Mario Draghi, der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank und Berater der EU, diskutiert die kritische Lage der Europäischen Union. Er warnt vor einer Deindustrialisierung Deutschlands und betont, dass massive Investitionen nötig sind, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Draghi schlägt Reformen und die Finanzierung durch gemeinschaftliche Schulden vor. Der Fachmann Mike Zöller erörtert die Schwierigkeiten, mit denen Unternehmen konfrontiert sind, sowie die Notwendigkeit, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, um wirtschaftliche Krisen zu bewältigen.
Mario Draghi fordert massive Investitionen in die EU, um die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft im globalen Markt zu stärken.
Die Deindustrialisierung in Deutschland ist alarmierend, da 20% der industriellen Wertschöpfung gefährdet sind und Unternehmen zunehmend Insolvenzen melden.
Hohe Energiekosten in der EU stellen einen Wettbewerbsnachteil dar, der Investitionsentscheidungen von Unternehmen und die Standortwahl beeinflusst.
Deep dives
Europas wirtschaftliche Abhängigkeit und Decline
Die Analyse des europäischen Marktes zeigt, dass Europa im globalen Wettbewerb allmählich ins Hintertreffen gerät. Während Mario Draghi und sein Expertenteam negative Trends identifizieren, sind die stagnierenden Investitionen in Forschung und Entwicklung besonders alarmierend. Es wird festgestellt, dass die Union von ihrem Ziel, 3% des BIP in diesem Bereich zu investieren, weit entfernt ist, mit den größten Fortschritten nur im Zugang zu höherer Bildung, aber nicht in den MINT-Fächern. Diese geringe Innovationskraft trägt entscheidend zur Abhängigkeit Europas von anderen globalen Playern bei, insbesondere in der Technologiebranche, wo die USA klare Wettbewerbs- und Innovationsvorteile aufweisen.
Die drohende Deindustrialisierung Deutschlands
Eine besorgniserregende Studie des BDI hebt die Gefahr der Deindustrialisierung in Deutschland hervor, wo 20% der industriellen Wertschöpfung akut gefährdet sind. Gespräche mit Unternehmern bestätigen die alarmierende Realität, dass Insolvenzen zunehmen und die Nachfrage sinkt, was zu einem verstärkten Bedarf an Insolvenzberatern führt. Unternehmen berichten von einem Rückgang des inländischen Geschäfts im Vergleich zu internationalen Märkten, was auf strukturelle Probleme hinweist. Diese Entwicklungen werfen die Frage auf, ob Deutschland in der Lage ist, seine industrielle Basis zu halten, während gleichzeitig neue Herausforderungen durch den internationalen Wettbewerb entstehen.
Innovation und Digitalisierung als Schlüssel
Die Notwendigkeit, die Innovationsfähigkeit zu steigern, wird als entscheidend für die Zukunft Europas identifiziert. Die Erkenntnis, dass nur eine Handvoll europäischer Unternehmen zu den weltweit führenden Technologieanbietern gehören, belegt den Rückstand im Sektor. Es wird betont, dass die EU dringend in hochinnovative Technologien investieren müsse, um nicht nur ihren eigenen Markt zu schützen, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit insgesamt zu erhalten. Wenn Europa nicht schneller in Forschung und Entwicklung investiert, könnte es weiterhin hinter globalen Konkurrenten wie China und den USA zurückbleiben.
Energiekosten als Wettbewerbsnachteil
Die hohen Energiekosten in der EU stellen einen wesentlichen Wettbewerbsnachteil für Unternehmen dar, da die Preise in Deutschland oft viel höher sind als in den USA oder Asien. Unternehmen der energieintensiven Branchen sind besonders betroffen, was ihre Entscheidungsfindung bezüglich Investitionen und Standortwahl beeinflusst. Pläne zur Dekarbonisierung der Industrie könnten sowohl eine Chance als auch eine Herausforderung bedeuten, da der Übergang zu neuen Technologien hohe Investitionen erforderlich machen könnte. Eine klare und kohärente Energiepolitik, die den Unternehmen Investitionssicherheit bietet, wird als notwendig erachtet, um den Standort Deutschland zu sichern.
Die Rolle der Staatsausgaben und Schulden
Die Diskussion um die staatlichen Ausgaben und die Notwendigkeit, in öffentliche Güter und Infrastruktur zu investieren, ist von zentraler Bedeutung. Draghi plädiert für eine stärkere Verschuldung auf europäischer Ebene, um notwendige Investitionen zu ermöglichen, doch es wird hinterfragt, ob dies tatsächlich eine Lösung ist oder lediglich bestehende Probleme verschärfen könnte. Die Erhöhung öffentlicher Investitionen soll nicht nur die Produktivität steigern, sondern auch die strukturellen Herausforderungen Deutschlands angehen. Gleichzeitig besteht die Sorge, dass unverhältnismäßig hohe Schulden die Kreditwürdigkeit gefährden könnten, besonders wenn bestehende produktive Investitionen für die Zukunft nicht gesichert sind.
bto#260 – Der EU droht der Untergang, wenn sie nicht einen massiven Kurswechsel vollzieht. So sieht es jedenfalls Ex-EZB-Chef Mario Draghi, der im Auftrag der EU-Kommission einen Bericht mit Vorschlägen für ein wirtschaftliches Reformprogramm vorgelegt hat. Kern des Programms sind immense Investitionen, die relativ zum BIP über dem Niveau des Marshall-Plans nach dem Zweiten Weltkrieg liegen und durch gemeinsame Schulden finanziert werden sollen.
Letztlich hängt die EU damit an der Solvenz Deutschlands. Allerdings ist es für Deutschland zunehmend keine Frage des Willens, diese Beiträge zu leisten, sondern eine Frage der Fähigkeit. Zeitgleich mit dem Bericht der Draghi-Kommission erschien diese Woche eine Studie des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), die in klaren Worten vor der Deindustrialisierung des Landes warnt.
Doch kann man diese Deindustrialisierung überhaupt noch aufhalten oder befinden wir uns bereits auf der Rutschbahn auf dem Weg nach unten? Darüber spricht Daniel Stelter mit dem Sanierungsexperten Mike Zöller, Senior Managing Director bei der Restrukturierungsberatung FTI Consulting – und der berichtet von vollen Auftragsbüchern.
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Die Studie If the EU was a State in the United States: Comparing Economic Growth between EU and US States finden Sie hier.
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