Wohl kein Thema hat die Öffentlichkeit in den letzten Jahren stärker verstört als die Migration, die, im Namen der Menschlichkeit, letztlich in eine Form der inneren Zwietracht, ja, des symbolischen Bürgerkriegs eingemündet ist. Hätte schon die Kölner Silvesternacht die Anhänger der Willkommenskultur lehren können, dass man in Gestalt unzähliger Neubürger durchaus neuartige Probleme gewärtigen muss (wie den Taharrusch dschama'i beispielsweise), war die Verführung, sich dem Rausch des moral grandstanding hinzugeben, doch allzu groß. So groß jedenfalls, dass die classe politique sich kurzerhand weigerte, die selbstgeschaffenen Realitäten zur Kenntnis zu nehmen – während auf der anderen Seite das vielgescholtene „Pack“, in einer verstockten Schweigespirale befangen, sich dem Populismus ergab oder sich damit begnügte, in Leserbriefen das double speak des Einmann zu zergliedern. Die Folgen des gesellschaftlichen Schismas sind allüberall zu besichtigen: Invektiven sind zu einer politischen Währung geworden, während bürgerliche Tugenden in den Hintergrund gerückt sind. In jedem Fall muss der politische Beobachter diagnostizieren, dass der Verlust der äußeren Grenzen die innere Ausgrenzung zur Folge gehabt hat. Dass in dieser noch immer aufgeheizten Debatte mein Blick auf Frank Urbaniok gefallen ist, hat damit zu tun, dass sich hier jemand zu Wort meldet, der, aller xenophoben Neigung unverdächtig, die Entstehung des Problems aus nächster Nähe – und mit professioneller Distanz - hat verfolgen können. Denn als Psychiater, der zuallererst mit persönlichkeitsgestörten Sexualstraftätern beschäftigt war, kann man sich nicht mit der moralischen Verurteilung begnügen, sondern gilt es zuvörderst zu verstehen, was den Betreffenden zu seinem Handeln veranlasst. Dass Urbaniok, der in seiner Eigenschaft als Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes in Zürich, aber auch als Supervisor und Gutachter Tausende von Straftätern kennengelernt hat, sich der Frage der Migration zuwandte, hatte damit zu tun, dass er zunehmend mit Tätern zu tun hatte, deren Handeln eine kulturelle Prägung aufwies. Mehr noch als dies aber frappierte ihn das dröhnende Schweigen seiner Kollegenschar - dass Kriminologen und Migrationsforscher, statt unangenehme Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, dem den Schleier des Nichtwissenwollens vorziehen konnten. Genau dies hat ihn veranlasst, ein Buch zu den Schattenseiten der Migration zu verfassen, ein Buch, in das die Erfahrungen eines langen Berufsleben eingeflossen sind.
Frank Urbaniok ist ein deutsch-schweizerischer forensischer Psychiater. Er war in den Jahren 1997 bis 2018 Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich. Zudem lehrt er an der Universität Konstanz Forensische Psychiatrie.
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