
SWR Kultur lesenswert - Literatur Kathrin Hartmann – Die Welt gewinnen
Sep 24, 2025
04:09
Kathrin Hartmann ist keine Kriegsreporterin. Ihre Reportagen beschäftigten sich dennoch mit Frontlinien – etwa dort, wo soziale Bedürfnisse und eine intakte Natur im Widerspruch zu den Interessen des Kapitals stehen und es deswegen mitunter zu tödlichen Auseinandersetzungen kommt: Indonesische Palmölplantagen, wo für westliche Kosmetikprodukte die Existenzen von tausenden Kleinbauern ruiniert werden.
Oder das griechische Gesundheitswesen, in dem Menschen mit heilbaren Krankheiten wegen aufgezwungenen Sparprogrammen dem Tode geweiht sind. Es sind nicht nur unmittelbar Betroffene, die sich gegen solche Missstände wehren. Kathrin Hartmann porträtiert diejenigen, die sich in den neu entstandenen solidarischen Kliniken engagieren.
Ärztinnen und Ärzte, die diese Bewegung unterstützen, behandeln neben ihrem Dienst in öffentlichen Krankenhäusern kostenlos und freiwillig Patientinnen und Patienten, denen der Zugang zum Gesundheitssystem verweigert wird, weil sie nicht mehr versichert sind.Quelle: Kathrin Hartmann – Die Welt gewinnen
Solidarität verbindet
Was diese Ärztinnen und Ärzte eint, ist die Empathie und Solidarität mit denen, die unter dem Spardiktat zu leiden haben. Das gilt auch für die Menschen aus der Geflüchtetenhilfe, von denen Kathrin Hartmann mehrere porträtiert. Dass Solidarität nicht nur altruistisch motiviert ist, beschreibt ihr Beispiel aus El Salvador. Bei ihren Recherchen zu den Stickerinnen, die ihre Arbeit für einen Hungerlohn von zu Hause aus erledigen und versuchen, sich gewerkschaftlich zu organisieren, muss Kathrin Hartmann vorsichtig sein.Die Stickerinnen zu Hause zu treffen, das wäre für sie viel zu gefährlich gewesen. Alle halten ihre Arbeit geheim, weil sie Angst vor Schutzgelderpressung seitens der Banden in den Barrios haben. Und das spielt den Bossen natürlich in die Hände: So kommt gar nicht erst heraus, wie viele Frauen stickende Sklavinnen sind.Quelle: Kathrin Hartmann – Die Welt gewinnen
Nicht nur Altruismus
Die Kämpfe der Frauen haben kleine Erfolge hervorgebracht: Immerhin müssen die Heimstickerinnen jetzt in einem Register erfasst sein und können den staatlichen Mindestlohn einklagen. Doch Kathrin Hartmann ist nicht naiv. Gegen gewerkschaftliche Organisierung braucht es jetzt keine Banden mehr: die neue Regierung in El Salvador sei die neue Schutzmacht der Textilbosse und lasse Gewerkschafter inhaftieren. Der kritische Blick der Autorin trifft auch hierzulande überaus populäre Ansätze, etwa Nachhaltigkeitszertifikate, Mikrokredite und Tafelsysteme, deren behauptete Wirksamkeit sie faktenreich widerlegt.Ich bezeichne solche Ideen als das „falsche Gute”. Es ignoriert die strukturellen Ursachen von Armut, Ungleichheit und Naturzerstörung nicht nur, es legitimiert und erhält sie. Es will beruhigen, indem es suggeriert, es gebe keine Schuldigen und alles könne so bleiben, wie es ist. Das falsche Gute ist deshalb der größte Bremsklotz für Veränderung.Quelle: Kathrin Hartmann – Die Welt gewinnen
Gegen den rechten Zeitgeist
Als positives Beispiel hierzulande steht das Porträt von Tobi Rosswog. Er hatte sich für zwei Jahre nach Wolfsburg begeben, um dort gemeinsam mit anderen Umweltaktivisten ausgerechnet die VW-Stadt zu einer „Verkehrswendestadt “ zu machen. Zwar laufen heute in Wolfsburg immer noch Autos vom Band, aber die Aktivist*innen haben tatsächlich einige Kontakte zu gleichgesinnten VW-Arbeitern aufbauen können – bis hin zu Betriebsräten. Und sie haben mit ihren spektakulären Aktionen dutzende Schlagzeilen erzeugt – als sie etwa für mehrere Stunden einen Werkszug blockierten und darüber ein riesiges Transparent mit einer Straßenbahn hängten. Die erste Straßenbahn verlässt das VW-Werk in Wolfsburg, hieß es in der Pressemitteilung.Mit den Fotos der symbolischen Straßenbahn brachten sie nicht nur ein Bild und eine Nachricht in Umlauf, sondern sie machten eine Möglichkeit sichtbar.„Die Welt gewinnen” liefert keine Patentrezepte zur Veränderung der Welt. Aber das spannend geschriebene Sachbuch macht mit seinen vielen Geschichten Mut. Es ist ein Plädoyer gegen den rechten Zeitgeist, getragen von einer zutiefst solidarischen Haltung mit den Ausgebeuteten dieser Welt.Quelle: Kathrin Hartmann – Die Welt gewinnen
