Dass Bäume für uns wichtig sind, ist eine Binsenweisheit. Sie liefern uns Bauholz, dienen als Energielieferant. Das Obst der Fruchtbäume ernährt uns seit Ewigkeiten. Sie versorgen uns mit Sauerstoff und schlucken Unmengen an Kohlendioxid.
Wie Bäume die Umwelt prägen
Das ist alles richtig, meint Harriet Rix, aber eben nur die halbe Wahrheit. Bäume können erheblich mehr und genau das zeigt sie in ihrem Buch „Geniale Bäume“. Der Titel ist nicht übertrieben, wie sie auf 300 Seiten sehr detailliert beweist. In acht Kapiteln dekliniert sie durch, wie Bäume das Leben auf der Erde prägen.
Über zwei Dutzend Farbfotos veranschaulichen einige der vorgestellten Bäume. Sechzig Seiten Anmerkungen und ein Register zeigen, auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen ihr Buch basiert. Die Übersetzung ist makellos souverän.
Harriet Rix geht weit in der Erdgeschichte zurück, um zu erläutern, wie vor Millionen Jahren aus kleinen Blattpflanzen große Bäume entstanden. Heute gibt es weltweit 73 000 Arten. Sie alle beeinflussen den Wasserhaushalt der Erde, verändern den Boden unter ihren Wurzeln, wehren sich gegen Feuer, beeinflussen Luft und Klima.
Sie gehen mit Pilzen und Pflanzen symbiotische Verbindungen ein, locken Insekten, Vögel und Tiere an und spannen auch den Menschen als Helfer ein. So bestimmen sie ganze Ökosysteme.
Der Geruch der Bäume
Man kann die Bäume sogar riechen. So erinnert Harriet Rix der Lorbeerbaumgeruch an „intensive Noten von Bittermandel und Kampfer und Zimt“. Der Duft besteht aus flüchtigen chemischen Verbindungen. Die steigen in den Himmel und dabei lagern sich unaufhaltsam Wassermoleküle an sie an, bis daraus Tropfen werden und abregnen.
So verdunstet der Baum Wasser und regt gleichzeitig die Bildung von Regenwolken an. Das Wasser braucht er wieder zur Photosynthese. Ein ewiger Kreislauf, der das Klima ganzer Kontinente bestimmt.
Die Biochemikerin entschlüsselt uns die chemischen Verbindungen, aus denen die Duftstoffe bestehen und die zur Photosynthese führen. Die Bäume nutzen chemische Stoffe aber auch zur Abwehr von Fressfeinden, locken damit Nützlinge an. Die versorgen sie mit Nahrung wie Blütenpollen, süßem Nektar oder Fruchtfleisch.
Jede Baumart hat ihren eigenen Duftcocktail aus hochkomplizierten chemischen Strukturen. Das ist zwar faszinierend zu lesen, aber als Chemielaie kann man sie sich kaum merken.
Ungewöhnliches Vokabular
Das gilt überhaupt immer wieder für Teile Textes, bei dem sie wissenschaftliches Fachvokabular mit persönlichen Eindrücken mischt. Sie schildert, wie sie seltene Bäume rund um die Welt selbst an weit abgelegenen Orten aufgesucht hat. Dank ihrer lebendigen Beschreibungen sehen wir sie vor uns.
Ihre Sprache ist oft salopp. So nennt sie Samenkerne, in denen tödliche Gifte stecken, die jeden umbringen, der sie aufbeißt: „Der Samthandschuh und die eiserne Faust – giftige Samen in weichem, köstlichem Fruchtfleisch – diese Methode hat sich gehalten, um Vögel dazu zu bringen, Samen über die ganze Welt zu verteilen.“ Oder Rix Harriet findet zum Beispiel bestimmte Zellen „durchaus unsympathisch ... Sie machen die Bakterien bewegungsunfähig und versklaven sie.“
Immer wieder stellt sie uns Rix Forscher und Forscherinnen vor, die besondere Baumeigenschaften entdeckt haben. Das reicht von der erstmaligen Beschreibung eines ungewöhnlichen Baumexemplars im Mittelalter bis zu seiner genetischen Analyse heute.
Bäume, so lernen wir, sind keineswegs die passiven Gestalten, die wir normalerweise in ihnen sehen. Harriet Rix beweist es uns vielfach: Bäume sind tatsächlich genial. Ein aufregender Erkenntnisgewinn.