
Eigentlich Podcast EGL095 Triebe, Libido, Sozialenergie: Entsteht psychische Energie in Beziehungen und Gruppen?
"Sexualität bestimmt nicht das ganze Leben [...], weshalb ich den Begriff der Triebenergie durch den Begriff der Sozialenergie ersetzt habe." - Günther Ammon, 1982
In dieser Folge zeichnet Micz die Wandlung der "psychischen Energie" von einem intrapsychischen Phänomen zu interpersonellen und gruppenbezogenen Prozessen nach. Was treibt Menschen innerlich und gesellschaftlich an? Die Antwort darauf hat sich im Laufe von mehr als hundert Jahren verändert. Ausgangspunkt ist Sigmund Freuds Libidotheorie: zunächst als sexuelle Triebenergie gedacht, später erweitert zu einer allgemeinen psychischen Energie und schließlich im zweiten topischen Modell mit Ich, Es und Über-Ich neu verortet, auch im Dialog mit der Ich-Psychologie um Heinz Hartmann. Doch es bleiben Fragen offen. Der Psychiater und Psychoanalytiker Günter Ammon zieht daraus eine radikale Konsequenz und ersetzt die Triebtheorie als Motor der Psyche durch das Konzept der Sozialenergie: psychische Energie entsteht nicht primär aus inneren Trieben, sondern aus Beziehungen, Gruppen und sozialer Auseinandersetzung. Hartmut Rosa schließlich denkt Soziale Energie von der Gesellschaft her und beschreibt sie als kollektive, zirkulierende Kraft, die in Resonanz, Engagement und gemeinsamem Tun entsteht. Die Episode verbindet diese drei Denkbewegungen historisch und inhaltlich und versucht zu zeigen, wie sich der Blick vom inneren Trieb über die soziale Beziehung bis zur gesellschaftlichen Resonanz verschoben hat.
Shownotes
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- EGL095 | Wanderung | Komoot
- Sigmund Freud: Energie und Libido
- Entwurf einer Psychologie, Sigmund Freud, 1985, OCR Fischer Verlag 1975
- Freud, Sigmund (1895-103; 1950c): Entwurf einer Psychologie. Handschriftliche Dokumente auf freudedition.net
- Freud, S. (1933). Angst und Triebleben. In Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
- Sozialenergie (Konzept von Günter Ammon)
- Maria Ammon: Körpertherapie im Verständnis der Dynamischen Psychiatrie. In: Dynamische Psychiatrie. Internationale Zeitschrift für Psychotherapie, Psychoanalyse und Psychiatrie, Vol. 49. Jahrgang 2016 3-6, S.91-104
- Günter Ammon: Das sozialenergetische Prinzip in der Dynamischen Psychiatrie. In: Handbuch der Dynamischen Psychiatrie, Band 2, 1982, S. 4-25.
- Günter Ammon, Gisela Finke, Gerhard Wolfrum: Sozialenergie, Entwicklungsverständnis und Menschenbild. In: Manual des Ich-Struktur-Tests ISTA, 1998
- Günter Ammon: Das Prinzip der Sozialenergie im holistischen Denken der Dynamischen Psychiatrie. In: Dynamische Psychiatrie. Internationale Zeitschrift für Psychotherapie, Psychoanalyse und Psychiatrie, Vol. 16. Jahrgang 1983, S.169-182
- Soziale Energie bei Hartmut Rosa
- Ich-Du-Begegnung (Buber) und Resonanz (Rosa): Beziehungen verändern als Prozess vom 'Kontakt haben' zum 'in Kontakt sein'
- Hartmut Rosa unveils 'Social Energy': the new key to drive collective change. UNESCO Video
- Soziale Energie: Was treibt uns als Gesellschaft an? Deutschlandfunk Nova. 25. Januar 2024
Mitwirkende
- Micz Flor
- Florian Clauß
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Diese Episode ist während unseres Podcast-Retreats Anfang Dezember im Berliner Umland entstanden. Micz geht darin der Frage nach, wie sich das Konzept der „psychischen Energie“ historisch entwickelt hat und welche theoretischen Verschiebungen damit verbunden sind. Zugleich versteht sich die Folge als Weiterführung von Episode 92 mit Anja Ulrich: Dort wurden mehrere Konzepte angerissen, ohne sie systematisch zu verorten. Diese offenen Linien greift die aktuelle Episode auf, schließt theoretische Lücken und zeichnet die Entwicklung des Begriffs der psychischen Energie bewusster und zusammenhängender nach.
Ausgangspunkt ist Sigmund Freuds frühe Libidotheorie, die psychische Dynamik zunächst als sexuell grundierte Triebenergie verstand und später zu einem allgemeineren Energiemodell ausweitete. Doch mit den Ansätzen des Soziologen Hartmut Rosa (geb. 1965), der als Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie in Jena lehrt, und des Psychiaters und Psychoanalytikers Günther Ammon (1918–1995), dem Begründer der Dynamischen Psychiatrie und des Humanstrukturmodells, wird psychische Energie nicht länger primär als inneres Reservoir gedacht. Stattdessen erscheint sie als eine Energie, die zwischen Menschen zirkuliert, als relationales Feld, das in Beziehungen, Gruppen und sozialen Zusammenhängen entsteht. Auf diese Weise spannt sich ein theoretischer Bogen von Freuds Libidokonzept über Ammons Sozialenergie bis hin zu Rosas Resonanztheorie – als fortlaufender Versuch, psychische Energie konsequent aus Beziehungsdynamiken, Gruppenprozessen und gesellschaftlichen Kontexten heraus zu verstehen.
Soziale Energie (Rosa) und Sozialenergie (Ammon)
Als gruppenbezogenes Energiemodell stehen zwei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Begriffsverwendungen einer Energie, die in Beziehungen entsteht und zirkuliert. Auf der einen Seite steht Hartmut Rosa, der als Soziologe soziale Energie aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive entwickelt. Auf der anderen Seite Günter Ammon, Psychiater und Psychoanalytiker, der mit dem Begriff der Sozialenergie einen zentralen Motor psychischer Entwicklung beschreibt. Während Ammon sich explizit vom freudianischen Libido-Konzept entfernt und die gruppenbezogene soziale Energie als primäre Triebkraft des Psychischen versteht, nutzt Rosa den Begriff der sozialen Energie, um theoretische Leerstellen seiner Beschleunigungs- und Resonanztheorie zu füllen. Doch zuerst müssen wir uns noch einmal die Entwicklung von Sigmund Freuds Libidomodell anschauen.
Sigmund Freud: Triebe, Sexualität und Libidotheorie
Im ersten Schritt schauen wir auf die Ursprünge des Konzepts der “psychischen Energie”, gehen also gewissermaßen wieder zurück ins Intrapsychische. Ausgangspunkt ist dabei Freuds früher Versuch, psychische Energie überhaupt erklärbar zu machen. Freud suchte nach einem Modell, das erklären konnte, warum Menschen sich für etwas interessieren, handeln, leiden oder Symptome entwickeln – jenseits rein physiologischer Prozesse wie Stoffwechsel oder Blutzucker. Psychische Energie erscheint hier als etwas Eigenständiges, das weder rein biologisch noch rein bewusst gesteuert ist. Freud spricht von einer Spannung …
“deren Quelle im eigenen Körper liegt … [wird] erst bemerkt, wenn sie eine gewisse Schwelle erreicht hat. Erst von dieser Schwelle an wird sie psychisch verwertet, tritt mit einer gewissen Vorstellungsgruppe in Beziehung, welche dann die spezifische Abhilfe veranstalten. Also physisch sexuale Spannung erweckt von gewissem Wert an psychische Libido”
(Freud in Brief an Fließ 25.4.1894 vgl. Zepf/Zepf 2007: 319)
Bereits 1895 entwirft Freud ein stark mechanistisch geprägtes Frühmodell, in dem psychische Erregung als eine Art quantifizierbarer Teilchenstrom gedacht wird. Diese Erregung – von ihm als “Q” bezeichnet – sollte durch neuronale Bahnen fließen, sich anstauen oder abgeleitet werden können. Auch wenn Freud sich später von diesem neurophysiologischen Modell entfernt, bleibt das zugrunde liegende Bild wirksam: Triebenergie erzeugt Druck, und dieser Druck verlangt nach Abfuhr. Symptome, Impulsdurchbrüche oder sogenannte Übersprunghandlungen sind mögliche Ventile eines überfüllten Systems. Kultur, Kreativität oder Leistung werden in diesem Modell als Formen der Sublimierung verstanden – als Umleitung sexueller Energie in sozial akzeptierte Bahnen.
Sexualität im Zentrum früher Theorien am Beispiel der Zwangsstörungen
In der frühen Phase seiner Theorie ist diese psychische Energie eindeutig sexuell konnotiert. Libido meint Sexualtrieb, und psychische Störungen werden als Folge verdrängter sexueller Konflikte begriffen. Besonders anschaulich wird dieses Konfliktmodell in Freuds Deutung von Zwangsstörungen. In einem Textber die Bedeutung der Symptome bezieht er sich primär auf Zwangsstörungen, denn…
“die Zwangsneurose, welcher jener rätselhafte Sprung aus dem Seelischen ins Körperliche abgeht, ist uns durch die psychoanalytische Bemühung eigentlich durchsichtiger und heimlicher geworden als die Hysterie, und wir haben erkannt, daß sie gewisse extreme Charaktere der Neurotik weit greller zur Erscheinung bringt.”
(Freud 1922: 265)
Bei Zwangsstörungen bleibt der eigentliche innere Konflikt – häufig sexueller Natur – unbewusst, während sich darüber ein sekundärer Konflikt in Form von Zwangshandlungen und oder -gedanken legt. in den folgenden Zitaten geht es um ein Fallbeispiel Freuds, an dem er zeigen möchte, wie scheinbar unsinnige Rituale symbolisch auf sexuelle Bedeutungen verweisen, ohne dass die Betroffenen sich dieser Zusammenhänge bewusst sind. Das Symptom schützt vor der direkten Konfrontation mit dem verdrängten Konflikt und erhält ihn zugleich aufrecht. Es geht in diesem Fall um eine junge Frau, die zum Einschlafen ein ausuferndes, kompliziertes Ritual durchlaufen musste, bevor sie sich ablegen konnte. Dazu gehörten unter anderem:
“Die große Uhr in ihrem Zimmer wird zum Stehen gebracht, alle anderen Uhren aus dem Zimmer entfernt, nicht einmal ihre winzige Armbanduhr wird im Nachtkästchen geduldet. Blumentöpfe und Vasen werden auf dem Schreibtische so zusammengestellt, daß sie nicht zur Nachtzeit herunterfallen, zerbrechen und sie im Schlafe stören können.”
(Freud 1922: 272f)“Die wichtigsten Bestimmungen beziehen sich aber auf das Bett selbst. Das Polster am Kopfende des Bettes darf die Holz- wand des Bettes nicht berühren.”
(Freud 1922: 273)
Im Laufe der Analyse erscheinen die Konflikte hinter den Ritualen und deren sexuellen Inhalte:
“Das Ticken der Uhr ist dem Klopfen der Klitoris bei sexueller Erregung gleichzusetzen. Durch diese ihr nun peinliche Empfindung war sie in der Tat wiederholt aus dem Schlafe geweckt worden, und jetzt äußerte sich diese Erektionsangst in dem Gebot, welches gehende Uhren zur Nachtzeit aus ihrer Nähe entfernen hieß. Blumentöpfe und Vasen sind wie alle Gefäße gleichfalls weibliche Symbole.”
(Freud 1922: 275)“Den zentralen Sinn ihres Zeremoniells erriet sie eines Tages, als sie plötzlich die Vorschrift, das Polster dürfe die Bettwand nicht berühren, verstand. Das Polster sei ihr immer ein Weib gewesen, sagte sie, die aufrechte Holzwand ein Mann. Sie wollte also — auf magische Weise, dürfen wir einschalten — Mann und Weib auseinanderhalten, das heißt die Eltern voneinander trennen, nicht zum ehelichen Verkehr kommen lassen.”
(Freud 1922: 275f)
Weiterentwicklung des Libido-Modells
Mit der Weiterentwicklung der Psychoanalyse gerät dieses ausschließlich sexualtriebtheoretische Modell jedoch zunehmend unter Druck. Empirische Befunde aus der Säuglings- und Entwicklungsforschung sowie theoretische Impulse aus der Ich-Psychologie stellen infrage, ob alles psychische Geschehen notwendigerweise aus Konflikten zwischen Trieben und Umwelt hervorgeht. Es ist wichtig festzuhalten, dass Freud selbst sein Triebmodell fortwährend modifizierte, wie der folgende kurze Überblick veerdeutlicht.
Um 1900 verstand Freud Libido als reine sexuelle Energie, die zentrale Konfliktquelle für neurotische Symptome darstellte (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905; Die Traumdeutung, 1900). Zwischen 1905 und 1914 weitete er den Begriff auf allgemeine psychische Energie aus, differenzierte zwischen Ich- und Objektlibido und reagierte damit auf die Herausforderungen durch Narzissmus, Psychosen und Sublimierungsprozesse (Zur Einführung des Narzißmus, 1914; Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens, 1911; Zur Dynamik der Übertragung, 1912). Ab 1920 interpretierte Freud Libido als Energie des Eros, also des Lebenstriebs, im Gegensatz zum Todestrieb, um Aggression, Wiederholungszwang und Traumata erklären zu können (Jenseits des Lustprinzips, 1920).
Libido ist identisch mit psychischer Energie?
Hartmann führt die Idee konfliktfreier Entwicklungszonen ein und öffnet damit den Raum für eine differenziertere Betrachtung psychischer Funktionen. In diesem Prozess löst sich die strikte Unterscheidung zwischen Ich-Trieben und Sexualtrieben zunehmend auf, was Freud wie folgt zusammenfasst:
“Unserer Libidotheorie lag zunächst der Gegensatz von Ichtrieben und Sexualtrieben zu Grunde. Als wir dann später begannen, das Ich selbst näher zu studieren und den Gesichtspunkt des Narzißmus erfaßten, verlor diese Unterscheidung selbst ihren Boden.”
(Freud 1933: 141)
Schließlich integrierte er ab 1923 die Libido als zentrale Energiequelle in sein Strukturmodell von Es, Ich und Über-Ich, um auch moralische Konflikte und komplexe Neurosen zu erfassen (Das Ich und das Es, 1923; Das Unbehagen in der Kultur, 1930). Freud denkt sie schließlich als ein Energiereservoir im Ich, aus dem Besetzungen vorgenommen und wieder zurückgezogen werden können.
“Man lernt verstehen, daß das Ich immer das Hauptreservoir der Libido ist, von dem libidinöse Besetzungen der Objekte ausgehen, und in das dieselben wieder zurückkehren, während der Großteil dieser Libido stetig im Ich verbleibt.”
(Freud 1933: 141)
Freud gelangt zu der Auffassung, dass Libido als allgemeine psychische Energie verstanden werden kann, die entweder nach außen auf Objekte – Menschen, Tätigkeiten, Dinge – oder nach innen auf das eigene Selbst gerichtet ist. Objektlibido und Ichlibido werden so zu zwei Verwendungsweisen derselben Energie. Libido erscheint nun weniger als konkreter Trieb, sondern als abstrahierte, vielseitig einsetzbare Kraft.
“Es wird also unausgesetzt Ichlibido in Objektlibido umgewandelt und Objektlibido in Ichlibido. Dann können die beiden aber ihrer Natur nach nicht verschieden sein, dann hat es keinen Sinn, die Energie der einen von der der anderen zu sondern, man kann die Bezeichnung Libido fallen lassen oder sie als gleichbedeutend mit psychischer Energie überhaupt gebrauchen.”
(Freud 1933: 141)
Die Libidotheorie wirft weiterhin Fragen auf
Während das frühe Triebmodell eine einfache, fast körperlich nachvollziehbare Logik hatte (Erhaltung des Organismus hier, Erhaltung der Art dort, beides in Konkurrenz zueinander), wirkt die spätere Libido-Theorie sehr konstruiert. Aus der zunächst gut greifbaren Vorstellung von Ich-Trieben und Sexualtrieben, von Druck, Ventilen und Triebabfuhr, wird nach und nach ein immer komplexerer theoretischer Apparat. Freud erweitert, differenziert und abstrahiert. Besetzungen und Rückzüge erklären immer mehr Phänomene, verlieren dabei aber an Griffigkeit.
In dieser theoretischen Umstrukturierung findet sich Raum für neue Konzepte. So stellt das Humanstruktur-Modell der dynamischen Psychiatrie die Vermutung in den Raum, psychische Energie nicht mehr primär aus Trieben, sondern aus Beziehungen, Gruppen und sozialen Prozessen herzuleiten.
Humanstruktur-Modell der Psychoanalyse: Gruppe und Begegnung im Zentrum
Mit dem Humanstruktur-Modell von Günther Ammon verschiebt sich der Fokus nun deutlich: weg von der klassischen Triebtheorie, hin zu einer Psychodynamik, die das Soziale selbst zum Motor macht. Menschliches Erleben und Handeln ist von Anfang an relational gedacht, eingebettet in Interaktionen, Schutzbedürfnisse und Auseinandersetzung mit anderen. Er nennt dies „Sozialenergie“.
“Sozialenergie als psychische Energie sehe ich immer in Abhängigkeit von zwischenmenschlichen und gruppendynamischen Bezügen, von der Umwelt des Menschen, gesellschaftlichen Faktoren und seinem Sein in dieser Gesellschaft, was auch die Arbeit des Menschen und seine Erotik einbezieht.”
(Ammon 1982: 4)
Eine zentrale Verbindungslinie verläuft über den Narzissmusbegriff. Freud hatte Narzissmus aus der Pathologie herausgelöst und als notwendige Entwicklungsphase beschrieben: Die psychische Energie des Kindes ist zunächst auf sich selbst gerichtet, bevor sie in der Beziehung zu primären Bezugspersonen allmählich nach außen auf Objekte und die Welt übertragen werden kann. Diese frühe Dyade – meist mit der Mutter oder einer anderen Bezugsperson – ist dabei nicht nur ein Beziehungsraum, sondern auch ein energetischer Prozess. Ammon greift diesen Gedanken auf, erweitert ihn jedoch konsequent: die energetische Zufuhr aus sozialen Gefügen ist Motor struktur- und identitätsbildender Prozesse.
“Aufgrund unserer Beobachtungen in der klinischen Arbeit ist immer deutlicher geworden, daß diese psychische Energie, die den Ich-Struktur-Aufbau ausmacht und damit das Persönlichkeitswachstum bestimmt,
a) keine biologisch-physikalische Größe mit entsprechender Gesetzmäßigkeit sein kann und
b) immer gruppen- bzw. personenabhängig ist.”
(Ammon 1982: 4)“Durch Sozialenergie entwickelt sich ein Mensch, kann er wachsen und sich verändern, seine Identität ausbilden wie auch die Ich-Struktur als Ganze.”
(Ammon 1982: 4)
Psychische Energie wird bei Ammon nicht mehr primär aus inneren Triebspannungen hergeleitet, sondern aus sozialen Prozessen: aus Gruppen, Beziehungen und gemeinsamen Erfahrungsräumen. Der Mensch erscheint hier als grundsätzlich gruppenbezogenes Wesen. Menschliche Entwicklung ist immer eingebettet – zunächst in der Herkunftsfamilie als Urgruppe, später in weiteren sozialen Zusammenhängen. Sozialenergie beschreibt damit jene Dynamik, die zwischen Menschen entsteht und erst ermöglicht, dass sich Ich-Struktur, Handlungskraft und psychische Lebendigkeit überhaupt ausbilden können.
“In unserem Denken heißt Entwicklung wachsende Erweiterung der Ich-Struktur, d. h. sowohl der bewußten wie unbewußten als auch der neurophysiologischen Anteile der Ich-Funktionen. Besonders bedeutsam sind in diesem Geschehen, das insgesamt ein lebenslanger Prozeß ist, die Zeit der kindlichen Entwicklung, das sozialenergetische Feld, die entsprechende sozialenergetische Atmosphäre und die Beziehungen emotionaler Art in der Familiendynamik. Diese gesamte Gestimmtheit der umgebenden Gruppen ist spiegelbildlich wiederzufinden im Ich-Struktur-Niederschlag, d.h. in der Ich-Struktur des Kindes. Die gesamte Gruppendynamik spielt im ich-strukturellen Aufbau eine Rolle, fördernd, störend oder auch hemmend, und sie ist verantwortlich für eine konstruktive Entwicklung, aber auch für Defizite in den verschiedenen Ich-Strukturen und der Identität.”
(Ammon 1982: 8)
Sozialenergie ersetzt die Libidotheorie als Motor psychischer Energie
Die Sozialenergie übernimmt im Humanstruktur-Modell die Funktion, die in der klassischen Psychoanalyse der Libido zugeschrieben war. Ammon schlägt vor, das libidotheoretische Modell konsequent zurückzunehmen und den Motor psychischer Dynamik dort zu verorten, wo menschliche Entwicklung faktisch stattfindet: in sozialer Interaktion.
“Sexualität bestimmt nicht das ganze Leben, die ganze Entwicklung und Identität des Menschen, weshalb ich den Begriff der Triebenergie durch den Begriff der Sozialenergie ersetzt habe.”
(Ammon 1982: 4)
Hartmut Rosas Konzept der Resonanz benötigt ein Konzept sozialer Energie
Rosas Ausgangspunkt ist eine Diagnose der modernen Gesellschaft als permanentes Bewegungs- und Steigerungssystem, das trotz – oder gerade wegen – seiner Dynamik zu innerer Erschöpfung führt. Phänomene wie Burn-out, Entfremdung und Vereinsamung erscheinen dabei nicht als individuelle Störungen, sondern als strukturelle Folgen gesellschaftlicher Verhältnisse. Rosa sieht da sein Konzept der Resonanz gefordert: Menschen treten in eine wechselseitige Beziehung, die weder vollständig kontrollierbar noch dauerhaft verfügbar ist.
“Resonanz ist eine durch Affizierung und Emotion, intrinsisches Interesse und Selbstwirksamkeitserwartung gebildete Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren.”
(Rosa 2017: 298)
Resonanz beschreibt dabei kein bloßes Harmonieideal, sondern ein relationales Geschehen unter Bedingungen von Unterschiedlichkeit. Zu große Nähe wie zu große Distanz verhindern Resonanz gleichermaßen. Rosa veranschaulicht dies mit dem Bild schwingender Instrumente: Nur hinreichend ähnliche, aber nicht identische Systeme können aufeinander reagieren. Resonanz ist damit weder selbstverständlich noch garantiert – sie entsteht situativ, bleibt fragil und entzieht sich klarer Messbarkeit. Genau hier öffnet sich jedoch eine theoretische Leerstelle: Wenn Resonanz Energie freisetzt oder trägt, stellt sich die Frage nach der Herkunft dieser Energie.
“In meinem Buch ‘Resonanz’ habe ich eine Soziologie gelingender Weltverhältnisse formuliert, und die Frage nach der sozialen Energie setzt hier neu an: Die erst noch zu leistende begriffliche Arbeit der Soziologie besteht darin, die Bedingungen zu bestimmen, unter denen der Fluss sozialer Energie im sozialen Leben, im politischen Handeln, in der Arbeit und im Konsum zu zirkulieren beginnt und wodurch er blockiert wird – oder aber so umgeleitet, dass er destruktive Formen annimmt”(Rosa 2024)
“In einer Atmosphäre der (völligen) Harmonie oder Konsonanz finden weder eine Berührung noch eine selbstwirksame Antwort und erst recht keine Transformation statt. Diese ereignen sich allerdings auch in einer entgegengesetzten Beziehung der radikalen Dissonanz nicht: Wo sich das begegnende Andere ausschließlich widersetzt und auf keine Weise erreichen lässt, ist kein resonantes In-Beziehung-Treten möglich, wohl aber ein (wechselseitig) verletzendes, das sich gegenüber der Berührung gerade zu verschließen sucht.”
(Rosa 2019: 21)
Rosa begegnet dieser Frage, indem er den Energiebegriff selbst historisch und kulturvergleichend reflektiert. Er konstatiert, dass westliche Philosophie Energie erstaunlich selten als grundlegende Kategorie behandelt hat, während andere kulturelle Traditionen sie ins Zentrum ihres Denkens stellen. Vor dem Hintergrund ökologischer Krisen und gesellschaftlicher Erschöpfung erscheint es ihm sinnvoll, Energie nicht nur technisch oder ökonomisch, sondern relational und ethisch mitzudenken.
Verbindung der sozialenergetischen Konzepte von Hartmut Rosa und Günther Ammon
Sozialenergie lässt sich als Feld begreifen, das Resonanz überhaupt erst ermöglicht: Menschen treten in Schwingung miteinander, wenn bestimmte relationale Bedingungen erfüllt sind. Diese Perspektive erweist sich als besonders hilfreich, um transgenerationale Prozesse zu verstehen. Im Vergleich zu rein intrapsychischen Erklärungsmodellen gewinnt diese Sicht eine besondere Plausibilität. Die Weitergabe psychischer Belastungen muss nicht als rätselhafter innerer Mechanismus verstanden werden, der gleichsam „von außen“ in ein geschlossenes System eindringt. Vielmehr vollzieht sie sich kontinuierlich über Beziehung, Bindung und soziale Dynamik. Sozialenergie fungiert hier als vermittelndes Prinzip, das individuelle Psyche, Gruppe und Gesellschaft miteinander verbindet.
Damit schließt sich schließlich auch die Brücke zwischen Ammon und Rosa. Während Rosa von gesellschaftlichen Beschleunigungs- und Resonanzverhältnissen ausgeht und nach der Quelle sozialer Energie fragt, entwickelt Ammon sein Konzept aus der klinischen Arbeit und der Weiterentwicklung psychoanalytischer Modelle. Beide Perspektiven treffen sich in der Annahme, dass psychische Lebendigkeit nicht isoliert im Individuum entsteht, sondern in Begegnung, Beziehung und gemeinschaftlichen Strukturen. Sozialenergie wird so zu einem verbindenden Konzept zwischen intrapsychischer Dynamik, therapeutischer Praxis und gesellschaftlicher Analyse.
Literatur
Ammon, Günter (1982): Das sozialenergetische Prinzip in der Dynamischen Psychiatrie. In: Ammon, Günter (Hrsg.), Handbuch der Dynamischen Psychiatrie, Band 2. München: Ernst Reinhardt Verlag, 4–25.
Freud, Sigmund (1922): Der Sinn der Symptome. In: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 3. Aufl. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 263–281. Text abrufbar unter: https://archive.org/details/freud-1922-vorlesungen-taschenausgabe/page/262/mode/2up (Zugriff am 24.1.2025).
Freud, Sigmund (1933): Angst und Triebleben. In: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 112–153. Text abrufbar unter: https://archive.org/details/Freud_1933_Neue_Folge_k.
Rosa, Hartmut (2017): Resonanz: eine Soziologie der Weltbeziehung. 7. Aufl. Berlin: Suhrkamp.
Rosa, Hartmut (2019): Resonanz als Schlüsselbegriff der Sozialtheorie. In: Wils, Jean-Pierre (Hrsg.), Resonanz: Im interdisziplinären Gespräch mit Hartmus Rosa. Baden-Baden: Nomos, 11–32.
Rosa, Hartmut (2024): Soziale Energie: „Diese Kraft zu verstehen, ist überlebenswichtig für uns alle“. Erfurt: Forschungsblog der Universität Erfurt. Text abrufbar unter: https://www.uni-erfurt.de/forschung/aktuelles/forschungsblog-wortmelder/soziale-energie-diese-kraft-zu-verstehen-ist-ueberlebenswichtig-fuer-uns-alle (Zugriff am 21.12.2024).
Zepf, Siegfried/Zepf, Florian D. (2007): Libido und psychische Energie. In: Forum der Psychoanalyse, Springer Medizin Verlag GmbH, 23, 315–329.











