
SWR Kultur lesenswert - Literatur Eine Biologin auf einer abgelegenen Forschungsstation: Sophia Klinks „Kurilensee“
Sep 28, 2025
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Nature Writing, das literarische Schreiben über Phänomene der natürlichen Lebenswelt, hat längst auch hierzulande sein Habitat erobert, davon zeugt etwa der seit 2017 verliehene Deutsche Preis für Nature Writing. Aber was ist es, das eine wachsende Leserschaft für diese Art von Literatur, seien es Gedichte, Essays oder erzählende Prosa, derart einnimmt?
Das Naturschöne und die Naturwissenschaft
Jedenfalls zeigt das Romandebüt der Münchner Autorin Sophia Klink beispielhaft einiges davon. So, wenn die Ich-Erzählerin, die dreißigjährige Biologin Anna, den Abend auf dem Pier der Forschungsstation am titelgebenden Kurilensee verbringt, dessen ökologischen Zustand sie zusammen mit einer Handvoll anderer Forscher untersucht:So spät abends wird der Staub in der Luft sichtbar. Wenn die Sonne hinter dem Fluss steht und jedes Körnchen auf einer Seite leuchtet, während die lichtabgewandte Seite immer dunkler wird. Ich glaube, goldene Moleküle aus der Luft rieseln zu sehen. Als rieselte die ganze Atmosphäre von einem Stundenglas ins andere, bis es dunkel wird.Hier gehen Ebenen ineinander über, die jenseits der Literatur streng geschieden sind – die poetische Huldigung an das Naturschöne und der Blick der Naturwissenschaft:Quelle: Sophia Klink – Kurilensee
Dann kommen die winzigen Lachse nach oben, die neue Generation, die kaum länger als mein Zeigefinger ist. Viele Millionen müssen es sein, die genau jetzt fressen und überleben müssen, damit wir sie in drei Jahren zählen und erforschen können. Ich sehe sie nicht. Aber ich weiß, dass sie da draußen nach den Planktonkrebsen schnappen, die wiederum die Kieselalgen abweiden.So war es seit eh und je: Jeden Sommer schwimmen die Lachse vom Ochotskischen Meer flussaufwärts in den See zum Laichen, jeden Sommer fressen sich die Bären mit ihnen genügend Winterschlafvorräte an, jeden Sommer sinken die Kadaver der entkräftet sterbenden Fische auf den Seegrund und werden Dünger für die Algen – das Futter der jungen Lachse.Quelle: Sophia Klink – Kurilensee
Rettung des Ökosystems – oder Zerstörung?
Aber dieser Regelkreis ist durch die Fischerei am Fluss aus dem Gleichgewicht geraten. Die Forscher, abhängig von staatlicher Förderung, sollen ein Gutachten abgeben, ob künstliche Düngung dem Algenwachstum im See guttäte. Anna befürchtet fatale Folgen, denn der See könnte kippen. Dabei gäbe es eine einfache, aber unrealistische Lösung: die Senkung der Fangquoten. Dass menschliches Gewinnstreben die ausführlich gefeierten Wunder der Natur gefährdet, ist ebenfalls ein Merkmal des Nature Writing unserer Tage. Sophia Klink arbeitet derzeit an ihrer Doktorarbeit in Biologie und hat ein Forschungsstipendium in Russland absolviert, wenn auch nicht auf der Halbinsel Kamtschatka, sondern ganz im Westen, am Weißen Meer, verfügt also über Kenntnis ihrer Gegenstände.So groß sind die Unterschiede gar nicht
Die verwandelt sie in Perioden voller mikroskopischer Details und große naturgeschichtliche Panoramen der vulkanischen Landschaft. Doch zum Nature Writing gehört auch der Weg ins Innere. Die Ich-Erzählerin Anna erlebt sich ebenso sehr als Gegenpart der Natur wie als deren Hüterin – und immer mehr als Teil von ihr.Ich habe dieselben Ionenkanäle wie die Fische, dieselben Membranen, ATPasen, Transportmoleküle und Ribosomen. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte ein Fisch werden können, eine Bachstelze oder Maus.Zum Glück interessiert sich Sophia Klink ebenso sehr für ihre Figuren wie für die nichtmenschliche Natur. Anna selbst, ihr Freund, der Wildhüter Vova, der alle Bären mit Namen kennt, die erfahrene Kollegin Yulia, die zwischen Volksmärchen und Wissenschaft nicht unterscheiden mag, der unduldsame Stationschef Fejodor und die traurige Köchin Maria, sie alle gewinnen eigene Statur, prägen sich als unverwechselbare Charaktere ein. So wird „Kurilensee“ – nicht nur für Fans des Nature Writing – zum bewegenden Leseerlebnis.Quelle: Sophia Klink – Kurilensee
