
Barbara Honigmann – Mischka. Drei Porträts
SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Honigmanns Generation und persönliche Herkunft
Der Moderator erklärt Honigmanns Zugehörigkeit zur zweiten Generation und ihren Hintergrund in Straßburg.
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Episode notes
Eine kleine Küche im Moskau der späten sechziger Jahre: Während auf dem Herd der Borschtsch köchelt, erhalten hier sowjetische Dissidenten Mitgefühl und Verständnis. Und lesen zum Dank der Gastgeberin Mischka aus ihren verbotenen Werken vor.
Manche dieser Gäste suchen in dem von Küchendämpfen und -gerüchen durchwaberten Safe Space einfach nur etwas Ruhe, zum Beispiel vor der Dauerbespitzelung durch den KGB.
Andere sind gerade zurückgekehrt aus einem Zwangsarbeiterlager in Sibirien. Oder aus einer Psychiatrie, dem anderen damals üblichen Verbannungsort für sogenannte „Staatsfeinde“.
Wo Heinrich Böll Alexander Solschenizyn kennenlernte
Mitunter finden sich hier aber auch Reisende aus dem geteilten Deutschland ein. Literaturgeschichte wird geschrieben, als in Mischkas Küche der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll den Germanisten Lew Kopelew kennenlernt. Und den Gulag-Überlebenden Alexander Solschenizyn. Und eine Ostberliner Studentin namens Barbara Honigmann erfährt durch Mischka und ihre Besucher ihre längst überfällige „politische Aufklärung“, wie sie heute schreibt:da kehrten sie immer wieder, diese Ortsnamen: Workuta, Kolyma, Magadan, Butyrka, Lubjanka (…). Und die Ortsnamen verbanden sich mit den Worten Gefängnis, Zuchthaus, Lager, Gulag, Einzelhaft, Folter, Verbannung und Zwangsarbeit in Sibirien, hinter dem Polarkreis. All das hörte ich und davon las ich, und all das hörte dann endlich auch die ganze Welt, und wer will jetzt sagen, was schlimmer war, Auschwitz oder Workuta, das Butyrka-Gefängnis oder das Zuchthaus Brandenburg?Quelle: Barbara Honigmann – Mischka. Drei Porträts
Porträt eines Jahrhundertlebens
Mischka, die Hausherrin, hieß eigentlich Wilhelmine Hermannova Slawusdkaja und stammte aus einer jüdischen Familie in Riga. 2005 starb sie hundertjährig, ihr Leben ein Spiegel der Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts. Für die junge Barbara Honigmann wurde sie seinerzeit eine mütterliche Freundin, jetzt hat ihr die Autorin ein eindringliches Porträt gewidmet. Geschrieben ist es in einer geschmeidigen, humorvollen Prosa – mit Satzgirlanden, die so verschlungen sind wie die erzählten Lebenswege, von denen sich einige spurlos in den Zeitläuften verlieren wie der von Mischkas verschollenem Bruder Isidor.sie wusste nichts über sein weiteres Schicksal, was mit ihm geschehen war, vielleicht war er schon im Spanischen Bürgerkrieg gefallen, vielleicht später an einer anderen Front, vielleicht in einem deutschen Konzentrationslager oder im sowjetischen Gulag umgekommen, sie konnte es nie erfahren, sein Tod war ungewiss und ungeklärt, er blieb für immer verschwunden und verschollen, und er hat kein Grab.Quelle: Barbara Honigmann – Mischka. Drei Porträts
Säuberungen und Schauprozesse
Seit vierzig Jahren erkundet Barbara Honigmann mit ihren ebenso schmalen wie konzentrierten Büchern jüdische Identitäten und Lebensgeschichten. In „Mischka. Drei Porträts“ führt die 76-Jährige ihre Leserinnen und Leser zunächst zurück in die Welt des Kalten Krieges – eine Welt, die leider unheimlich gegenwärtig anmutet, wenn man an das heutige Russland denkt: Da werden Genossen beim Essen vergiftet oder in Schauprozessen mittels sogenannter „Gummiparagrafen“ mundtot gemacht, um dann für Jahrzehnte in der sibirischen Verbannung zu verschwinden. Wie Mischka selbst, eine anfangs überzeugte Kommunistin, die während der stalinistischen Säuberungen für 20 Jahre jenseits des Polarkreises verbannt wurde, die ersten acht davon in einem Straflager für Staatsfeinde.Mischka in Moskau war die erste Person, die mir (…) sozusagen leibhaftig die schwarze Sphäre des kommunistischen Kosmos eröffnet hat, die von den alten Freunden wenn nicht geleugnet, so doch eher beschwiegen wurde, ähnlich der jüdischen Sphäre, als ob diese beiden Aspekte den Raum ihres weiten Kosmos einschränkten.Quelle: Barbara Honigmann – Mischka. Drei Porträts
Das trotzige Schweigen der Eltern-Generation
Die „alten Freunde“, die über Stalins Verbrechen kein Wort verlieren wollen: Das war für die deutschjüdische Schriftstellerin, die 1984 in den Westen ging, der Intellektuellenkreis ihrer Eltern am Prenzlauer Berg. Dieser „Kreis, Kosmos, das Universum“, wie die wiederholte Formel im Buch lautet, bestand aus jüdischen Kommunistinnen und Kommunisten, die das KZ oder Exil überlebt hatten und danach in der DDR ein besseres Deutschland aufbauen wollten. Und die sich einfach nicht eingestehen konnten, ihr Leben in den Dienst eines massenmörderischen Regimes gestellt zu haben. Umso augenöffnender war dagegen für die junge Barbara Honigmann der, wenn man so will, Forschungsaufenthalt in Mischkas Moskauer Küche. 1949 geboren, gehört Honigmann zur sogenannten „zweiten Generation“, also den Nachkommen von Shoah-Überlebenden, wie etwa auch ein Maxim Biller oder Robert Schindel. Weil ihre Eltern nach dem Krieg um Anpassung und Unauffälligkeit bemüht waren, bekamen viele von ihnen Allerweltsnamen wie Peter, Thomas oder Klaus, erzählt Barbara Honigmann. Ihre unsteten Lebenswege seien oft tragisch verlaufen:wenn sie von ihren grandiosen Angelegenheiten sprachen, wusste man wirklich nicht, ob sie einen einfach auf die Schippe nahmen oder ob sie selbst an ihre wahnhaften Geschichten glaubten, die immer brillant, groß und großartig und in jedem Falle außergewöhnlich waren.Die Autorin selbst fand seinerzeit eine neue, auch religiöse Heimat bei der bunten jüdischen Gemeinde in Straßburg, zu ihrem Glück. Ihr glänzend erzähltes Büchlein kommt gerade recht – in einer Zeit, in der die Sowjetunion eine neue verklärende Verehrung erfährt. Und zugleich jüdische Leben so gefährdet sind wie lange nicht mehr.Quelle: Barbara Honigmann – Mischka. Drei Porträts
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