Arbeit: Die Geschichte von Work-Life-Balance und Lohnarbeit
May 26, 2022
auto_awesome
In dieser Folge sind Historikerin Alexandra Jaeger, die sich mit der Geschichte der Arbeit beschäftigt, und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil zu Gast. Sie diskutieren die Evolution des Arbeitsbegriffs von der Antike bis heute. Interessant sind die Unterschiede in der Wertschätzung von bezahlter und unbezahlter Arbeit sowie die Herausforderungen von Work-Life-Balance in der modernen Arbeitswelt. Auch die Auswirkungen der Pandemie auf Arbeitsmodelle und die Rolle der psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz kommen zur Sprache.
Die Industrialisierung führte zu massiven Veränderungen in den Arbeitsbedingungen, was auch soziale Ungleichheiten und Ängste um Arbeitslosigkeit verstärkte.
Die gesundheitlichen Folgen von Überarbeitung sind in der heutigen Gesellschaft akut, wobei lange Arbeitszeiten oft mit schwerwiegenden Erkrankungen verbunden sind.
Die Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen gewinnt an Bedeutung, da es als Möglichkeit zur Förderung individueller Freiheit und gegen ausbeuterische Arbeitsbedingungen betrachtet wird.
Deep dives
Die Auswirkungen der Industrialisierung auf die Weber
Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert führte zu einer massiven Veränderung der Arbeitsbedingungen für die Weber in Schlesien. Mit der Einführung mechanischer Webstühle konnten Fabriken Stoffe deutlich günstiger produzieren, was dazu führte, dass die Löhne der traditionellen Weber sanken. Viele Weberinnen und Weber verloren ihre Arbeit oder hatten Angst vor der Arbeitslosigkeit. Der Schlesische Weberaufstand von 1844 markiert einen der ersten bedeutenden Streiks in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, der größtenteils von Frauen organisiert wurde.
Überarbeitung und die Gefahren von zu viel Arbeit
Die Diskussion über Überarbeitung und deren gesundheitlichen Folgen wird in der heutigen Gesellschaft immer relevanter. Der Anstieg von Herzinfarkten und Schlaganfällen wird mit langen Arbeitszeiten von über 55 Stunden pro Woche in Verbindung gebracht. In Japan gibt es den Begriff 'Karoshi', der für den Tod durch Überarbeitung steht. Diese Problematik zeigt, dass viele Menschen zwar hart arbeiten, jedoch oft nicht ausreichend für ihren Lebensunterhalt verdienen können.
Die politische Dimension der Arbeit
Arbeit ist nicht nur eine wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern auch ein politisches Thema, das Wahlen beeinflusst. Aspekte wie Arbeitszeiten, Tarifverträge und neue Arbeitsmodelle sind entscheidend für die Lebensqualität der Menschen. Das Gefühl von sozialer Zugehörigkeit und Wertschätzung wird durch die Arbeit gestärkt, was eine tiefere Verbindung zu einem Beruf schaffen kann. Dennoch zeigt die Erfahrung, dass der Verlust von Arbeit schwerwiegende psychische und physische Folgen haben kann.
Die Verwandlung des Arbeitsbegriffs über die Jahrhunderte
Die Definition von Arbeit hat sich über die Jahrhunderte hinweg erheblich verändert, beginnend in der Antike, als körperliche Arbeit gering geschätzt wurde. Mit der Aufwertung der Arbeit im Christentum und der industriellen Revolution begannen Menschen, Arbeit als eine Möglichkeit zu betrachten, zur Gesellschaft beizutragen. Die Gesellschaft entwickelte sich hin zu einem höheren Maß an Arbeitsteilung und Spezialisierung. Die Perspektive, dass Muße und reflektiertes Leben dem wahren Glück zugrunde liegen, wurde durch den Druck der industriellen Arbeitswelt in den Hintergrund gedrängt.
Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen
Das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens wird zunehmend diskutiert als eine Möglichkeit, wirtschaftliche Unsicherheit zu verringern und individuelle Entfaltung zu fördern. Befürworter sehen darin eine Chance, den Menschen mehr Freiheit zu geben, 'Nein' zu sagen zu ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. Der Gedanke ist, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben sollte, ein würdiges Leben zu führen, ohne gezwungen zu werden, in prekären Verhältnissen zu arbeiten. In Ländern wie Österreich wurden bereits Initiativen gestartet, um diese Idee politisch zu diskutieren.
Mit Historikerin Alexandra Jaeger und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil
Arbeit ist im Leben von uns Menschen unglaublich wichtig. Mit Lohnarbeit verdienen wir unser Geld und sichern unsere Lebensgrundlage. Doch Arbeit ist viel mehr als das. Mit Arbeit nehmen wir am sozialen Leben teil und nicht selten ist identifizieren wir uns mit der Arbeit, die wir täglich verrichten. Schauen wir in die Geschichte, sehen wir: Arbeit ist im stetigen Wandel. Heute sprechen wir von New Work, Work-Life-Balance und Cloudworking. Die 35-Stunden-Woche ist für viele kein Traum mehr wie noch für die Industriearbeiter im 19. Jahrhundert. Und auch Freizeit, die Muße, gehörte immer schon zu einer Vorstellung vom guten Leben dazu. In dieser Folge blicken wir zurück in die Geschichte und fragen: Wie hat sich Arbeit in den vergangenen Jahrhunderten verändert? Seit wann spricht man von Freizeit als Gegensatz zur Arbeitszeit? Und stimmt es, dass die Menschen im Mittelalter deutlich weniger gearbeitet haben als heute? Und was gehört eigentlich alles zur Arbeit dazu?
Literatur:
Arendt, H. (2007): Vita activa oder Vom tätigen Leben; München/Zürich, 5. Aufl. Externer Link:BITKOM Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V (2013): Arbeit 3.0. Arbeiten in der digitalen Welt.
Böhle, F. / Voß, G. G. / Wachtler, G. (Hrsg.) (2010): Handbuch Arbeitssoziologie; Wiesbaden, 1. Auflage.
Conze, W. (1972): Arbeit. In: Brunner, O. / Conze, W. / Koselleck, R. (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland; Stuttgart, Band 1, S. 154-215.
Kocka, J. / Offe, C. (Hrsg.) (2000): Geschichte und Zukunft der Arbeit; Frankfurt/New York.
Lafargue, P. (o.J.): Das Recht auf Faulheit u.a. ausgewählte Texte; Wien/Berlin, S. 5-80.
Oschmiansky, F. / Schmid, G. / Kull, S. (2003): Faule Arbeitslose? Politische Konjunkturen und Strukturprobleme der Missbrauchsdebatte. In: Leviathan 1, S. 3-31.
Rifkin, J. (1996): Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Frankfurt am Main 1996.
Stübinger, E. (2019): Die Digitalisierung der Arbeitswelt als wirtschafts- und sozialethische Herausforderung. Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik 20/2 2019. S. 203-230.
Walther, R. (1990): Arbeit - Ein begriffsgeschichtlicher Überblick von Aristoteles bis Ricardo. In: Leviathan SH 11; S. 3-25.
Suzman, J. (2022): Sie nannten es Arbeit. Eine andere Geschichte der Menschheit. Vom Faustkeil zum Handy. 4. Aufl. München, C.H. Beck.
Holloway, J. u. E. Thompson. (2007): Blauer Montag. Über Arbeit und Arbeitsdisziplin. Neuaufl. Von 1967. Hamburg, Nautilus.
Für Themenvorschläge oder Feedback:
terrax-online@zdf.de
„Terra-X-Geschichte – der Podcast“ findet ihr jeden zweiten Freitag auf www.terra-x.zdf.de und überall, wo es Podcasts gibt.