
Eigentlich Podcast EGL094 One Battle After Another oder die permanente Verfolgung
GREETING CODE VOICE "I need the greeting code, Bob."
BOB "Uhh, fuck. Well, I don't remember the fucking greeting code because I got a little bit high."
Noch eine Folge aus unserem Podcast-Retreat Anfang Dezember im Berliner Umland. Wir laufen über den Weihnachtsmarkt von Werneuchen und sprechen über „One Battle After Another“ (OBAA) von Paul Thomas Anderson (PTA). Anderson war schon mehrfach ein Thema in unserem Podcast. So hat Flo in seiner Reihe „Filme aus den Neunzigern“ Andersons Episodenfilm „Magnolia“ von 1999 ausführlich besprochen. OBAA ist Andersons teuerster, aber zugleich auch sein wirtschaftlich erfolgreichster Film. Allein für die Hauptrolle erhielt Leonardo DiCaprio seine „übliche“ Gage von 20 Millionen Dollar. Mit OBAA adaptiert PTA wieder einmal ein Pynchon-Werk für die Leinwand. „Vineland“ von 1990 ist ein Roman des Autors, der als vergleichsweise lesbar und weniger hermetisch gilt. Thomas Pynchon gilt als großer Vertreter der postmodernen Erzählung. In seinen Romanen entfaltet er ein dichtes Labyrinth paralleler Erzählstränge, die er sehr bildreich, fast enzyklopädisch ausschmückt. Diese Fäden verweigern sich teilweise bewusst einer Auflösung, indem sie in antiklimaktische Sackgassen münden, um die vergebliche Suche nach einem allumfassenden Muster zu thematisieren. Micz mag den Roman „Vineland“ sehr, war jedoch nach seinem Kinobesuch von OBAA etwas „empört“. Wir gehen in unserem Gespräch den kompletten Film durch und der Empörung von Micz auf den Grund. Flo ist vor allem von der kinematografischen Kraft des Films beeindruckt. Über 80% des Materials wurde analog im 35-mm-Format VistaVision gedreht. Der Film trägt auch viele Merkmale eines klassischen Roadmovies – einem Genre, dem wir ebenfalls eine Filmreihe in unserem Podcast gewidmet haben. Der klimaktische Höhepunkt wird topografisch auf den Hügelstraßen in der Wüste ausgetragen und bekommt die erzählerische Wucht eines Films von Hitchcock. Doch so recht möchte sich Micz nicht von der Brillanz des Films überzeugen lassen. Ihm sind die Figuren zu flach und schon nach dem ersten Auftauchen auserzählt. Wir kommen mit dieser Episode etwas unentschlossen am dunklen Ufer des Seefelder Haussees zum Ende und versuchen wenigstens noch, ein atmosphärisches Foto zu hinzubekommen.
Shownotes
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- EGL094 | Wanderung | Komoot
- Links zur Episode
- One Battle After Another – Wikipedia
- Paul Thomas Anderson – Wikipedia
- Cineplex Neukölln - Ihr Cineplex Kino vor Ort
- b-ware!ladenkino Berlin
- Magnolia (Film) – Wikipedia
- Boogie Nights – Wikipedia
- Thomas Pynchon – Wikipedia
- Vineland - Wikipedia – Wikipedia
- Inherent Vice – Natürliche Mängel – Wikipedia
- Die Enden der Parabel – Wikipedia
- Leonardo DiCaprio – Wikipedia
- Benicio del Toro – Wikipedia
- The Big Lebowski – Wikipedia
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- Zabriskie Point (film) - Wikipedia – Wikipedia
- Politisch oder nicht? ONE BATTLE AFTER ANOTHER – Kritik & Analyse - YouTube
- Die Neuen Zwanziger - Der Podcast zum Nachrichtengeschehen
- Ari Aster – Wikipedia
- Ethan und Joel Coen – Wikipedia
- Alfred Hitchcock – Wikipedia
- Duell (Film) – Wikipedia
- Comic Relief (Stilmittel) – Wikipedia
Mitwirkende
- Florian Clauß
- Micz Flor
Verwandte Episoden
Mit „One Battle After Another“ legt Anderson nun seinen teuersten und kommerziell erfolgreichsten Film vor, eine wilde, fast dreistündige Odyssee durch das amerikanische Unbewusste. Der Film präsentiert sich als Action-Thriller, Kiffer-Komödie und politisches Pamphlet zugleich, doch am Ende ist er vor allem eines: eine grandiose Verfolgungsjagd durch die Topographie der Geschichte.
Als lose Adaption von Thomas Pynchons 1990 erschienenem Roman „Vineland“ übernimmt Anderson dessen Grundgerüst: ein alternder Hippie-Revolutionär, eine abwesende, verräterische Mutter und die Tochter, die zwischen den Fronten steht, während ein obsessiver Staatsdiener, der sich Aufnahme in eine mächtige, tief rassistische Geheimorganisation erhofft, die Jagd eröffnet. Doch wo Pynchon noch die weiße Gegenkultur der 60er sezierte, aktualisiert Anderson den Stoff für das 21. Jahrhundert. Die zentrale Revolutionärin Perfidia (Teyana Taylor) ist nun eine schwarze Frau, was die Konfrontation mit dem rassistischen Colonel Lockjaw (Sean Penn) um eine brisante Dimension von Begehren und Abwehr erweitert. PTA bedient sich mit seinem Stück aus dem Regal postmoderner Erzählungen, behält dessen paranoide Essenz und baut es zu einem starken Schauspielerkino um, in dem Leonardo DiCaprio als bekiffter Ex-Revolutionär eine Hommage an den Dude aus „The Big Lebowski“ abliefert.
Transgenerationales Trauma als Fluchtbewegung
Die große Erzählung des Films ist nicht die politische Revolution, sondern deren permanentes Scheitern und die Weitergabe dieses Scheiterns an die nächste Generation. Die erste Schlacht ist längst verloren. Perfidia hat ihre Gruppe „French 75“ verraten, der Staat hat gesiegt, und Bob hat sich in einen Dämmerzustand in die Provinz zurückgezogen, wo er mit Kiffen und der Erziehung seiner Tochter voll beschäftigt ist.
Doch die Vergangenheit ist nicht tot, sie bricht in Form von Colonel Lockjaw über Bobs Tochter Willa (gespielt von Chase Infiniti) herein. Willa ist die Trägerin eines Traumas, das nicht ihr eigenes ist. Sie hat die Revolution nicht gekämpft und nicht verraten, doch sie muss nun vor ihren Geistern fliehen. Die gestörte, weil abwesende Mutter-Tochter-Beziehung wird zur Blaupause für die Weitergabe eines unbewältigten Konflikts. Die permanent wiederkehrende Schlacht ist nicht die politische Vision nach Trotzki, sondern ein generationenübergreifender Fluch. Der Kampf ist nie vorbei, er wird nur vererbt.
Aus diesem Trauma erwächst die zentrale Bewegung des Films: die Flucht. Was als politischer Thriller beginnt, verwandelt sich unweigerlich in ein Roadmovie, das seine Figuren durch die staubigen Landschaften Kaliforniens hetzt. Doch anders als im klassischen Roadmovie geht es hier nicht um die Suche nach Freiheit, sondern um die schiere Notwendigkeit des Überlebens. Die offene Straße ist kein Versprechen, sondern eine Todeszone.
Klimax als Topographie: Die Wüste sieht dich an
Jeder große Film von Paul Thomas Anderson hat seinen Moment, in dem er über sich hinauswächst und zu reinem Kino wird – die brennende Ölquelle in „There Will Be Blood“, der Kleider-Showdown in „Der seidene Faden“. In „One Battle After Another“ ist dieser Moment eine schier atemberaubende Verfolgungsjagd durch die Hügel des Anza-Borrego Desert State Park. Gedreht von Michael Bauman in dem flirrenden, ultra-breiten VistaVision-Format, das seit den 60ern kaum mehr für Hauptaufnahmen genutzt wurde, wird die Landschaft selbst zum Protagonisten.
Drei Autos jagen über eine schmale Asphaltstraße, die sich wie eine Achterbahn über unzählige blinde Kuppen windet. Anderson und Bauman inszenieren dies nicht als reines Spektakel der Geschwindigkeit, sondern als ein brillantes Spiel mit Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Die vertikale Bildkomposition macht die Topographie zum eigentlichen Gegner. Jeder Hügel ist eine Wand, die den Blick auf das Kommende verstellt. Was verbirgt sich dahinter? Ein entgegenkommendes Fahrzeug? Eine Falle? Das Nichts? Das Sehen selbst wird zur Anstrengung. Unsere Augen, gereizt durch wechselnde Brennweiten, müssen sich entscheiden, wohin sie blicken, müssen das Bild abtasten, antizipieren, scheitern.
Trotz dieser Momente filmischer Brillanz nagt die Frage nach der politischen Substanz. Der Film greift die brennenden Themen der Gegenwart auf – die brutale Antimigrationspolitik von ICE, den Rechtsruck, die Bildung paramilitärischer Milizen –, behandelt sie jedoch als pittoreske Kulisse. Vor dem Hintergrundrauschen von institutionalisiertem Rassismus dürfen sich Stars wie DiCaprio und Penn austoben. Kein einziger der gefangenen Einwanderer erhält eine Stimme. Die politischen Ziele der Revolutionäre bleiben leere Schlagworte.
Der Staat selbst ist eine Leerstelle. Wir erfahren nichts über die Regierung, die diese Zustände ermöglicht. Stattdessen werden die Rechten als überzeichnete Karikaturen inszeniert, was es dem liberalen Zuschauer allzu leicht macht, sich zu distanzieren. Der Film kritisiert nicht die Mitte der Gesellschaft, die diese Politik toleriert oder gar fordert, sondern nur die schrillen, lauten Extremisten. Das, so könnte man sagen, ist seine eigentliche postmoderne Geste: Er ist voll von politischen Zeichen, aber die bezeichnete Realität dahinter bleibt diffus.
So ist „One Battle After Another“ ein paradoxes Werk: ein Film, der politisch sein will, aber vor der Politik flieht. Ein Film, der die Revolution im Titel trägt, aber ihr Scheitern zelebriert. Ein Film, der als Ganzes vielleicht nicht gut ist, aber Momente enthält, die zum Besten gehören, was Kino sein kann. Er endet mit einer vagen Hoffnungsschleife – Willa zieht zu einer Demonstration –, die wirkt wie ein nachträglicher Versuch, dem Ganzen doch noch einen Sinn abzuringen. Aber die eigentliche Wahrheit des Films liegt nicht in diesem angehängten Epilog, sondern im Staub der kalifornischen Wüste, in der atemlosen Hast über die Hügel, in der Erkenntnis, dass die nächste Schlacht immer schon wartet. Und die übernächste auch…



