Obdachlosigkeit: Warum müssen in Deutschland Menschen noch auf der Straße leben?
Feb 6, 2022
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Jutta Henke, Leiterin der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung, beleuchtet die Realität von Obdachlosigkeit in Deutschland. Sie erklärt die erschreckenden Statistiken über die 50.000 Obdachlosen und die gesellschaftlichen Vorurteile, die die Betroffenen umgeben. Ein Sozialarbeiter erzählt von den Herausforderungen, denen sich wohnungslose Menschen gegenübersehen, während ein Psychologe das kollektive Verdrängen des Themas thematisiert. Der Vergleich mit Finnland unterstreicht, dass Obdachlosigkeit ein lösbares Problem ist, wenn wir die richtigen politischen Maßnahmen ergreifen.
Die Ursachen für Obdachlosigkeit in Deutschland sind vielfältig und umfassen Armut, psychische Probleme und gewaltsame Beziehungen, was viele Menschen betrifft.
Das finnische Modell 'Housing First' zeigt, dass Obdachlosigkeit lösbar ist, indem wohnungslose Menschen zunächst in Wohnungen vermittelt werden, bevor weitere Hilfen angeboten werden.
Deep dives
Die Realität der Obdachlosigkeit
In Deutschland leben schätzungsweise 50.000 Menschen sichtbar obdachlos, was nur die Spitze des Eisbergs ist. Gleichzeitig gibt es eine größere, unsichtbare Gruppe von wohnungslosen Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben und oft bei Freunden oder in Notunterkünften unterkommen. Die Ursachen für Obdach- und Wohnungslosigkeit sind vielfältig und umfassen Faktoren wie Armut, psychische Probleme und gewaltsame Beziehungen. Besonders betroffene Gruppen sind Studierende, Frauen und Persönlichkeiten in Altersarmut, nun auch verstärkt aufgrund der COVID-19-Pandemie.
Ursachen und Risikofaktoren
Armut gilt als einer der größten Risikofaktoren für Obdach- und Wohnungslosigkeit in Deutschland, wobei 13,4 Millionen Menschen als arm gelten. Nicht jeder arme Mensch wird wohnungslos, aber zusätzliche Faktoren wie Gesundheit oder plötzlicher Verlust des Einkommens verstärken das Risiko erheblich. Der angespannte Mietmarkt in größeren Städten trägt ebenfalls zur Schwierigkeit bei, nach einem Wohnungsverlust eine neue Unterkunft zu finden. Das Gefühl der sozialer Isolation und das Ignorieren von Hilfsangeboten behindern die Bewältigung der Problematik und verschärfen die Lage der Betroffenen.
Strukturelle Gewalt und Stigmatisierung
Die Wahrnehmung von Obdachlosen wird häufig durch Vorurteile und Stigmatisierung geprägt, was zu einer Art struktureller Gewalt führt. Statistiken zeigen, dass jährlich etwa 20 obdachlose Menschen durch Gewalt zu Tode kommen, was die brutalen Lebensbedingungen der Betroffenen verdeutlicht. Die gesellschaftliche Denkweise, dass Obdachlosigkeit eine individuelle Schwäche sei, fördert Unverständnis und reduziert den politischen Druck auf Lösungen. Ohne ein grundlegendes Bekenntnis zur Beendigung der Obdachlosigkeit bleibt die Problematik ungelöst und die Betroffenen werden weiter marginalisiert.
Politische Lösungen und das finnische Modell
Zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit könnte Deutschland von dem finnischen Modell 'Housing First' lernen, das Wohnungen ohne Vorbedingungen bereitstellt. In Finnland konnte die Zahl der Obdachlosen erheblich reduziert werden, indem man diese Menschen zuerst in Wohnungen vermittelte und dann weitere Unterstützungsangebote bereitstellte. Politische Maßnahmen wie die Schaffung von Sozialwohnungen und eine nationale Wohnungslosenstatistik sind essenziell für wirksame Veränderungen. Letztendlich muss ein Umdenken stattfinden, um Obdachlosigkeit nicht als unabwendbares Schicksal, sondern als adressierbares gesellschaftliches Problem zu sehen.
Kälte, Hitze und Übergriffe: Obdachlose sind ihnen oft schutzlos ausgeliefert. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa 50.000 von ihnen, die tatsächliche Zahl dürfte allerdings sehr viel höher liegen. Ganz zu schweigen von den wohnungslosen Menschen, die zwar nicht auf der Straße schlafen müssen, aber trotzdem kein eigenes Zuhause haben. Wie kann das sein in einem Sozialstaat wie Deutschland? Auf der Suche nach Antworten sprechen wir mit einer Sozialwissenschaftlerin darüber, warum Menschen ihre Wohnung verlieren. Ein Betroffener zeigt uns, wo staatliche Hilfen versagen. Außerdem erklärt uns ein Psychologe, wieso wir das Thema am liebsten verdrängen. Und am Beispiel Finnland sieht man: Obdachlosigkeit ist ein lösbares Problem.
Wenn ihr obdachlose Menschen seht, die verletzt sind oder bei Minusgraden draußen schlafen, ruft die 112 oder den Kältebus in eurer Stadt. Eine Übersicht findet ihr hier. Falls ihr selbst von zu Hause abgehauen seid, eure Miete nicht mehr zahlen könnt oder ihr nach einer Trennung nicht wisst wohin, könnt ihr euch hier in einem anonymen Chat beraten lassen (Angebot für Unter-27-Jährige). Dort könnt ihr auch Rat einholen, wenn nicht ihr selbst betroffen seid, sondern Freund*innen von euch. Wenn ihr älter als 27 seid, informiert euch über Beratungsstellen und Wohnungslosenhilfe in eurer Stadt, z.B. bei der Diakonie oder Caritas.