
SWR Kultur lesenswert - Literatur Thorsten Nagelschmidt – Nur für Mitglieder | Buchkritik
Oct 19, 2025
04:09
Manche Menschen können gar nicht genug davon bekommen. Deshalb kaufen sie schon im September Lebkuchen und Spekulatius, spätestens im November ertönt das erste Mal „Last Christmas“ von Wham. Die Wohnung wird aufgerüstet wie ein Showroom von Käthe Wohlfahrt, Leuchtsterne und Lichterketten baumeln im Fenster, während der Tannenbaum unter dem Gewicht der Kugeln zu kippen droht.
Zwischen Kitsch und Kindheitssehnsucht
Weihnachten ist die ultimative Flucht ins verlorene Paradies der Kindheit, ein eher säkulares Versprechen auf ein harmonisches Miteinander, das selten eingelöst wird. Und doch lädt sich das Fest jedes Jahr von Neuem mit Erwartungen und Sehnsüchten auf, denn süßer die Glocken nie klingen. Und dann gibt es Menschen wie Thorsten Nagelschmidt.Ich saß daheim und mir ging’s beschissen. Weihnachten rückte näher, ich war allein, die Panik stieg. Ich versuchte, mich abzulenken, mir etwas Gutes zu tun, und verbrachte einen Nachmittag im Liquidrom. Danach ging ich in einem von Helenas und meinen Lieblingslokalen essen, doch die im Modus der Halbironie zelebrierte Weihnachtsfeier eines sich betont flachhierarchisch gebenden Architekturbüros am Nebentisch ging mir dermaßen auf den Sack, dass ich kurz davor war, aufzuspringen und die affektiert vor sich hin gackernden Kollegen und Kolleginnen zu bitten, endlich mal die Schnauze zu halten.“Quelle: Thorsten Nagelschmidt – Nur für Mitglieder
Wenn Weihnachten zur Krise wird
Das Unbehagen an der Weihnachtskultur: Für Thorsten Nagelschmidt hat sich die heillose Missstimmung über die Jahre maßlos gesteigert. Dem mit einer depressiven Grundkonstitution ausgestatteten Autor hilft irgendwann nichts und niemand mehr. Der komplette Zusammenbruch ist nah. Weihnachten wird zum Auslöser einer tiefgreifenden Krise und Verstörung:Nie wieder Weihnachten in Deutschland, hatte ich mir geschworen, als ich wieder halbwegs beieinander war, nie wieder Weihnachten ohne eine Aufgabe.Quelle: Thorsten Nagelschmidt – Nur für Mitglieder
Flucht ins All-Inclusive und Binge-Watching
Die Lösung erscheint auf den ersten Blick kaum dazu angetan, der Depression zu entkommen: Nagelschmidt hat die Idee, eine Bildungslücke zu schließen und alle 86 Folgen der legendären Serie „The Sopranos“ in elf Tagen zu schauen. Acht Stunden Binge-Watching täglich, beginnend am 14. Dezember. Allerdings nicht auf dem heimischen Sofa. Er bucht sich in einem All-Inclusive-Hotel auf Gran Canaria ein – auf der Royal-Level-Ebene, in der keine Kinder zugelassen sind und das Essen etwas gehobeneren Ansprüchen genügt. Ein spezielles Armband gewährt den Zugang zu den exklusiveren Wellness-Bereichen: nur für Mitglieder. „Nur für Mitglieder“ heißt auch das Buch, das aus der Flucht vor Weihnachten in die Urlaubsvorhölle entstanden ist. Dieser Bericht ist Tagebuch, Memoir, Milieustudie, Reisereportage, Anti-Weihnachtsgeschichte in einem.Das seltsame Gefühl, wieder aufzutauchen in die … ja in was denn eigentlich? Ich wollte in die ‚wirkliche Welt‘ schreiben, aber das passt ja nun auch nicht, denn so eine Freiluftparzelle im siebten Stock eines All-Inclusive-Resort-Hotels am Rande einer aus dem Boden gestampften autogerechten Touristenenklave am südlichen Zipfel einer Spanien zugehörigen Insel im Atlantik – wie die wirkliche Welt kommt mir das auch nicht gerade vor.Quelle: Thorsten Nagelschmidt – Nur für Mitglieder
