Ein Seminarraum im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee. Eine Gründerzeitvilla, mit Fischgrätparkett und hohen Stuckdecken, der Blick geht raus auf Bäume und Wasser. Im großen Oval, um zusammengeschobene Tische herum, sitzen die 13 Teilnehmenden von Junivers und die Kuratorin Aurelie Maurin.
Poesie als Brücke zwischen den Sprachen
Vier Teilnehmende sollen die anderen zu Beginn kurz und knapp ins eigene poetische Universum mitnehmen. An welchem Projekt arbeiten sie gerade, in welche Verse haben sie sich verliebt, oder aber verbissen?
Gulnoz Nabieva übersetzt aktuell
die Lyrik des Dichters Thomas Brasch in ihre Muttersprache Usbekisch. Sie sagt: „Thomas Brasch ist was Besonderes für mich, auch weil ich kann man sagen, eine rebellische Person war, ich hab schon von jung an, erst gegen meine Eltern, die mich zwangsverheiraten wollten, dann gegen das System. Das hat mein inneres Spannungsfeld gut getroffen, gerade diese Lyrik."
Es stellt sich heraus, dass viele in der Runde das Gedicht von Thomas Brasch auch übersetzt haben, ins Französische, ins Vietnamesische.
Gemeinsames Übersetzen – Herausforderungen und kreative Lösungen
Verse eröffnen ganze Universen in diesem Monat Juni. Junivers - der Name für dieses internationale Treffen von Lyrikübersetzerinnen und -übersetzern ist Programm. Das Herzstück: Die Übersetzungswerkstatt mit dem vielfach preisgekrönten, in Berlin lebenden Dichter Nico Bleutge. Zwei Tage lang wird seine Lyrik mit ihm übersetzt und diskutiert.
Bleutge erzählt: „Das ist immer mit sehr intensiven Fragen verbunden, die bis in die kleinsten Klang- und Lautstrukturen hineinreichen und im glücklichsten Fall lernt man wirklich noch mal sehr viel über seine eigenen Texte, weil man die natürlich noch mal aus anderen Perspektiven, vor dem Hintergrund anderer Sprachvorstellungen dann selber aufgefaltet bekommt."
Nicht allein im berühmten stillen Kämmerlein über Texten brüten. Sondern gemeinsam nach Lösungen suchen - auf diese Weise werden auch neue Arbeitsformen ausprobiert.
Daniela Allocca und Beatrice Occhini sind als Teil eines Kollektivs hier, das sie zu Hause in der Nähe von Neapel mit einer dritten Kollegin gegründet haben.
„Das verkürzt den Prozess nicht, nein, weil wir viel sprechen und auch mal darüber streiten, aber man findet viele Fehler, die man sonst nie gefunden hätte," so Daniela. Gerade arbeiten sie daran, Nico Bleutges Gedichtband „Nachts leuchten die Schiffe" ins Italienische zu übertragen.
Er komponiert hier Wasser- und Landschaftsbeobachtungen mit Kindheitserinnerungen, politischen Schwingungen und Bruchstücken anderer Dichterinnen, wie zum Beispiel Annette von Droste Hülshoff, in Italien kaum übersetzt. Und das ist nur eine von vielen Herausforderungen, sagt Beatrice. Eine andere Schwierigkeit: viele altmodische oder Dialekt-Wörter, wie zum Beispiel „kladdern".
Beatrice Occhini zitiert aus einem Gedicht: „Dieser Modder, Modergeruch beim Aufstemmen der Kästen, das Klatschen, Kladdern in den Gelenken. Also, wir haben das übersetzt und wir haben gelesen, ah! Rauschen von Wasser - scorrere, da können wir dieses Kästen, Klatschen, Kladdern durch „sc", „sp", „sg" übersetzen. Aber dann haben wir bemerkt, ganz am Ende des Gedichts gibt es ein Wort, das wir nie gehört hatten, und zwar: „Kladden"."
Die Kladde - ein Heft für flüchtige Niederschriften. Das Wort Kladde steckt in Kladdern, im Vers ist eine Metaebene versteckt: Die Reflexion über den Vorgang des Schreibens an sich.
Beatrice Occhini lacht: „Oh nein, wie machen wir das? Aber dann dachten wir: ok, wir könnten mit Verschiebungen arbeiten. Was ist in einer Kladde enthalten normalerweise? Geschreibsel. Nicht perfekt, aber immerhin."
Lyrikübersetzung als kulturelle und politische Praxis
Auch Klang und Rhythmus müssen angepasst, Schichten der Geschichte durchdrungen, Kultur- und politische Bezugsräume mitgedacht und transportiert werden, genau wie veränderte Gegenwarten.
Die Auseinandersetzung mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, aber auch das Verhältnis zur Natur oder Genderfluidität sind Tendenzen, die Nico Bleutge in der aktuellen Lyrik beobachtet. Auch sein eigenes Schreiben habe sich verändert, sagt er:
„Dass man wahnsinnig viele Brandherde hat, dadurch, dass Strukturen, mit denen man aufgewachsen ist, und sei es so etwas wie Demokratie wirklich gefährdet sind und all das was an Ideologien und Sprachvorstellungen auch dranhängt, ist man von alleine drin und überlegt: Wie kann ein Schreiben aussehen, dass das in einem Gedicht auch wirklich zu fassen vermag?"
Genug Gesprächsstoff für Nico Bleutge und die Lyrikübersetzerinnen und Übersetzer aus verschiedenen Sprachräumen. Es geht auch um Arbeitsbedingungen. Ohne Stipendien, Förderungen und Brotjobs geht es nicht. Manchmal - so Daniela und Beatrice - fragten sie sich schon, warum und wofür sie sich das alles eigentlich antun. Und doch:
„Ich finde, das ist eine Möglichkeit, ein tiefes Verhältnis zwischen Kulturen zu schaffen, das finde ich total wichtig.
Denn: „Literatur zu übersetzen ist fast wie eine Übung im Anwesendsein. Und mir persönlich ist das wichtig gerade, weil genau wegen der politischen Situation überall. Und wenn ich übersetze fühle ich mich in dem Moment."