
Raffinierter Roman, grobschlächtiger Sex
SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Transnationale Stoffauswahl gelobt
SWR Kultur Lesenswertkritik lobt Dinevs Verknüpfung österreichischer und bulgarischer Geschichte.
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Episode notes
1152 Seiten umfasst Dimitré Dinevs „Zeit der Mutigen“. Sind sie lesenwert? Ja. Müssen es so viele sein? Nein. Aber fangen wir vorne an.
In dieser Sommernacht war Eva Nagel zur Donau gegangen mit der Absicht, sich ins Wasser zu werfen, aber stattdessen warf sie sich in die Umarmung des Infanterieleutnants Alois Kozusnik. Anstatt ihre Gefühle einem uralten Strom anzuvertrauen, lag auf einmal ihr Kopf auf der spärlich bewachsenen Insel einer fünfundzwanzigjährigen Männerbrust.So kommt der Erzählfluss in Gang und das erste, für die Geschichte maßgebliche Leben ist dank eines Geschlechtsaktes vorerst gerettet – Eva muss aber noch einen zweiten Selbstmordversuch überleben, der wieder von einem Mann vereitelt wird. Er heißt Xaver und wird Vater ihrer Tochter Angela und Großvater von Bruno und Nora und Urgroßvater von einer neuen Eva werden, das wird er aber nie erfahren, weil er auf Seite 138 stirbt.Quelle: Dimitré Dinev – Zeit der Mutigen
Figurenreiche Geschichte(n)
Immer wieder freundet man sich beim Lesen mit neuen, meist wirklich gelungenen Figuren an, um immer mehr zu merken: Es geht in „Zeit der Mutigen“ nicht um Einzelschicksale, sondern um die vielen kleinen Geschichten in der großen Geschichte. Also in der wirklich großen Geschichte, nämlich der des gewaltvollen 20. Jahrhunderts, vom Ersten Weltkrieg bis zum vermeintlichen Ende der Geschichte, dem Zerfall der Sowjetunion. Der Erzählfluss bleibt dabei meist wassernah, „Wasser“ heißt auch das erste Großkapitel. Mit dem nächsten Großkapitel „Feuer“ und einer neuen Figur, die aus Tirol stammt und Leopold heißt, bewegt sich der Erzählfluss weg von der Donau über die Ägais zurück in ein weiteres Donauland, Bulgarien. Dort taucht der Roman in Geschichten der Roma ein, die wirklich bemerkenswert sind, weil sie stereotype Darstellungen des Nomadenvolkes mit wunderbaren konkreten Einblicken in ihre Lebensrealität umgehen und es gleichzeitig schaffen, bisherige rassistische Betrachtungen zu reflektieren – an diesen Stellen stört auch der passagenweise pädagogische Ton nicht.Ein mysteriöser Überlebender
Die Handlung bestimmt aber primär das Schicksal der Figur aus Tirol, die zuerst Leopold heißt, später aber zu Slamtscho, Metscho, Meto und schließlich zu Helmut wird. Als Helmut setzt er dann – erstmals wissentlich – ein drittes Kind mit einer dritten Frau in die Welt. Warum das ganze Verwirrspiel? Weil dieser Mann nach einer missglückten Hinrichtung selbst nicht mehr weiß, wer er ist:Anstatt mit einem Orden auf der Brust kam er mit einer Kugel im Kopf aus dem Krieg zurück. Die Kugel war im fernen Ural gegossen worden, hatte auf Zügen und Lastwagen eine lange Reise hinter sich gebracht, bevor sie seinen Backenknochen durchbohrt, sein linkes Auge in eine Welt voller Schatten entführt und sich in seinem Schädel eingenistet hatte. Nun steckte sie in seinem Hirn. Ein Gedanke aus Blei.Dieser Überlebende hält „Zeit der Mutigen“ zusammen, weil durch ihn die jeweilige dritte Generation aus den drei zentralen Familien entsteht und diese so miteinander verbunden werden. Das alles ist unwahrscheinlich, doch beim Lesen hat man nie das Gefühl, dass es unrealistisch sei, oder dass sich die verschiedenen Erzählstränge in die Quere kämen. Auch wenn man festhalten kann, dass die Lebensgeschichten der zweiten Generation die besten sind und, sobald es um deren Kinder geht, manche Exkurse etwas gesucht wirken. Aber auch das trübt den Eindruck von Dinev als außerordentlich kunstfertigem Erzähler nicht.Quelle: Dimitré Dinev – Zeit der Mutigen
Gut aufgebaut, aber weniger (Sex) wäre mehr
Zunehmend wild werden die Erzählstränge mit jedem neuen Kapitel durcheinandergemischt, und die ständigen Perspektivenwechsel und Zeitsprünge in diesem wilden 20. Jahrhundert erfordern eine genaue Lektüre. Dabei ist das Leseerlebnis nicht friktionsfrei. Dinev liebt weitläufige Sprachspiele und diese passen leider selten in die an sich schon opulente Erzählung. Wo er nüchtern erzählt, ist er stark, und in einigen lakonischen Pointen ein großer Stilist. Leider überwiegt aber ein sehr bemühter Ausdruck, der teilweise zu pathetisch und teilweise zu grob ist. Beides oft in Kombination mit dem, was auf eine unangenehme Art alle Figuren in ihrem Kern auszumachen scheint: ihre Sexualität. Es ist wirklich „cringe“, wenn ein Mann einer Frau erklärt:Nur wenn ich ficke, bin ich authentisch.Oder ein anderer Mann sich nur über Wortneuschöpfungen rund um sein Glied „authentisch“ verständigen kann:Quelle: Dimitré Dinev – Zeit der Mutigen
Mit Kreationen aus dem Wort ‚Schwanz‘ konnte er alle Schattierungen seines Zustands ausdrücken.Schon klar, dass Sex die Grundlage eines jeden neuen Stammbaumastes und sowieso eine schöne Art der Einswerdung zweier Menschen ist, wie Dinev oft betont. Aber viel zu sehr fokussiert er die plumpe Sexualität seiner Figuren, und nicht nur in dieser Hinsicht wäre ein entschlossenes Lektorat wünschenswert gewesen. Auch die Experimente mit verschiedenen Erzählperspektiven hätte sich Dinev sparen können, denn wo der allwissende Erzähler zur Figurenrede wird, wird das Erzählen schlechter. Und wo der allwissende Erzähler allerklärend wird, macht er sein schönes Gebilde kaputt.Quelle: Dimitré Dinev – Zeit der Mutigen
Grausame Geschichte – doch es menschelt wunderbar
Dabei ist die transnationale Auswahl des Stoffes, den Dinev meisterhaft zum Text verwebt, großartig. Zum einen wird österreichische Geschichte primär in einem namenlosen Dorf an der Donau exemplarisch lebendig, mit Sonnen-, aber vor allem Schattenseiten. Zum anderen liefert der Roman einen einmaligen Zugang in die Geschichte Bulgariens und seine kommunistische Schreckensherrschaft. Das gelingt so ausgezeichnet, weil Dinev die große Geschichte in viele einfallsreiche und nahbare kleine Geschichten verpackt. Das tragischste Kapitel der Geschichte Bulgariens ist jenes des Konzentrationslagers auf der Donauinsel Belene. Dort wurden politische und ethnische Feinde grausam vom Regime gefoltert und umgebracht. Auch dieses Kapitel findet eindrücklich Eingang in den Roman „Zeit der Mutigen“, zu den Gefolterten gehört nämlich der vom Frauenschläger zum Romanhelden avancierende Rom Barko. Seine Geschichte zeigt, wie man die Menschenwürde wahrt, auch wenn sie einem genommen wird.The AI-powered Podcast Player
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