
„Trag das Feuer weiter" ist ein Abschluss mit Unbehagen: Letzter Band der Marokko-Trilogie von Starautorin Leïla Slimani
SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Zentrale Themen der Trilogie
Moderator bewertet Zugehörigkeitssuche als zentrales Motiv und Slimanis erzählerische Herangehensweise.
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Episode notes
Nach einer Corona-Infektion leidet Mia unter Gedächtnisverlust - für eine Schriftstellerin eine existentielle Krise. Ein Neurologe will wissen, ob es in ihrer Familie Krankheiten gibt.
„In der Familie ihrer Mutter?“ „Erblindung, Wahnsinn, Demenz.“ „Und väterlicherseits?“ „Krebs“. Mehr wusste ich nicht. Dieses Erbe war unbekannt, im Dunkeln verborgen.Mia will sich wieder an die Geschichte ihrer Familie erinnern und reist nach Marokko, wo sie aufgewachsen ist. „Trag das Feuer weiter“ schließt Slimanis Marokko-Trilogie um die Familie Belhaj/Daoud ab – diesmal steht die dritte Generation im Mittelpunkt. Die Handlung führt nach Rabat in den 1980er Jahren. Die Familie ist wohlhabend, Vater Mehdi leitet eine Bank und ist fest entschlossen, die touristische Entwicklung Marokkos voranzutreiben, seine Frau Aïcha ist erfolgreiche Gynäkologin. Die Töchter Mia und Inès werden liberal erzogen, erhalten eine gute Ausbildung und genießen viele Freiheiten – doch sie wachsen zwischen zwei Welten auf: dem freigeistigen Elternhaus und der noch immer konservativen marokkanischen Gesellschaft.Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter
Zwischen zwei Welten aufgewachsen
Zu Hause konnte man Kopftuch und Fanatismus kritisieren, sich über diese schrecklichen Bärtigen aufregen, die Salman Rushdie bedrohten. Draußen durfte man nicht darüber reden, nicht provozieren, man musste so tun, als respektiere man die guten Sitten.Mia und Inès sind sehr unterschiedlich. Die ältere Mia liest viel, ist wild und so gar nicht „mädchenhaft“. Als Teenager wird ihr klar, dass sie lesbisch ist, eine Erkenntnis, die sie selbst mit ihren toleranten Eltern nicht teilen kann. Mias kleine Schwester Inès erscheint angepasster – sucht aber ebenso nach sich selbst. Der Roman folgt den beiden Mädchen durch Kindheit und Jugend. Im September 1989 kommt Mia ans französische Privatgymnasium „Descartes“, das die Einwohner Rabats spöttisch „fette Knete Gymnasium“ nennen. Es ist eine eigene, elitäre Welt – ein kleines Frankreich, abgeschottet wie eine Blase im großen Marokko. Die Passagen, in denen Slimani die komplexen Hierarchien an der Schule beschreibt, gehören zu den stärksten des Buches.Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter
Es wirkt vielleicht ganz einfach“ erklärte Mia eines Tages ihrer kleinen Schwester, „aber in Wahrheit ist es sehr kompliziert.“ Tausend Kriterien spielen eine Rolle. Ob die Familie religiös war. Ob man einen Garten hatte. Ob ein Elternteil eine andere Staatsangehörigkeit besaß. Ob man Akne hatte oder sonst einen abstoßenden körperlichen Makel.Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter
Zu marokkanisch für Frankreich, zu französisch für Marokko
Mia und Inès verlassen nach der Schule Marokko und studieren in Frankreich, einem Land, dessen Sprache sie zwar sprechen, dessen soziale Codes ihnen aber fremd bleiben. In Frankreich sind sie zu marokkanisch – in Marokko zu französisch. Als sich die politische Lage in Marokko ändert, verliert Mehdi seinen Posten als Bankdirektor. Es bleibt unklar, was ihm konkret vorgeworfen wird, doch schließlich kommt er ins Gefängnis, aus dem er krank und gebrochen zurückkehrt.Manchmal klagte er, nicht wegen der Ungerechtigkeit, sondern der Idiotie dieser Situation. Seine Wut richtete sich gegen niemanden, sondern entsprang seinem Unvermögen, einen Sinn zu erkennen, einen Grund. Es war vorbei, nach dem Gefängnis würde nichts mehr kommen.Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter
Ambitioniert – aber mit blinden Flecken
Wie schon in den ersten beiden Teilen der Trilogie, ist die Suche nach Zugehörigkeit in „Trag das Feuer weiter“ ein zentrales Thema. Allerdings überzeugt die Art, wie Slimani dieses Thema verhandelt, nicht immer. Sie geht dabei oft sehr didaktisch vor, lässt wenig Raum für eigene Erkenntnisse und führt ihre Gedanken aus, statt sie erzählerisch zu öffnen. Das zeigt sich auch in der Figurenzeichnung. Besonders einige Nebencharaktere bleiben schemenhaft und scheinen vor allem dazu da, Themen wie Mutterschaft, Feminismus oder Exil zu transportieren. Slimani bemüht sich um Ambivalenz und Tiefe, landet jedoch häufig nur bei klaren Zuschreibungen. Vater Mehdi wird idealisiert, das Hausmädchen Fatima – als einzige Figur aus der marokkanischen Unterschicht – ist grob gezeichnet und wirkt wie ein Stereotyp für das „einfache Volk“, das im Roman sonst kaum vorkommt.Inès betrachtete den Rücken des über einen Topf gebeugten Hausmädchens und dachte: „Ich habe auf diesem Rücken geschlafen. Ich habe meinen Rotz in ihre Schürze gewischt“, und sie schämte sich, Fatima diesen Vortrag über Freiheit zu halten. Das Hausmädchen sagte immer, Gott liebe die Gehorsamen und Ergebenen, diejenigen, die keine unnötigen Fragen stellten (…).Diese Vereinfachung zeigt sich nicht nur in der Zeichnung sozialer Milieus, sondern auch dort, wo der Roman moralisch heikel wird. Eine Szene im Buch erzeugt besonderes Unbehagen: Mia belästigt ihre betrunkene Freundin sexuell – eine Grenzüberschreitung, die der Roman jedoch in eine fast poetische Sprache kleidet. „Trag das Feuer weiter“ ist ein ambitionierter Abschluss von Leïla Slimanis Trilogie: ein Roman über Herkunft, Erinnerung und das Leben zwischen Kulturen. Besonders stark ist das Buch dort, wo es konkrete Milieus beschreibt – die elitäre Schulwelt Rabats, die universitäre Welt in Paris, die Sprachlosigkeit zwischen Generationen. Doch gerade in sensiblen Momenten – wie der beschriebenen Übergriffszene – bleibt ein Unbehagen zurück, weil die erzählerische Haltung unklar ist. So hinterlässt „Trag das Feuer weiter“ einen zwiespältigen Eindruck: ein Roman voller wichtiger Fragen, der literarisch dann am stärksten ist, wenn er nicht versucht, sie auch gleich selbst zu beantworten.Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter
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