Regenwürmer werden unterschätzt. Diese Einsicht drängt sich Arthur und Kevin auf, als die beiden Pariser Studenten der Agrarwissenschaft einen Vortrag von Professor Combe hören, einer leicht schrulligen Koryphäe der Lumbrikologie – der Wissenschaft vom Regenwurm.
Mit ihrer Wühl-, Fress- und Verdauungsarbeit bereiten die Würmer erst den fruchtbaren Boden, auf dem das pflanzliche, tierische und menschliche Leben basiert. Pro Jahr und Hektar Land sind es 300 Tonnen Material, die sie verschlingen und ausscheiden. Darwin vermutete deshalb, dass der Regenwurm als Humusproduzent das vielleicht wichtigste Tier der Evolution sei.
Die industrielle Landwirtschaft schert das wenig. Professor Combe beschwört eine ökologische Katastrophe:
Das tiefe Pflügen und das Ausbringen von Pestiziden haben die Regenwurmpopulation auf den meisten Kulturflächen dezimiert… Der Boden besteht also nicht mehr aus Erde, er wird zu einer festen und leblosen Trägersubstanz, eine gigantische Abstellfläche, auf der man Dünger ausstreut, um kommerzielle Produkte einzubringen, die wie Pflanzen aussehen und nach nichts schmecken. Daher auch Erdrutsche, Rückgang des Grundwassers und natürlich schwindelerregende Verarmung der Ökosysteme. Ohne Regenwürmer, resümierte Professor Combe, keine Erde.
Quelle: Gaspard Koenig – Humus
Utopie des Regenwurms
Das Verschwinden der Würmer sei mindestens so beunruhigend wie das Abschmelzen der Gletscher. Höchste Zeit also, zu handeln. Arthur und Kevin, die beiden Hauptfiguren in Gaspard Kœnigs Roman „Humus“, schmieden nun zwei ganz unterschiedliche Projekte.
Kevin entwickelt ein Start-up namens „Veritas“, das sich der Zukunft der Lumbritechnik verschreibt. In riesigen Kompostierbehältern sollen Millionen von Regenwürmern den biologischen Abbau industrieller Abfälle betreiben und Humus erzeugen.
Satirische Akzente setzt der Roman, wenn er beschreibt, wie Kevin sein Start-up bei Risikokapitalgebern vorstellt und eine ganze Reihe dieser Strategieberater, Projektentwickler, Transformationsbegleiter und Disruptionsexperten mitsamt ihren Buzzwords kurze Auftritte haben. Schließlich kann Kevin zu seiner eigenen Überraschung eine berühmte kalifornische Investmentfirma von seinen Ideen überzeugen.
Und Arthur? Sein Großvater war noch Landwirt in der Normandie. Was liegt also näher, sich Opas ruinierter Äcker anzunehmen und die Brache durch die Inokulation von Regenwürmern wieder zum Leben zu erwecken. So zieht Arthur in die tiefste normannische Provinz, gemeinsam mit seiner Freundin Anne, die sich hier Inspiration für ihren ersten Roman erhofft. Auch wenn Arthur leise Zweifel hegt:
Arthur hatte Schwierigkeiten, sich Anne in dieser Umgebung vorzustellen… Ihrem Enthusiasmus zum Trotz, die nächste ländliche Romanautorin zu werden, war sie eben doch im fünften Arrondissement von Paris aufgewachsen und hielt das Land für eine Art weit entfernte Banlieue, wo man im Naturzustand lebte und rechtsextrem wählte.
Quelle: Gaspard Koenig – Humus
Biobauer mit Hindernissen
Seine erste Desillusion als Biobauer erlebt Arthur bereits, als er nach alter Väter Sitte dem Gestrüpp auf seinem staubigen Acker mit der Sense zuleibe rückt und sich dabei verletzt. Und so sehr er sich bemüht – die Würmer wollen nicht, wie er will. Bei seinen regelmäßigen Wurmzählungen kann er keinerlei Zuwachs der Population erkennen, auch wenn er sich noch so liebevoll über die Tierchen beugt:
Die klugen Würmer ließen ihre Schwanzspitze wie einen festen Anker im Boden stecken. Sobald sie Arthurs Finger an sich spürten, zogen sie sich sofort in ihre Gänge zurück. In diesem Nahkampf spürte Arthur die ganze Kraft ihrer Muskeln, die sich gegen das Raubtier wehrten, sei es nun Eule, Schnepfe, Dachs oder Homo Sapiens.
Quelle: Gaspard Koenig – Humus
Ähnlich flüchtig verhalten sich die Wörter bei Annes Romanprojekt. Der von stürmischen Liebesfreuden begleitete Anfangsenthusiasmus des Paars schwindet zusehends. Und dann kommt noch ein Rechtsanwalt und überreicht Arthur die Klage des Nachbarn wegen einer zu nah gesetzten Hecke. Arthur schäumt vor Wut. Es sind solche Szenen, bei denen Gaspard Kœnig mit Witz und Esprit brilliert.
Rechtsanwalt de Lansdale zog eine zerknirschte Miene. Er war es gewohnt, als Blitzableiter herzuhalten, und betrachtete diese Funktion sogar als die edelste Aufgabe seines Berufes. War es nicht die letzte Spur von Menschlichkeit in einem extrem formalisierten juristischen Prozess, ein Gesicht zu bieten, das sich hassen ließ.
Quelle: Gaspard Koenig – Humus
Putsch und Party in Paris
Der Hass köchelt zunehmend in Arthur – denn alles geht schief. Er gerät auf eine abschüssige Bahn der Radikalisierung und wird zur Führungsfigur einer Gruppe von Ökoterroristen, die im Finale den blutigen Aufstand proben.
Unterdessen lässt sich Kevin in Paris als „Young Leader“ feiern. Man liebt dort solche Aufsteigergeschichten, weil die ansonsten gut abgeschottete Oberschicht sich dann einreden kann, dass Privilegien auf Leistung beruhen.
Die gesamte Pariser Prominenz wollte Kevin, das Kind aus Limoges, auf ihren Diners feiern, um zu beweisen, dass es letzten Endes doch eine Gerechtigkeit auf Erden gab und sich niemand etwas vorzuwerfen hatte.
Quelle: Gaspard Koenig – Humus
Mit Sarkasmus schildert Kœnig die Rituale und Codes der Elite. Kevins Zwischenspiel als Start-up-Star nimmt allerdings ein jähes Ende, als die Presse einen Skandal in seiner Firma aufdeckt. „Veritas“ hat es mit der Wahrheit nicht so genau genommen und dadurch das eigentlich zukunftsträchtige Projekt der biologischen Müllentsorgung gefährdet.
Auch wenn Kœnig seine beiden Helden auf unterschiedliche Weisen scheitern lässt, zeigt er damit doch nur, dass Gewalt oder Geschäftspraktiken ohne Bodenhaftung der falsche Weg zur Bewältigung der ökologischen Krise sind. Eher ist die Beharrlichkeit des Regenwurms gefragt.
Gesellschaftsroman im Stil von Balzac
Gaspard Kœnig hat mit „Humus“ einen intelligenten Gesellschaftsroman geschrieben, der in Frankreich manche Kritiker sogar an Balzac erinnert hat, hinsichtlich des sozialen Scharfsinns, aber auch wegen einiger plakativer Effekte und Kontraste bei der Figurenzeichnung. Regelmäßig wechseln die Kapitel zwischen Arthur und Kevin. Das bringt zwar keinen Innovationspreis für die Form; thematisch aber ist der Roman ausgesprochen originell und sachkundig. Kœnig gelingt das Kunststück, das gravierende Problem der Verödung der Böden, das sich gegen die literarische Darstellung zu sperren scheint, in eine fesselnde und zudem mit Komik gewürzte Handlung zu verpacken. In diesem Roman ist der Wurm drin. Und das ist gut so.