
Krieg – und keiner geht hin? Eine Geschichte der Fahnenflucht
SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Nachkriegsdeutung und Studentenbewegung
Der Moderator kontrastiert Nachkriegsgehorsam mit studentischer Sicht, die Desertion als Selbstbehauptung sah.
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Episode notes
Rolf Cantzen entfaltet die Geschichte der Desertion als eine Geschichte des Gewissens. Von der Antike über die Weltkriege bis in die Gegenwart desertierten Menschen aus Kriegen – und hatten gute Gründe dafür.
Sie wollen nicht töten, sie wollen nicht sterben, sie haben Angst, sie müssen ihre Familien versorgen, sie wollen nicht gehorchen und sich nicht schikanieren lassen, ihnen sind Manneszucht und Männerbünde zuwider, sie wollen ihre Verantwortung und Selbstbestimmung nicht aufgeben, sie wollen nicht für ein Regime und ein Ziel kämpfen, das sie ablehnen. Meistens gibt es mehr als einen Grund, von der Fahne zu gehen und zu desertieren.Quelle: Rolf Cantzen – Deserteure. Die Geschichte von Gewissen, Widerstand und Flucht
Desertion war nie ein Randphänomen
Cantzen hat aufwändig recherchiert und belegt: Desertion war nie ein Randphänomen. Zur Zeit der feudalen Fürstenarmeen Preußens desertierten im 18.Jahrhundert etwa zwanzig Prozent der Soldaten, in Frankreich ebenso viele. Auch in den Weltkriegen quittierten viele Soldaten ihren Dienst, indem sie zum Beispiel nicht aus dem Fronturlaub zurückkehrten. Besondere historische Bedeutung hatten die Militärstreiks und Revolutionen zum Ende des Ersten Weltkriegs, die man auch als kollektive Desertion bezeichnen könnte. Sie waren inspiriert durch die sinnlosen Gemetzel und die desaströse Kriegswirtschaft. Allein auf Seiten der deutschen Streitkräfte meuterten knapp eine Million Soldaten, die sich Richtung Heimat absetzten und in mehreren Städten revolutionäre Soldatenräte bildeten. Deserteure stellten schon immer die Macht der Herrschenden in Frage: Deshalb setzten bereits römische Kaiser spezielle Truppen ein, die systematisch gegen Soldaten vorgingen, die sich dem Töten entzogen hatten.Wer Deserteure denunzierte, erhielt eine Belohnung, wer sie unterstützte, wurde bestraft. Die Verhinderung von Desertion und Wehrdienstentziehung entwickelte sich im römischen Kaiserreich zu einer gewaltsam durchgesetzten staatlichen Aufgabe. Die Bürger wurden im Kriegsdienst auf den Staat verpflichtet. Ihre Loyalität galt nicht mehr primär ihren Familien, Sippen oder Städten, sondern Staat und Kaiser.Quelle: Rolf Cantzen – Deserteure. Die Geschichte von Gewissen, Widerstand und Flucht
Brutales Vorgehen gegen Deserteure in der NS-Zeit
Besonders eindringlich sind Cantzens Kapitel zur NS-Zeit, in der viele tausend Soldaten und sogar minderjährige Deserteure als „Verräter“ diffamiert und hingerichtet wurden. Gründlich aufgearbeitet hat der Autor die Rolle ehemaliger NS-Militärrichter, die für viele Todesurteile verantwortlich waren. Einige von ihnen machten in der BRD wieder Karriere als Juristen und Politiker, verharmlosten wie Hans Karl Filbinger, Ministerpräsident in Baden-Württemberg von 1966 bis 1978, ihre Rolle als Blutrichter. Als vielzitierte Wissenschaftler verhinderten einige von ihnen jahrzehntelang die Rehabilitation der Opfer der NS-Militärjustiz - ein Unrecht, das erst 2009 aufgehoben wurde. Für Cantzen offenbart dieses traurige Kapitel, wie tief das militärische Denken und bedingungsloser Gehorsam auch in Teilen der deutschen Nachkriegsgesellschaft verankert blieb. Eine andere Lesart von Desertion hatten Teile der Studierendenbewegung. Für sie war das nicht Fahnenflucht, sondern ein Akt der Selbstbehauptung.Eine Desertion ist eine moralisch gerechtfertigte, aber rechtlich sanktionierte Kündigung einer Zwangsmitgliedschaft,zitiert Cantzen den US-Schriftsteller Henry David Thoreau. Auch andere Schriftsteller waren prominente Fürsprecher der Deserteure, etwa Leo Tolstoi und Heinrich Böll.Quelle: Rolf Cantzen – Deserteure. Die Geschichte von Gewissen, Widerstand und Flucht
Frieden beginnt mit Widerspruch
Cantzens Buch erinnert daran, dass Wehrhaftigkeit nicht nur militärisch, sondern auch moralisch verstanden werden kann – als Fähigkeit, Nein zu sagen, wenn das Töten zum Befehl wird. Deserteure sind für ihn keine Feiglinge, sondern Menschen, die das Recht auf Selbstbestimmung verteidigen. In einer politischen Landschaft, die wieder bereit ist, Krieg als notwendiges Mittel der Politik zu akzeptieren, erinnert dieses Buch daran, dass Gewissen Widerstand bedeutet – und dass Frieden nicht durch Anpassung, sondern durch Widerspruch beginnt.The AI-powered Podcast Player
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