Der Mythos eines kolonial unbefleckten Österreichs bröckelt heute in Teilen der Geschichtsforschung. Neue Forschungsrichtungen untersuchen die Verstrickungen Österreichs in den Kolonialismus der vergangenen Jahrhunderte. Dabei geht es nicht nur um die vielfältige Involvierung in den überseeischen Kolonialismus anderer europäischer Mächte, sondern auch um Formen des Binnenkolonialismus in Europa – etwa in Bosnien. Sowohl in der Monarchie als auch in der Ersten Republik gab es Gruppierungen, die sich für die Schaffung eigener österreichischer Kolonien einsetzten, und während der Zeit des Austrofaschismus spielte Engelbert Dollfuß sogar konkret mit dem Gedanken, eine ehemals deutsche Kolonie zu übernehmen. Während der Besatzungszeit von 1945 bis 1955 ziehen österreichische Politiker Analogien zur Dekolonisierung weiter Teile des globalen Südens, während Österreich selbst weiterhin fremdbestimmt bleibt. Mariella Gittler im Gespräch mit der Zeithistorikerin Lucile Dreidemy.