
Franziska Stünkel – Coexist, Nahschuss und 15 Jahre Sommer.Frische.Kunst. in Bad Gastein
Die Leichtigkeit der Kunst
Druck und Menschlichkeit im autoritären System
Dieses Kapitel analysiert die filmische Darstellung der Herausforderungen, die Menschen in autoritären Regimen erleben. Am Beispiel des Films 'Nachschuss' wird untersucht, wie persönliche Beziehungen unter politischem Druck beeinflusst werden können, während innovative Kameratechniken die emotionale Verbundenheit zum Protagonisten betonen.
Franziska Stünkel über Coexist und 15 Jahre Sommer.Frische.Kunst in Bad Gastein | Kunstpodcast Die Leichtigkeit der Kunst
Was bleibt sichtbar – und was übersehen wir?
Diese Frage liegt in Bad Gastein fast in der Luft. Ein Ort, der Gegensätze nicht glättet: verlassene Grand Hotels neben neuen Kunsträumen, bröckelnde Fassaden neben frischer Gegenwart. Und genau hier entsteht dieses Gespräch – in den Bergen, im Rahmen von Sommer.Frische.Kunst., einem Festival, das seit 15 Jahren zeigt, wie aus einer Idee eine Bewegung werden kann.
Im Mittelpunkt steht die Fotografin und Filmregisseurin Franziska Stünkel. Ihre Serie Coexist begleitet sie seit fünfzehn Jahren. Entstanden ist ein Langzeitprojekt, das sich nicht über spektakuläre Motive definiert, sondern über eine Haltung: beobachten, gehen, warten, sehen. Franziska Stünkel spricht über Street Photography als Praxis, über das Fotografieren ohne Ziel – und über Bilder, die nicht retuschiert werden, weil sie den Moment nicht glätten sollen.
Franziska Stünkel
Franziska Stünkel arbeitet seit vielen Jahren zwischen Fotografie und Film – mit einem Blick, der sich für das interessiert, was im Off liegt: Spiegelungen, Übergänge, Situationen, die sich dem schnellen Urteil entziehen. In der Serie Coexistverfolgt sie über lange Zeiträume hinweg eine fotografische Praxis, die aus Beobachtung entsteht und das Unterwegssein als Arbeitsweise ernst nimmt. Im Gespräch wird deutlich, wie sehr ihr Werk von Verantwortung geprägt ist: von der Frage nach Sichtbarkeit, nach Würde, nach dem Verhältnis von Nähe und Distanz. Dass sie zugleich Filmregie führt, wirkt dabei nicht wie ein Seitenweg, sondern wie eine zweite Sprache – mit anderen Mitteln, ähnlicher Konsequenz.
Coexist – Spiegelungen, Street Photography und ein Begriff, der sich verändert hat
Coexist beginnt mit Spiegelungen. Mit Situationen, in denen Wirklichkeit nicht frontal gezeigt wird, sondern indirekt: in Fenstern, Oberflächen, Reflexen. Im Gespräch erzählt Franziska Stünkel, dass der Begriff „Coexist“ sich in den letzten fünfzehn Jahren stark verändert hat. Was anfangs fast romantisch aufgeladen war – als Hoffnung auf friedliches Zusammenleben – hat sich in der Gegenwart verdichtet: hin zu Verantwortung, Herausforderung und der Frage, wie Zusammenleben überhaupt sichtbar wird.
Besonders eindrücklich ist der Moment, in dem sie über eine Spiegelung in Nordafrika spricht. Dort, wo Frauen im öffentlichen Raum kaum sichtbar sind, entsteht plötzlich ein Bild, das wie ein Porträt wirkt – und gleichzeitig wie ein stilles Statement. In dieser Passage wird klar, dass Coexist nicht als These arbeitet. Die Arbeit entsteht aus Situationen – und aus einer Sehnsucht nach Sichtbarkeit.
Nahschuss – Film, Reduktion und Verantwortung
Ein zentraler Teil des Gesprächs widmet sich Franziska Stünkels Kinofilm Nahschuss. Sie beschreibt die Arbeit an einem Stoff, der historische Realität und persönliche Verantwortung eng zusammenführt – und spricht dabei weniger über dramatische Effekte als über die Frage, wie sich Geschichte filmisch erzählen lässt, ohne sie zu überformen.
Besonders eindrücklich ist die Schilderung einer Szene mit Lars Eidinger und Luisa: Zwei Menschen, ein Raum, kaum Worte – und trotzdem ein hochintensiver Dialog, der im Bewusstsein entsteht, dass jedes Wort Konsequenzen haben könnte. Franziska Stünkel spricht über die Reduktion der Mittel – über Vertrauen in Spiel, Präsenz und Zwischentöne, über das Weglassen von Musik und Überhöhung, über eine Kamera, die nicht imponieren will, sondern begleitet. Nahschuss wird in dieser Folge so zu einer Frage der Haltung: Wie zeigt man Menschen in Extremsituationen, ohne sie zu benutzen?
Leica M – ein Werkzeug, das Nähe möglich macht
Ein sehr konkreter Strang dieser Folge ist Franziska Stünkels Verhältnis zur Kamera. Sie spricht über die Leica M, die sie seit vielen Jahren begleitet – klein, robust, beweglich. Die Kamera wird im Gespräch nicht als Statusobjekt beschrieben, sondern als Werkzeug, das eine bestimmte Form des Sehens ermöglicht: nah, unaufdringlich, auf Augenhöhe.
Ein biografischer Moment gibt diesem Thema zusätzliche Tiefe: Fotografien des Großvaters, Reisebilder aus den 1950er- und 1960er-Jahren, frühe Faszination für das Unterwegssein – und später das Wiederentdecken der eigenen Street Photography. Leica wird so zu einer Linie zwischen Generationen: nicht als Nostalgie, sondern als Fortsetzung eines Blicks.
Sommer.Frische.Kunst. – Bad Gastein als Ort des Wandels
Diese Folge ist auch ein Gespräch über Bad Gastein: über einen Ort, der Geschichte nicht versteckt. Und über ein Festival, das genau daraus seine Kraft zieht. Sommer.Frische.Kunst. wird nicht als Event beschrieben, sondern als kuratorische Praxis über Jahre hinweg: als Einladung, einen Ort neu zu lesen – zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Im Gespräch taucht auch eine zweite Perspektive auf: Andrea von Goetz, Initiatorin und Kuratorin von Sommer.Frische.Kunst. Sie spricht über die Entstehung des Projekts, über Verantwortung, über gesellschaftliche Veränderung – und über die Frage, wie Kunst Räume schaffen kann, in denen etwas sichtbar wird, das sonst leicht übersehen wird.
Zur Folge
Diese Episode verbindet Fotografie und Film, Ort und Haltung. Es geht um das Fotografieren im Gehen, um Spiegelungen als Bildstrategie, um Sichtbarkeit und um den leisen politischen Kern, der in vielen fotografischen Entscheidungen steckt. Und es geht um die Frage, wie sich ein Begriff wie „Coexist“ über fünfzehn Jahre verändert – weil sich die Welt verändert.
Gäste
Franziska Stünkel
Fotografin und Filmregisseurin. Sie arbeitet seit fünfzehn Jahren an der Serie Coexist und verbindet in ihrer Praxis Beobachtung, Street Photography und gesellschaftliche Verantwortung.
Andrea von Goetz
Initiatorin und Kuratorin von Sommer.Frische.Kunst. in Bad Gastein. Sie entwickelt seit 15 Jahren ein Format, das Kunst, Ort und gesellschaftlichen Wandel miteinander in Beziehung setzt.
Themen dieser Folge
Coexist · Spiegelungen · Street Photography · Leica M · Nahschuss · Lars Eidinger · Filmregie · Bad Gastein · Sommer.Frische.Kunst. · Verantwortung · Sichtbarkeit · Unsichtbares · Menschenrechte · Engagement
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Leica – Humanity · 200 Jahre Fotografie · Kunst und Gesellschaft · Künstler:innen · Bad Gastein 2023
Links & Credits
Franziska Stünkel · Coexist (Kehrer Verlag) · Sommer Frische Kunst · Be an angel
Nahschuss im Stream u.a.: ZDF · Amazon Prime · Apple TV
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Letzte redaktionelle Überarbeitung: Februar 2026


