur und Kultur verschwinden vom Planeten und sind bald nur als digitale Erinnerung im Datenspeicher abzurufen. Das treibt die Sinnsucher Paul und Cohen weiter an - selbst wenn oder gerade weil das Ziel unbekannt ist: „Wohin ging es nur. Wer waren sie." Ein literarisches Rätselvergnügen Mit diesen existentiellen Grundfragen hatte sich Christian Kracht auch schon in seinem Roman „1979“ beschäftigt, der in Zeiten der iranischen Revolution spielt. Überhaupt lassen sich in „Air“ nicht wenige Verweise aufs eigene Werk finden, über die sich die Fans des Autors gewiss freuen. Tatsächlich hat Kracht, nachdem er sich zuletzt am Genre der Autofiktion abgearbeitet hat, mit „Air“ einen Roman geschrieben, der nicht nur innerhalb der Science-Fiction-Fantasy-Matrix überzeugt, sondern der für einen literarisches Rätselvergnügen genügend Bedeutungsebenen und Subtexte auch jenseits der Genre-Konventionen bietet. Kracht spielt mit kulturellen Versatzstücken und Erinnerungen, bleibt seinem Stil aber dennoch treu: mit großer Geste, dabei möglichst lässig, ständig etwas Neues suchend, an die Grenzen des Erzählbaren zu gelangen, als wäre der Schriftsteller selbst einer wie Paul, der nach jeder Etappe weiterziehen muss. Das Ergebnis ist in diesem Fall verstörend gut. Warum „Netflix“ schauen, wenn man Christian Krachts „Air“ lesen kann.
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Mar 16, 2025 • 10min

Ein kühler Blick auf die Realität des Herrschens – Ilija Trojanow „Das Buch der Macht“

Im Mittelpunkt steht über 100 Jahre alter Text, ein Großgedicht des bulgarischen Schriftstellers Stojan Michailowski, das wegen seiner komplizierten, vielsprachigen Konstruktion als unübersetzbar gilt. Absurd, brutal und sehr aktuell Ilija Trojanow hat das Großgedicht, das nach einem alten orientalischen Märchen klingt, auf seine eigene Weise nacherzählt. Ein in die Jahre gekommener Wesir klärt seinen Nachfolger in 15 Tagen und Nächten über die Grundzüge des Herrschens auf. Es ist eine menschenverachtende Handlungsanweisung, die zugleich sehr satirische Anklänge erkennen lässt. Obwohl 1897 entstanden, habe der Originaltext sehr aktuelle Bezüge, meint Ilija Trojanow: „es gibt eine Universalität, was die Mechanismen der Macht betrifft, die ganz und gar erstaunlich ist.“ Die Konzentration von Macht verhindern Seine Erzählung lässt der Autor durch bekannte Stimmen aus der Weltliteratur kommentieren. Der Bogen reicht von Aristoteles über Thomas Hobbes und Machiavelli bis Hannah Arendt. Zitate aus chinesischen, japanischen und indischen Werken widersprechen den autoritären Herrschaftsregeln. „Das Buch der Macht. Wie man sie erringt und (nie) wieder losslässt“ ist ein spannender, aufschlussreicher Dialog über die eine zentrale Frage, die schon Michailowski umgetrieben hat: Wie kann eine gute Politik aussehen, die den Menschen nützt, aber für den Machterhalt von Nachteil ist?
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Mar 16, 2025 • 7min

Sophie Hungers Soundtrack eines Lebens: „Walzer für Niemand"

„Die Geschichte handelt von einer Freundschaft zwischen einer Erzählerin, einem Mädchen, und ihrem besten Freund Niemand. Das ist eine sehr symbiotische, fast zerstörerische Freundschaft. Sie wachsen an verschiedenen Orten auf. Aber da, wo sie eigentlich leben, ist nicht ihre unmittelbare Umgebung, sondern die Musik,“ beschreibt Sophie Hunger. Sie ist eine der spannendsten Musikerinnen der Gegenwart. Ihr erster Roman trägt den Titel „Walzer für Niemand“, wie ein gleichnamiges Lied von ihrem 2008 erschienenen Debütalbum „Monday's Ghost". Eine musikalische Sozialisation Im ständigen Wechsel zwischen Ländern, Sprachen, Menschen ist die Musik eine Konstante für die Erzählerin und Niemand. Der schmale Roman ist eine Coming-of-Age Erzählung und die Geschichte einer Freundschaft. Der Ausgangspunkt ist dort, wo alles beginnt: bei der Geburt. Die Erzählerin und Niemand begleiten wir beim Heranwachsen bis – so viel sei verraten - zu einem Todesfall. Dazwischen eine musikalische Sozialisation.  Hunger hat eine spannende Erzählkonstruktion gewählt. Die Erzählerin adressiert Niemand, spricht zum besten Freund, gleichzeitig direkt zur Leserschaft. Niemand ist dabei nicht leicht zu fassen. „Mein Roman spielt eigentlich genau damit. Einerseits ist er plastisch – er hat Lieblingslieder, ein Lieblingsbuch, ein Lieblingsessen, er hat eine bestimmte Art von Schuhen, er hat einen bestimmten Gang, er hat ein bestimmtes Äußeres. Aber er ist eben auch ‚Niemand‘,“ lacht die Autorin. Musik trifft auf Volkskunde In „Walzer für Niemand“ stecken neben viel Musik, auch einige Strophen Volkskunde. In kurzen Zwischenkapiteln erzählt Niemand von einer anderen Welt – der, der Walser und Walserinnen: „Das waren so alemannische Bauern, die vor tausend Jahren aus dem Wallis,   die Hochalpen besiedelt haben, und lustigerweise eben immer die jene Gegenden, die wirklich total unwirtlich und Lebens feindlich waren. Meine Familie mütterlicherseits die Familie Hunger ist eine Walser Familie. Man sieht das nur noch an den an den Nachnamen in der Schweiz und so, als soll schon als kleines Kind hat mich das fasziniert.“ Bilder, Musik und poetische Sprache Der Roman ist beinahe collagiert, sogar mit Zeichnungen bebildert. Durchgetaktet möchte man sagen. „Das ist etwas, was beim Schreiben entstand“, erzählt Hunger. „Zuerst hatte ich nur eine Figur, und ich wollte eigentlich eine Art Dynamik kreieren, also dass der Leser sich fragt ist das jetzt ein Beispiel einer Walserin?“   Sophie Hunger beweist ihr feines Gespür für Melodie, für Pausen, für Zwischentöne auch beim Schreiben. Die Dichte ihrer Songtexte findet sich auch in ihren Sätzen wieder – oft lakonisch, doch immer eindringlich. Und sie beweist eine feinsinnige Beobachtungsgabe: Die schrulligen und tragischen Nebenfiguren berühren mit ihren lebensnahen Geschichten. Lieblingslieder und eigene musikalische Ambitionen Neben Schweizer Volkskunde lehrt die Lektüre auch viel über Töne, Klang, Stimme, Popgeschichte, wenn die Erzählerin selbst mit dem Liederschreiben beginnt. Das erste von mir erfundene Lied hieß »Sister Gladys Glass«. Gladys nach Gladys Knight & the Pips. Ihre Single »Midnight Train to Georgia« war eines unserer All-Time-Lieblingslieder. Die Single hatte ein purpurnes Cover, auf dem ein lächelnder Lokomotivkopf frontal in den Betrachter hineinfährt. So klang auch Gladys, wenn sie sang; ich wollte auch so klingen, wenn ich sang. Quelle: Sophie Hunger – Walzer für Niemand Die eigene Musik der Erzählerin nimmt immer mehr Raum in ihrem Leben ein. Sie tritt auf, bestreite ihren Lebensunterhalt in einem Züricher Restaurant kellnernd. Niemand und sie entfernen sich zunehmend. Dann die Chance für den Karriere-Kick: eine Einladung einer Plattenfirma. Niemand und die Erzählerin machen sich auf zum Vorspiel, im Bataclan in Paris. Alben enden versöhnlich Die Fahrt begleitet eine verletzte Taube und – natürlich - Musik. „Ich tippte abermals, diesmal bis zum letzten Track. Alben schließen meist versöhnlich. Ähnlich plötzlicher Milde am Sterbebett oder dem »mit freundlichen Grüßen« am Schluss einer Kündigung. Am Ende möchte keiner allein sein, dachte ich.“ Quelle: Sophie Hunger – Walzer für Niemand Sophie Hungers Art, Geschichten zu erzählen, folgt dem Prinzip eines Albums: ein harmonischer Gesamtklang, in dem die einzelnen Stücke aufeinander aufbauen, dennoch für sich stehen. Eine zwanzig Jahre gereifte Idee wird zum Roman Anders als ein Album endet der Roman nicht versöhnlich. Das macht aber nichts. Denn das passt zu Hungers zum Teil schwerer, poetischer Sprache, bei der sich mancher Satz erst enträtseln lassen will. Ihr Sound ist melancholisch, ähnlich ihrer Musik. Vielleicht weil die Idee zum Buch schon lange in der Musikerin schlummerte? „Die Idee zu diesem Roman ist eigentlich sehr alt. Ich hatte das vor 20 Jahren, und dann kam aber die Musik dazwischen, und die Musik ist etwas, was in einer Unmittelbarkeit passiert. Das Schreiben aber erfordert viel Distanz oder zumindest so, wie ich es jetzt erlebt habe. Und manchmal habe ich das Gefühl, ich musste 20 Jahre Leben, um die nötige Distanz zu dieser Idee zu haben, um Platz zu schaffen für die Worte. Und jetzt war es einfach reif.“

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