
SWR Kultur lesenswert - Literatur Die geheime Kraft der Schwalbenherzen
Jan 28, 2026
04:09
Als Olga Ravn in einem Kopenhagener Archiv alte Gerichtsbücher öffnet, rieselt ihr Sand entgegen. Sand, der im Moment der Niederschrift zum schnellen Trocknen über die Tinte gestreut wurde – und nun, knapp 400 Jahre später, erstmals wieder zum Vorschein kommt.
In ihrem Roman „Wachskind“ arbeitet die 39-jährige Autorin eine Reihe von Hexenprozessen auf, die zwischen 1596 und 1621 im dänischen Aalborg abgehalten wurden.
Bei aller Faktentreue ist „Wachskind“ aber kein historischer Roman im üblichen Sinne geworden. Das zeigt sich an der erstaunlichen Erzählperspektive. Die Erzählstimme, die uns durch große Teile der Handlung führt, gehört keinem Menschen, sondern einer Wachspuppe:
Ich bin ein Kind aus Bienenwachs. Geformt zu einer Puppe von der Größe eines menschlichen Unterarms. Man hat mich mit Haaren und Nägeln der Person versehen, die leiden soll. (…) Ich alterte nicht. Ich lag in der Erde und sah das Ganze. Ich sah Reiche entstehen, Staaten sich etablieren, Macht sich zentralisieren. Ich sah die Wolken vorbeieilen.Quelle: Olga Ravn – Wachskind
Außergewöhnliche Erzählperspektive
Dieses „Wachskind“, das nicht lebt und doch alles sieht, nimmt die Welt synästhetisch wahr. Es spricht die Sprache der Pflanzen und Winde, kann Trauer schmecken und in die Organe und Blutbahnen der Menschen sehen. Wachspuppen, denen eine Voodoo-ähnliche Macht zugeschrieben wurde, hat es in Dänemark tatsächlich gegeben. Olga Ravn vergrößert und poetisiert diese historische Vorlage zu einer mystisch-zeitlosen Erzählstimme. Schöpferin des Wachskinds ist Christenze Kruckow, eine verarmte, alleinstehende und kinderlose Adlige aus Süddänemark. Christenze flieht nach Aalborg, nachdem die abermalige Totgeburt einer Bekannten mit ihr und möglicher Hexerei in Verbindung gebracht wird. In der Hafenstadt wird sie in eine lose Gemeinschaft von Frauen aufgenommen, die täglich gemeinsam ihre Arbeiten verrichten.Gänse mussten gerupft werden, Hopfen musste gepflückt werden, der Hopfen musste niedrig gehalten werden, er war wüchsig und wucherte, fast wie ein Unkraut, und die kleinen glockenförmigen Zapfen hingen wie Kletten an ihren Kleidern, es mussten Wände verputzt, Kinder geboren und Käse beim Molkefest gemacht werden, und alles war spaßiger, leichter und einfacher, wenn man mehr als bloß eine war.Quelle: Olga Ravn – Wachskind
Eine Geschichte weiblicher Gemeinschaft
In Sätzen wie diesen blitzt Ravns poetische Kraft auf – und mit ihr die große Leistung des Übersetzers Alexander Sitzmann. Zum weiten sprachlichen Repertoire des Romans gehören auch die alten Zaubersprüche, die Ravn zahlreich zitiert.Nimm eine Schwalbe. Nimm ihr Herz und röste es auf einem Stock. Nimm dann die Schwalbenzunge und lege sie unter deine eigene. Iss dann das Schwalbenherz. Trage danach die Schwalbenzunge bei dir, und wann immer jemand auf dich wütend ist, lege die Schwalbenzunge unter deine eigene und sprich zu der Person, die wütend ist, und ihre Wut auf dich wird augenblicklich verrauchen.Quelle: Olga Ravn – Wachskind
Logik des Verdachts
Es bleibt offen, ob Christenze und ihre Freundinnen tatsächlich zaubern können. Umso aussagekräftiger ist es, wenn Olga Ravn der poetischen Irrationalität der „Hexen“ jene der – rein männlichen – Inquisition gegenüberstellt.Sie lasen in ihren Dämonologien, Büchern über den Teufel, und dort stand geschrieben: Die Frau ist leichter vom Satan zu verführen, denn sie ist an Leib und Seele schwächer als der Mann. (…) Und sie lasen: Wo es viele Frauen gibt, gibt es viele Hexen.Christenze fällt dieser selbstverstärkenden Logik des Verdachts schließlich zum Opfer – ein Happy End kennt „Wachskind“ nicht. Das hätte dieser schöne, poetische Roman aber auch gar nicht nötig.Quelle: Olga Ravn – Wachskind
