Joana Mallwitz, Chefdirigentin des Berliner Konzerthauses und international geschätzt, spricht über die transformative Kraft der Musik. Sie erläutert, wie Musik als universelle Sprache Emotionen weckt und gemeinschaftliche Erfahrungen verbindet. Mallwitz teilt ihre persönliche Reise zur Dirigentin und die Herausforderungen, tiefe Emotionen auf die Bühne zu bringen. Spannend ist auch ihre Sicht auf die Balance zwischen Kontrolle und Loslassen beim Dirigieren, sowie die Rolle von Musik in der gesellschaftlichen Identität und Gemeinschaft.
Musik als universelle Sprache verbindet Menschen über kulturelle Barrieren hinweg und schafft emotionale Erlebnisse ohne Worte.
Der Dirigent muss seine eigenen Emotionen zurückstellen, um den Zuhörern die Möglichkeit zu geben, sich in die Musik einzufühlen.
Kunst und kulturelle Bildung sind essenziell für eine gesunde Gesellschaft und haben insbesondere in Krisenzeiten eine große Bedeutung.
Die Balance zwischen Vorbereitung und Spontaneität ist für Dirigenten entscheidend, um im Konzert auf die Energie von Orchester und Publikum zu reagieren.
Deep dives
Die Kunst des Dirigierens
Das Dirigieren wird als eine Kunst dargestellt, die weit über das bloße Führen eines Orchesters hinausgeht. Der Dirigent erschafft eine Atmosphäre, in der Musik als emotionale Reise erlebbar wird, die die Hörer an unterschiedliche Orte seines inneren Erlebens führt. Der Komponist plant bewusst, wie und wann das Publikum emotional berührt wird und dieser Prozess erfordert vom Dirigenten sowohl technische Fertigkeiten als auch ein tiefes Verständnis für den musikalischen Ausdruck. Diese Verantwortung bedeutet auch, dass der Dirigent in der Lage sein muss, seine eigenen Emotionen zurückzustellen, um den Zuhörern die Möglichkeit zu geben, sich in die Musik hinein zu fühlen.
Die Bedeutung von Musik
Musik wird als universelle Sprache beschrieben, die Menschen über kulturelle und soziale Barrieren hinweg verbindet. Sie hat die Kraft, emotionale Erlebnisse auszudrücken, die oft schwer in Worte zu fassen sind. Auch der Prozess des Musikhörens lässt Erinnerungen und Gefühle wach werden, oft in Verbindung mit persönlichen Geschichten. Es wird betont, dass durch Musik eine Art von gemeinsamer Intimität entsteht, die sowohl für den Musiker als auch für den Hörer tiefgreifende Erfahrungen bieten kann.
Der Kampf zwischen Introversion und Leistung
Die Herausforderungen einer introvertierten Persönlichkeit im Beruf des Dirigenten werden thematisiert. Trotz der Notwendigkeit, ständig vor Publikum zu stehen und Entscheidungen für viele Menschen zu treffen, bleibt der innere Wunsch nach Ruhe und Rückzug bestehen. Durch die Erfahrung lernt man, dass es in Ordnung ist, introvertiert zu sein, und dass man in der Lage ist, auch in sozialen Berufen zu glänzen, während man seine eigenen Bedürfnisse im Blick behält. Dies führt zu einem tieferen Verständnis für die eigene Identität und das Streben nach einem Gleichgewicht zwischen beruflichem Engagement und persönlichem Raum.
Der Wert von Kunst in der Gesellschaft
Die Diskussion über den Wert von Kunst in schwierigen Zeiten hebt hervor, wie wichtig kulturelle Bildung und Kunst für eine gesunde Gesellschaft sind. Es wird argumentiert, dass Kunst nicht nur ein Luxusgut ist, sondern zentral für das menschliche Wohlbefinden und die Gemeinschaft. Wenn kulturelle Institutionen aufgrund finanzieller Zwänge reduziert werden, kann dies langfristige negative Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Besonders in Krisenzeiten wird die Bedeutung von Kunst als Quelle des Trostes und der Inspiration verstärkt betont.
Musik als Ausdruck der menschlichen Erfahrung
Musik wird als eine der ältesten Formen menschlicher Kommunikation angesehen, die Emotionen ohne Worte vermitteln kann. Es wird darauf hingewiesen, dass sowohl Menschen als auch Gesellschaften durch den gemeinsamen Genuss von Musik und Kunst zusammengebracht werden. Die Kraft der Stimme und das Singen, besonders im Chor, verleihen dem Ausdruck von Gefühlen eine besondere Dimension. Diese ursprüngliche Form des Musizierens bietet nicht nur Trost und Gemeinschaft, sondern verbindet auch Generationen miteinander.
Die Herausforderungen des Dirigierens
Das Dirigieren wird als komplexe Aufgabe beschrieben, die ständige Entscheidungen erfordert und gleichzeitig ein hohes Maß an Kreativität verlangt. Die Balance zwischen Kontrolle und dem Loslassen der Musik ist eine zentrale Herausforderung, die viele Dirigenten erleben. Inproben ist der kreative Prozess wichtig, aber auch die Fähigkeit, im Konzert spontan auf die Energie des Orchesters und des Publikums zu reagieren. Diese Dualität zwischen Vorbereitung und Flexibilität wird als entscheidend für den Erfolg auf der Bühne angesehen.
Die Rolle der Gesellschaft in der Kultur
Es wird betont, wie wichtig es für eine Gesellschaft ist, die eigene Kultur zu schätzen und sie aktiv zu fördern. Der Mangel an kultureller Bildung und der Zugang zu Kunst sind kritische Themen, die es zu adressieren gilt, um das kulturelle Erbe zu bewahren. Der Kontakt mit Kunst und Kultur muss von klein auf gefördert werden, damit nachfolgende Generationen diese Werte verstehen und schätzen lernen. Außerdem wird die Verantwortung betont, Kultureinrichtungen zu unterstützen, damit der Zugang für alle Menschen gewährleistet bleibt.
Die Magie des Momentaufbaus
Momente des Musizierens auf der Bühne werden als magisch beschrieben, wenn Musiker und Publikum in einer gemeinsamen Erfahrung auf fantastische Weise verbunden sind. Diese Augenblicke sind oft das Ergebnis jahrelanger Vorbereitung und schöpferischer Intuition, die im richtigen Moment zusammenkommen. Wenn es dem Dirigenten gelingt, in dieser Präsenz zu sein und die Energie des Publikums und des Orchesters zu spüren, entsteht eine magische Atmosphäre. Der Austausch zwischen Dirigent, Musikern und Zuhörern führt zu einem unvergesslichen Erlebnis für alle Beteiligten, das weit über das Hier und Jetzt hinausgeht.
Joana ist Chefdirigentin und künstlerische Leiterin des Berliner Konzerthauses. Parallel ist sie international bei bedeutenden Orchestern und großen Konzerthäusern zu Gast.
Schon im Alter von 27 Jahren war sie Generalmusikdirektorin am Theater Erfurt und damit die jüngste Generalmusikdirektorin Europas. 2023 erhielt sie außerdem das Bundesverdienstkreuz für ihre Arbeit.
Ich wollte von Joana wissen, warum sie schon in sehr jungen Jahren wusste, dass sie Dirigentin werden will und was dieser Beruf ihr gibt. Ich habe mich gefragt, wie ihre Beziehung zur Musik begreifbar gemacht werden kann und ob sie eigentlich je ein Stück genau so auf die Bühne bringen konnte, wie sie es vorher in ihrem Kopf gehört hat.
Wir sprechen über Musik als Sprache und Ausdruck durch Form, es geht um Joanas Begeisterung, um Körpergefühl, Sucht und darum, wieso sie auf der Bühne nicht genießt.
DINGE:
Doku “Momentum”: https://bit.ly/43RqWth
Eingespielt in der Folge: Schuberts Unvollendete, gespielt vom L’Orchestre de Paris in der Philharmonie de Paris, dirigiert von Joana Mallwitz
Maximilian Frisch - Produktion
Lena Rocholl - Redaktion
Mit Vergnügen - Vermarktung und Distribution