Kunst spielt im Werk des Autors Stefan Hertmans eine große Rolle. Kein Wunder, lehrte er doch jahrzehntelang an verschiedenen Kunstschulen, vor allem in seiner Heimatstadt Gent.
In Deutschland wurde er mit seinem essayistischen Roman „Krieg und Terpentin“ bekannt, in dem er von seinem Großvater erzählte, der große Gemälde haarklein kopierte.
In seinem neuen Roman „Dius“ geht es nun um die Freundschaft zwischen dem Kunsthistoriker Anton und dem Künstler Dius, der anfangs noch bei Anton studiert.
Der Student wird Meister seines Lehrers
Doch die Rollen der beiden sind weniger festgelegt, als es scheint. Schließlich ist es Student Dius, der Dozent Anton in sein Haus auf dem Land einlädt. Ein schöne Ateliersituation für zwei junge Männer. Die beiden werden Freunde.
„Es entwickelt sich zwischen den beiden eine Dynamik“, erklärt Stefan Hertmans im Gespräch mit SWR Kultur, „die sehr intensiv wird. Der Student wird der Meister seines Lehrers. Das ganze Verhältnis kehrt sich um. Es ist Dius, der die Fäden zieht, und es ist Anton, der folgt.“
So geht es viele Jahre, bis Dius eine Italienerin heiratet und nach Bergamo zieht. Anton bleibt in Gent zurück.
„In mir gibt es auch einen Dius.“
Stefan Hertman hat das Buch einem Freund gewidmet, der ihn „durch seine Lebensweise und durch seine vielen Talente zu dieser Geschichte inspiriert hat“.
Sieht sich Hertmans selbst eher in dem klugen, aber unsicheren Erzähler Anton oder in dem genialischen Künstler Dius?
„Ich bin nicht so ein Zögerer wie Anton“, sagt Hertmans. „Es gibt auch einen Dius in mir, der es wagt, kopfüber so einen Roman über eine so erhabene Freundschaft zu schreiben.“
Keine Angst vor Pathos
Trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere streben beide Männer nach dem Erhabenen. „Pathos konnte ich noch nie widerstehen“, gesteht Anton einmal, als er Mahlers „Lied von der Erde“ hört. Ist ein Gefühl von Erhabenheit denn nichts als eine alberne Seelenschwellung? Nein, findet Stefan Hertmans.
„Wir müssen uns fragen: Was ist mit unserer Ironie?“, sagt er. „Ist es nicht feige, immer ironisch zu sein und nichts eindringen zu lassen? Angesichts von Malerei oder einem Musikstück, muss man sich doch fragen: Was sagt mir das über meine Existenz?“
In der Tat hören Anton und Dius gemeinsam viel Musik. „Leserinnen und Leser haben schon Playlists von der polyphonen Musik dieses Romans auf Spotify angelegt“, freut sich Hertmans.
Wenn Literatur mit Malerei konkurriert
Doch ist dies vor allem ein Roman über bildende Kunst, ein Stück erzählte Malerei. Stefan Hertmans kann Szenerien sehr lebendig beschreiben.
Wichtig sind im Roman die flämischen Polderlandschaften mitsamt ihrer enormen Himmel und wechselnden Wetterlagen.
„Das nennt man Ekphrasis“, sagt Stefan Hertmans. „Man muss in der Literatur mit Malerei und Musik konkurrieren. Und wie tut man das? Indem man sehr gute Beschreibungen schafft.“ Weshalb er auch landschaftliche Verschandlungen der Gegenwart deutlich benennt.
Stefan Hertmans las in der Berliner Gemäldegalerie
Diese Beschreibungen legt Hertmans seinem eloquenten Erzähler Anton in den Mund. Mehrfach erleben wir ihn als Dozent an der Kunsthochschule. Dazu gehört auch eine Vorlesung zum Werk des venezianischen Renaissance-Malers
Vittore Carpaccio.
Passend dazu gab Stefan Hertmans kürzlich eine Lesung in der
Berliner Gemäldegalerie, wo noch bis zum 6. April 2026 eine „Hommage an Vittore Carpaccio“ stattfindet.
Anlässlich der aufwändigen Restaurierung der „Grabbereitung Christi“ zeigt die Gemäldegalerie zwei große Carpaccio-Gemälde aus der eigenen Sammlung. Stefan Hertmans hat sie sich natürlich angesehen.
Was Vittore Carpaccio von den Flamen lernte
„Für mich ist es immer sehr feierlich, Carpaccios zu sehen“, sagt Hertmans. „In meinem Roman spielt sein Gemälde „Junger Ritter in einer Landschaft stehend“ eine besondere Rolle. Das kann man im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid sehen. Ich bin viel gereist, um die überall auf der Welt verstreuten Carpaccios zu sehen.“
Deswegen freut er sich über die restaurierte „Grabbereitung Christi“ in Berlin. „Interessant ist auch, dass Carpaccio der erste Venezianer war, der in der großen klaren Linie der Flamen malte. Das hat er gelernt von Van Eyck und von Rogier van der Weyden.
Vielleicht hat er sich auch einige Bruegels angesehen, weil es auch bei ihm einige skurrile Hintergrundfiguren gibt. In der „Grabbereitung Christi“ gibt es zum Beispiel einen Schädel mit Hand, die grüßt.“