
SWR Kultur lesenswert - Literatur SWR Bestenliste Februar
Feb 1, 2026
01:09:07
Auf dem Programm standen mit „Vaim“ der neue Roman von Literaturnobelpreisträger Jon Fosse (Platz 5), mit „Ein Jahr in der Natur“ von Josephine Johnson eine Erstübersetzung aus dem Jahre 1969 (Platz 3), mit „Trag das Feuer weiter“ der Abschluss einer Familientrilogie von Leïla Slimani (Platz 2) und mit „Abschied(e)“ von Julian Barnes ein Buch über Erinnerungsarbeit angesichts des nahenden Todes.
Begeistert zeigte sich die Jury von Jon Fosses „Vaim“ in der deutschen Fassung von Hinrich Schmidt Henkel aus dem Rowohlt Verlag. Drei Männer erzählen, eine Frau entscheidet. Fosses Prosa in kapitellangen Sätzen, die von Einsamkeit in der norwegischen Provinz erzählen, von Freundschaften und fatalen Beziehungen, überzeugte selbst einen ehemaligen Kritiker des Autors.
Ein Text, getragen von einer melancholischen „Traumlogik“, erklärte Jury-Mitglied Christoph Schröder. Fosse-Kennerin Martina Läubli ordnete die Geschichte, in der am Ende fast alle Figuren gestorben sind, in das Gesamtwerk des Nobelpreisträgers ein.
Die bislang jüngste Pulitzer-Preisträgerin wird in Deutschland wiederentdeckt, dank einer hochwertigen Edition in der Anderen Bibliothek. Josephine Johnsons „Ein Jahr in der Natur“ in der Übersetzung von Bettina Abarbanell und mit Illustrationen von Andrea Wan wird von der Bestenliste-Jury aber durchaus kontrovers diskutiert. Die Genauigkeit der Naturbeschreibungen, die niemals zu sprachlichen Überhöhungen der Flora und Fauna führen, wird gelobt.
Doch die jahreszeitlichen Naturbetrachtungen seien zuweilen etwas erwartbar, sagt Judith von Sternburg. Auch die Schärfe und Aktualität der politischen Analyse ist Gegenstand des Gesprächs, webt die Autorin in ihre Chronik doch immer wieder Kommentare zum damaligen Vietnam-Krieg ein.
Je länger der Abend, desto schärfer die Diskussion der Jury. Leïla Slimanis „Trag das Feuer weiter“ in der Übersetzung von Amelie Thoma aus dem Luchterhand Verlag wurde von Judith von Sternburg vorgestellt. Nach der Lesung aus dem Roman, in der es um die Zerrissenheit der Hauptfigur zwischen Marokko und Frankreich ging, kam Christoph Schröder auf die sprachlichen Schwächen zu sprechen.
Während Läubli und von Sternburg ein Buch mit ambivalent gezeichneten Figuren gelesen haben wollen, kritisierte Schröder die seiner Meinung nach offensichtliche Schwarz-Weiß-Malerei, den willkürlichen Perspektivwechsel und die auf „Thrill“ angelegte Ästhetik selbst in einer Missbrauchsszene: „An diesem Buch stört mich so gut wie alles.“
Der Spitzenreiter der SWR Bestenliste im Februar ist Julian Barnes' vermutlich letztes Buch „Abschied(e)“, das Gertraude Krueger für Kiepenheuer und Witsch ins Deutsche übertragen hat. Ein preisgekrönter Schriftsteller verbeugt sich vor seinem Publikum, reflektiert über das Leben angesichts einer schweren Krebserkrankung, denkt über Funktionsweisen der Erinnerung nach und berichtet von einer Liebe, die gleich doppelt scheitert.
Für Christoph Schröder ist das so berührend wie elegant erzählt, während Martina Läubli der rote Faden fehlte in einem Prosawerk, das in seine Einzelteile zerfalle. Auch Judith von Sternburg, die Barnes immer gern gelesen hat, ist nicht durchweg überzeugt von der Erinnerungsarbeit des Altmeisters.
Erst wenn Barnes die Liebesgeschichte von Jean und Stephen entfalte, lohne sich die Lektüre. Dann würden sich die literarischen Qualitäten des Autors zeigen.
Aus den vier Büchern lasen Antje Keil und Johannes Wördemann. Durch den Abend führte Carsten Otte.
