
Mörderische Teenagerinnen in einer englischen Küstenstadt
SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Skeptische Rezeptionshaltung im Buch
Clark etabliert Misstrauen gegenüber dem Erzähler und zeigt, wie dessen Erzählung trotzdem verführt.
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Episode notes
Drei Teenagerinnen ermorden in einer fiktiven nordenglischen Küstenstadt im Jahr 2016 ihre Mitschülerin: Sie foltern sie in einer Strandhütte, lassen sie dort liegen und zünden die Hütte an. Noch in der Nacht geht eine von ihnen zur Polizei. Sie werden verhaftet, vor Gericht gestellt, verurteilt. Nur eines bleibt im Dunkeln: ihr Motiv.
Das ist – natürlich – bester True-Crime-Stoff: mörderische Mädchen, ein grausames Verbrechen, eine Kleinstadt. Und genau deshalb ist das der Ausgangspunkt von Eliza Clarks raffiniertem und ungemein cleverem „fiktiven True-Crime-Roman“ „Penance“.
Die 1994 in Newcastle geborene Eliza Clark hat 2020 mit ihrem Debüt „Boy Parts“ auf sich aufmerksam gemacht: Eine Mischung aus Kunst-Essay und feministischer Variation von „American Psycho“.
Dieses ambitionierte, vielversprechende Buch brachte ihr einen Platz auf der renommierten Liste der besten jungen britischen Autoren ein, die alle zehn Jahre vom Magazin Granta publiziert wird. „Penance“ ist nun ihr zweiter Roman – und er ist sehr viel eleganter, stimmiger im Ton, im Tempo und in der Narration.
Skeptische Rezeptionshaltung
Das zeigt sich schon beim klug gewählten Rahmen des Romans: In einer Vorbemerkung wird das Folgende gekennzeichnet als eine Neuausgabe eines True-Crime-Buchs, das der Journalist Alec Z. Carelli verfasst hat. Erschienen ist es im März 2022, aber wenige Monate später musste es vom Verlag zurückgezogen werden.Kurz nach der Veröffentlichung beschuldigten einige von Carellis Interviewpartnern ihn öffentlich der Falschdarstellung und sogar Fälschung von Teilen ihres Interviews. In der Folge wurde aufgedeckt, dass Carelli sich auf illegale Weise die in der Haft entstandenen therapeutischen Texte zweier der drei Beschuldigten verschafft hatte.Mühelos etabliert Clark damit eine skeptische Rezeptionshaltung: Von vorneherein weiß man, man sollte nicht jeder Schlussfolgerung des Erzählers und Autors Carelli folgen. Dennoch geht man ihm auf den Leim. Denn: Seine Erzählung ist clever aufgebaut, außerdem spannend und süffig geschrieben. Carelli stellt sukzessive die Täterinnen vor, nähert sich ihnen, ihren Teenager-Leben und -Sorgen an, indem er mit ihren Eltern, ihren Freundinnen spricht. Wie in erfolgreichen True-Crime-Erzählungen setzen sich so die Puzzleteile des wahren Krimirätsel nach und nach zusammen, so dass am Ende ein zwar falsches, aber stimmiges Bild steht.Quelle: Eliza Clark – Penance
Emotionale vs. tatsächliche Wahrheiten
Dazu rahmen Transkripte aus Podcasts, die sich mit dem Fall befassen, die einzelnen Teile: Die Hosts reißen sexistische und abstoßende Witze über die Täterinnen und das Opfer. Diese Auszüge stehen für das reißerische True Crime, von dem sich Carelli distanzieren möchte. Auf einer zweiten Ebene aber machen sie geschickt deutlich, dass das, was Carelli schreibt, sich zwar im Ton unterscheidet, aber genauso den Voyeurismus und die Faszination für das „wahre Böse“ bedient und vom Leid anderer Menschen profitiert. Denn auch Carelli nimmt – wie einst Truman Capote in „Kaltblütig“ – ganz selbstverständlich an, dass es ihm zustehe, diese Geschichte so zu erzählen, wie er es möchte.Ich empfand die Wahrheit schon immer als ziemlich formbar. Ich gebe zu, dass ich keine Skrupel habe, wenn es um Haarspalterei geht, denn mich interessiert die emotionale Wahrheit. Ich bin daran interessiert, ein tieferes Verständnis für die Geschichte zu schaffen.Es ist beeindruckend, wie Eliza Clark es schafft, sowohl die selbstgerechte Journalisten-Stimme wie den Ton der oftmals sehr einsamen Jugendlichen einzufangen, die sich in Fanfiction und Shitposting auf Tumblr – es ist ja 2016! – verlieren. Dazu erzählt sie innerhalb dieser Verbrechensgeschichte vom englischen Klassismus und dem Niedergang nordenglischer Küstenstädte. Vor allem aber gelingt es ihr, die Erzähl- und Rezeptionsmuster von True Crime gleichermaßen zu bedienen und zu hinterfragen. Der Fall im Buch erinnert sogar lose an Morde, die es in den USA und Großbritannien Mitte der 1990er Jahre wirklich gegeben hat. „Penance“ ist ein sehr unterhaltsames, verführerisch leichtgängiges Buch, das voller kluger Einsichten steckt. Keine Frage: Eliza Clark ist eine der bemerkenswertesten jungen britischen Autorinnen.Quelle: Eliza Clark – Penance
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