Bénédicte Savoy, eine bedeutende Kunsthistorikerin und Verfechterin der Restitution afrikanischer Kulturgüter, diskutiert die Ursprünge der Debatte um koloniale Kunst in Europa. Sie beleuchtet die Rolle ethnologischer Museen und deren Erbe. Ein provokativer Vergleich zwischen dem Humboldt-Forum und Tschernobyl regt an, über kulturelles Erbe nachzudenken. Savoy analysiert die Herausforderungen und Fortschritte bei der Rückgabe kolonialer Objekte an afrikanische Nationen und reflektiert über die Suche nach Identität im Kontext kolonialer Geschichte.
Die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter erfordert eine kritische Auseinandersetzung mit kolonialer Geschichte und mehr Transparenz seitens der Museen.
Emmanuel Macrons Rede in Burkina Faso hat die öffentliche Diskussion über die Restitution afrikanischer Kunstwerke in Europa entscheidend angestoßen.
Deep dives
Die Herausforderung der Restitution kolonialer Kunst
In Europa befinden sich zehntausende Kulturgüter aus Afrika, deren Rückgabe an die Nachkommen der ursprünglichen Eigentümer oft auf Widerstand stößt. Der Fall des Humboldt-Forums in Berlin zeigt exemplarisch, wie schwierig der Prozess der Restitution sein kann. Die Kunsthistorikerin Benedikt Savoy betont, dass der Umgang mit kolonialen Sammlungen eine kritische Auseinandersetzung erfordert, die oft fehlt. Sie vergleicht die Institution mit Tschernobyl und fordert mehr Transparenz und Aufarbeitung der kolonialen Geschichte hinter diesen Sammlungen.
Einfluss von Macron auf die Restitutionsdebatte
Emmanuel Macron hat durch eine bemerkenswerte Rede in Burkina Faso 2017 den Anstoß für eine ernsthafte Diskussion über die Rückgabe afrikanischer Kunstwerke gegeben. Er versprach die temporäre und dauerhafte Rückgabe von Kulturgütern, was als Wendepunkt in der öffentlichen Debatte gilt. Savoy merkt an, dass in Deutschland eine lebhafte Bürgerdiskussion um diese Themen besteht, während in Frankreich häufig der Präsident allein Initiative ergreift. Trotz der politischen Motivation bleiben viele Herausforderungen bestehen, insbesondere im Hinblick auf gesetzliche Regelungen, die eine weitreichende Restitution ermöglichen könnten.
Provenienzforschung und ihre Bedeutung
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Provenienz von Kulturgütern ist zentral für die Restitutionsdebatte. Savoy hebt hervor, dass viele europäische Museen kaum oder keine Transparenz über die Herkunft ihrer Sammlungen zeigen. Data aus Militärarchiven belegen die brutalsten Umstände, unter denen viele Objekte erlangt wurden, einschließlich Gewaltanwendung gegen die lokalen Bevölkerungen. Durch eine ernsthafte Provenienzforschung lassen sich die Geschichten und die damit verbundenen Trauer der betroffenen Kulturen nachzeichnen, was für den Rückgabeprozess entscheidend ist.
Aktivismus, Faktivismus und die Rolle der Wissenschaft
In der Diskussion um Restitution entwickelt Savoy den Begriff 'Faktivismus', der bedeutet, dass Wissenschaftler Fakten recherchieren und diese als Grundlage für Veränderung nutzen. Sie erklärt, dass eine klare Trennung zwischen Wissenschaft und Aktivismus in Deutschland nicht mehr zeitgemäß ist, da es notwendig ist, sich aktiv mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Während einige Kritiker ihre Ansätze als aktivistisch abtun, sieht sie darin die Verpflichtung der Wissenschaft, die Wahrheit über koloniales Erbe ans Licht zu bringen. Sie verweist auf die Verantwortung der Museen, sich mit ihrer kolonialen Vergangenheit kritisch auseinanderzusetzen und nicht nur die Geschichte zu bewahren.
Wie die Debatte um die Restitution afrikanischer Kunstgüter in europäischen Museen begann berichtet die französisch-deutsche Expertin für Kunstgeschichte Bénédicte Savoy im Gespräch mit Matthias Dusini am Vienna Humanities Festival.