
SWR Kultur lesenswert - Literatur Lucía Lijtmaer – Die Häutungen
Mar 31, 2024
05:51
Zwei Frauen fliehen vor dem Schmerz und suchen Heilung. Vier Jahrhunderte trennen die beiden. Lucía Lijtmaer erzählt in ihrem Roman Die Häutungen zwei Parallelgeschichten. Nur auf den ersten Blick haben sie nichts miteinander zu tun. In sich abwechselnden Kapiteln lernen wir die zwei Protagonistinnen kennen.
Zunächst eine namenlose Ich-Erzählerin aus Barcelona, die von ihrem Partner, einem ziemlichen Macho, verlassen worden ist. Gleich im ersten Satz erfahren wir von den Selbstmord-Gedanken der Frau Ende dreißig. Und wenn sie nicht daran denkt, sich umzubringen, phantasiert sie vom Untergang ihrer Stadt:
Depressiv, wie ein Zombie bewegt sich die verlassene Frau durch die Straßen ihrer Heimatstadt. Überall lauern Erinnerungen: An unbeschwerte Momente mit Freundinnen, an glückliche Liebesaffären, aber auch an die toxische Beziehung, in der sie sich nach und nach selbst verlor. Die Frau dröhnt sich mit Pillen zu, weil sei nicht schlafen kann, geht nicht zur Arbeit und hält es schließlich nicht mehr aus in Barcelona, sie taucht in der ihr fremden Metropole Madrid unter.
Eine Landbesitzerin im puritanischen Salem
Vier Jahrhunderte zuvor, im 17. Jahrhundert, ist auch die Engländerin Deborah Moody auf der Flucht: Unter anderem vor den Schulden, die ihr gerade verstorbener Mann angehäuft hat. Die tiefgläubige Frau besteigt mit ihrem Sohn ein Schiff und reist in die neue Welt, lässt sich in Salem nieder, im heutigen US-Bundestaat Massachusetts. Deborah Moody hat es wirklich gegeben, sie ist bekannt als erste Landbesitzerin in den britischen Kolonien und als erste Frau, die dort eine Siedlung gründete. Eine für ihre Zeit emanzipierte, unabhängige Frau, die auf subtile, geschickte Weise gegen die mächtigen Pastoren rebelliert, die die puritanische Gemeinschaft kontrollieren.Salem war für mich wie ein leeres Blatt, das ich beschreiben musste, eine weiße Leinwand, auf die ich meine eigene Zukunft zeichnen konnte, wenn auch nicht nach Belieben, da ich eine Reihe von Vorgaben befolgen musste. Die Sünde lauere allenthalten, sagten sie. Und doch hatten uns die Gründerväter einen dünnen Faden gegeben, an dem wir ziehen konnten. (…) Uns Frauen überließen sie den häuslichen Bereich und die Aufgabe, einander Moral und Glauben zu predigen. Und entsprach das nicht unserer Vorstellung vom Paradies?Romanautorin Lucía Lijtmaer fiktionalisiert Deborahs Geschichte. Sie erzählt von ihrer unglücklichen Ehe – damals, in der Alten Welt – und davon, wie in der Männer-dominierten englischen Kolonie so etwas wie Sisterhood entsteht: Frauen, die sich im Verborgenen treffen und solidarische Netze spannen, sich unterstützen, sich Mut und Trost zusprechen. Am Ende flieht Deborah dann noch einmal: Vor religiöser Intoleranz und der Unterdrückung des Patriarchats.Quelle: Lucía Lijtmaer – Die Häutungen
