Prof. Dr. Manuel Frondel, Leiter des Kompetenzbereichs ‚Umwelt und Ressourcen‘ am RWI, beleuchtet die Herausforderungen der deutschen Klimaneutralität bis 2045. Er kritisiert die hohen Kosten in Milliardenhöhe, die durch den vorgezogenen Zeitrahmen entstehen könnten, ohne signifikanten Nutzen für das Klima. Frondel diskutiert potenzielle Nachteile für die deutsche Industrie und betont die Wichtigkeit internationaler Kooperationen im Klimaschutz. Zudem wird erörtert, wie nationaler Ansatz möglicherweise weniger effektiv ist als Unterstützung für Projekte in Entwicklungsländern.
Die gesetzlich festgelegte Klimaneutralität bis 2045 könnte Deutschland immense wirtschaftliche Belastungen von mehreren Hundert Milliarden Euro aufbürden.
Globale Kooperationen und ein ausgeweiteter Emissionshandel sind entscheidend, um den Klimaschutz international wirksam zu gestalten.
Die Diskussion um Klimaneutralität verdeutlicht die Notwendigkeit von Plan B und Alternativen, um wirtschaftliche Nachteile für Deutschland zu vermeiden.
Deep dives
Neues Verschuldungspotenzial und politische Reaktionen
Die Einführung eines neuen Verschuldungspotenzials in Höhe von einer Billion Euro weckt Freude bei den politischen Entscheidungsträgern, insbesondere bei den Grünen, da dadurch Investitionen in klimaneutrale Projekte bis 2045 beschlossen wurden. Dieses Paket wird als Möglichkeit angesehen, sowohl die Infrastruktur zu stärken als auch die Mehrheit der Bevölkerung in ihrem alltäglichen Leben zu entlasten. Allerdings wird darauf hingewiesen, dass diese neuen Mittel nicht automatisch die Haushaltskonsolidierung verringern werden, was zu einem Anstieg der Staatsverschuldung führen könnte. Kritiker unterstellen, dass diese Maßnahmen eher als Ablenkung von der aktuellen wirtschaftlichen Situation und der Misswirtschaft in der Klima- und Energiepolitik dienen könnten.
Ziele der Klimaneutralität bis 2045
Die gesetzlich verankerte Klimaneutralität bis 2045 wirft die Frage auf, ob dieses ambitionierte Ziel wirklich realistisch und finanziell tragbar ist. Während Deutschland bereits 43% seines CO2-Ausstoßes seit 1990 reduziert hat, ist die angestrebte weitere Reduktion von 57% in den nächsten 22 Jahren eine Verdopplung der vorherigen Einsparungsrate und dürfte extrem kostspielig werden. Ein Beispiel ist der Rückgang der Industrieproduktion, der in der Vergangenheit zur Einsparung von CO2 beigetragen hat, was in Zukunft nicht weiter möglich sein könnte. Es wird betont, dass ein Plan B für den Fall notwendig ist, dass die Zielerreichung schwieriger wird als erwartet.
Kosten und Herausforderungen der CO2-Reduktion
Die angenommenen Kosten für die Erreichung der Klimaneutralität bis 2045 werden als enorm hoch eingeschätzt, weil die realistischen Einsparungsmöglichkeiten im Zuge der Deindustrialisierung bereits ausgeschöpft sind. Laut aktuellen Schätzungen könnte die Erreichung der neuen Ziele bis zu 750 Milliarden Euro kosten, was nicht nur die öffentliche Hand, sondern auch Unternehmen und Haushalte belasten würde. Es gibt Bedenken, dass der Druck auf die Industrie und die exportorientierte Wirtschaft weiter steigen wird, was deren Wettbewerbsfähigkeit verringern könnte. Dies wird als ernstzunehmendes Risiko betrachtet, da es zu einem weiteren Verlust industrialisierter Fertigungsstandorte führen könnte.
Der Wasserbetteffekt und internationale Klimapolitik
Der Wasserbetteffekt beschreibt die Problematik, dass durch nationale Klimaschutzmaßnahmen die Emissionen möglicherweise nur verlagert und international nicht wirklich gesenkt werden können. Dies kann dazu führen, dass während Deutschland seine CO2-Emissionen reduziert, andere Länder höhere Emissionen verursachen, wodurch der angestrebte Effekt zunichtegemacht wird. Es wird angemerkt, dass diese nationalen Maßnahmen im Kontext einer globalen Verhandlungsführung unzureichend sind, wenn größere Emittenten wie China und Indien nicht mit ähnlichen Zielen vorangehen. Um wirkliche Fortschritte zu erzielen, plädiert man für internationale Kooperationen und die Ausweitung des Emissionshandels auf globaler Ebene.
Langfristige Perspektiven und alternative Ansätze
Die Diskussion um Klimaneutralität bringt die Notwendigkeit von langfristigen Perspektiven und Alternativansätzen in den Fokus, da einige Maßnahmen in Deutschland bereits zu wirtschaftlichen Nachteilen geführt haben. Es wird empfohlen, die Ressourcen wieder stärker in international wirksame Klimaschutzprojekte zu investieren und gleichzeitig die heimische Industrie nicht unverhältnismäßig zu belasten. Auch die Überlegung, wie unvermeidbare Emissionen durch Projekte im Ausland ausgeglichen werden könnten, spielt eine bedeutende Rolle. Letztlich wird die Meinung vertreten, dass Klimapolitik nicht nur nationale Verantwortung ist, sondern auch durch globale Zusammenarbeit effizient gestaltet werden sollte.
bto#287 – Nun steht es auch offiziell als Ziel im Grundgesetz: Deutschland muss bis 2045 „klimaneutral“ sein. Das wäre fünf Jahre früher als der Rest der EU. Fraglich ist, ob dieses ambitionierte Ziel realistisch und wirtschaftlich sinnvoll ist? Eine nüchterne Analyse klärt die Kosten und Risiken dieser Entscheidung. Daniel Stelter erklärt, warum Deutschland sich mit diesem Alleingang enormen wirtschaftlichen Belastungen aussetzt.
Besonders brisant: Laut einer neuen Studie von Prof. Dr. Manuel Frondel, Leiter des Kompetenzbereichs „Umwelt und Ressourcen“ am RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, könnte das Vorziehen der Klimaneutralität um fünf Jahre mehrere hundert Milliarden Euro zusätzlich kosten – ohne echten Nutzen für das Klima. Im Experteninterview erläutert der Umwelt- und Energieökonom, warum der deutsche Weg zur Dekarbonisierung zum Standortnachteil werden könnte und welche Alternativen es gäbe.
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