
Alles Geschichte - Der History-Podcast AUF UNBEKANNTEM TERRAIN - Bronislaw Malinowski, der Mann im Pazifik
Die Welt kann auch komplett anders funktionieren, als wir gemeinhin meinen. Das hat der Ethnologe Bronislaw Malinowski gezeigt. Er hat Anfang des 20. Jahrhundert auf abgelegenen Inseln im Pazifik gewohnt, hat die Sprache der Trobriander gelernt und hat ihren Alltag präzise beobachtet. Von Bettina Weiz (BR 2018)
Credits
Autorin: Bettina Weiz
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Christiane Roßbach
Technik: Regina Staerke
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Dr. Gunter Senft, Prof. Dr. Bettina Beer
Besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD: Gold & Asche: Projekt Versicherungen
Im Podcast “Gold & Asche: Projekt Versicherung" führen Antonia Mannweiler und Till Bücker in neun Folgen durch die komplizierte Welt der Versicherungen. Welche Versicherungen sind Pflicht – und auf welche kann man verzichten? Dafür haben sie mit zahlreichen Experten gesprochen: Versicherungsexperten, Professorinnen, Verbraucherschützer und Journalistinnen teilen ihr Wissen und geben wertvolle Einblicke in die Welt der Versicherungen. ZUM PODCAST
Linktipps:
SWR (2023): Feldforschung vor der eigenen Haustür – Die Ethnologin Juliane Stückrad
Juliane Stückrad wollte eigentlich in Lateinamerika forschen, doch ihre ostdeutsche Heimat fand sie interessanter. In ihrem vielbeachteten Buch "Die Unmutigen, die Mutigen" zeigt sie Arbeits- und Lebenswelten im Wandel. JETZT ANHÖREN
ARD (2024): Papua-Neuguinea extrem – Hölle oder Paradies?
Ein krasses Land! Papua-Neuguinea ist gefährlich, unberechenbar, faszinierend – und manchmal furchteinflößend. ARD-Korrespondent Florian Bahrdt und sein Team sind auf einem Roadtrip durchs Hochland von Papua-Neuguinea. Reisen dort ist eine mühsame Strapaze. Und sehr riskant. Brutale Kämpfe zwischen den Dörfern fordern täglich Tote und Verletzte. Raubüberfälle und Straßensperren sind an der Tagesordnung. Aber Papua-Neuguinea ist so viel mehr: „Expect the unexpected! Erwartet das Unerwartete!“, rät Mundiya Kepanga. Der Chief, der sich gerne im traditionellen Outfit zeigt und mühelos zwischen Regenwald und Klimakonferenzen wechselt, zeigt dem Team bedrohte und lebenswichtige Naturschätze der Insel. Warum ist Papua-Neuguinea noch so einzigartig? ARD-Korrespondent Florian Bahrdt sucht Antworten - und zwar dort, wohin sonst kaum jemand geht. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
JETZT ENTDECKEN
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ATMO und MUSIK
Erzählerin:
Es ist Sommer 1914. Ein Schiff dampft über die Weltmeere, an Bord: ein dreißigjähriger Herr.
ATMO Schiffströte & Wellen
Erzählerin:
Er ist schlank, hat ein langes, schmales Gesicht, eine hohe Stirn, sinnliche Lippen und eine kleine, runde Brille: Bronislaw Malinowski. Ein Wissenschaftler durch und durch. Er hat in Krakau Mathematik und Physik studiert und ist Doktor der Philosophie geworden. An der Universität Leipzig hat er sich mit Psychologie und Wirtschaft befasst. Und dann hat er in London noch ein Studium abgeschlossen – das der Völkerkunde. Nun hat er einen Job auf einer Wissenschaftler-Konferenz ergattert. Deshalb ist er auf dem Dampfer. Die Konferenz findet nämlich in Australien statt, und immerhin kommt er so günstig ans andere Ende der Welt.
MUSIK
Erzählerin:
Genau an dem Tag, an dem die Konferenz beginnt, bricht der Erste Weltkrieg aus. Plötzlich befindet sich Bronislaw Malinowski in Feindesland. Als Pole ist er Bürger der Donaumonarchie und damit Kriegsgegner Englands, zu dem Australien damals gehört. Die Regierung lässt ihm die Wahl: zurück nach Europa, also in den Krieg, oder in die Südsee. Malinowski wählt die Südsee. Er fährt nach Papua Neu Guinea und forscht – erst auf dem Festland, dann auf einer vorgelagerten Insel, dann noch weiter weg, so der Sprachwissenschaftler Gunter Senft, der selbst über Jahrzehnte in der Gegend gearbeitet hat.
1. Zsp. (Gunter Senft)
Daraufhin hatte ihm sein Doktorvater Seligman da empfohlen, da auf die Rossell-Insel zu fahren, eine ganz weit abgelegene Insel in der Solomon-See, und auf dem Weg auf diese Inseln hat er eine Einladung von einem Offizier angenommen, ihn auf den Trobriand-Inseln zu besuchen. Das hat den damaligen Oberbefehlshaber und Verwalter der Kolonie Neu Guinea, Sir Hubert Murray, derart aufgeregt, dass er schon wieder ein eigenwilliges Experiment gemacht hat, dass er Malinowski angeordnet hat, er MUSS jetzt auf den Trobriand bleiben und dort Forschung betreiben. Wir verdanken also die Tatsache, dass wir diese exzellente Ethnographie über die Trobriand-Insulaner von Malinowski haben, der Tatsache, dass ein Verwaltungsbeamter verärgert über ihn war und ihn dort hat sitzenlassen.
Erzählerin:
Eine Ethnographie ist die Beschreibung des Lebens von Leuten, die die Welt anders verstehen und andere Dinge tun als man selbst. Die Völkerkundler vor Bronislaw Malinowski hatten auch Ethnographien verfasst – aber die Informationen dafür hatten sie meist aus zweiter oder dritter Hand. Einer der Großen von ihnen soll auf die Frage, ob er jemals persönlich einen Wilden, wie man damals sagte, getroffen habe, geantwortet haben: „Gott bewahre!“. Er bekam seine Daten, mit Hilfe von Fragebögen und von Kolonialbeamten und Missionaren, die wiederum einzelne Dorfbewohner zu sich auf die Verandas kommen ließen und diese befragten.
MUSIK
Erzählerin:
Zunächst hatte auch Malinowski bei anderen Europäern gewohnt, die es in die Südsee verschlagen hatte. Er hatte abends bei ihnen zu Grammophonmusik Walzer getanzt und tagsüber im Dorf nebenan Frauen mit Baströcken bei Zeremonien zu Trommelrhythmen beobachtet. Aber immer mehr ärgerte er sich über Kolonialbeamte, die den Leuten in den Dörfern zum Beispiel die Schweinehaltung verboten oder Missionare, die ihnen ihre Religion ausreden wollten – und die Leute nicht verstanden. Da machte er aus der Not, dass er wegen des Krieges vier Jahre lang in der Südsee festsaß, die Tugend, dass er die Kulturen anders erforschte als die Kollegen vor ihm: vor Ort, im Felde, wie man damals sagte, kurz: in einer Feldforschung statt im Lehnstuhl zuhause oder von der Veranda anderer Weißer aus, weiß die Luzerner Völkerkunde-Professorin Bettina Beer.
3. Zsp. (Bettina Beer)
Häufig wurden eben auch die Sachen beschrieben, die ganz besonders waren. Also Kopfjagd, Kannibalismus, Dinge, die gruselig waren oder komisch oder erschreckend, und er hat eben gesagt, um verstehen zu können, wie die Lebensweise von den Menschen ist, muss man sich eigentlich mit allem beschäftigen, auch mit dem ganz Banalen, mit dem Alltäglichen.
Erzählerin:
Bronislaw Malinowski beschreibt, wie er jeden Morgen unter seinem Moskitonetz hervorkroch und einen Spaziergang durchs Dorf machte, wie er dabei sah, wie vor den palmblattgedeckten Hütten Essen gekocht wurde, Kinder spielten, Paare sich stritten oder sich liebten, wie er in den Gärten bei der Yams-Ernte war, an Fischzügen auf den kunstvoll gebauten Katamaran-Segelbooten teilnahm oder mit den Leuten Kämme schnitzte, wie er sich am Abend lange am Feuer mit ihnen unterhielt, scherzte und bei spannenden Geschichten mitfieberte – und wie er dadurch viel mehr verstand, als wenn er nur für ein paar Stunden am Tag einen bezahlten, lustlosen Informanten befragt hätte. Selbstverständlich lernte der polnische Kulturforscher dabei auch die Sprache der Trobriander, das Kiliwila. Und zwar ohne dass er dafür Lehrer, Kurse oder Sprachbücher zur Verfügung gehabt hätte, betont der Sprachwissenschaftler Gunter Senft.
4. Zsp. (Gunter Senft)
Er musste unglaublich sprachbegabt gewesen sein, das stammt wirklich auch aus der Jugend her, seine Mutter hatte ihn ausgesprochen stark gefördert, sein Vater selber war auch Sprachwissenschaftler, der war Dialektologe an einer polnischen Universität, und Malinowski hat schon mit etwa 18 oder 20 Jahren Italienisch, Latein, Englisch, Französisch, Deutsch gesprochen. Ich hab die erste Grammatik des Kiliwila geschrieben – bei meinem Versuch, Informationen über grammatische Strukturen in der Literatur zu finden, waren die einzigen verlässlichen Daten die Aufzeichnungen von Malinowski.
MUSIK
Erzählerin:
Bronislaw Malinowski war in einer gelehrten polnischen Familie im multikulturellen Habsburgerreich groß geworden. Er hatte im großstädtischen Krakau gewohnt, wo die Gebildeten Deutsch sprachen. Er hatte aber auch viel Zeit auf dem Land verbracht, wo polnisch gesprochen wurde. Er beschreibt, wie er als Achtjähriger in zwei völlig unterschiedlichen kulturellen Welten gelebt habe, zwei Sprachen gesprochen habe, Essen aus zwei unterschiedlichen Küchentraditionen verzehrt und zwei verschiedene Tischmanieren befolgt habe, zwei verschiedene Codes von Verschwiegenheit und Feinheiten beherrscht habe, auf zwei unterschiedliche Arten Spaß gehabt habe. Er habe auch zwei religiöse Weltsichten, Glauben und Praktiken gelernt und mitbekommen, dass es unterschiedliche Vorstellungen von Moral und Sexual-Sitten gab.
ATMO SÜDSEE
Erzählerin:
Er konnte also von Haus aus mit kultureller Verschiedenheit umgehen und verstand auch, dass „Kultur“ mehr ist als Malerei, Musik, Kunst und Bücher. Dementsprechend beobachtete er, als er in der Südsee war, alle Aspekte des Lebens und verfolgte nicht wie mit Scheuklappen ein vorgefasstes Forschungsthema. Auch das ist ein Qualitätsmerkmal guter Feldforschung, unterstreicht die Völkerkundeprofessorin Bettina Beer.
5. Zsp. (Bettina Beer)
Es ist der Aspekt des Sich-Hineinbegebens, des zwar Ein-Thema-Verfolgens, aber doch sich auch dem Überlassens, was vor Ort passiert. Dass man also, auch wenn man fertige Fragestellungen hat, dennoch die nicht stur verfolgt, sondern sich auch von dem leiten lässt, was für die Menschen vor Ort entscheidend, wichtig, gerade brisant ist und nicht an seinem Thema klebt.
MUSIK
Erzählerin:
Umfassend. Unvoreingenommen. Präzise. Vor Ort. Das sind seit Bronislaw Malinowski bis heute wichtige Grundsätze für die wissenschaftliche Erkundung anderer Kulturen, für die Feldforschung. Die Ergebnisse hat Bronislaw Malinowski in einem Dutzend Büchern veröffentlicht. Sein berühmtestes Werk heißt „Argonauten des westlichen Pazifik“. Es beschreibt kula, einen Tauschhandel, der auf den ersten Blick als sinnlose Mühe erscheint: Männer begeben sich dafür auf höchst teure und lebensgefährliche Seereisen, zu Inseln, die teils Hunderte von Kilometern entfernt sind und auf denen Leute mit fremder Sprache und Kultur wohnen. Dabei werden von Insel zu Insel im Uhrzeigersinn lange Halsketten aus roten Muscheln weitergegeben. In Gegenrichtung gehen Armreifen aus durchbrochenen Muscheln. Ihr praktischer Nutzen steht dabei im Hintergrund – die meisten Armreifen sind zum Beispiel zu klein, um über den Arm eines Erwachsenen zu passen. Manche Ketten gelten als viel zu wertvoll, um getragen zu werden. Höchstens bei ganz besonderen Zeremonien stellt man sie zur Schau – Bronislaw Malinowski vergleicht sie mit den Kronjuwelen der Königin von England, die gewöhnlich gut bewacht im Londoner Tower lagern. Aber anders als diese darf eine Kette oder dürfen Armreifen im kula-Tauschhandel höchstens ein paar Jahre lang im Besitz ein- und desselben Mannes sein. Dann muss er sie weitertauschen. Der Feldforscher beschreibt, wie Trobriander dafür kunstvolle Kanus bauten und sich aufwändig vorbereiteten, welche Nebengeschäfte mit praktischen Handelswaren sie dabei machten, und besonders, was für eine überragende Rolle dabei magische Rituale spielten. Die standen für die Teilnehmer an dem weitläufigen Handel sogar im Vordergrund. Aber die praktischen Effekte waren auch groß, weiß der Südsee-Spezialist Gunter Senft.
6. Zsp. (Gunter Senft)
Damit haben sich die Trobriander in einer See, die so hoch gefährlich ist – also „der Pazifik“ ist ein sehr gefährlicher Ozean, da haben sie sich ein Netz geschaffen, das über Handelsbeziehungen auch eine Lebensversicherung ist, sozusagen, denn wenn diese Leute auf ihren Auslegerbooten dann tatsächlich auch mal in schwere See kamen und Schiffbruch erlitten haben, konnten sie, wenn sie eine Insel erreicht haben und an Land gehen konnten, sich da erstmal durchfragen und fragen, ob die Leute vielleicht auch in diesem Kula-Handel waren. Wenn die Leute in dem Kula-Handel waren, dann waren sie verpflichtet, diesen Leuten Gastrecht zu geben, vor allem dann, wenn sie auch noch die gleichen Gegenstände mal besessen hatten, und damit war gewährleistet, dass Schiffbrüchige, die es geschafft hatten, an Land zu kommen, in irgendeiner Art und Weise von ihren kula-Partnern wieder so geholfen bekommen hatten, dass man sie wieder zurück zu ihrer Insel gebracht hat.
Erzählerin:
Daneben haben sie mit dem kula-Tauschhandel auch Netzwerke geknüpft und Plattformen für den internationalen Austausch geschaffen. Ähnlich leisten das auf anderer Ebene die Welthandelsorganisation, die G20 oder internationale Handelsabkommen. In solchen ist längst auch Papua Neu Guinea Mitglied. Den alten kula-Tauschhandel, der den Beteiligten auch Ehre verleiht und der persönliche Bande zwischen ihnen knüpft, gibt es daneben aber immer noch.
7. Zsp. (Gunter Senft)
Ja. Auch wenn die Kanus, die für kula gebraucht wurden, früher, nicht mehr von vielen Leuten gebaut werden können – der kula wird heute teilweise auch mit Fliegern gemacht, dass man also mit kleinen Maschinen der Milne-Bay-Air oder von Air New Guinea von Insel zu Insel fliegt und sich dort trifft und dann den kula-Handel macht, so wie man den früher gemacht hat, als man sich mit Segelbooten noch besucht hat. Heute hat der auch immer noch diese Band-stiftende Funktion. Man kann sagen, Leute, die im kula sind, haben eine ganz bestimmte Beziehung. Und diese Beziehung wirkt sich eben auch aus als – wenn Sie so wollen - als Kartell dieser Leute, die in der Milne-Bay-Provinz miteinander interagieren, helfen sich auch in anderen Situationen. Auch in anderen Gebieten. Die Trobriander beispielsweise, auch wenn die Leute aus der Milne-Bay-Provinz oft in Port Moresby leben, haben sie in Port Moresby, in der Hauptstadt von Papua Neu Guinea, einen ganz eigenen Kreis geschaffen und helfen sich da wie eine kleine Mafia, wenn irgendwo eine Stelle offen ist, dann wird der Trobriander vielleicht einen Menschen von den d'Entrecasteaux-Inseln aus der Milne-Bay-Provinz bevorzugen, als jemanden vom Hochland. Weil er mit diesen Leuten in Beziehung steht.
MUSIK
Erzählerin:
Die Welt kann ganz anders funktionieren kann, als man sich das gemeinhin vorstellt. Das hat Bronislaw Malinowski auch an weiteren Aspekten des Lebens der Trobriand-Insulaner gezeigt. Zum Thema Familie etwa beschreibt er, wie sie ausschließlich über die Linie der Mutter festlegen, mit wem jemand verwandt ist. Wie Kinder oder Jugendliche nicht in Matrosenanzüge oder gebügelte Kleidchen gesteckt werden, wie sie sich auch nicht nur im beaufsichtigten Tanzkurs erlaubterweise sehen und berühren dürfen, sondern wie sie alle Freiheiten genießen. Der Kulturforscher zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der Frauen wie Männer vor der Ehe Sex haben und das auch dürfen – und das ausgerechnet in einer Zeit, in der in Bronislaw Malinowskis Kreisen im heimatlichen Europa außerehelicher Sex für Frauen tabu war. Es war die Geisteshaltung, aus der heraus Menschen ungleiche Rechte zugebilligt wurden: Männern mehr als Frauen, Erwachsenen mehr als Kindern, Weißen mehr als Schwarzen (13’57) Bürger der einen Nation glaubten, sich mehr Rechte herausnehmen zu dürfen als Bürger einer anderen. Dieser Glaube an die eigene Überlegenheit konnte über Leben und Tod entscheiden – im Rahmen des Ersten Weltkriegs und auch von sogenannten Strafexpeditionen in Kolonien.
Erzählerin:
Bronislaw Malinowski ist nicht in den Krieg gezogen. Er beschreibt in seinen Ethnographien die Sitten und Gebräuche der Trobriander, ohne sich darüber zu erheben. Auch was er über seinen Umgang mit trobriandischen Mitarbeitern schreibt, lässt auf kollegialen Umgang schließen, teils sogar auf freundschaftlichen. Aber sein Buch etwa über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen auf Trobriand hat einen Titel, der heute absonderlich klingt: „Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien“, und gleich auf der ersten Seite zeigt ein Foto den Forscher in blütenweißem Hemd und Knickerbockerhosen und mit Tropenhelm, wie er barbusigen Trobrianderinnen, die viel kleiner sind als er und wie angewurzelt dastehen, an die Halsketten fasst. Durchaus typisch, findet die Völkerkundlerin Bettina Beer.
8. Zsp. (Bettina Beer)
Ich sehe ihn als Kind seiner Zeit, kritisch muss man das natürlich schon sehen, weil das auch Ausdruck ist einer bestimmten Haltung den Einheimischen gegenüber, Frauen gegenüber, aber was ich dann doch wieder an ihm interessant finde, ist, dass er in der ganzen Frage der Mythologie der Geschlechterbeziehungen dann doch so weit hat von seinen eigenen Vorstellungen sich hat lösen können, dass er hat nachvollziehen können, wie die Trobriander selbst auch das Ganze erklären.
Erzählerin:
Den Standpunkt des Indigenen, seinen Bezug zum Leben verstehen, seine Sicht seiner Welt – so umreißt Bronislaw Malinowski das Ziel des Forschers. Dabei ist ihm klar, dass verschiedene Trobriander verschiedene Weltsichten haben. In seinen Darstellungen notiert er immer genau, wer ihm welche magische Formel verraten hat, wer ihm geholfen hat, sie zu deuten, woher diese Auskunftgeber stammen und dass das womöglich auf der Nachbarinsel oder von jüngeren oder älteren Trobriandern oder Frauen anders gesehen wird. Doch bei all dieser Differenzierung versucht er, die Kultur der Trobriander als zusammenhängendes Ganzes verständlich zu machen. Heute dagegen würde man die Widersprüche eher stehenlassen und die Vielstimmigkeit betonen.
9. Zsp. (Bettina Beer)
Von seiner theoretischen Ausrichtung her hat er schon sehr stark versucht, die einheimischen Gesellschaften als so integrierte Ganzheiten zu beschreiben, in denen dann die einzelnen Aspekte der Gesellschaft jeweils die Funktion haben, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Und diese theoretischen Überlegungen, die er da so gemacht hat, das ist eigentlich der Aspekt seiner Arbeit, von dem ich sagen würde, der ist heute eigentlich überholt. Wobei eben die Feldforschungsmethodik und die Reflexion der Methodik, das ist, was eher noch Bestand hat.
Erzählerin:
Klar und deutlich schrieb Bronislaw Malinowski in seinen hat ein
10. Zsp. (Gunter Senft)
Ich bewundere ihn als Feldforscher und als Wissenschaftler absolut, aber ich muss auch sagen, wenn ich ganz ehrlich bin, ich bin froh, dass ich ihm nicht begegnet bin, nicht kennengelernt hab. Er muss ein sehr eigenwilliger Mensch gewesen sein, er muss ein sehr herrischer Mensch gewesen sein, er hat seine Studenten wirklich behandelt teilweise wie Kleinkinder, indem er ihnen vorgeschrieben hat, was sie wo mit welchem Farbstift in ihren Aufzeichnungen zu markieren haben, war ein Hypochonder ohne gleichen, er hat in den ganzen Aufzeichnungen seines Tagebuches, die eigentlich dann posthum fast schon als Racheakt von seiner zweiten Frau veröffentlicht wurden, permanent beschrieben, wovor er jetzt schon wieder Angst hat, was für eine Krankheit er hat, er hat schon oft gedacht, er hätte Typhus, Malaria, er hatte das alles nicht gehabt.
Erzählerin:
Tatsächlich ist eine Feldforschung, wie Bronislaw Malinowski sie als Pionier ausgeführt hat, körperlich wie geistig und seelisch anspruchsvoll.
11. Zsp. (Gunter Senft)
Wenn man diese Bilder mit den weißen Sandstränden sieht von der Südsee, das ist alles wunderbar, sieht idyllisch aus, aber was auf diesen Bildern nicht abgebildet sind, das sind die Sandflöhe, die einem ganz schön zusetzen können.
MUSIK & ATMO Insekten
Erzählerin:
Bronislaw Malinowski selbst erwähnt in seinem Tagebuch ekelhafte Flöhe, grausame Moskitos und sein Grauen vor der Hitze und Schwüle der Tropen. Er notiert auch, wie er sich einfach nicht davon losreißen konnte, Romane wie „Der Graf von Montechristo“ zu lesen, um sich so gedanklich nach Europa zu flüchten. Es geht um Heimweh, Liebeskummer, das faszinierende Spiel der Muskeln auf dem nackten Rücken eines hübschen Trobriander-Mädchens, das vor ihm herging – oder er schimpft über „Wilde“, die er nur mit extra-viel geschenktem Tabak dazu bekam, mit ihm zu sprechen. Als das Tagebuch nach dem Herzinfarkt-Tod des Forschers 1958 erschien, platzte für viele das Bild des zugewandten, Südsee-affinen Malinowski. Doch Bettina Beer, die selbst Feldforschung betrieben hat, auf den Philippinen und in Papua Neu Guinea, wirbt um Verständnis für solch ein Tagebuch.
12. Zsp. (Bettina Beer)
Eigentlich ist das ein ganz gutes Mittel, Dampf abzulassen, wenn man eben vor Ort jetzt nicht ne zweite Person hat und nicht ständig in Kontakt mit zuhause steht, dass man die Probleme und auch das Ausgeliefertsein dann in so einer Situation irgendwie – ja, loswird oder sich klarmacht und damit auch beiseitelegt und damit auch im Alltag dort auch funktionieren kann.
Erzählerin:
Doch die Strapazen und Mühen lohnen sich, so die Luzerner Völkerkundeprofessorin.
13. Zsp. (Bettina Beer)
Eine andere Weltsicht kennenzulernen bedeutet auf jeden Fall eine Bereicherung der eigenen Welt, und in dem Moment, wo man es schafft, sich so einen anderen Standpunkt anzueignen, bekommt man auch einen ganz frischen Blick auf das Eigene. Man bemerkt vielmehr, was eigentlich wirklich Zwang ist, oder was vielleicht auch in der eigenen Lebensweise zu den Dingen gehört, die man aufgeben könnte. Es gibt ne gewisse Freiheit. Man ist nicht Marionette einer Kultur.
MUSIK & ATMO
Erzählerin:
Ein Jahrhundert, nachdem Bronislaw Malinowski die Trobriand-Inseln verlassen hat, liegen sie immer noch weit ab in der Südsee. Die Inselbewohner haben damit zu kämpfen, dass das Klima sich wandelt und der Meeresspiegel ansteigt und dass wichtige Ressourcen wie Holz knapp werden, berichtet Gunter Senft. Aber den Namen des Vaters der modernen Feldforschung kennen dort selbst kleine Kinder.
14. Zsp. (Gunter Senft)
Er ist bekannt und ist auch sehr geehrt, weil die Trobriander sich durchaus der Tatsache bewusst sind, dass sie auf der Welt wegen Malinowski bekannt sind.
