
Alles Geschichte - Der History-Podcast BLACK HISTORY - Afrikas Ausverkauf auf der Berliner Konferenz
Wer sich die Staatsgrenzen afrikanischer Staaten auf der Landkarte anschaut, sieht, dass manche von ihnen wie mit dem Lineal gezogen wirken. - Und genauso war es auch. Auf der sogenannten Berliner Konferenz oder Kongo-Konferenz von 1884/85 fand der koloniale Ausverkauf Afrikas statt. Februar ist "Black History Month". Von Gerda Kuhn (BR 2009)
Credits
Autorin: Gerda Kuhn
Regie: Dorit Kreissl
Es sprachen: Christiane RoĂbach, Rainer Buck
Technik: Lydia Schön
Redaktion: Brigitte Reimer
Im Interview: Dr. Thomas Reinhardt
Linktipps:
Deutschlandfunk Kultur (2020): Europas koloniales Erbe in Afrika
Europas Kolonialismus hat den afrikanischen Kontinent geprĂ€gt und tut das bis heute. Höchste Zeit, dass Europa sich dekolonisiert, sagen Experten. Dabei geht es um Wirtschaftsbeziehungen ebenso wie um Kultur. JETZT ANHĂREN
ARD alpha (2024): Die Erfindung des Rassismus in Farbe
Eine Pioniertat prĂ€gt in jahrzehntelang das Bild von Afrika und den Afrikanern und legt ab dem Jahr 1907 die fotografischen Grundlagen des Rassismus: die Reise des jungen Fotografen Robert Lohmeyer (1879-1959) aus dem westfĂ€lischen GĂŒtersloh in die deutschen Kolonien Togo, Kamerun, Deutsch-SĂŒdwestafrika (heute Namibia) und Deutsch-Ostafrika (heute Tansania). Er soll die Kolonien auf dem Höhepunkt des Imperialismus in Farbe fotografieren, um die Begeisterung der Bevölkerung fĂŒr die fernen Besitzungen anzuregen. Es handelt sich um eine akribisch geplante PR-Aktion des Kaiserreichs. Es ist auch die "Erfindung" Afrikas und des Rassismus in Farbe, dessen Auswirkungen bis heute spĂŒrbar sind. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps fĂŒr Geschichts-Interessierte:
Im Podcast âTATORT GESCHICHTEâ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt ĂŒber bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime â und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 â Intro
TC 03:06 - Geiz und Prestige der europÀischen Herrscher
TC 05:05 - Mit Stift und Lineal
TC 12:26 - Ăber alle Köpfe hinweg
TC 15:35 - Die Flagge folgt dem Handel: Das deutsche Kolonialvorgehen
TC 18:53 - PlĂŒnderung, Sklaverei und GrĂ€ueltaten
TC 23:03 â Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
00:15 â Intro
Musik (Pathetisch, patriotisch, getragen)
ZITATOR
[âIm Namen des AllmĂ€chtigen Gottes (âŠ)â]
ERZĂHLERIN
âArtikel 6: Bestimmungen hinsichtlich des Schutzes der Eingeborenen, der Missionare und Reisenden, sowie hinsichtlich der religiösen Freiheitâ:
ZITATOR
âAlle MĂ€chte, welche in den gedachten Gebieten SouverĂ€nitĂ€tsrechte oder einen EinfluĂ ausĂŒben, verpflichten sich, die Erhaltung der eingeborenen Bevölkerung und die Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebenslage zu ĂŒberwachen und an der UnterdrĂŒckung der Sklaverei mitzuwirken.â
ERZĂHLER:
So pompös und vermeintlich nĂ€chstenliebend gibt sich die PrĂ€ambel im Schlussdokument der Berliner Afrika-Konferenz 1885 - einer Zusammenkunft, die ĂŒber das Schicksal von Millionen Menschen gleichsam am Pokertisch entscheidet. Mit dabei sind Deutschland, die USA, das Osmanische Reich sowie Ăsterreich-Ungarn, Belgien, DĂ€nemark, Frankreich, GroĂbritannien, Italien, die Niederlande, Portugal, Russland, Spanien und Schweden-Norwegen. Sie alle wollen den Eindruck erwecken, in göttlichem oder doch zumindest in christlichem Auftrag zu handeln. TatsĂ€chlich aber verfolgen sie ausschlieĂlich strategische und wirtschaftliche Eigeninteressen. So ist das eben im ausgehenden 19. Jahrhundert: den MĂ€chtigen dieser Welt fĂ€llt es relativ leicht, sich und ihre Staaten als das Zentrum von Kultur und Zivilisation zu sehen, von dem aus der Rest der Welt huldvoll zu beglĂŒcken ist â notfalls auch mit Gewalt. Und natĂŒrlich im Namen Gottes.
MUSIKAKZENT schrill, schrÀg, anklagend
ERZĂHLERIN:
ĂuĂerer AnstoĂ fĂŒr die Berliner Afrika-Konferenz â oder Kongo-Konferenz - ist die Frage, wer das Kongo-Becken ausbeuten darf: ein riesiges Gebiet entlang des zweitlĂ€ngsten und wasserreichsten Flusses in Afrika. EuropĂ€er halten sich zu diesem Zeitpunkt allenfalls in den afrikanischen KĂŒstenregionen auf; ins Landesinnere stoĂen die wenigsten vor. Der Ethnologe Thomas Reinhardt von der MĂŒnchner Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t:
O-Ton Reinhardt:
âDie Kolonisierung hat begonnen kurz nach der Entdeckung des Chinins und der Malaria hemmenden Wirkung des Chinins. Davor war Afrika einfach dieses âGrab des weiĂen Mannesâ.â
TC 03:06 â Geiz und Prestige der europĂ€ischen Herrscher
ERZĂHLER:
Das Interesse am Kongo wird durch den britischen Journalisten und Abenteurer Henry Morton Stanley geweckt. Als Reporter erhĂ€lt er den Auftrag, den verschollenen Missionar und Afrika-Forscher David Livingstone zu finden. Er entdeckt ihn schlieĂlich halbverhungert am Tanganijka-See. In den folgenden Jahren durchquert Stanley Afrika von Osten nach Westen. Er wird zum selbsternannten Kongoforscher; braucht dafĂŒr aber Geldgeber.
MUSIK afrikanisch, rhythmisch
ERZĂHLERIN:
Als sein Heimatland England kein Interesse zeigt, schafft Stanley es, Leopold II. fĂŒr seine Idee zu begeistern. Der belgische Monarch aus dem deutschen Adelsgeschlecht Sachsen-Coburg und Gotha ist seit langem auf der Suche nach Möglichkeiten, sein SelbstwertgefĂŒhl und seine finanziellen Mittel zu vergröĂern. Das Kongogebiet, reich an BodenschĂ€tzen, AnbauflĂ€chen und wilden Tieren, verspricht ansehnlichen Profit. Doch Leopold ist clever genug, seine kolonialen GelĂŒste zunĂ€chst hinter vermeintlich noblen Zielen zu verstecken. Er wolle zur Erforschung Afrikas und zum Kampf gegen die Sklaverei beitragen, lĂ€sst er erklĂ€ren.
ZITATOR:
âEs geht darum, den einzigen Teil des Globus, den die Zivilisation noch nicht durchdringen konnte, fĂŒr sie zu öffnen und die Finsternis zu durchbrechen, die noch ganze Völkerschaften umgibt. Man muss einen Kreuzzug fĂŒhren, der diesem Jahrhundert des Fortschritts wĂŒrdig ist.â
ERZĂHLER:
Im âNamen des Fortschrittsâ wird die Unterjochung der Völker Afrikas vorbereitet. Dem schwarzen, dunklen â sprich: unzivilisierten â Kontinent soll das Licht des aufgeklĂ€rten Europa gebracht werden. Soweit die offizielle Lesart. Doch wie so oft in der Geschichte sind Lippenbekenntnisse das eine, Realpolitik das andere. Beim groĂen Run auf Kolonien geht es vor allem um das Machtgleichgewicht in Europa. Als man in Deutschland beginnt, an ein Kolonialreich zu denken, ist die Welt eigentlich schon vergeben. EnglĂ€nder, Spanier, Portugiesen und Franzosen haben in Afrika, Asien, Australien und Amerika bereits riesige Gebiete unter ihr Protektorat gestellt. Deutschland, die âspĂ€te Nationâ, schafft erst 1871 die ReichsgrĂŒndung, jetzt erst beginnt man in Berlin darĂŒber nachzudenken, wie auch die Deutschen âeinen Platz an der Sonneâ â sprich: ein Kolonialreich - ergattern könnten.
ERZĂHLERIN:
Dabei ist Bismarck, der groĂe Jongleur der Macht, zunĂ€chst nicht an Kolonien interessiert. Er zweifelt an ihrer Wirtschaftlichkeit und ihrem strategischen Wert. Aber die weltweite britische Kolonial-Vorherrschaft verfolgt auch er mit Unbehagen. Die alte Seemacht England hat schon frĂŒh ihre Einfluss-Zonen gesichert. Vor allem das britische Kolonialreich in Indien weckt den Neid der europĂ€ischen Konkurrenten. Der indische Subkontinent gilt als das âschönste Juwel in der britischen Kroneâ. Kein Wunder, dass sich auch in anderen LĂ€ndern gekrönte und ungekrönte HĂ€upter mit derartigen Juwelen schmĂŒcken wollen.
ERZĂHLER:
Ăber Bismarcks wahre Motive bei der Kongo-Konferenz ist viel spekuliert worden. Immerhin schreibt er in verblĂŒffender Ehrlichkeit an den Rand einer Passage in der Konferenzvorlage das Wort âSchwindelâ. Doch 1884 stehen Wahlen vor der TĂŒr und Bismarck muss RĂŒcksicht nehmen auf die mit ihm verbĂŒndete Nationalliberale Partei, die bereits deutlich vom âKolonialfieberâ infiziert ist. Immerhin ist der Besitz von Kolonien inzwischen in ganz Europa zu einer Frage des nationalen Prestiges geworden.
TC 06:50 â Mit Stift und Lineal
ERZĂHLERIN:
Am 15. November 1884 ist es dann soweit: Die Herren treffen erstmals im Reichskanzlerpalais in der Berliner WilhelmstraĂe 77 zusammen. Leopold II. hat die Konferenz eingefĂ€delt, bleibt aber selbst im Hintergrund. Der Monarch schickt seinen Vertrauten vor, Baron Gerson Bleichröder, der auch fĂŒr Bismarck als Bankier und Berater in internationalen Finanzfragen tĂ€tig ist. Leopold will den Reichtum des Kongo fĂŒr sich, sozusagen als private Schatztruhe. Der Ethnologe Thomas Reinhardt:
O-Ton Reinhardt:
âLeopold II., König von Belgien, ist eine der zentralen Figuren bei dieser Konferenz, obwohl er selbst ĂŒberhaupt nicht da war. Leopold hat in den 1870er Jahren eng zusammengearbeitet mit Henry Morten Stanley, der den Kongo ĂŒberhaupt erst einmal kartographiert hatte; es war ja lange Zeit völlig unbekannt, wo der Kongo entspringt, und Leopold hatte vor, so eine Art Privatreich einzurichten im Kongobecken, und das war einer der Punkte, der verhandelt werden sollte: Wie soll mit diesem Riesengebiet umgegangen werden? Soll es in eine Freihandelszone umgewandelt werden? Stanley hat tatsĂ€chlich im Auftrag Leopolds an dieser Konferenz teilgenommen.â
ERZĂHLER:
Als eher unbedeutender Staat braucht Belgien fĂŒr seine Kongo-PlĂ€ne die Zustimmung oder zumindest die Duldung der groĂen europĂ€ischen MĂ€chte. Immerhin erhebt inzwischen Portugal Anspruch auf die Kongo-MĂŒndung. Dem deutschen Reichskanzler wird die Afrika-Konferenz durch das Versprechen schmackhaft gemacht, er könne sich als âehrlicher Maklerâ profilieren. Welcher Politiker verzichtet schon gerne auf die Chance, das eigene Image krĂ€ftig aufzupolieren?
Musikakzent: Afrikanische Trommeln
ERZĂHLERIN:
Die âKongo-Konferenzâ wird in Berlin wochenlang angekĂŒndigt. An vielen PlĂ€tzen der Stadt hĂ€ngen Plakate, die fĂŒr âVölkerschauenâ mit afrikanischen TĂ€nzern im Berliner Zoo werben. Kitschige Postkarten mit kolonialen Motiven sind in Mode. Auch ideologisch wird in der Presse und in öffentlichen Diskussionen das Terrain bereitet. Die Propaganda behauptet, in Afrika gĂ€be es noch âNiemandslandâ zu verteilen, sogenannte âweiĂe Fleckenâ. Diese mĂŒssten vermessen und besiedelt werden. Die einheimische afrikanische Bevölkerung gehört dieser Logik zufolge zur Kategorie âniemandâ.
ERZĂHLER:
Die Delegierten, die drei Monate lang in Berlin konferieren werden, haben wenig Ahnung von Afrika, dafĂŒr aber relativ genaue Vorstellungen, welchen Gewinn sie sich fĂŒr ihr eigenes Land erhoffen. Allerdings macht sich kein Staatsoberhaupt die MĂŒhe, extra zu der Konferenz nach Berlin zu reisen. Thomas Reinhardt:
O-Ton Reinhardt:
âEs lief wohl so ab, dass das Botschaftspersonal, das in Berlin ohnehin versammelt war, an dieser Konferenz teilnahm. Das war also keineswegs die erste Garde der jeweiligen Diplomatie, sondern es waren die Vertreter der einzelnen Nationen in Deutschland, zum Teil auch durchaus untergeordnetes Botschaftspersonal.â
ERZĂHLERIN:
Der Konferenzsaal wird von einer fĂŒnf Meter hohen Afrika-Karte dominiert. Zwar fehlt darauf das eine oder andere geographische Detail, doch allzu sehr wollen sich die Versammelten ohnehin nicht in Einzelheiten verlieren. Lord Salisbury, der britische Delegationsleiter, gibt spĂ€ter in einem Interview mit der London Times zu:
ZITATOR:
âWir haben Linien auf Karten eingetragen, in Gegenden, die noch nie ein WeiĂer betreten hat; wir haben uns gegenseitig Berge und FlĂŒsse und Seen zugesprochen, mit dem einzigen kleinen Schönheitsfehler, dass wir niemals genau wussten, wo diese Berge und FlĂŒsse und Seen lagen.â
ERZĂHLERIN:
Es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, âŠ
O-TON Thomas Reinhardt:
⊠dass die meisten Delegierten der Konferenz von Afrika nicht mehr wussten als auf den Servietten abgedruckt war â nĂ€mlich eine Umrisskarte des Kontinents.
ERZĂHLER:
Doch solche âSchönheitsfehlerâ halten die EuropĂ€er nicht auf. Vom groĂen Kuchen Afrika wollen sich alle ein StĂŒck abschneiden. Zwar fallen auf der Konferenz noch keine Entscheidungen ĂŒber den Verlauf der kĂŒnftigen Grenzen, aber die ModalitĂ€ten fĂŒr den Ausverkauf Afrikas werden festgelegt. SpĂ€ter wird es auf der Landkarte aussehen, als seien in Afrika manche LĂ€ndergrenzen schnurgerade wie mit dem Lineal gezogen worden - quer zu den LebensrĂ€umen der afrikanischen Bevölkerungsgruppen. Zusammengehörende Völker werden auseinandergerissen, verfeindete Gruppen in einem neuen Kunststaat zusammengepfercht. Die Grundlage vieler ethnischer Konflikte, die den afrikanischen Kontinent bis heute erschĂŒttern, ist gelegt.
O-TON Thomas Reinhardt:
âEs gibt bestimmt FĂ€lle, in denen eine dieser kerzengeraden Grenzen mitten durch das Siedlungsgebiet einer Ethnie verlĂ€uft. Ich glaube aber, das viel, viel gröĂere Problem ist, welche Gesellschaften wurden gezwungen, innerhalb von Staatsgrenzen zusammen zu leben. Nehmen wir ein Land wie Nigeria, ein Land, in dem 250 radikal verschiedene Sprachen gesprochen werden, wo es traditionell eine Reihe gröĂerer Staatsgebiete gab, die durch die koloniale Grenzziehung plötzlich gezwungen waren, so etwas wie eine nationale IdentitĂ€t aufzubauen, und das hat ja in den wenigsten FĂ€llen geklappt.â
TC 12:26 â Ăber alle Köpfe hinweg
ERZĂHLERIN:
Welche hehren Worte die Vertreter der 14 Konferenz-Teilnehmerstaaten auch offiziell fĂŒr ihr Vorhaben finden â besonders beliebt ist das Argument, man wolle die Sklaverei bekĂ€mpfen â eine Tatsache ist nicht zu ĂŒbersehen: Kein einziger Afrikaner sitzt am Berliner Konferenztisch. Die, ĂŒber deren Schicksal entschieden wird, sind nicht prĂ€sent. Der britische Botschafter, Sir Edward Malet, in seiner Eröffnungsrede:
ZITATOR:
âIch kann nicht darĂŒber hinwegsehen, dass in unserem Kreis keine Eingeborenen vertreten sind, und dass die BeschlĂŒsse der Konferenz dennoch von gröĂter Wichtigkeit fĂŒr sie sein werden."
MUSIK afrikanisch, rhythmisch
ERZĂHLER:
Von gröĂter Bedeutung werden die Entscheidungen fĂŒr die afrikanische Bevölkerung in der Tat sein. Sie sind der Startschuss fĂŒr die rasche und umfassende Kolonialisierung Afrikas.
O-Ton Thomas Reinhardt:
âMitte der 1870er Jahre waren etwa zehn Prozent Afrikas von EuropĂ€ern offiziell in Besitz genommen, 25 Jahre spĂ€ter war es praktisch der gesamte Kontinent.â
ERZĂHLER:
Mit den Kolonialherren kommen die Kolonialsprachen. Ihre Beherrschung ist Voraussetzung fĂŒr alle, die in Staat und Verwaltung arbeiten wollen. Und natĂŒrlich dominieren sie auch an den Schulen â an denen vor allem Geschichte und Kultur der jeweiligen Kolonialmacht vermittelt werden. So lernen Generationen von jungen Afrikanern alles ĂŒber Shakespeare, ohne jemals auch nur eine einzige Zeile eines einheimischen Schriftstellers gelesen zu haben. Ăhnliches gilt fĂŒr den französischsprachigen Raum:
O-Ton Thomas Reinhardt
âAus den französischen Kolonien kennen wir diese Geschichten von den SchulbĂŒchern, den Lesefibeln, die beginnen mit AusfĂŒhrungen ĂŒber âUnsere Vorfahren, die Gallierâ â was natĂŒrlich absurd ist, wenn man es im Senegal liest oder in Kamerun.â
MUSIK afrikanisch, rhythmisch
ERZĂHLERIN:
Lange Zeit ĂŒberlĂ€sst die deutsche Politik in Sachen Kolonialismus den Kaufleuten das Feld â auch wenn sich beide Seiten insgeheim die BĂ€lle zuspielen. Reisende und Abenteurer machen die deutsche Regierung auf vermeintlich âherrenloseâ afrikanische Gebiete aufmerksam. Wo immer ein StĂŒck Land entdeckt wird, auf das keine andere Kolonialmacht Anspruch erhebt, wird die eigene Fahne gehisst.
ERZĂHLER:
Ein auch bei den Deutschen beliebtes Verfahren ist es, mit afrikanischen StammesfĂŒhrern sogenannte âSchutzvertrĂ€geâ abzuschlieĂen. Die einheimischen Clanchefs, die meist weder lesen noch schreiben können, wissen in der Regel gar nicht, was sie unterschreiben. Was es beispielsweise bedeutet, sich âunter den Schutz des deutschen Reichesâ zu stellen. Eine der folgenreichsten Klauseln lautet:
ZITATOR:
"⊠dass alle Arbeiten, Verbesserungen oder Expeditionen, welche die genannte Association zu irgendwelcher Zeit in irgendeinem Teil dieser Gebiete veranlassen wird, durch ArbeitskrĂ€fte oder auf andere Weise unterstĂŒtzt werden."
ERZĂHLERIN:
Den KolonialmÀchten dienen derartige Formulierungen spÀter als Rechtfertigung, die afrikanische Bevölkerung zur Zwangsarbeit zu verpflichten.
TC 15:35 â Die Flagge folgt dem Handel: Das deutsche Kolonialvorgehen
ERZĂHLER:
Auch der berĂŒchtigte Abenteurer Carl Peters schlieĂt nach diesem Muster einen angeblichen "Vertrag", der ihm weite Gebiete Ostafrikas zugesteht - "fĂŒr ein paar Flinten", wie Otto von Bismarck spottet. Peters tut sich besonders als Propagandist fĂŒr ein deutsches Kolonialreich hervor:
ZITATOR:
âGenau wie Deutschland nach der aktiven, so ist Ostafrika kolonisationsbedĂŒrftig nach der passiven Seite hin. Die ĂŒppigen Landschaften, verödet durch jahrhundertelange Sklavenjagden, liegen da wie die ObstbĂ€ume der Frau Holle und harren der Hand, die bereit ist, den reichen Segen zu ernten. Selbst in den Schwarzen dĂ€mmert die Erkenntnis auf, dass es besser mit ihnen werden wird, wenn WeiĂe als Herren des Landes unter ihnen wohnen.â (âŠ.)
MUSIK
ERZĂHLERIN:
Peters erwirbt in Ostafrika Gebiete ohne offizielle Genehmigung der deutschen Regierung. FĂŒr 2000 Reichsmark kauft er ein Gebiet so groĂ wie ganz SĂŒddeutschland. 1884 grĂŒndet er die âGesellschaft fĂŒr deutsche Kolonisationâ, die deutsche Siedler zur Auswanderung nach Afrika ermuntern soll. In Berlin verhĂ€lt man sich zunĂ€chst abwartend. Doch als Peters droht, mit dem belgischen König Leopold II. zu verhandeln, gerĂ€t man unter Druck.
O-Ton Reinhardt:
âMeine Vermutung wĂ€re, dass doch die Initiative zunĂ€chst von privaten Kaufleuten ausging. Also die Gesellschaft fĂŒr deutsche Kolonien etwa, die relativ groĂe Landgebiete in Afrika schon erworben hatte und die einfach auch geschĂŒtzt wissen wollte, in militĂ€rischer Weise, durch eine offizielle Kolonisierungspolitik.â
MUSIK preuĂisch, militĂ€risch
ERZĂHLER:
Aus Berlin gibt es nun "kaiserliche Schutzbriefe" fĂŒr die okkupierten Gebiete. Mit Bismarcks berĂŒhmtem Telegramm an den deutschen Generalkonsul in Kapstadt am 24. April 1884 beginnt die deutsche Kolonialgeschichte. Er stellt darin die Erwerbungen von Adolf LĂŒderitz in Angra Pequena, dem heutigen LĂŒderitzbucht in Namibia, unter den Schutz des Deutschen Reiches. Das Gebiet umfasst 580 000 Quadratkilometer mit rund 200 000 Einwohnern. Die deutsche Herrschaft in der spĂ€teren Kolonie Deutsch-SĂŒdwestafrika wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Massenmord an den Herero und Nama zu trauriger BerĂŒhmtheit gelangen.
ERZĂHLERIN:
Peters wird ĂŒbrigens auch spĂ€ter noch Schlagzeilen machen: So erschlieĂt er den Kilimandscharo mit Waffengewalt fĂŒr Deutschland und empfiehlt dem AuswĂ€rtigen Amt, die dort ansĂ€ssigen Warombo âŠ
ZITATOR:
⊠âauszurotten wie die RothĂ€ute Amerikas, um ihr breites und fruchtbares Gebiet der deutschen Kultivation zu gewinnenâ.
Musikakzent bitter, anklagend
ERZĂHLERIN:
Bismarck, der an der Kongo-Konferenz lediglich zu Beginn und zum Abschluss teilnimmt, tritt dafĂŒr ein, dass Afrika zur Freihandelszone wird. Im Klartext bedeutet das: Es soll keine Hindernisse geben fĂŒr die Ausbeutung von Rohstoffen und BodenschĂ€tzen. Der Hunger nach diesen GĂŒtern ist durch die Industrialisierung in Europa immens gewachsen.
TC 18:53 â PlĂŒnderung, Sklaverei und GrĂ€ueltaten
ERZĂHLER:
Am Ende der Konferenz - man schreibt inzwischen den 26. Februar 1885 â haben sich die 14 Teilnehmerstaaten weitgehend geeinigt:
O-Ton Thomas Reinhardt
âIn politischer Hinsicht das wichtigste Ergebnis war, das wirklich festgelegt wurde, auf welche Weise kann, darf, soll die Kolonisierung Afrikas kĂŒnftig erfolgen? Das war durchaus ein dringendes BedĂŒrfnis, denn in den spĂ€ten 1870er, frĂŒhen 1880er Jahren begann die Kolonisierung im groĂen Stil. Hier war es einfach nötig â um Konflikte in Europa zu vermeiden - sich zu ĂŒberlegen: welche Kriterien sind nötig, um ein britisches Kolonialreich zu etablieren, was gehört zum französischen Kolonialismus dazu, wie können wir das schaffen, dass dieser Wettlauf um Afrika vonstatten gehen kann, ohne dass es in Europa zu einem Krieg zwischen den beteiligten Nationen kommt.â
ERZĂHLER:
DarĂŒber hinaus wird vereinbart:
O-Ton Thomas Reinhardt
âHandelsfreiheit war das zweite, groĂe Ergebnis. Man hat sich darauf verstĂ€ndigt, zwischen dem 5. Breitengrad nördlich und dem Sambesi ein riesiges Freihandelsgebiet einzurichten, in dem prinzipiell natĂŒrlich die Vertreter aller Nationen Handel betreiben durften.â
ERZĂHLERIN:
Zudem wird Afrika fĂŒr die christliche Mission freigegeben. Auch wenn sich nicht wenige Geistliche aus Idealismus zu ihrem Einsatz entschlieĂen, so ist ihre Anwesenheit doch auch eine Demonstration des kolonialen Machtanspruchs der WeiĂen.
ERZĂHLER:
GroĂbritannien erhĂ€lt in der Folge die wichtigsten Teile Ost- und SĂŒdafrikas sowie Ghana und vor allem das bedeutende Nigeria. Frankreich kann kĂŒnftig ĂŒber einen nahezu geschlossenen Raum verfĂŒgen, der die Sahara, die Sahelzone und Teile des Kongos umfasst. Deutschland wird Kolonialmacht und bekommt Togo und Kamerun, SĂŒdwestafrika, Tanganjika und die Insel Sansibar. Letztere tauscht es spĂ€ter gegen Helgoland ein. Auch Gebiete in Asien und Ozeanien werden den Deutschen zugesprochen.
ERZĂHLERIN:
Vor allem aber wird der Kongo-Freistaat, die private Kolonie des belgischen Königs Leopold II., von den europÀischen MÀchten anerkannt. Der Ethnologe Thomas Reinhardt:
O-Ton Reinhardt
âDer Kongo war reich, unglaublich reich an BodenschĂ€tzen, das gilt ja heute nach wie vor, und es war offenbar ein Gebiet, auf das niemand Anspruch erhob. Das Erstaunliche ist ja auch, dass die BesitzansprĂŒche Leopolds im Rahmen dieser Konferenz weitgehend anerkannt wurden. Man verstĂ€ndigte sich zwar darauf, dass der Kongo eine Freihandelszone sein solle, dass also Angehörige anderer Nationen ebenfalls den Fluss dort befahren dĂŒrfen, und Handel betreiben dĂŒrfen, aber letztendlich hat man Leopold dieses riesige Gebiet â vermutlich in Unkenntnis dessen, was fĂŒr ein enormer Reichtum dort zu finden ist - einfach ĂŒberlassen.â
MUSIK dĂŒster, moll
ERZĂHLER:
Der Monarch hat damit sein ursprĂŒngliches Ziel erreicht. Er hat nun freie Hand, um durch den Verkauf von Elfenbein, Palmöl und Kautschuk den gröĂtmöglichen Profit herauszuschlagen, ein Handel, der auf Blut gegrĂŒndet ist. Denn Leopold wird in seiner Privatkolonie ein Regiment fĂŒhren, das an Grausamkeit kaum zu ĂŒberbieten ist. Die Einheimischen werden versklavt, um Kautschuk im Urwald zu zapfen. Ist die Ausbeute der Arbeiter zu gering, werden ihnen die HĂ€nde abgeschlagen. MĂ€nner, Frauen, Kinder, werden verschleppt, verstĂŒmmelt, ermordet. Unter Leopold II. wird der Kongo zum Schlachthaus. Historiker schĂ€tzen, dass wĂ€hrend der belgischen Kolonialherrschaft rund zehn Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner gewaltsam den Tod finden.
Musikakzent moll
ERZĂHLERIN:
Die Kongo-Konferenz macht den Weg frei fĂŒr die ungehemmte PlĂŒnderung Afrikas. Was die EuropĂ€er als vermeintlich selbstlose Mission im Namen von Fortschritt und HumanitĂ€t ausgeben, wird sich in den kommenden Jahrzehnten als Albtraum fĂŒr den gesamten Kontinent erweisen.
TC 23:03 - Outro
